Beschwörung der "Generation Gott-ist-tot"
Es ist der Versuch, zwei als unvereinbar geltende Welten zusammenzubringen, der den Entwurf so neu und anders klingen lässt. Biografisch erklärt er sich aus den umfassenden Vorlieben Benjamin Griffeys: Als Jugendlicher gründete er mit Freunden die Rap-Gruppe Kinder des Zorns, sang dann in Postpunk-Bands und kehrte später zum Hip-Hop zurück. Er liebt Old-School-Rap, aber eben auch gebrochene Rocker wie The Smiths und Joy Division, erfuhr seine »lyrische Sozialisation« (O-Ton Griffey) durch die Texte von Blumfeld oder Tocotronic. Noch heute kann er sich ausdauernd für Bruce Springsteen begeistern, hört aber auch den Düster-Pop von The XX oder den Falsett-Folk von Bon Iver – wenn er nicht gerade nach gutem Rap von Kollegen fahndet.
Aus seiner Sicht fühlt er sich all den verschiedenen Lagern verbunden, für andere sitzt er zwischen den Stühlen – wo er sich allerdings hervorragend eingerichtet hat. XOXO ist tatsächlich ein Befreiungsschlag, der dem Sprechgesang neue Regionen erschließt, indem er altes Lagerdenken konsequent ignoriert. Ein Song wie Alaska klingt, als wäre eine Indie-Band mit einem Bierkasten unter dem Arm aus dem Probekeller gekrochen, »Der Druck steigt« stellt die rohe, brachiale Kraft des Hardcore-Punk nach, und Kontrolle/Schlaf beschränkt sich auf spartanische Klaviertöne und einen ins Nichts wegbröckelnden Rhythmus. Darüber schreit, spuckt, speit Casper seine Zeilen. Denn auch textlich akzeptiert er keine Genregrenzen.
Das Ergebnis ist ein Mix, den gerade seine zahlreichen Widersprüche interessant machen. Einerseits unterwirft sich hier einer noch einmal dem Authentizitätsgebot des Hip-Hop, indem er eigene Kindheitserinnerungen zwischen Straße und Internet zum Thema macht, andererseits aber lehnt er den Wettbewerbsgedanken des Genres ab. Einerseits wird mit großer Geste eine »Generation Gott-ist-tot« heraufbeschworen, der nichts auf der Welt mehr heilig ist, andererseits weiß sich Casper den altmodischen Tugenden der politischen Korrektheit verpflichtet. Statt um sich zu pöbeln, schlüpft er mit großer Lust in die Rolle eines romantisch-verzweifelten Icherzählers, der die Aussichtslosigkeit seiner Lage genießt. Er selbst nennt sich »Versager mit Stil«.
Dass so viel Aufbruch Geburtsschmerzen mit sich bringt, versteht sich von selbst: »Wir mussten uns die Werkzeuge nicht nur suchen, wir mussten uns die Werkzeuge selber bauen«, erzählt Casper. Gerade die sich steigernden Erwartungen der letzten Monate haben den Künstler zeitweise in eine veritable Schreibblockade gestürzt. Nun aber, da der Widerstand überwunden, die Versuchsreihe abgeschlossen, das Experiment geglückt ist, fehlt nur noch die Disputation: Zur mündlichen Prüfung geht es auf die Festivalbühnen des Sommers. Die Rettung des Rap ist in die Wege geleitet. Was jetzt auf dem Spiel steht, ist das Summa cum laude.
- Datum 11.07.2011 - 10:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.7.2011 Nr. 28
- Kommentare 32
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"These: Intelligenter Rap ist trotzdem möglich.
Es ist eine gewagte These, schließlich war der deutsche Rap die vergangenen Jahre über vor allem mit der Pflege seines Potenzgehabes beschäftigt"
Eine These, die keine neue ist. Sicherlich sind in der Öffentlichkeit nur Teile angekommen, trotzdem gab es immer "intelligenten Rap". Man muss ihn nur finden wollen.
Dass sich in der Öffentlichkeit über längere Zeit ein bestimmtes Klischeebild von HipHop festgesetzt hat, liegt allein in der Hand der Medien mit großer Reichweite und beschränktem Horizont.
Sicher, XOXO ist ein gutes Stück Rap mit vielen interessanten musikalischen Einflüssen, das durchaus neue Elemente bietet - die "Rettung des deutschen HipHop" aber sicherlich nicht.
ehrlich gesagt finde ich es schrecklich von leuten über hip hop lesen zu müssen, die keinerlei ahnung von der musik und szene haben (wer führt denn bitte ernsthaft bushido als beispiel an).
zum einen hatte es die deutsche hip hop-szene zu keinem zeitpunkt nötig gerettet zu werden, da jedes jahr eine menge neue rapper und produztenten (die ohne beleidigungen unzähliger mütter auskommen) die kulur breichern ^^"man muss sie nur finden wollen"^^.
zum anderen hat sich casper doch schon ein gutes stück vom hip hop entfernt, was es schwierig macht sich als heilsbringer zu qualifizieren.
d ist keine hiphop domäne zumindest war es früher so, das heißt aber nicht das der eine oder andere kein talent dafür hätte.
casper, clueso und konsorten haben im deutschen hiphopgeschehen eigentlich kaum relevanz, eher im goetheinstitut. bestes beispiel dafür: klickzahlen auf youtube. hiphop ist und war ein sprachrohr derer, die sich in der gesellschaft benachteiligt fühlen. der angesagteste rapper derzeit ist der offenbacher HAFTBEFEHL. und ich wette schwer darauf, dass dieser mann bald bei kerner oder maischberger sitzt...
"casper, clueso und konsorten haben im deutschen hiphopgeschehen eigentlich kaum relevanz, eher im goetheinstitut"
Stimmt ja, deswegen is XOXO seit Wochen bei Amazon in den Vorbestellungscharts auf #1 und Casper rappt Samstags um 19 Uhr aufm Splash während Hafti noch nicht mal dafür gebucht wurde. Internethype ungleich realer Hype.
aber die zielgruppe von clueso etc ist halt nicht die gleiche von haftbefehl...
ob clueso hiphop ist sei mal dahingestellt.
aber intelligenten rap gibts immer - von blumentopf z.b. und die sind auch noch ansonsten so wie früher und ohne diese berlin-karohemden ;-)
haftbefehl hat hingegen nen ganz anderes konzept, sozialer brennpunkt mäßig eben...das kann man kaum vergleichen
"casper, clueso und konsorten haben im deutschen hiphopgeschehen eigentlich kaum relevanz, eher im goetheinstitut"
Stimmt ja, deswegen is XOXO seit Wochen bei Amazon in den Vorbestellungscharts auf #1 und Casper rappt Samstags um 19 Uhr aufm Splash während Hafti noch nicht mal dafür gebucht wurde. Internethype ungleich realer Hype.
aber die zielgruppe von clueso etc ist halt nicht die gleiche von haftbefehl...
ob clueso hiphop ist sei mal dahingestellt.
aber intelligenten rap gibts immer - von blumentopf z.b. und die sind auch noch ansonsten so wie früher und ohne diese berlin-karohemden ;-)
haftbefehl hat hingegen nen ganz anderes konzept, sozialer brennpunkt mäßig eben...das kann man kaum vergleichen
"Die Rettung des deutschen Hip-Hop "
Naja, wenn's nur diese Kleinigkeit als Aufgabe ist, dann kann man das als 28jähriger, der gerade mal das 2. Album veröffentlicht, natürlich locker wuppen. Sicherlich kann er auch über Wasser gehen und was man dazu sonst noch so alles braucht.
"casper, clueso und konsorten haben im deutschen hiphopgeschehen eigentlich kaum relevanz, eher im goetheinstitut"
Stimmt ja, deswegen is XOXO seit Wochen bei Amazon in den Vorbestellungscharts auf #1 und Casper rappt Samstags um 19 Uhr aufm Splash während Hafti noch nicht mal dafür gebucht wurde. Internethype ungleich realer Hype.
warum haft nicht aufm splash gebucht wird? weil die splashmacher ängste vor der eskalation des azzlackpublikums haben, siehe rheinfestival. internethype ist sehr nah dran am realen hype, siehe facebook.
...zu behaupten, dass ein beachtlicher Anteil der Vorbestellungen von Leuten kommt, die "eigentlich gar kein Hip-Hop" hören.
warum haft nicht aufm splash gebucht wird? weil die splashmacher ängste vor der eskalation des azzlackpublikums haben, siehe rheinfestival. internethype ist sehr nah dran am realen hype, siehe facebook.
...zu behaupten, dass ein beachtlicher Anteil der Vorbestellungen von Leuten kommt, die "eigentlich gar kein Hip-Hop" hören.
aber die "Rettung des Hip Hop" ist es ganz sicher nicht. Hip Hop braucht nicht gerettet werden, was jeder sehen kann, der sich abseits vom Mainstream-Sido-Bushido-Pfad ein wenig auskennt. Sicher, XOXO ist ein geniales Album und jedes Lob darüber mehr als gerechtfertigt und es schlägt musikalisch durchaus neue Wege ein - aber damit ist es bei weitem nicht das einzige Album. Marterias "Zum Glück in die Zukunft", Audio88&Yassins "Zwei Herrengedeck, bitte" und Morlockk Dilemmas "Circus Maximus" (allesamt ebenso hervorragende Alben) könnten in dem Sinne genau so gut als Retter des Hip Hop herangezogen werden.
Es ist auch falsch, Casper außerhalb der Szene zu sehen - wer das tut, hat außer diesem Album noch nichts gehört, oder nur sehr selektiv. Sein Mitwirken an Selfmade Records "Chronik II", zahlreiche Features mit u.a Kollegah und Pimpulsiv und auch Solo-Battletracks wie "Caspers Stadt" zeigen, dass er zur Szene dazu gehört, und dazu gehören will, sowie er auch in jedem Interview erklärt, wie sehr er den "Zuhälter-Rapper" Kollegah feiert. Auf XOXO haben solche Tracks natürlich nicht ins Konzept gepasst, aber jeder Liveauftritt von ihm bietet battletechnisch mehr als jeds Bushido-Konzert. Casper neben oder gar über der Szene stehend zu sehen wird weder ihm, noch den anderen guten Rappern gerecht.
Technisch gute Rapper mit intelligenten Texten gab es schon immer, selbst in Berlin. Leute wie Boba Fettt, Gris, Justus, Meyah Don etc. sieht man halt nur nicht im Fernsehen. Auch gibt es viele Rapper, die sich von der eigenen Szene abgrenzen und diese mit humoristischen Texten parodieren.
Sido auf eine Stufe mit Bushido zu stellen, halte ich für gewagt, da sich Sido im Gegensatz zu Bushido nie als (Fake-)Gangster-Rapper dargestellt hat und sich selbst immer treu geblieben ist.
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