Adam Fürst CzartoryskiDer Mann, der Polen war

Adam Fürst Czartoryski kämpfte ein Leben lang für die Wiedergeburt seines Landes in einem vereinigten Europa. Als er am 15. Juli vor 150 Jahren starb, schien seine Vision illusionärer denn je. von Adam Krzeminski

Adam Fürst Czartoryski nach einem Porträt aus den letzten  Jahren vor seinem Tod 1861.

Adam Fürst Czartoryski nach einem Porträt aus den letzten Jahren vor seinem Tod 1861.  |  © Public Domain

Dreimal war Polen gegen Ende des 18. Jahrhunderts von den Häusern Hohenzollern, Romanow und Habsburg geteilt worden; Napoleon hatte es kurzfristig wiederhergestellt, als französischen Satellitenstaat. Nach dem Wiener Kongress 1815 vegetierte es dann als Königreich Polen unter russischer Fuchtel dahin. Der blutig gescheiterte Aufstand von 1830 schien sein Schicksal endgültig zu besiegeln: finis Poloniae.

Gegen dieses Schicksal kämpfte sein Leben lang Fürst Adam Czartoryski , eine der großen Gestalten der polnischen Geschichte, deren Namen jedes Schulkind in Polen kennt. Er war ein Patriot und zugleich ein Freund des Zaren Alexander I., zeitweilig russischer Außenminister, der seine Europa-Politik auf einen russisch-polnischen Ausgleich stützen wollte, dennoch 1830 die aufständische Regierung anführte und nach der Niederlage, von Paris aus, als ungekrönter König seines geteilten Landes dreißig Jahre lang der polnischen Emigration präsidierte.

Adam Jerzy Fürst Czartoryski entstammte einem litauischen Adelsgeschlecht, dem auch Jagiełło angehörte, der legendäre Sieger von Grunwald. Am 14.Januar 1770, zwei Jahre vor Polens erster Teilung, wurde Czartoryski in Warschau geboren. Er erhielt eine standesgemäße Ausbildung und reiste viel – in Weimar besuchte er 1786 Wieland, Herder und Goethe. In St. Petersburg freundete er sich mit dem liberalen Enkel der Zarin Katharina an. Alexander war Freimauer wie Czartoryski. Beide bereiteten sie mit ihren damals liberalen Freunden Nikolaj Graf Nowosilzow und Grigorij Graf Stroganow eine Perestrojka des Zarenreiches vor. Auch privat waren sie eng miteinander verbunden: Czartoryski wurde zum Geliebten von Alexanders Frau Elisabeth, Alexander wusste davon und ließ ihn gewähren. Die jungen Fürsten führten eine Art Ehe zu dritt.

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ADAM KRZEMIŃSKI

Der Autor ist Historiker und Publizist; er lebt in Warschau.

Alexander verdammte »das Verbrechen der Großmutter Katharina an Polen« und versprach, eine Wiedergutmachung zu seiner Lebensaufgabe zu machen; Czartoryski entwarf schon Zukunftsmodelle. Und tatsächlich: 1801, gerade zum Zaren gekrönt, holte Alexander den Freund nach Petersburg, in den innersten Kreis der Macht. Czartoryski sollte Entwürfe für die Staatsreform vorbereiten. Er schlug vor, nach dem Modell der polnischen Verfassung vom 3.Mai 1791 Ministerien einzuführen; 1802 unterzeichnete Alexander ein entsprechendes Dekret. Im Jahr darauf machte er den Freund zum Außenminister.

In Westeuropa hatte Czartoryski keinen leichten Stand. »Ich glaube nicht, dass ein Pole ein guter Russe sein kann«, schrieb aus Petersburg Joseph de Maistre, Botschafter des Königreichs Sardinien. Auch der Erste Konsul der Französischen Republik, Napoleon Bonaparte, intrigierte gegen den Polen. Er bezirzte gerade mal wieder Petersburg und verschiffte polnische Legionen in die Karibik, zur Niederwerfung des Aufstands in Haiti. Dass Czartoryski es in Wien (wo er als »kalt, schweigsam und abweisend« galt) schwer hatte, war naheliegend. Und in Berlin schlug dem Polen gar blanker Hass entgegen.

Die geliebte Zarin darf nicht seine Frau werden, der Zar verweigert die Scheidung

Czartoryski wusste, dass er als Minister und Freund des Zaren von der deutschen Kamarilla in Petersburg, aber auch von den meisten Russen bekämpft werden würde und nur auf Alexander und die beiden anderen »Triumvirn« Nowosilzow und Stroganow setzen konnte. Zugleich aber vertraute er dem Idealismus und den liberalen Ansichten des Zaren, der immer wieder seine Zuneigung zu den Polen beteuerte. So ließ er in den russischen Teilungsgebieten Polens – heute Litauen, Weißrussland und Ukraine – eine Selbstverwaltung und Bildungseinrichtungen zu, und in Wien und Berlin intervenierte er für die dort gemaßregelten Polen.

1803 legte Czartoryski Alexander ein umfangreiches Memorandum vor: Vom politischen System, das Russland anwenden sollte. Es war ein aufklärerisches Programm für eine Friedensordnung, die den »ewigen Frieden« mit dem »Gleichgewicht der Kräfte«, dem politischen Liberalismus und – zum ersten Mal in der europäischen Geschichte – mit der Selbstbestimmung der Nationen verband.

Leserkommentare
  1. Wo die Nationalstaaten sich auflösen, im Mischmasch verschwinden und die Menschen sich ins Private zurückziehen?

    Die Deutschherren......

    • colca
    • 11. Juli 2011 10:52 Uhr

    Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wie Polen immer wieder mit seiner Geographie gehadert hat.
    Das Land lag und liegt zwischen zwei ungleich mächtigeren Nachbarn, Deutschland und Russland. Da wäre es für die polnischen Belange naheliegend gewesen, sich mit mindestens einem der beiden ins Einvernehmen zu setzen, um seine eigenen Interessen bewahren zu können. Leider haben das die polnischen Eliten nie verstanden und ihr Heil stets in der Ferne, in Paris oder London oder Washington gesucht.
    Diese untauglichen Versuche, Politik gegen die territorialen Gegebenheiten zu betreiben, hat sich stets unheilvoll auf die polnische Geschichte ausgewirkt.
    Wollen wir hoffen, dass die Integration in die Europäische Union das Land endlich von dieser Fehlentwicklung erlöst.

    Noch ein kurzer Nachtrag zum Text. Da wird - mal wieder - vom angeblich chronisch aggressiven Preußen geschrieben. Diese Legende ist ebenso falsch wie unausrottbar.
    Preußen hat im 18. Jahrhundert weniger Kriege als Frankreich, England oder Österreich geführt, war oft nur Teil größerer Konflikte wie im 7jährigen Krieg. Nach der Niederschlagung der französischen Daueraggression gegen ganz Europa hat Preußen bis zu den Reichseinigungskriegen 50 Jahre lang überhaupt keine militärischen Konflikte geführt, während alle anderen europäischen Mächte in dieser Zeit in der ganzen Welt ihr Militär marschieren ließen.

    Wo ist da bitteschön die besondere Aggressivität?

    • th
    • 11. Juli 2011 11:35 Uhr

    schön, dass überhaupt einmal etwas über die polnische Geschichte aus nichtdeutscher Sicht erscheint.

    Eine kleine Anmerkung: es erscheint ein wenig, als ob Preussen und Österreich als treibende Kräfte bei den polnischen Teilungen herausgestellt werden, während die Rolle Russlands heruntergespielt wird. Tatsächlich war aber Russland unter Katharina am Anfang die treibende Kraft. Ein Blick auf die Landkarte (cf. Wikipedia http://de.wikipedia.org/w...)
    zeigt warum:
    Russland (bzw. die Sowjetunion) hat sich nach und nach mehr als die Hälfte des Territoriums des alten polnisch-litauischen Königreichs angeeignet.

    Preussen hatte nach der 2. Teilung polnisches Kernland besetzt, das es zum großen Teil in den napoleonischen Kriegen wieder herausgeben musste. Ein anderer Teil des von Preussen besetzten Landes wies, obwohl bis ins 18. Jahrhundert eindeutig zum polnischen Königreich zugehörig, eine gemischte polnische und deutsche Bevölkerung auf.

    Bei aller Aggressivität Preussens, bei aller Größe des österreichichen Teilungsgebietes war es doch Russland, welches für die polnischen Teilungen entscheidend war, während die beiden anderen Mächte sich eher als Mittäter betrachtet werden müssen.

    Die umgekehrte Wertung heutzutage beruht auf späteren Ereignissen:
    1. dem Volkstumskampf in Großpolen (Posen) Ende des 19. Jahrhunderts, und seiner Spiegelung in der polnischen und deutschen (preussischen) Literatur.
    2. der NS-Vernichtungspolitik im 2. Weltkrieg.

  2. Fürst Czartoryski ist eine faszinierende Gestalt der polnischen Geschichte.

    Den grosspolnischen Aufstand 1918-1919 sollte man auch aus der Sicht betrachten, dass die Teilungsmächte jetzt Verlierer und geschwächt waren. Diese Situation, die es vorher nie gegeben hatte, erwies sich als aussergewöhnlich günstig für einen Aufstand.

    Auch dass Ignaz Paderewski zu US-Präsident Woodrow Wilson Zugang hatte und sich auf dessen 14 Punkte für eine Neuordnung Europas berufen konnte, war ein ausserordentlicher Glücksfall für Polen. Dass die Mächtigen nach 1945 diese 14 Punkte bewusst aus ihrem Gedächtnis verdrängten, führte zu einer der grössten Vertreibungstragödien des 20. Jahrhunderts.

    • th
    • 11. Juli 2011 19:31 Uhr

    teilweise.

    Durch die (Ober-)Schlesischen Aufstände gewann Polen nach dem 1. Weltkrieg immerhin den größeren Teil des oberschlesischen Industriereviers. Angesichts der vorausgegangenen, von der Entente veranstalteten oberschlesischen Volksabstimmung, welche eine 59:41-Mehrheit (in der Stadt Kattowitz ca 75:25) für den Verbleib bei Deutschland ergeben hatte, kann man das durchaus auch als einen Erfolg der polnischen Aufständischen bezeichnen, durch welchen der neugegründete polnische Staat zu einer fertigen Bergbau- und Schwerindustrie kam.

    Allerdings fiel der Anführer, der polnische Oberschlesier Pilsudski, später beim Woiwoden in Kattowitz und bei der Riegierung in Warschau in Ungnade - aber das ist wieder eine andere Geschichte, die mit Czartoryjski nichts zu tun hat.

    Das fragliche Gebiet hatte übrigens nicht zu den polnischen Teilungsgebieten gehört, da der polnische König Kazimierz Wielki es bereits im 14. Jahrhundert, also mehr als 400 Jahre zuvor, an den böhmischen König Johann von Luxemburg abgetreten hatte, dessen Sohn dann als Karl IV Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde.

  3. Hallo th,

    So ähnlich verstehe ich das auch. Da gab es im Jahre 1335 in Visegrad ein Treffen der Könige Karl von Anjou von Ungarn, Kasimir der Grosse von Polen und Johann von Böhmen, dessen Sohn später der römische Kaiser Karl IV wurde. Bei dieser Gelegenheit vor 676 Jahren verzichtete Polen auch endgültig und für immer auf Schlesien. Es kam damals zur Krone Böhmens und damit zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

  4. Wie war es denn damals im 15./16.Jh.? Polen bzw. die polnisch-litauische Union war einer der grössten und stärksten Territorialstaaten auf dem europ. Kontinent.Der Deutsche Orden wurde geschlagen, später war der Herzog von Preussen poln. Vasall,und die Moskowiter Zaren hatten auch nicht viel zu melden, bzw. wurden von den poln. Königen eingesetzt.Warum ging diese Pracht und Herrlichkeit zu Ende?Über diese Ursachen des inneren Zerfalls Polens schweigt sich der Autor aus.Erst die innere Schwäche Polens erlaubte es doch seinen Nachbarn, die Aufteilung des Landes voranzutreiben.Ende des 17.Jh. haben die Polen doch an den meistbietenden Fürsten die Krone/Königswürde verschleudert.Der reiche Sachsen-Kurfürst August kaufte sie- dh. er gab Schmiergelder an das Wahlkollegium- und wurde dann König von Polen!Offensichtlich war die ausufernde Adels-Republik die eigentliche Ursache des Zerfalls der pol. Staatlichkeit.
    Aber immerhin.Heute können unsere poln. Nachbarn nicht meckern.Die Sowjets, insbesondere Massenmörder Stalin hat ihnen ja nach dem 2.WK die Oder-Neisse-Grenze konzidiert,also alte preuss. Stammlande.Sie sollten den Russen dafür dankbar sein und nicht ständig an ihnen rumnörgeln.
    Gruss Pieter

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    • th
    • 12. Juli 2011 18:02 Uhr

    Schlesien wäre eher als altes böhmisch-habsburgisches Stammland anzusprechen, ein paar Jahrzehnte vor den polnischen Teilungen durch Friedrich II von Preussen erobert. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bevölkerung auch schon damals bis 1945-47 mehrheitlich deutsch war - aber eben nicht preussisch.

    • th
    • 12. Juli 2011 18:02 Uhr

    hört man auch heute in Polen nicht so gerne ...

    • th
    • 12. Juli 2011 18:02 Uhr

    Schlesien wäre eher als altes böhmisch-habsburgisches Stammland anzusprechen, ein paar Jahrzehnte vor den polnischen Teilungen durch Friedrich II von Preussen erobert. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bevölkerung auch schon damals bis 1945-47 mehrheitlich deutsch war - aber eben nicht preussisch.

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    Nach dem siebenjährigen Krieg (1756-1763), den Friedrich d. Gr. verbündet mit England gegen Österreich, (im Bunde mit Sachsen, Russland, Frankreich, Schweden und dem deutschen Reich)um den Besitz Schlesiens führte, kam Schlesien am 15.2. 1763 mit dem Hubertusburger Friedensvertrag zu Preussen.

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