Adam Fürst CzartoryskiDer Mann, der Polen war

Adam Fürst Czartoryski kämpfte ein Leben lang für die Wiedergeburt seines Landes in einem vereinigten Europa. Als er am 15. Juli vor 150 Jahren starb, schien seine Vision illusionärer denn je.

Adam Fürst Czartoryski nach einem Porträt aus den letzten  Jahren vor seinem Tod 1861.

Adam Fürst Czartoryski nach einem Porträt aus den letzten Jahren vor seinem Tod 1861.

Dreimal war Polen gegen Ende des 18. Jahrhunderts von den Häusern Hohenzollern, Romanow und Habsburg geteilt worden; Napoleon hatte es kurzfristig wiederhergestellt, als französischen Satellitenstaat. Nach dem Wiener Kongress 1815 vegetierte es dann als Königreich Polen unter russischer Fuchtel dahin. Der blutig gescheiterte Aufstand von 1830 schien sein Schicksal endgültig zu besiegeln: finis Poloniae.

Gegen dieses Schicksal kämpfte sein Leben lang Fürst Adam Czartoryski , eine der großen Gestalten der polnischen Geschichte, deren Namen jedes Schulkind in Polen kennt. Er war ein Patriot und zugleich ein Freund des Zaren Alexander I., zeitweilig russischer Außenminister, der seine Europa-Politik auf einen russisch-polnischen Ausgleich stützen wollte, dennoch 1830 die aufständische Regierung anführte und nach der Niederlage, von Paris aus, als ungekrönter König seines geteilten Landes dreißig Jahre lang der polnischen Emigration präsidierte.

Adam Jerzy Fürst Czartoryski entstammte einem litauischen Adelsgeschlecht, dem auch Jagiełło angehörte, der legendäre Sieger von Grunwald. Am 14.Januar 1770, zwei Jahre vor Polens erster Teilung, wurde Czartoryski in Warschau geboren. Er erhielt eine standesgemäße Ausbildung und reiste viel – in Weimar besuchte er 1786 Wieland, Herder und Goethe. In St. Petersburg freundete er sich mit dem liberalen Enkel der Zarin Katharina an. Alexander war Freimauer wie Czartoryski. Beide bereiteten sie mit ihren damals liberalen Freunden Nikolaj Graf Nowosilzow und Grigorij Graf Stroganow eine Perestrojka des Zarenreiches vor. Auch privat waren sie eng miteinander verbunden: Czartoryski wurde zum Geliebten von Alexanders Frau Elisabeth, Alexander wusste davon und ließ ihn gewähren. Die jungen Fürsten führten eine Art Ehe zu dritt.

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ADAM KRZEMIŃSKI

Der Autor ist Historiker und Publizist; er lebt in Warschau.

Alexander verdammte »das Verbrechen der Großmutter Katharina an Polen« und versprach, eine Wiedergutmachung zu seiner Lebensaufgabe zu machen; Czartoryski entwarf schon Zukunftsmodelle. Und tatsächlich: 1801, gerade zum Zaren gekrönt, holte Alexander den Freund nach Petersburg, in den innersten Kreis der Macht. Czartoryski sollte Entwürfe für die Staatsreform vorbereiten. Er schlug vor, nach dem Modell der polnischen Verfassung vom 3.Mai 1791 Ministerien einzuführen; 1802 unterzeichnete Alexander ein entsprechendes Dekret. Im Jahr darauf machte er den Freund zum Außenminister.

In Westeuropa hatte Czartoryski keinen leichten Stand. »Ich glaube nicht, dass ein Pole ein guter Russe sein kann«, schrieb aus Petersburg Joseph de Maistre, Botschafter des Königreichs Sardinien. Auch der Erste Konsul der Französischen Republik, Napoleon Bonaparte, intrigierte gegen den Polen. Er bezirzte gerade mal wieder Petersburg und verschiffte polnische Legionen in die Karibik, zur Niederwerfung des Aufstands in Haiti. Dass Czartoryski es in Wien (wo er als »kalt, schweigsam und abweisend« galt) schwer hatte, war naheliegend. Und in Berlin schlug dem Polen gar blanker Hass entgegen.

Die geliebte Zarin darf nicht seine Frau werden, der Zar verweigert die Scheidung

Czartoryski wusste, dass er als Minister und Freund des Zaren von der deutschen Kamarilla in Petersburg, aber auch von den meisten Russen bekämpft werden würde und nur auf Alexander und die beiden anderen »Triumvirn« Nowosilzow und Stroganow setzen konnte. Zugleich aber vertraute er dem Idealismus und den liberalen Ansichten des Zaren, der immer wieder seine Zuneigung zu den Polen beteuerte. So ließ er in den russischen Teilungsgebieten Polens – heute Litauen, Weißrussland und Ukraine – eine Selbstverwaltung und Bildungseinrichtungen zu, und in Wien und Berlin intervenierte er für die dort gemaßregelten Polen.

1803 legte Czartoryski Alexander ein umfangreiches Memorandum vor: Vom politischen System, das Russland anwenden sollte. Es war ein aufklärerisches Programm für eine Friedensordnung, die den »ewigen Frieden« mit dem »Gleichgewicht der Kräfte«, dem politischen Liberalismus und – zum ersten Mal in der europäischen Geschichte – mit der Selbstbestimmung der Nationen verband.

Kein Staat dürfe, schreibt Czatoryski, über die eigenen Interessen das allgemeine Wohlergehen der Nationen und den Schutz der »Staatengemeinschaft« vergessen. Er kritisiert die Mächte, die Polen-Litauen einst aufgeteilt hatten, wobei er Russland nicht als einen natürlichen Aggressor darstellt. Das Zarenreich sei sowieso übergroß und müsse sein riesiges Territorium erst kultivieren und entwickeln. Das heiße nicht, dass es sich passiv in Europa verhalten solle. Russland habe »aufgrund seiner Position und Macht eine generöse Politik zu betreiben«, als quasi eine der Ordnungsmächte, deren Ziel nicht die eigene Ausdehnung sein dürfe, sondern eine europäische Friedensordnung. Deren Hauptstützen sieht Czartoryski in Frankreich (aber nicht unter Bonaparte) und England, während Österreich und Preußen – über den Teilungen Polens zu unmittelbaren Nachbarn geworden – eine potenzielle Bedrohung für Russland darstellten. Eine Wiederherstellung des polnischen Staates liege demnach mehr im russischen Interesse als eine russisch-preußische Grenze am Bug. Deswegen solle der Zar die Initiative ergreifen und die polnische Krone seinem Bruder anbieten, dem Großfürsten Konstantin. Dieser sei zwar jähzornig, allein die liberale polnische Verfassung werde ihn schon zähmen.

Doch Frankreichs Erster Konsul, 1804 zum Kaiser der Franzosen geworden, machte allen Planspielen ein Ende. Napoleon griff nach der Vorherrschaft in Europa, und seinem Sieg über die Russen und Österreicher bei Austerlitz im November 1805 folgte der Triumph über Preußen bei Jena und Auerstedt 1806. Als Außenminister Russlands überstand Czartoryski die Katastrophe von Austerlitz nicht. Er saß aber weiterhin dem Senat vor, war Mitglied des Staatsrates und Kurator der Universität in Wilna. Währenddessen schuf Napoleon aus den preußischen und österreichischen Teilungsgebieten Polens ein »Herzogtum Warschau«. 1810 verließ Czartoryski Petersburg und zog sich nach Wilna zurück.

Im Frühjahr 1811 bekam er einen Brief von Alexander. Der Zar eröffnete seinem früheren Freund, er plane, ein Königreich Polen zu proklamieren. Er wolle in Napoleons Herzogtum Warschau einmarschieren und gegen Preußen vorgehen, wenn Polen und die polnische Armee ihn dabei unterstützten. Czartoryski blieb skeptisch, antwortete aber: Alle Teilungsgebiete müssten wiedervereinigt, Polens Verfassung von 1791 wieder in Kraft gesetzt und ein Zugang zum Meer gesichert werden. Alexander war einverstanden: die Grenzen an der Düna, Beresina und am Dnjepr, polnische Institutionen, darunter auch eine Armee, und eine liberale Verfassung. Seine einzige Bedingung: eine ewige Personalunion mit Russland und die Unterstützung seitens der wichtigsten polnischen Persönlichkeiten. »Solange ich einer Unterstützung durch die Polen nicht sicher bin, kann ich keinen Krieg gegen Frankreich anfangen...«

Nach einer Aussprache mit Fürst Józef Antoni Poniatowski, der die höchste Autorität im Herzogtum Warschau darstellte, erklärte Czartoryski am 12. März dem Zaren, dass Loyalität und Dankbarkeit gegenüber Napoleon und Angst vor Russland eine solche Wende in Warschau unmöglich machten. Doch es wäre vielleicht an der Zeit, durch direkte Verhandlungen mit Napoleon über die Wiedervereinigung und Restitution Polens in Personalunion mit Russland den Frieden in Europa zu retten. Eigentlich wollte Czartoryski damit Polen, Russland und Napoleon retten, was angesichts der zunehmenden Feindschaft und des gegenseitigen Misstrauens nicht mehr möglich war. Wenn es mit Polen nicht gehe, dann – warnte der Zar – werde Russland sich an Polen wegen seiner Allianz mit Frankreich rächen. Im Juni 1812 schrieb Czartoryski Alexander umsichtig, die Polen würden demjenigen der beiden Kaiser folgen, der seine Versprechen einhalte. Er bat um seine förmliche Entlassung aus allen Ämtern.

Einen Monat später überquerten polnische Truppen an der Seite der französischen den Grenzfluss Njemen. Napoleon hatte seinen Marsch auf Moskau begonnen. Der Fürst unterstützte den Franzosenkaiser zwar, blieb aber seinem feierlichen Empfang in Wilna fern. Er ahnte nichts Gutes. Verzweifelt schrieb er an seine russischen Freunde: »Meine Lieben, nun sind wir Feinde[...]. Ihr werdet uns vernichten wollen. Der Hass auf beiden Seiten wird wachsen[...] bis wir verstehen, dass Glück und Ruhm unserer Länder nicht auf Ausbeutung und Unterdrückung des anderen beruhen müssen...«

Doch schon im November wendete sich das Blatt, Napoleons Desaster zeichnete sich ab. Verzweifelt baten die Honoratioren des Herzogtums Warschau den Fürsten, seine Verbindung zu Alexander wiederaufzunehmen. Doch es war zu spät. Schon marschierten die Russen in Warschau ein, und Preußen war ein privilegierter Partner. In Kalisch (Kalisz) schloss man 1813 einen Vertrag, nach dem Preußen »einen Teil« seiner einstigen polnischen Erwerbungen wiedererlangen sollte.

Czartoryski eilte ebenfalls nach Kalisch. »Hast du das Gespenst gesehen?«, fragte Alexander höhnisch den österreichischen Gesandten. Trotzdem gewährte er seinem Exfreund zwei längere Gespräche mit der Versicherung, dass das Herzogtum an Russland fallen werde; Polen bekomme eine Teilautonomie unter seiner Oberhoheit. Czartoryski versuchte gleich, Poniatowski zu einem Vertrag mit dem Zaren zu überreden – dies sei kein Verrat. Doch Poniatowski blieb an Napoleons Seite und fiel wenige Monate später in der »Völkerschlacht« bei Leipzig. Frankreich war seinen lästigen Partner Polen los und Polen wieder auf Gedeih und Verderb den Teilungsmächten ausgeliefert.

Die Sieger über Napoleon machten nun die Liquidierung des Herzogtums Warschau unter sich aus. Auf dem Wiener Kongress stritt Czartoryski unermüdlich für sein Land, ihm zur Seite der legendäre General Tadeusz Kościuszko, der einst im Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die Briten gekämpft hatte und später für Polens Freiheit gegen die Russen ins Feld gezogen war, ein Sympathisant der Französischen Revolution, aber Gegner Napoleons. Doch auch er hatte in Wien einen schweren Stand. Czartoryski reiste auf eigene Faust nach England, um zumindest dort für eine moderate Lösung der »polnischen Frage« zu werben.

Schließlich schien der Kongress eine Wendung zu nehmen: In Wien kehrte die alte Affinität AlexandersI. zu Polen zurück. In einer privaten Unterredung versprach der Zar Kościuszko sogar eine Restitution Polens bis zur Düna und dem Dnjepr, natürlich unter russischer Oberhoheit. Dies geschah zwar nicht. Doch am Ende gab es wieder ein »Königreich Polen«, zusammengefügt vornehmlich aus den preußischen Teilungsgebieten, die schon das Herzogtum Warschau gebildet hatten, in Personalunion mit Russland verbunden. Und tatsächlich regierte dort jetzt, wie einst von Czartoryski vorgeschlagen, der Bruder des Zaren, Großfürst Konstantin – der allerdings die polnischen Hoffnungen kaum erfüllte. Im Gegenteil, der unberechenbare Mann demütigte das Land auf Schritt und Tritt.

Auch privat blieb Czartoryski in Wien ohne Erfolg. Die alte Liebe zu Zarin Elisabeth flammte wieder auf. Doch Alexander lehnte die Scheidung ab. Zwei Jahre später heiratete Czartoryski die 29 Jahre jüngere Fürstin Anna Zofia Sapieha; aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Im Königreich Polen wurde der Fürst jetzt Senator und Mitglied des Verwaltungsrates, dessen Sitzungen er sich allerdings verweigerte, um das verfassungswidrige Vorgehen von Konstantin (und seinem früheren Freund Nowosilzow) nicht zu legitimieren.

Czartoryski kümmerte sich um Wilnas Schulen, wo bald Geheimbünde entstanden und Adam Mickiewicz erste patriotische Lieder schrieb. 1825 starb Alexander. Konstantin sollte ihm auf den Thron folgen, doch da dieser sich von seiner polnischen Ehefrau nicht trennen wollte, wurde sein 17 Jahre jüngerer Bruder Nikolaus Zar. Nikolaus I. war ein militärisch geprägter Despot, der den Liberalismus hasste und hinter jeder Reformidee die Revolution roch. Jahrzehntelang sollte er das Riesenreich in absolutistischer Manier regieren und es in das größte Gefängnis Europas verwandeln – eine Terrorherrschaft, von der sich Russland nie erholen sollte.

Bald schon bekam auch Polen die Tyrannei zu spüren. Immer neue Verfolgungswellen liefen über das Land. Czartoryski zog sich verbittert zurück. 1827 schrieb er seinen Essay sur la diplomatie. Er ist ein erstaunlicher Entwurf: Als »Kodex für Europa« passt er viel mehr in die heutige Zeit als in die des Wiener Kongresses. Czartoryski legt seinen Überlegungen das Prinzip zugrunde, dass Nationen ein Recht auf Souveränität haben; keine Nation darf über andere herrschen. Selbst Indien kann demnach nur freiwillig mit England verbunden sein. Der zynischen Legitimität der Herrscher stellte er die Legitimität der Völker gegenüber – und die Vision einer Europäischen Föderation.

Jetzt distanziert sich Czartoryski auch vorsichtig von der russisch-polnischen Personalunion – er selbst hatte sie einst vorgeschlagen –, die den Rechten der Völker widerspreche. Die Westorientierung gewinnt die Oberhand. England und Frankreich sollten einem europäischen Völkerbund vorsitzen. Preußen möge durchaus zur Solidarität der Nationen beitragen, wenn es seinen aggressiven Charakter endlich ablege und im Innern dem Liberalismus eine Chance gebe. Russland dagegen könne aufgrund seiner Größe zwar ein Partner, aber kein Mitglied dieser europäischen Föderation werden...

Czartoryskis Empfänge sind Legende, manchmal spielt dort Chopin

Der Essay erschien unbeachtet im Frühjahr 1830 in Marseille. Aus taktischen Gründen stellte Czartoryski die »polnische Frage« nicht in den Vordergrund. Doch mit dem Ausbruch des Aufstandes in Warschau ein halbes Jahr später rückte sie ins Zentrum europäischer Politik.

Die Erhebung hatte innen- wie außenpolitische Ursachen. Nikolaus, besorgt um das monarchische Prinzip in Europa, plante, polnische Truppen gegen Frankreich – wo im Sommer der letzte Bourbonenkönig verjagt worden war – und gegen Belgien einzusetzen, das zur selben Zeit seine Unabhängigkeit von den Niederlanden proklamiert hatte. Die polnischen Truppen sollten in Polen durch russische Divisionen ersetzt werden. Damit wäre die polnische Autonomie erledigt gewesen. Die Empörung in Warschau war groß, Konstantin musste das Feld räumen. Fähnriche der polnischen Armee rissen das Kommando an sich. Sie suchten nach Anführern und wandten sich an den Fürsten, der allerdings die Chancen eines Aufstandes skeptisch sah. Er sollte recht behalten.

Dennoch übernahm Czartoryski Verantwortung. Er wurde Regierungschef und Außenminister der Aufstandsregierung. Sofort begann er, nach internationaler Unterstützung Ausschau zu halten und sogar nach einem neuen Monarchen für Polen. Dazu aber – sagte er den Militärs – brauche man Siege. Die meisten Generäle zögerten jedoch, mitzutun. Der »Diktator«, General Józef Chłopicki, setzte auf Verhandlungen, und als der Zar sie ausschlug, wollte er gleich aufgeben. Czartoryski verhinderte die Kapitulation. Die militärischen Chancen indes schmolzen dahin, und im Herbst 1831 besetzten russische Truppen Warschau.

Der Zar verhängte die Todesstrafe über den Fürsten – Czartoryski sollte mit dem Beil enthauptet werden – und konfiszierte seine Güter im russischen Teil Polens. Der 60-Jährige floh ins Exil. Zunächst nach London, dann nach Paris. Fast dreißig Jahre lang war seine dortige Residenz, das Hôtel Lambert, der Sitz einer informellen Exilregierung. Der Fürst entfaltete eine unermüdliche Aktivität; verwandt mit etlichen Herrscherhäusern und bekannt mit Politikern aller Staaten, versuchte er die polnische Sache international im Gespräch zu halten. Czartoryski schickte seine Botschafter bis nach Konstantinopel, und zu seinen Empfängen, bei denen gelegentlich Fryderyk Chopin spielte, kamen sogar die Botschafter Wiens. Er protegierte die polnischen Intellektuellen, er finanzierte Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki, Zygmunt Krasiński war oft zu Gast.

Noch im hohen Alter hielt der Mann, der Polen war, die Stellung, bis die Kräfte schwanden. Am 15. Juli 1861 starb Adam Jerzy Fürst Czartoryski in Montfermeil, zwei Jahre vor der nächsten Erhebung in Russisch-Polen; seine Gemahlin sollte ihn um drei Jahre überleben. 1865 wurden ihrer beider sterbliche Überreste nach Polen überführt und in der Familiengruft in Sieniawa beigesetzt.

Einen »Nachfolger« hatte er nicht – das Exil zersplitterte. Erst um die Jahrhundertwende bekam die dreigeteilte Nation neue international beachtete Repräsentanten. Es waren jetzt Künstler wie der Romancier und Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz oder der Komponist und Pianist Ignacy Paderewski, welche die »polnische Frage« in der internationalen Öffentlichkeit wachhielten. Sie prangerten die Germanisierungspolitik Kaiser Wilhelms II. im preußischen Teilungsgebiet europaweit an und stifteten polnische Nationaldenkmäler nicht nur in Warschau oder Krakau, sondern auch in New York. Paderewski gelang es, Zugang zu US-Präsident Woodrow Wilson zu erhalten und ihm 1917 ein Polen-Memorandum zuzuspielen, das sich dann auch in Wilsons 14 Punkten für eine Neuordnung Europas niederschlug.

Während seiner Rückkehr nach Warschau im Dezember 1918 empfing man Paderewski in Posen wie einen König. Sein Besuch wurde zum Fanal für einen Aufstand im preußischen Teilungsgebiet, den – mit Ausnahme der Solidarność – einzigen erfolgreichen Aufstand in Polens Geschichte. Im Januar 1919, fast 87 Jahre nachdem Fürst Czartoryski als polnischer Ministerpräsident aus Warschau ins Exil gegangen war, wurde der Emigrant Paderewski Ministerpräsident und Außenminister des wiedererstandenen polnischen Staates.

 
Leserkommentare
  1. Wo die Nationalstaaten sich auflösen, im Mischmasch verschwinden und die Menschen sich ins Private zurückziehen?

    Die Deutschherren......

    • colca
    • 11.07.2011 um 10:52 Uhr

    Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wie Polen immer wieder mit seiner Geographie gehadert hat.
    Das Land lag und liegt zwischen zwei ungleich mächtigeren Nachbarn, Deutschland und Russland. Da wäre es für die polnischen Belange naheliegend gewesen, sich mit mindestens einem der beiden ins Einvernehmen zu setzen, um seine eigenen Interessen bewahren zu können. Leider haben das die polnischen Eliten nie verstanden und ihr Heil stets in der Ferne, in Paris oder London oder Washington gesucht.
    Diese untauglichen Versuche, Politik gegen die territorialen Gegebenheiten zu betreiben, hat sich stets unheilvoll auf die polnische Geschichte ausgewirkt.
    Wollen wir hoffen, dass die Integration in die Europäische Union das Land endlich von dieser Fehlentwicklung erlöst.

    Noch ein kurzer Nachtrag zum Text. Da wird - mal wieder - vom angeblich chronisch aggressiven Preußen geschrieben. Diese Legende ist ebenso falsch wie unausrottbar.
    Preußen hat im 18. Jahrhundert weniger Kriege als Frankreich, England oder Österreich geführt, war oft nur Teil größerer Konflikte wie im 7jährigen Krieg. Nach der Niederschlagung der französischen Daueraggression gegen ganz Europa hat Preußen bis zu den Reichseinigungskriegen 50 Jahre lang überhaupt keine militärischen Konflikte geführt, während alle anderen europäischen Mächte in dieser Zeit in der ganzen Welt ihr Militär marschieren ließen.

    Wo ist da bitteschön die besondere Aggressivität?

    5 Leserempfehlungen
    • th
    • 11.07.2011 um 11:35 Uhr

    schön, dass überhaupt einmal etwas über die polnische Geschichte aus nichtdeutscher Sicht erscheint.

    Eine kleine Anmerkung: es erscheint ein wenig, als ob Preussen und Österreich als treibende Kräfte bei den polnischen Teilungen herausgestellt werden, während die Rolle Russlands heruntergespielt wird. Tatsächlich war aber Russland unter Katharina am Anfang die treibende Kraft. Ein Blick auf die Landkarte (cf. Wikipedia http://de.wikipedia.org/w...)
    zeigt warum:
    Russland (bzw. die Sowjetunion) hat sich nach und nach mehr als die Hälfte des Territoriums des alten polnisch-litauischen Königreichs angeeignet.

    Preussen hatte nach der 2. Teilung polnisches Kernland besetzt, das es zum großen Teil in den napoleonischen Kriegen wieder herausgeben musste. Ein anderer Teil des von Preussen besetzten Landes wies, obwohl bis ins 18. Jahrhundert eindeutig zum polnischen Königreich zugehörig, eine gemischte polnische und deutsche Bevölkerung auf.

    Bei aller Aggressivität Preussens, bei aller Größe des österreichichen Teilungsgebietes war es doch Russland, welches für die polnischen Teilungen entscheidend war, während die beiden anderen Mächte sich eher als Mittäter betrachtet werden müssen.

    Die umgekehrte Wertung heutzutage beruht auf späteren Ereignissen:
    1. dem Volkstumskampf in Großpolen (Posen) Ende des 19. Jahrhunderts, und seiner Spiegelung in der polnischen und deutschen (preussischen) Literatur.
    2. der NS-Vernichtungspolitik im 2. Weltkrieg.

  2. Fürst Czartoryski ist eine faszinierende Gestalt der polnischen Geschichte.

    Den grosspolnischen Aufstand 1918-1919 sollte man auch aus der Sicht betrachten, dass die Teilungsmächte jetzt Verlierer und geschwächt waren. Diese Situation, die es vorher nie gegeben hatte, erwies sich als aussergewöhnlich günstig für einen Aufstand.

    Auch dass Ignaz Paderewski zu US-Präsident Woodrow Wilson Zugang hatte und sich auf dessen 14 Punkte für eine Neuordnung Europas berufen konnte, war ein ausserordentlicher Glücksfall für Polen. Dass die Mächtigen nach 1945 diese 14 Punkte bewusst aus ihrem Gedächtnis verdrängten, führte zu einer der grössten Vertreibungstragödien des 20. Jahrhunderts.

    • th
    • 11.07.2011 um 19:31 Uhr

    teilweise.

    Durch die (Ober-)Schlesischen Aufstände gewann Polen nach dem 1. Weltkrieg immerhin den größeren Teil des oberschlesischen Industriereviers. Angesichts der vorausgegangenen, von der Entente veranstalteten oberschlesischen Volksabstimmung, welche eine 59:41-Mehrheit (in der Stadt Kattowitz ca 75:25) für den Verbleib bei Deutschland ergeben hatte, kann man das durchaus auch als einen Erfolg der polnischen Aufständischen bezeichnen, durch welchen der neugegründete polnische Staat zu einer fertigen Bergbau- und Schwerindustrie kam.

    Allerdings fiel der Anführer, der polnische Oberschlesier Pilsudski, später beim Woiwoden in Kattowitz und bei der Riegierung in Warschau in Ungnade - aber das ist wieder eine andere Geschichte, die mit Czartoryjski nichts zu tun hat.

    Das fragliche Gebiet hatte übrigens nicht zu den polnischen Teilungsgebieten gehört, da der polnische König Kazimierz Wielki es bereits im 14. Jahrhundert, also mehr als 400 Jahre zuvor, an den böhmischen König Johann von Luxemburg abgetreten hatte, dessen Sohn dann als Karl IV Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wurde.

  3. Hallo th,

    So ähnlich verstehe ich das auch. Da gab es im Jahre 1335 in Visegrad ein Treffen der Könige Karl von Anjou von Ungarn, Kasimir der Grosse von Polen und Johann von Böhmen, dessen Sohn später der römische Kaiser Karl IV wurde. Bei dieser Gelegenheit vor 676 Jahren verzichtete Polen auch endgültig und für immer auf Schlesien. Es kam damals zur Krone Böhmens und damit zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

  4. Wie war es denn damals im 15./16.Jh.? Polen bzw. die polnisch-litauische Union war einer der grössten und stärksten Territorialstaaten auf dem europ. Kontinent.Der Deutsche Orden wurde geschlagen, später war der Herzog von Preussen poln. Vasall,und die Moskowiter Zaren hatten auch nicht viel zu melden, bzw. wurden von den poln. Königen eingesetzt.Warum ging diese Pracht und Herrlichkeit zu Ende?Über diese Ursachen des inneren Zerfalls Polens schweigt sich der Autor aus.Erst die innere Schwäche Polens erlaubte es doch seinen Nachbarn, die Aufteilung des Landes voranzutreiben.Ende des 17.Jh. haben die Polen doch an den meistbietenden Fürsten die Krone/Königswürde verschleudert.Der reiche Sachsen-Kurfürst August kaufte sie- dh. er gab Schmiergelder an das Wahlkollegium- und wurde dann König von Polen!Offensichtlich war die ausufernde Adels-Republik die eigentliche Ursache des Zerfalls der pol. Staatlichkeit.
    Aber immerhin.Heute können unsere poln. Nachbarn nicht meckern.Die Sowjets, insbesondere Massenmörder Stalin hat ihnen ja nach dem 2.WK die Oder-Neisse-Grenze konzidiert,also alte preuss. Stammlande.Sie sollten den Russen dafür dankbar sein und nicht ständig an ihnen rumnörgeln.
    Gruss Pieter

    Eine Leserempfehlung
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    • th
    • 12.07.2011 um 18:02 Uhr

    Schlesien wäre eher als altes böhmisch-habsburgisches Stammland anzusprechen, ein paar Jahrzehnte vor den polnischen Teilungen durch Friedrich II von Preussen erobert. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bevölkerung auch schon damals bis 1945-47 mehrheitlich deutsch war - aber eben nicht preussisch.

    • th
    • 12.07.2011 um 18:02 Uhr

    hört man auch heute in Polen nicht so gerne ...

    • th
    • 12.07.2011 um 18:02 Uhr

    Schlesien wäre eher als altes böhmisch-habsburgisches Stammland anzusprechen, ein paar Jahrzehnte vor den polnischen Teilungen durch Friedrich II von Preussen erobert. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bevölkerung auch schon damals bis 1945-47 mehrheitlich deutsch war - aber eben nicht preussisch.

    • th
    • 12.07.2011 um 18:02 Uhr

    hört man auch heute in Polen nicht so gerne ...

    • th
    • 12.07.2011 um 18:02 Uhr

    Schlesien wäre eher als altes böhmisch-habsburgisches Stammland anzusprechen, ein paar Jahrzehnte vor den polnischen Teilungen durch Friedrich II von Preussen erobert. Das ändert natürlich nichts daran, dass die Bevölkerung auch schon damals bis 1945-47 mehrheitlich deutsch war - aber eben nicht preussisch.

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    Nach dem siebenjährigen Krieg (1756-1763), den Friedrich d. Gr. verbündet mit England gegen Österreich, (im Bunde mit Sachsen, Russland, Frankreich, Schweden und dem deutschen Reich)um den Besitz Schlesiens führte, kam Schlesien am 15.2. 1763 mit dem Hubertusburger Friedensvertrag zu Preussen.

    Nach dem siebenjährigen Krieg (1756-1763), den Friedrich d. Gr. verbündet mit England gegen Österreich, (im Bunde mit Sachsen, Russland, Frankreich, Schweden und dem deutschen Reich)um den Besitz Schlesiens führte, kam Schlesien am 15.2. 1763 mit dem Hubertusburger Friedensvertrag zu Preussen.

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