Sie ist die Kunst der verlorenen Melodie. Alles Gesangliche in der Minimal Music ist abgelöst von kurzstreckigen Patterns, von Motivfetzen, die durch endlose Wiederholung die Zeit neu organisieren. Terry Rileys Komposition In C von 1964 war die Geburtsstunde, eine heitere Additionsnummer, bei der Instrument um Instrument hinzutritt und einen Wolkenkratzer aus Bruchstücken aus der C-Dur-Tonleiter baut, der in sich ruht und doch zu wanken scheint. Philip Glass , La Monte Young und John Adams waren, jeder für sich überaus originell, weitere Söhne in der Kleinfamilie der Minimalisten. Bei den Briten war es Michael Nyman , bei den Esten Arvo Pärt . Ihre Wurzeln sehen sie in Erik Satie , mit einigem Wohlwollen auch in Carl Orff.

Steve Reich (74) ist der Großmeister dieser Disziplin, ein in deutsch-jüdische Tradition gepflanzter, intellektuell ausgreifender Homo mathematicus. Seine Methode ist es, Patterns in einigen Stimmen der Partitur leicht zu erweitern und an den Rändern überlappen zu lassen, sodass aus metrischem Gleichlauf unmerklich oszillierender Klang entsteht. Die These, dass Minimal Music harmonisch eintönig sei, hat Reich ad absurdum geführt. Eine neue Aufnahme des englischen Labels Chandos mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und dem Chorus sine Nomine unter dem Dirigenten Kristjan Järvi beweist das jetzt großartig.

Zuerst hatte Reich seine Sicht auf Minimal mit den übersichtlichen Dimensionen der Kammermusik exerziert; ihm war unwohl bei dem Gedanken, dass eine Hundertschaft beim Zählen den Faden verlieren und ins Chaos schlittern könnte. Die wichtigsten Stücke dieser frühen Phase sind Clapping Music, Music for 18 Musicians, Music for a Large Ensemble, Octet, Tehillim und Eight Lines . Wer diese Werke spielt, muss das kalte Gemüt eines Schlagzeugers haben.

1983 wagte sich Reich erstmals an ein großes Orchester. Der WDR hatte bei ihm ein Werk für Chor und Orchester bestellt, Reich wählte Texte des amerikanischen Dichters William Carlos Williams – und erfand den Titel The Desert Music . Wo finden wir die Wüste? Im letzten Satz hatte Reich das Gefühl beschlichen, »draußen in der Ebene zu sein und wie der Teufel zu rennen«. Im Orchester rennen die für Reich typischen Spitzenklöppler, vor allem im Schlagzeug (Vibrafone, Marimbafone, Xylofone) und in den beiden Klavieren. Die Bläser verstärken den Chor. Wer die Uraufführung in Köln erlebte, staunte über die Sitzordnung der Musiker auf der Bühne: Während die Schlagzeuger in der Mitte platziert waren, saßen die Streicher verteilt in Gruppen. So ließen sich pulsierende Rhythmen durch räumliche Mikroechos erzeugen.

Diese Musik ist weder einlullend noch hypnotisch (ein Vorwurf, der Minimalisten oft gemacht wird), sondern suggestiv und ungeheuer dramatisch. Ihre Kraft entzündet sie durch die Hitze, mit der sich die Musik einem einbrennt. Die Ebene brennt.

Damit widerlegt Reich das Gerücht, repetitiver Musik mangele es an Steigerungsfähigkeit, sie sei statisch. Vielmehr schafft sie eine Hochbewusstheit, eine nervöse Empfindlichkeit für die Progression der Patterns, von der Reich mit Williams’ Worten sagte: »Ich bin hellwach. Der Geist lauscht.«

Das gilt auch für die Three Movements von 1986: Sie sind so erregend dynamisch, dass man Herzrhythmusstörungen zu spüren glaubt. Die Wiener Musiker spielen dermaßen abgebrüht und unbestechlich, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Reich selbst sagte über diese Aufnahme: »Einschneidend, fokussiert, intensiv – die beste Einspielung, die ich je gehört habe.« Wenn einer das beurteilen kann, dann ist er das. Reich ist Schlagzeuger.

Steve Reich: Orchesterwerke (Chandos CHSA 5091 codaex)