Steve ReichDie Ebene brennt

Kristjan Järvi dirigiert die grandios suggestive Orchestermusik von Steve Reich. von Wolfram Goertz

Steve Reich, geboren 1936 in New York

Steve Reich, geboren 1936 in New York  |  © Jeffrey Herman

Sie ist die Kunst der verlorenen Melodie. Alles Gesangliche in der Minimal Music ist abgelöst von kurzstreckigen Patterns, von Motivfetzen, die durch endlose Wiederholung die Zeit neu organisieren. Terry Rileys Komposition In C von 1964 war die Geburtsstunde, eine heitere Additionsnummer, bei der Instrument um Instrument hinzutritt und einen Wolkenkratzer aus Bruchstücken aus der C-Dur-Tonleiter baut, der in sich ruht und doch zu wanken scheint. Philip Glass , La Monte Young und John Adams waren, jeder für sich überaus originell, weitere Söhne in der Kleinfamilie der Minimalisten. Bei den Briten war es Michael Nyman , bei den Esten Arvo Pärt . Ihre Wurzeln sehen sie in Erik Satie , mit einigem Wohlwollen auch in Carl Orff.

Steve Reich (74) ist der Großmeister dieser Disziplin, ein in deutsch-jüdische Tradition gepflanzter, intellektuell ausgreifender Homo mathematicus. Seine Methode ist es, Patterns in einigen Stimmen der Partitur leicht zu erweitern und an den Rändern überlappen zu lassen, sodass aus metrischem Gleichlauf unmerklich oszillierender Klang entsteht. Die These, dass Minimal Music harmonisch eintönig sei, hat Reich ad absurdum geführt. Eine neue Aufnahme des englischen Labels Chandos mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und dem Chorus sine Nomine unter dem Dirigenten Kristjan Järvi beweist das jetzt großartig.

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Zuerst hatte Reich seine Sicht auf Minimal mit den übersichtlichen Dimensionen der Kammermusik exerziert; ihm war unwohl bei dem Gedanken, dass eine Hundertschaft beim Zählen den Faden verlieren und ins Chaos schlittern könnte. Die wichtigsten Stücke dieser frühen Phase sind Clapping Music, Music for 18 Musicians, Music for a Large Ensemble, Octet, Tehillim und Eight Lines . Wer diese Werke spielt, muss das kalte Gemüt eines Schlagzeugers haben.

1983 wagte sich Reich erstmals an ein großes Orchester. Der WDR hatte bei ihm ein Werk für Chor und Orchester bestellt, Reich wählte Texte des amerikanischen Dichters William Carlos Williams – und erfand den Titel The Desert Music . Wo finden wir die Wüste? Im letzten Satz hatte Reich das Gefühl beschlichen, »draußen in der Ebene zu sein und wie der Teufel zu rennen«. Im Orchester rennen die für Reich typischen Spitzenklöppler, vor allem im Schlagzeug (Vibrafone, Marimbafone, Xylofone) und in den beiden Klavieren. Die Bläser verstärken den Chor. Wer die Uraufführung in Köln erlebte, staunte über die Sitzordnung der Musiker auf der Bühne: Während die Schlagzeuger in der Mitte platziert waren, saßen die Streicher verteilt in Gruppen. So ließen sich pulsierende Rhythmen durch räumliche Mikroechos erzeugen.

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Diese Musik ist weder einlullend noch hypnotisch (ein Vorwurf, der Minimalisten oft gemacht wird), sondern suggestiv und ungeheuer dramatisch. Ihre Kraft entzündet sie durch die Hitze, mit der sich die Musik einem einbrennt. Die Ebene brennt.

Damit widerlegt Reich das Gerücht, repetitiver Musik mangele es an Steigerungsfähigkeit, sie sei statisch. Vielmehr schafft sie eine Hochbewusstheit, eine nervöse Empfindlichkeit für die Progression der Patterns, von der Reich mit Williams’ Worten sagte: »Ich bin hellwach. Der Geist lauscht.«

Das gilt auch für die Three Movements von 1986: Sie sind so erregend dynamisch, dass man Herzrhythmusstörungen zu spüren glaubt. Die Wiener Musiker spielen dermaßen abgebrüht und unbestechlich, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Reich selbst sagte über diese Aufnahme: »Einschneidend, fokussiert, intensiv – die beste Einspielung, die ich je gehört habe.« Wenn einer das beurteilen kann, dann ist er das. Reich ist Schlagzeuger.

Steve Reich: Orchesterwerke (Chandos CHSA 5091 codaex)

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Leserkommentare
  1. "Zuerst hatte Reich seine Sicht auf Minimal mit den übersichtlichen Dimensionen der Kammermusik exerziert" - das stimmt allerdings nur, wenn man "Kammermusik" seeeehr großzügig definiert. Die ersten minimal-music-Werke Reichs mit der Technik der Phasenverschiebung waren Tonbandarbeiten, v.a. "It's Gonna Rain" (1965) und "Come Out" (1966).

  2. Suggestivkraft, ja! Auf einer klaren kristallinen Ebene, frei von Schwulst und Schnörkeln. Trotz der repetitiven Elemente wirkt Minimal Music nicht einschläfernd, sondern beruhigend und anregend. Terry Rileys "In C" ist das Urwerk, und ziemlich repräsentativ. Das im Hintergrund wiederholte C (the pulse) hält den Hörer wach, während die Verschiebungen der Phrasen Eintönigkeit verhindern. "In C" wurde schon in vielen Versionen eingespielt. Eine davon kann man auch kostenlos über Internet anhören:
    http://www.flagmusic.com/...

    Minimal Music hat auch Bezüge zur Meditation. Es gibt viele Formen der Meditation, und eine davon ist die "Achtsamkeitsmeditation", bekannt geworden durch Jon Kabat-Zinn, der sie auch zu therapeutischen Zwecken einsetzt. Dabei konzentriert man sich auf den eigenen Atem.

    Es geht aber auch anders, indem man der Minimal Music lauscht. Meine Lieblingsstücke für die einsame Insel sind Steve Reichs "Piano Phase" (mit Mellits Russo) und "Violin Phase" (ECM New Series). Meist höre ich nur entspannt zu, aber gelegentlich, vor allem wenn ich nervös oder deprimiert bin, konzentriere ich mich beim Hören durchgängig auf eines der beiden Pianos (bzw. Violinen). Für mich die effektivste Form der Achtsamkeitsmeditation, von grosser reinigender Kraft, bei der die Konzentration nicht schwer fällt. Innerhalb von 15 bis 20 Minuten werde ich den ganzen Psychodreck, der sich in mir angesammelt hat, wieder los. Minimal Music ist ein reinigendes Bad für den Geist.

  3. "Piano Phase" und "Violin Phase" finden ihre Krönung in der Darstellung von Anne Teresa De Keersmaeker & Michèle Anne De Mey, die auch von Steve Reich als sehr gelungen bezeichnet wurde:

    http://www.youtube.com/wa...

    und:

    http://www.youtube.com/wa...

    Wer ein wenig sucht, kann sie dem Stichwort "Rosas Fase" sogar noch auf DVD bekommen.

  4. aber meinem Hamster in seinem Laufrad gefällt minimal music total gut. Reich natürlich der Favorit.

    • manik
    • 13. Juli 2011 12:58 Uhr

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  • Schlagworte Steve Reich | Chor | Kammermusik | Philip Glass | Köln
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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