Am Donnerstag vergangener Woche übergeben zwei Staatsanwälte in Manhattan Schlag 15 Uhr dem Verteidiger in dessen Kanzlei ein dreiseitiges Schreiben. Damit setzen sie im Fall 2526/2011 – das Volk gegen Dominique Strauss-Kahn – einen Prozess in Gang, dessen Ausgang unabsehbar ist . Am Ende könnte ein Opfer stehen, das sich in eine Täterin verwandelte. Ein Staatsanwalt, dessen Karriere ein abruptes Ende nahm. Und ein Angeklagter, der zwar freigesprochen, dessen Leben jedoch politisch und sozial zerstört ist.

In besagtem Brief, der Sekunden später auf dem Tisch der Rechtsanwälte des Angeklagten Strauss-Kahn liegt, gestehen die beiden ermittelnden Staatsanwälte Joan Illuzzi-Orbon und John McConnell ein, dass erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers aufgekommen sind. Die Hauptbelastungszeugin gegen Strauss-Kahn habe mehrfach die »Unwahrheit« gesagt, schreiben sie: über die Gründe ihrer Flucht aus dem afrikanischen Guinea, über ihre finanziellen Verhältnisse und – besonders gravierend – über die ersten Minuten nach der von ihr behaupteten sexuellen Nötigung und versuchten Vergewaltigung durch den IWF-Chef. Damit droht nicht nur das Gebäude der Anklage von einer Minute zur anderen zusammenzubrechen, sondern auch die herkömmliche Vorstellung von Gut und Böse. Noch am selben Nachmittag wird vereinbart, gleich am nächsten Tag einen Haftanhörungstermin anzuberaumen.

Eine Dreiviertelstunde vor dem Gerichtstermin, um 10.45 Uhr, tritt Dominique Strauss-Kahn mit seiner Frau Anne Sinclair aus jenem Haus, das in den sechs Wochen seit der Verhaftung im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand. Das dreistöckige, aufwendig renovierte Backsteinhaus mit Kino, Dampfbad, Fitnessraum und großer Terrasse im teuren Stadtteil Tribeca galt als weiteres Symbol dafür, dass die Welt vor allem ungerecht ist. Etwa 200.000 Dollar im Monat kostet den Angeklagten seine Luxushaft hier – fünfmal so viel, rechnen die Zeitungen nach, wie das Opfer im ganzen Jahr verdienen soll.

Um 11.30 Uhr eröffnet Richter Michael Obus im holzgetäfelten Gerichtssaal im 13. Stock des Strafgerichts in Manhattan die Anhörung. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon tritt ans Rednerpult, in der Hand den dreiseitigen Brief. Sie erklärt noch einmal, dass erhebliche Zweifel an den Aussagen der Belastungszeugin bestehen, und stimmt zu, die Kaution für Strauss-Kahn aufzuheben und den Angeklagten aus dem Hausarrest zu entlassen. Nach zehn Minuten ist alles vorbei. »Vielen Dank, Euer Ehren«, sagt Strauss-Kahn leise, dann steht er auf und verlässt gemeinsam mit seiner Frau, die in der ersten Reihe des Zuschauerraumes gewartet hat, den Gerichtssaal. Den Nachmittag verbringt er mit ihr im Museum of Modern Art.

Die Frage, wie es zu dieser Blamage der Staatsanwaltschaft kommen konnte, führt zurück zum Anfang des Kriminalfalles Strauss-Kahn: Am späten Nachmittag des 14. Mai, es ist ein Samstag, klingelt bei Cyrus Vance, dem 57-jährigen mächtigen Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, das Telefon, und der Chef von 500 Staatsanwälten erfährt, dass seine Leute soeben Dominique Strauss-Kahn, den Chef des IWF, am Flughafen in New York wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung eines Zimmermädchens festgenommen haben .

Ihm ist sofort klar: Das wird ein Riesenfall. Ein Fall von internationaler Dimension. Ein Fall von weltweitem Medieninteresse. Ein gefährlicher Fall. Ein perfekter Fall, um das eigene Amt in die Schlagzeilen zu katapultieren und sich selbst ganz nach vorne zu befördern. In Amerika werden die Bezirksstaatsanwälte wie Politiker alle vier Jahre gewählt. Jeder von ihnen hofft darum sehnsüchtig, ihm möge irgendwann einmal ein besonders dicker Fisch, ein prominenter Verdächtiger ins Netz gehen. Furchtloser Ankläger bringt ohne Ansehen der Person die reichen und einflussreichen Verbrecher hinter Gitter – mit diesem Image gewinnt man Wahlen. In zwei Jahren ist es wieder so weit.