Dominique Strauss-KahnEin Verdacht zerrinnt

Ein amerikanischer Staatsanwalt, der Erfolge braucht. Eine afrikanische Asylantin, die einen Weg aus ihrer Armut sucht. Sie beide treffen im angeblichen Vergewaltigungsfall Strauss-Kahn aufeinander. Die Geschichte einer verhängnisvollen Begegnung. von  und

Dominique Strauss-Kahn (rechts) mit seinem Anwalt Benjamin Brafman

Dominique Strauss-Kahn (rechts) mit seinem Anwalt Benjamin Brafman  |  © Todd Heisler-Pool/Getty Images

Am Donnerstag vergangener Woche übergeben zwei Staatsanwälte in Manhattan Schlag 15 Uhr dem Verteidiger in dessen Kanzlei ein dreiseitiges Schreiben. Damit setzen sie im Fall 2526/2011 – das Volk gegen Dominique Strauss-Kahn – einen Prozess in Gang, dessen Ausgang unabsehbar ist . Am Ende könnte ein Opfer stehen, das sich in eine Täterin verwandelte. Ein Staatsanwalt, dessen Karriere ein abruptes Ende nahm. Und ein Angeklagter, der zwar freigesprochen, dessen Leben jedoch politisch und sozial zerstört ist.

In besagtem Brief, der Sekunden später auf dem Tisch der Rechtsanwälte des Angeklagten Strauss-Kahn liegt, gestehen die beiden ermittelnden Staatsanwälte Joan Illuzzi-Orbon und John McConnell ein, dass erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers aufgekommen sind. Die Hauptbelastungszeugin gegen Strauss-Kahn habe mehrfach die »Unwahrheit« gesagt, schreiben sie: über die Gründe ihrer Flucht aus dem afrikanischen Guinea, über ihre finanziellen Verhältnisse und – besonders gravierend – über die ersten Minuten nach der von ihr behaupteten sexuellen Nötigung und versuchten Vergewaltigung durch den IWF-Chef. Damit droht nicht nur das Gebäude der Anklage von einer Minute zur anderen zusammenzubrechen, sondern auch die herkömmliche Vorstellung von Gut und Böse. Noch am selben Nachmittag wird vereinbart, gleich am nächsten Tag einen Haftanhörungstermin anzuberaumen.

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Eine Dreiviertelstunde vor dem Gerichtstermin, um 10.45 Uhr, tritt Dominique Strauss-Kahn mit seiner Frau Anne Sinclair aus jenem Haus, das in den sechs Wochen seit der Verhaftung im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand. Das dreistöckige, aufwendig renovierte Backsteinhaus mit Kino, Dampfbad, Fitnessraum und großer Terrasse im teuren Stadtteil Tribeca galt als weiteres Symbol dafür, dass die Welt vor allem ungerecht ist. Etwa 200.000 Dollar im Monat kostet den Angeklagten seine Luxushaft hier – fünfmal so viel, rechnen die Zeitungen nach, wie das Opfer im ganzen Jahr verdienen soll.

Um 11.30 Uhr eröffnet Richter Michael Obus im holzgetäfelten Gerichtssaal im 13. Stock des Strafgerichts in Manhattan die Anhörung. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon tritt ans Rednerpult, in der Hand den dreiseitigen Brief. Sie erklärt noch einmal, dass erhebliche Zweifel an den Aussagen der Belastungszeugin bestehen, und stimmt zu, die Kaution für Strauss-Kahn aufzuheben und den Angeklagten aus dem Hausarrest zu entlassen. Nach zehn Minuten ist alles vorbei. »Vielen Dank, Euer Ehren«, sagt Strauss-Kahn leise, dann steht er auf und verlässt gemeinsam mit seiner Frau, die in der ersten Reihe des Zuschauerraumes gewartet hat, den Gerichtssaal. Den Nachmittag verbringt er mit ihr im Museum of Modern Art.

Die Frage, wie es zu dieser Blamage der Staatsanwaltschaft kommen konnte, führt zurück zum Anfang des Kriminalfalles Strauss-Kahn: Am späten Nachmittag des 14. Mai, es ist ein Samstag, klingelt bei Cyrus Vance, dem 57-jährigen mächtigen Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, das Telefon, und der Chef von 500 Staatsanwälten erfährt, dass seine Leute soeben Dominique Strauss-Kahn, den Chef des IWF, am Flughafen in New York wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung eines Zimmermädchens festgenommen haben .

Ihm ist sofort klar: Das wird ein Riesenfall. Ein Fall von internationaler Dimension. Ein Fall von weltweitem Medieninteresse. Ein gefährlicher Fall. Ein perfekter Fall, um das eigene Amt in die Schlagzeilen zu katapultieren und sich selbst ganz nach vorne zu befördern. In Amerika werden die Bezirksstaatsanwälte wie Politiker alle vier Jahre gewählt. Jeder von ihnen hofft darum sehnsüchtig, ihm möge irgendwann einmal ein besonders dicker Fisch, ein prominenter Verdächtiger ins Netz gehen. Furchtloser Ankläger bringt ohne Ansehen der Person die reichen und einflussreichen Verbrecher hinter Gitter – mit diesem Image gewinnt man Wahlen. In zwei Jahren ist es wieder so weit.

Leserkommentare
    • Bikila
    • 08. Juli 2011 22:05 Uhr

    ihnen sollte klar sein, dass das wort "asylant/in"
    aus dem rechtsradikalen bereich eingang in unsere sprache gehalten hat und eindeutig verunglimpfend gemeint war.
    es wäre nett solch ein wort zu vermeiden.
    immigrantin...ein frau die asyl gefunden hat...etc möglichkeiten gibt es viele, sie sind journalisten genug das hinzubekommen.

    Die Frau war nicht verfolgt, sie hat mit 24$/h hervorragend verdient. Meine Schwägerin hat studieren müssen um in diese Gehaltsklasse zu kommen. Schon das gefälschte Visum war teuer. Doch das Netzwerk der illegalen nicht verfolgten Asylbewerber ist gut. Es funktioniert auch in Europa ausgezeichnet. Die wirklich verfolgten sitzen in Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten. Doch genau wie in Deutschland gibt es Anwälte die ihren Mandanten sagen was sie erzählen müssen um anerkannt zu werden. Sie mögen ungebildet sein, aber sie sind clever.

    Antwort auf "asyl...was?"
  1. wenn französischen Staatsanwalte Tristane Banon als vollkommen Unglaubwürdig nach Hause schicken.
    Die richtige Vorgehensweise bei diesen traurigen Vergewaltigungstheaterinszenierungen wäre: die Betroffenen vorladen zur ärztlichen Untersuchung. Und wenn sich keinerlei Spuren finden lassen, das Ganze nur noch auf ganz kleiner Flamme kochen. Und der Betroffenen dies auch mitteilen. Und der Presse. [...]

    Gekürzt. Bitte verharmlosen Sie nicht Gewaltakte. Danke, die Redaktion/mk

    • Tupaq
    • 08. Juli 2011 22:54 Uhr

    "anerkannte Asylbewerber werden im amtlichen Sprachgebrauch als Asylberechtigte oder anerkannte Flüchtlinge bezeichnet."

    Die Frau hatte ja im Asylverfahren betrogen- wie nennen sie dann diese Frau, "unberechtigt anerkannter Flüchtling"?

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    • kayob
    • 09. Juli 2011 12:50 Uhr

    es geht mir einzig allein um die überschrift.
    warum fragen sie die autoren nicht, warum sie "eine afrikanische asylantin" geschrieben haben,
    und nicht "eine afrikanische zuunrecht-asylantin"...

    abgesehen davon haben sie den artikel ja bestimmt gelesen,
    und darin steht, dass sie asylberechtigt ist...und zwar allein auf grund ihrer "beschneidung". das reicht also schon.

    mann mann mann, oder frau frau frau....

  2. Als Monsieur Strauss-Kahn einkassiert und die ganze Geschichte (ohne ein bisschen Diskretion) von den US-Medien quasi live an die Weltöffentlichkeit durchgefunkt wurde, schlug es Funken, wenn ich meine Zweifel über obskure Details dieser Geschichte gegenüber weiblichen Gesprächspartnern auch nur andeutete. Der Kurzschluss auch bei intelligenten Diskutantinnen lautet dann erkennbar schnell: Ha; da solidarisiert sich ein Kerl durch die Hintertür mit einem anderen; mit einem Vergewaltiger, einem weißen, dekadenten Machtmenschen. Klare Verhältnisse!

    Also lieber schweigen.

    Später stellt sich heraus, dass die Geschichte wackelt – dass sie Grautöne hat. Dass wahrscheinlich (!) ein Deal zwischen einem reichen, seinen Vorteil suchenden Mann und einer armen, manipulativen Frau schief gegangen ist.

    Aber _das_ ist natürlich keine marktfähige, runde Story.

    Und rund muss sie sein, die Story. Das ist ein Faszinosum seit Jahrtausenden: Gut gegen Böse, und jedermann weiß sich auf der richtigen Seite.

    Nix da. Der potenzielle Vergewaltiger, das rücksichtslose Alpha-Tier, ist eben auch jederzeit potenziell ruiniert/diskreditiert, gerade in den USA, wo der Weg von „Lookism“ zu „sexual harassment“ nicht weit ist. Nicht anschauen! Nicht flirten! Nicht berühren!

    Am Ende bleiben zerstörte Biografien, und die Leserschaft zieht zerstreut weiter.

    Und ansonsten – das bittere Wort vom „systemimmanenten Übereifer“ auf Seite 5.
    Den kennt man schon aus dem Mittelalter.
    Hieß damals „Hexenjagd“.

  3. Im übrigen, und es ist bitter, dass man sich immer wieder mit solchen Erklärungen absichern muss:

    _Selbstverständlich_ haben zahllose Männer über Jahrtausende hinweg körperliche und soziale (Über-)Macht ausgenutzt, um Frauen zu Sex zu zwingen. _Selbstverständlich_ ist Vergewaltigung ein Verbrechen. Es muss geahndet, der Vergewaltiger hart bestraft, das Opfer geschützt und (soweit das überhaupt möglich ist) kompensiert werden für das erlittene Leid.

    Es muss aber auch - und das ist keine Relativierung, sondern ein völlig separater Sachverhalt - eine Frau, die wahrheitswidrig einen Mann als Vergewaltiger, Gewalttäter oder Kinderschänder stigmatisiert, mit aller gesetzlichen Härte bestraft werden – dies auch, um nicht die Sache jener Frauen zu beschädigen, die tatsächlich Opfer geworden sind.

    Hier geht es (gerade in den USA) um Behauptungen (oft Rache-Konstrukte im Streit um Kinder), die die Existenz eines Mannes für immer zerstören können.

    Hier eine besonders arge Geschichte:
    http://www.latimes.com/news/local/la-me-accused-20110628,0,4711694,full....

    (LA Times - englisch, sehr lang, absolut lesenswert.)

    Und nochmals: Das relativiert nicht eine Vergewaltigung, nicht einen Faustschlag gegen eine Frau, nichts. Es zeigt nur, wie leicht eine bürgerliche Existenz zu zerstören ist, wenn man’s darauf anlegt.

  4. Ein Argument für die geringe Glaubwürdigkeit der Frau war ja die manipulierte Steuererklärung. Ob die Steuererklärungen von DSK auch so unter die Lupe genommen worden sind?

    Wenn - gesetzt den Fall - ein reicher Mann übergriffig wird und die Frau ist arm, wird sie dann nicht wenigstens das Beste aus der Situation machen wollen? - "Keine Sorge, er hat viel Geld." Oder glaubt man nur braven Schulmädchen, nicht aber selbstbewußten Frauen, die sich im Leben durchschlagen?

    Ob der reiche Mann nicht eher damit rechnet, daß die Mädchen die Klappe halten, weil er VIP ist, um den Arbeitsplatz nicht zu verlieren?

    Auch das ist eine wilde Spekulation, das ist mir bewußt.
    Es fällt mir nur schwer zu glauben, daß eine gleichwertige Glaubwürdigkeitsprüfung auf beiden Seiten erfolgt, wenn auf der einen so viel Geld steht.

    In Ruhe mit der Tochter essen gehen ist doch wohl auch kein starkes Indiz für Unschuld. Man braucht nur ein dickes Fell. Ein sensibler Mann hätte den Job als IWF-Chef nicht antreten können.

  5. Liebe(r) Drachenrose,

    ob die blauen Flecken der Oberschenkel von DSK verursacht wurden oder ein Fake sind, wissen wir natürlich nicht.

    Aber eine versuchte Vergewaltigung verursacht beim grob Anfassen natürlich auch blaue Flecke. Die Härte eines männlichen Geschlechts in Ehren, aber so richtige Hämatome bekomme ich eher mit den Fingern hin, wenn ich versuche, die Beine auseinander zu drücken.

    Genug der Details! Nur, daß Sie Bescheid wissen.

    Antwort auf ".................."
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    Ok, das hört sich auch für mich plausiebel an. Den Rest müssten dann wie im Fall Kachelmann Gutachter klären.

    • chamsi
    • 09. Juli 2011 8:22 Uhr

    wofür allerdings nicht nur Ihr Zitat herangeführt wurde,
    dann bleibt die interessante Frage, wie die Frau ihr
    Leben finanziert hat.
    Allein Miete und Telephonkosten überstiegen schon ihren
    monatlichen Verdienst.
    Wofür gab es die 100000 USD, die auf diversen Konten
    lagern und die erst NACH ihrer Anstellung im Sofitel,
    nämlich in den vergangenen 2 Jahren dort eingezahlt
    wurden?
    "Ehrlich" verdient durch Prostitution, wäre in diesem
    Zusammenhang noch die harmloseste Variante...

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