Sie stehen vor dem Duisburger Rathaus und schreien. Der Platz ist voll mit Menschen, die wütend sind, wütend auf ihren Oberbürgermeister. Schüler, Rentner, viele, die sich über eine Gelegenheit zu freuen scheinen, einfach mal alles rauszulassen. Sie schreien: »Sau-er-land!« Einer legt los, alle machen mit: »Komm raus! Komm raus! Komm raus!« Sie klingen nicht so, als wollten sie dann mit ihm diskutieren. Eine Frau kreischt: »Du Schwein!« Es ist heiß hier, inmitten der Menschenmenge baumelt an einem selbst gebastelten Holzgalgen ein Foto von Sauerlands Kopf. »Komm raus!«, rufen sie wieder. Aber die Türen des Rathauses bleiben geschlossen. Adolf Sauerlands Zimmer geht zur anderen Seite. Er hört und sieht die Demonstranten nicht, wenn er drinnen arbeitet. Und das tut er.

Es ist Sommer 2010 und nur wenige Tage her, dass bei der Loveparade, der größten Technoparty Europas, am 24. Juli in Duisburg 21 Menschen gestorben sind. Über 500 wurden verletzt, weil es am einzigen Aufgang zum Gelände viel zu eng für die Massen war. Die, die kamen, und die, die gehen wollten, trafen aufeinander, Panik brach aus. Ein Planungsfehler? Eine Genehmigungspanne? Versagen der Polizei am Einsatztag? Das wird die Justiz zu klären haben. Doch die Wut der Duisburger kann nicht warten – und sie richtet sich vor allem gegen einen.

Adolf Sauerland sitzt in diesen Tagen am Ende eines holzgetäfelten Raumes am wuchtigen Bürgermeister-Schreibtisch. Wer hier die Stühle verrücken will, braucht viel Kraft. Seine Büroleiterin reicht ihm die nächste Vorlage zur Unterschrift. »Seniorenbeirat, Änderung der Besetzung.« Der Oberbürgermeister hat in der ersten Zeit nach dem Unglück vor allem ein Ziel: Seine Verwaltung soll weiterlaufen. Egal, was draußen los ist.

Adolf Sauerland ist kein großer Mann. Gemütlich – so würde man ihn in anderen Zeiten beschreiben. Er ist 55 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern, CDU-Mitglied, seitdem er 25 ist. Er fährt Motorrad und ist Mitglied in mehreren Karnevalsvereinen. Nach dem Studium arbeitete er mit seiner Frau im Schreibwarenladen seiner Eltern, weil ihm das sicherer schien. Dann wurde er doch noch Berufsschullehrer und zog für seine Partei in den Stadtrat ein. Seit 2004 ist Sauerland Duisburgs Oberbürgermeister. Er bekam 61 Prozent der Stimmen, wurde 2009 wiedergewählt. Er ist immer ein Mann fürs Volk gewesen. Bis zur Loveparade.

Seitdem sind seine Bürger wütend auf ihn, vor allem seit der ersten großen Pressekonferenz nach dem Unglück. Auf dem Podium: Veranstalter Rainer Schaller, ein Vertreter der Polizei, der Sicherheitsdezernent der Stadt und Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Auf Antworten warten die Journalisten an diesem Tag vergeblich – die Staatsanwaltschaft ermittle schließlich. Und dann kommt der Moment, in dem Duisburgs Oberbürgermeister die entscheidende Frage gestellt wird: Ob er sich als Leiter der genehmigenden Behörde, als Stadtoberhaupt, verantwortlich sehe. »Persönlich?«, fragt Sauerland nach. Er wirkt, als wolle er einen kleinen Moment Zeit gewinnen. »Ja, persönlich«, betont der Fragesteller. »Nein«, sagt Sauerland. – »Nicht?« – »Nein.« Das soll bestimmt klingen. Aber Adolf Sauerland guckt weg. Damit hat er sich entschieden. Er wird für dieses Unglück nicht die Verantwortung übernehmen, nicht zurücktreten, sich nicht öffentlich entschuldigen. Aus einem für ihn logischen Grund: Er hält sich und seine Leute für unschuldig. »Ich gehe davon aus, dass das, was meine Verwaltung genehmigt hat, jeder Überprüfung standhält«, betont Sauerland. Wer keine Schuld hat, muss auch nicht die Verantwortung übernehmen. So sieht er das.

Die Loveparade 2010 war keine Naturkatastrophe. Es sind Menschen gestorben, weil andere Menschen Fehler gemacht haben. Es wird ermittelt. Was erwartet man so lange vom Oberbürgermeister der Stadt? Die Angehörigen der Opfer sagen, es gehe ihnen nicht um die Frage der Schuld. Es gehe ihnen darum, dass jemand Verantwortung übernehmen müsse. Das sei eine Frage der Moral. Für Adolf Sauerland heißt Verantwortung übernehmen: bleiben. Seither hat das Unglück von Duisburg ein Gesicht – seines.

Nach der Pressekonferenz kann der Oberbürgermeister kaum noch vor die Tür gehen. Als er versucht, an der Unglücksstelle Blumen niederzulegen, buhen ihn Passanten aus. Zur offiziellen Trauerfeier kommt er gar nicht. Die Landesregierung schlägt vor, für ihn den ersten Kontakt zu den Angehörigen der Opfer zu übernehmen. Sauerland nimmt das Angebot an. Bislang hat er sich immer auf seine Ausstrahlung verlassen können, bürger- und bodennah, herzlich, aber kein Mann für große Reden. Jetzt ist auf einmal alles durcheinandergeraten. So wie die Veranstaltung zu groß für die Stadt gewesen zu sein scheint, scheint das Unglück zu groß für Adolf Sauerland. Er wirkt, als stehe er völlig neben sich. Mitarbeiter sagen, sie erkennten ihren Chef kaum wieder. Das Einzige, worauf er sich noch verlassen könne, sagt er selbst, seien seine Familie und sein Terminkalender.

Er will sich auf seine Arbeit konzentrieren, am liebsten gar nichts mehr sagen. Eine Ausnahme macht er: Ein Jahr lang dürfen wir ihn bei seiner Arbeit begleiten. Erst ist er skeptisch, aber es überwiegt der Wunsch, zu zeigen, wie er die Ereignisse erlebt hat. Es ist ein Jahr, in dem sich Kollegen von ihm abwenden werden, in dem er bedroht wird und an dessen Ende eine bittere Erkenntnis stehen wird.