In Disneys neuem Film Rapunzel, neu verföhnt geht es um eine destruktive Mutter-Tochter-Beziehung. Diese besteht vor allem darin, dass die Mami ihr Kind einfach nicht erwachsen werden lassen will. Das will sie vor allem dadurch erreichen, dass sie Rapunzel daran hindert, mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen und eigene Erfahrungen zu machen. In einem Turm soll die Tochter bleiben und dort sinnvollen Aufgaben nachgehen (die da wären: Muffins backen, musizieren, malen und lesen, das ganze gutbürgerlich-keusche Programm eben). »Mutter weiß mehr«, singt Rapunzels Mami in einer kraftvollen Arie und verweist damit auf ihre größere Lebenserfahrung: Sie kennt die Schlechtigkeit der Welt und der Männer. Das arme kleine Rapunzelchen hingegen hat von der bösen Welt einfach keine Ahnung. Sie, die erfahrene Mami, will Rapunzel hingegen nur beschützen, sagt sie. Dabei bedient sie sich einer perfiden Argumentation, denn sie operiert mit extremen Angstbildern. Das Bild, das sie für Rapunzel von der Welt da draußen entwirft, ist erschreckend. Es ist eine böse, falsche und hinterhältige Welt, in der jeder Mann nur darauf aus ist, sie auszunutzen. Alles andere sei reine Täuschung.

In Wahrheit aber geht es Mami nicht um den Schutz ihrer Tochter, vielmehr will sie sich die magische Wirkung von Rapunzels Haar sichern und selbst jung und vor allem wirkungsmächtig bleiben. Die tiefenpsychologische Bedeutung dieses Hollywood-Märchens liegt auf der Hand: Solange das eigene Kind noch nicht erwachsen ist, kann man – so lautet die Illusion – seine eigene Stärke erhalten. Doch Mütter, die ihre Töchter manipulieren und sie daran hindern, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und selbstverantwortlich zu handeln, rauben ihnen die Möglichkeit, erwachsen zu werden. Viele Langzeit-Singlefrauen haben eine sehr enge Bindung zu ihren Müttern, von denen sie sich nie wirklich emanzipieren konnten. So verharren manche auch mit 40 oder 50 Jahren in der unterwürfigen Tochterrolle.

In letzter Zeit, so scheint es mir, haben sich immer mehr dieser Mamis zu Wort gemeldet, die an einem »Rapunzelkomplex« leiden. Wie Rapunzels Mami möchten auch Alice Schwarzer und Iris Radisch die jungen Frauen von heute vor der bösen patriarchalischen Männerwelt warnen und sie im feministisch gefestigten Turm einsperren. Schließlich wissen sie besser als die Jungen, wie die Welt wirklich funktioniert. »Mutter weiß mehr!« lautet auch bei Rapunzel, neu verföhnt der Schlachtruf, mit dem man junge Frauen daran hindern will, sich ihr eigenes Bild über die Welt zu bilden. So plädieren die Mamis wortmächtig dafür, dass nackte Haut im Playboy als Zeichen für subtile Unterstützung patriarchaler Unterdrückung zu lesen ist. Die geistigen Mütter der Nation wie Radisch und Schwarzer beharren dabei lautstark auf ihrer Interpretationsmacht. Dabei muss man doch blind sein, wenn man wirklich glaubt, die Vermarktung des eigenen Körpers sei für eine Rapunzel wie Verona Pooth eine Form der Unterdrückung und nicht eine Handlung, mit der sie sich ökonomische und auch erotische Macht sichert. Zu den Grundfesten unserer Demokratie gehört es, dass jeder sich so entfalten mag, wie er will, und auch so Geld verdienen mag, wie er will. Meistens tun dies Menschen schlauerweise damit, dass sie genau die Teile ihrer Persönlichkeit oder ihres Körpers zum Einsatz bringen, die besonders gut entwickelt sind. Dass wir die Entblößung von Haut gefälligst als privilegiertes Zeichen für weibliche Unterdrückung zu lesen haben, ist eine unzumutbare Bevormundung.

Die jungen Rapunzels von heute werden schon ihre eigenen Gründe haben, sich für den Playboy auszuziehen. Warum soll die Tatsache, dass andere sie nackt sehen, sie automatisch auf ein Opferrolle reduzieren? Die von Alice Schwarzer entworfene Welt funktioniert ganz analog zur der von Rapunzels Mami: Beide sind grausame, kalte Welten, in denen es nur zwei Lager gibt: die Opfer (arme junge Frauen mit Idealen) und die Täter (abgebrühte Männer ohne Ideale). Nun: Es ist wohl unbestreitbar, dass es in der Tat arme Opfer und böse Menschen gibt, doch das ist eben nur ein kleiner Teil von dem, was im Ganzen unsere Welt ausmacht. Als Rapunzel sich endlich traut, die Welt mit eigenen Augen zu erfahren und kennenzulernen, lernt sie genau das.

Dass Mami sich bis zuletzt weigert, Rapunzel als gleichberechtigte Partnerin ernst zu nehmen, obwohl diese eine erwachsene Frau ist, beleuchtet das Problem der Emanzipation aus einem ganz anderen Blickwinkel. »Du sagtest, ich müsse mich vor der Welt schützen, doch die Einzige, vor der ich mich hätte schützen müssen, bist du«, sagt Rapunzel am Ende des Films. Auch ich rate uns jungen Frauen, sich nicht ideologische Scheuklappen eines überholten Altfeminismus anzuziehen, hinter dem sich zuletzt nur eine körperfeindliche und bildungsbürgerliche Ideologie verbirgt, die völlig an der Komplexität der Wirklichkeit vorbeigeht.