Der schönste Moment an diesem Abend mit dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi, einem Mann, der so sanft und aufrecht und freundlich wirkt, dass man ihn sofort zum Freund haben möchte, der schönste Moment während dieses Abendessens bei einem Italiener in Berlin-Schöneberg ist der, als sich Farhadi plötzlich vom Tisch erhebt, um Isabella Rossellini nachzumachen. Er setzt einen feierlichen Gesichtsausdruck auf und spielt die Rolle der Jury-Präsidentin der vergangenen Berlinale, die im Begriff ist, ihm den Goldenen Bären zu überreichen. Dann lässt er die Arme nach unten hängen. »Ich hatte wirklich nicht mit dem Hauptpreis gerechnet«, sagt Farhadi. »Beim Gang auf die Bühne konnte ich nur eines denken: dass ich Isabella Rossellini die Hand reichen darf. Und dann das!« Wohl aus Feingefühl wollte Rossellini den Iraner nicht in die Situation bringen, vor den Kameras dieser Welt eine Frau mit Handschlag begrüßen zu müssen. Farhadi tat es trotzdem – und erinnerte in seiner Dankesrede mit selbstverständlicher Courage an seinen in Iran verurteilen Kollegen Jafar Panahi .

Wenn man Farhadi gegenübersitzt, seinen selbstironischen Witz erlebt, dann ist es nicht so einfach, diesen bescheiden wirkenden Mann mit der Sensation zusammenzubringen, die er im iranischen Kino ausgelöst hat. Farhadi ist der erste Regisseur, dem es gelungen ist, die sozialen, kulturellen, religiösen Spannungen seines Landes auf die Leinwand zu bringen und damit ein riesiges Publikum zu erreichen. 1,2 Millionen iranische Kinobesucher und mehr als doppelt so viele DVD-Nutzer sahen seinen Berlinale-Siegerfilm Nader und SiminEine Trennung , der einen Blick in die allergegenwärtigsten Abgründe des heutigen Iran wirft. Auf unerhört spannende Weise bringt Farhadi etwas auf die Leinwand, was es vor ihm im iranischen Kino nicht gab: ein Lebensgefühl. Eines, mit dem sich Irans großstädtisch aufgewachsene, nach Westen blickende Generationen identifizieren können. Menschen, die studieren, mit Smartphones telefonieren und die im Internet nach Öffentlichkeiten jenseits der religiösen Sittenwächter suchen.

Im Zentrum von Nader und Simin steht ein echtes Dilemma: Eine Familie driftet auseinander, weil sie in der Heimat keine gemeinsame Zukunft mehr hat. Die Ehefrau, Simin, will mit ihrer Tochter ins Ausland gehen und die Elfjährige fernab des diktatorisch geprägten Schulsystems aufwachsen lassen. Nader, ihr Mann, sieht sich außerstande, seinen an Alzheimer erkrankten Vater zu verlassen. Als Nader seine Haushaltshilfe aus dem ärmlichen Süden Teherans irrtümlich des Diebstahls bezichtigt, kommt eine dramatische Kettenreaktion in Gang.

Es sei eine Art stiller Bürgerkrieg, der in Iran herrsche, sagt Farhadi. Der Graben zwischen der religions- und traditionsverhafteten iranischen Unterschicht und den wohlhabenderen aufgeklärten Bevölkerungsgruppen ist das zentrale Thema, um das bereits seine vorherigen Filme Fireworks Wednesday und Elly kreisten. Doch Farhadi spielt seine Figuren und ihre Klassen auch in seinem neuen Film nicht gegeneinander aus. Lieber entblößt er nach und nach die folgenschweren Lügen, mit denen sich hier jeder vor dem anderen zu schützen müssen glaubt. Die Überzeugung, dass es nicht Gut und Böse, sondern gute und böse Umstände gibt, habe er von seinem Großvater gelernt, sagt Farhadi. In den langen Winternächten seiner Heimatstadt Isfahan habe ihm der alte Mann bis zum Morgengrauen die Schāhnāme, das Epos des persischen Dichters Firdausi, erzählt, in dem es ebenfalls keine moralischen Urteile gebe. Es ist dieser zutiefst humanistische, von keinem Vorurteil getrübte Blick, der Farhadis Gesellschaftspanorama zu einer großen Parabel werden lässt.