In Deutschland blüht die Hochkultur. Wieder ist eine Saison mit glänzenden Inszenierungen und Konzerten, großen Ausstellungen und erregten Podiumsdiskussionen zu Ende gegangen, haben Eltern ihre Kinder bei Musikschulen angemeldet oder zum Besuch eines altsprachlichen Gymnasiums animieren können. Auch wenn die Kommunen bisweilen unter der Last der Finanzierung ächzen, das eine oder andere Theater schließen oder traditionsreiche Sinfonieorchester zusammenlegen – es gibt eine Theater-, Opern-, Musik- und Museenlandschaft, die in ihrer Vielfalt und Breite in der Welt ihresgleichen sucht.

Und doch würde kaum jemand wagen, diese blühende Bildungs- und Unterhaltungslandschaft noch unter dem Begriff Hochkultur zusammenzufassen. Er würde zwar kein Verständnisrisiko eingehen – jeder weiß, was damit gemeint beziehungsweise nicht gemeint ist: die neue Henze-Oper, aber nicht der König der Löwen, der neue Roman von Philip Roth , aber nicht der neue Thriller von Dan Brown . Gleichwohl ist es üblich geworden, sofort die beschwichtigende Relativierung hinterherzuschicken, dass die Abgrenzung zu Pop- und Massenkultur längst hinfällig geworden sei. Gestandene Literaturkritiker haben schon einen neuen Dan Brown mit derselben Ausführlichkeit gewürdigt wie einen Martin Walser – als sei es die vornehmste Pflicht der Kritik, den Unterschied von Kommerz und Kunst zu verwischen.

Selbst wer aus eigener Erfahrung weiß, dass es niemals möglich sein wird, einen Elton-John-Song so oft und so genau zu hören wie eine Beethoven-Sonate, selbst wer mit der Hochkultur einen vertrauten und dünkelfreien Umgang pflegt, wird von geradezu panischer Furcht beherrscht, man könne ihm diesen Umgang und erst recht die Vertrautheit als Dünkel auslegen. Woher die Scham, was verbietet es, sich zu einer Kunst zu bekennen, die nicht zuallererst auf den Massenabsatz zielt?

Gewiss kann auch ein Beethoven-Konzert beliebig schlecht sein. Die Rede von der Hochkultur bedeutet aber keine Qualitätsaussage. Sie formuliert zunächst nur einen Anspruch, der im Übrigen auch nichts mit der obskuren Trennung zwischen E und U, zwischen den ernsten und den unterhaltenden Künsten, zu tun hat, die tatsächlich in die Irre führt. Denn es ist ja nicht so, dass die Massenkultur ohne ernsthafte Stoffe auskäme; Liebe, Tod und letzte Dinge sind geradezu die Voraussetzung für eine erfolgreiche Kitschproduktion. Und umgekehrt werden eine Beethoven-Sonate oder ein Roman von Philip Roth von ihren Verehrern keineswegs widerwillig heruntergewürgt, sondern versprechen ihnen hohen Unterhaltungswert, nur freilich auf einem anderen Niveau, der Komplexität, aber auch der Bildung, die sie voraussetzen. Für die einen ist Philip Roth zu kompliziert, um unterhaltend zu sein; für die anderen Dan Brown zu simpel. Das ist alles, aber wahrscheinlich auch schon der Kern des Skandals. Der Begriff der Hochkultur sortiert das Publikum.

In einer Demokratie werden Unterscheidungen von hoch und niedrig nur ungern gesehen. Auch wenn sie mit dem sozialen Gefälle nichts zu tun haben, lenken sie doch den Blick darauf, dass nicht überall alles relativ ist, und gefährden damit den besänftigenden Konsens, dass auch in den Künsten letztlich keine Frage des Niveaus, sondern nur des Publikumsgeschmacks berührt werde – was dem einen sein Philip Roth, ist dem anderen sein Dan Brown, basta. Offenbar ist es leichter, sich mit finanziellen als mit intellektuellen Unterschieden zu versöhnen.

Wo es nicht um Geld geht, wird es in der Demokratie gefährlich. Geld kann, so das allgemein akzeptierte, den sozialen Frieden sichernde Märchen, jeder machen. Aber selbst wer an das Märchen der Chancengleichheit glaubt, wird es nicht auf die Bezirke von Bildung und geistigem Anspruch ausdehnen. Sie liegen schon auf jenem anstößigen Gelände von Herkunft und zufälligen Privilegien des Umfelds, an dem bisher noch jede Sozialpolitik scheiterte. Sie führen aber andererseits auch nicht auf das Feld von Glamour und Prestige, das die Fantasie der Massen beflügelt.

Hochkultur ist nichts für die Superreichen, denen man alles gönnt, weil sie jenseits aller Maßstäbe siedeln. Für sie gilt noch immer, was schon Marx erkannt und Proust in die Formel gegossen hat: dass sie in ihrer Unbildung mit den Ärmsten auf einer Stufe stehen. Die große abendländische Kulturtradition und ihre zeitgenössischen Erben richten sich an jene brave Mittelschicht, aus der die Denker und Dichter, aber noch nie Glanz und Sex-Appeal gekommen sind. Das ist der Grund, warum neben dem Geruch des Elitären die Hochkultur auch das Odium des Spießigen hat.

Wie anders die Popkultur! Sie wird nicht nur von jedem verstanden, sie entfaltet auch den ersehnten Glanz. Darum gibt es die Museumsleute und Regisseure, die um jeden Preis dem gusseisern Seriösen, dem Bürgerlichen der Hochkultur entkommen wollen. Das Ergebnis ist jene Eventkultur, die auch einer Ausstellung, einer Theaterinszenierung den Klatschfaktor und das Gepräge einer Party geben möchte. Die Kunst selbst genügt ihnen nicht mehr, es müssen auch eine exotische Location für die Ausstellung und Fernsehprominenz für die Inszenierung gefunden werden. Nirgendwo manifestiert sich das Misstrauen gegen die Hochkultur deutlicher als dort, wo ihre angestellten Verwalter selbst nicht mehr an sie glauben.