Kunst-Suchmaschine Klick die Socke

Die Internetseite art.sy will den Kunstmarkt demokratisieren, indem sie den Geschmack berechnet.

Wenn man sich im Internet auf die Suche nach Kunst zum Thema "Socke" macht, herrscht kreatives Chaos.

Wenn man sich im Internet auf die Suche nach Kunst zum Thema "Socke" macht, herrscht kreatives Chaos.

Der Unterschied zwischen dem Kauf eines Kunstwerks und dem einer Socke besteht in erster Linie darin, dass die Socke bequem sein muss, soweit möglich, auch hübsch. Zeitgenössische Kunst hingegen sollte nach Möglichkeit unbequem sein, sperrig und schwierig. Eine müffelnde Socke ist schlecht, ein anrüchiges Kunstwerk gut. Sagt der Experte. Nur dann, wenn die Kunst ein Gefühl der Überforderung erzeugt, kann sie auch richtige Kunst sein; mögen muss man, ja sollte man sie nicht unbedingt.

Dies zu ändern, haben sich vor zwei Jahren zwei Männer zusammengetan. Sie sitzen in einer Jungunternehmer-Lounge im 4. Stock eines pompösen Geschäftshauses am Broadway in New York. Große Kissen liegen am Boden, auf denen sich junge Menschen in schwarzen Hemden hinter silbernen Monitoren verkriechen. Der eine heißt Sebastian Cwilich. Er hat einen Stoppelbart, zwanzig Jahre Berufserfahrung in der Kunstwelt, unter anderem bei Christie’s, und glänzende Kontakte. Der andere ist Carter Cleveland, 24, ein Informatiker aus Princeton, mit Pagenschnitt. Cwilich kann stundenlang charmant, unterhaltsam und eloquent gar nichts sagen, Cleveland taucht nur ab und an hinter seinem Notebook hervor. Der eine redet. Der andere programmiert die Kunstwelt um.

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Clevelands Idee heißt art.sy und soll im Herbst dieses Jahres online gehen. Art.sy funktioniert ähnlich wie Google, nur mit Kunst. Es ist eine Suchmaschine, mit der man Werke findet, die man mag, ohne sie direkt gesucht zu haben. Man gibt ein paar Stichwörter ein, und die Algorithmen spucken eine Auswahl von Kunstwerken aus. Auf Clevelands Laptop erscheint ein weißes Feld, das hellblaue art.sy-Logo oben links, daneben ein Textfeld. Er tippt »Warhol« hinein. Auf der Seite poppt eine Auswahl von Warhol-Werken auf. In der Reihe darunter sieht man Arbeiten anderer Pop-Art-Künstler mit ähnlichen Motiven, zum Beispiel von Tom Wesselmann. Noch eine Zeile darunter folgen Gemälde, die jenen aus der ersten und der zweiten Reihe ebenfalls gleichen, aber weder von Warhol oder Wesselman sind, noch zur Pop-Art gehören. Aber sie ähneln ihnen – in den klar umgrenzten, leuchtenden Farbflächen, dem klaren Strich oder auch der Nacktheit, die sowohl den Pin-ups Wesselmanns als auch den blanken Brillo-Kisten Warhols zu eigen ist. Mag man das Nackte, dann mag man vielleicht auch die britische Porträtkünstlerin Cecily Brown, die in erdigen Brauntönen nackte Frauen malt.

Das Konzept, das hinter dem Produkt der Suchmaschine steckt, nennt sich Art Genome Project. Einzelne Merkmale wie »Nacktheit«, »gerade Linie«, »Pop-Art«, aber auch »verschwommen«, »blau« oder »Einsamkeit«, die art.sy den Kunstwerken zuordnet, heißen »Gene«. Die Kunst wird als Organismus verstanden, die wie der Mensch Eigenschaften über sich selbst in sich trägt. 250 Gene, sagt Cleveland, hat die Kunst bei art.sy: »Mathematisch gesehen, sind die Gene Dimensionen. Jedes Kunstwerk besetzt einen Punkt in einem 250-Dimensionen-Raum. Wenn ein Benutzer eine Anfrage macht, etwa: Ich mag Blau, Interieure, und mein Lieblingskünstler ist Andy Warhol, ordnet das System diese Anfrage einem bestimmten Punkt zu. Es wird nicht immer auf Anhieb das Richtige finden. Aber sagen wir, es findet einen Warhol, der einen Innenraum zeigt. Dann sucht es den Raum ringsherum nach den am nächsten gelegenen Clustern ab.«

Art.sy funktioniert wie Empfehlungssysteme bei Amazon oder der Onlinevideothek Netflix. Sechzig Prozent der Ausleihen auf Netflix sind das Resultat dessen, was die Software den Kunden vorschlägt. »Die Schönheit des Systems«, sagt Cleveland, »besteht darin, dass die Algorithmen besser wissen als du selbst, was dir gefällt. Sie versuchen nicht, dich von der Güte und Schönheit einer Sache zu überzeugen, wie ein Händler oder Berater. Sie halten sich schlicht an die Informationen, die du ihnen gibst.« Einsen und Nullen dechiffrieren Geschmack, über den sich zwar immer noch streiten, der sich aber auch berechnen lässt.

Leser-Kommentare
  1. Interessant scheint mir, dass art.sy ausgerechnet in Syrien registriert ist - als Teil des "Fruchtbaren Halbmonds" stand hier auch eine der Wiegen menschlicher Kunst.

    Andererseits wäre es durchaus schön zu wissen, ob sich die syrischen Geheimdienste, falls sie die Suchanfragen protokollieren, vorwiegend mit müffelnden Socken beschäftigen dürfen - und ob der Gatte der Sponsorin Mrs. Murdoch den Syrern vielleicht Nachhilfe in Überwachungstechnik gegeben hat?

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Entfernt. Bitte beziehen Sie sich in Ihren Kommentaren auf die Inhalte des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Nachdem ich mich mühsam durch Ihre schwer verständlichen sieben Beiträge in diesem Thread durchgearbeitet habe, frage ich mich, was Sie eigentlich sagen wollen?!

    Es wäre der Diskussion sicher hilfreich, wenn Sie sich

    a) verständlich,
    b) kurz und unter Verzicht von Weitschweifigkeiten und
    c) zum Thema äussern würden.

    Antwort auf
    • secura
    • 22.07.2011 um 16:46 Uhr

    Die Macher von art.sy sind von viel Sachverstand geprägt und umgeben. Umso verwunderlicher bleibt die Entscheidung für art.sy, also eine sy-domain, die Domain Syriens.

    Die ly-domains sind als Kurz-Domains bei Twitter-Anhängern sehr beliebt. Ly-Domains kommen aus Lybien. Die Unruhen dort haben schon Fragen ausgelöst, ob ein mögliches Abschalten des lokalen Internets nicht auch Folgen für die internationale Auflösung dieser Domains nachsichzieht.

    Wie der Kampf gegen Gaddafi kann auch der Kampf gegen Assad zu einer Reaktion des Regimes führen, die die Auflösung der Domain behindert. Als vorsichtiger Kunstkaufmann hätte man sich besser um eine com-domain oder eine museum-Domain bemühen sollen.

    Hans-Peter Oswald
    http://knol.google.com/k/...

  4. „Entfernt. Bitte beziehen Sie sich in Ihren Kommentaren auf die Inhalte des Artikels. Danke. Die Redaktion/vn“- lese ich zur Überschrift „. GENISIEREN / Memisieren & Kunst-DEMOKRATISIEREN“ / BEZUG nahm ich auf den Artikel von Sven BEHRISCH, der die Internetseite art.sy zum Inhalt hat; sie wolle angeblich „den Kunstmarkt demokratisieren, indem sie den Geschmack berechnet“. Kritisiert hatte ich a.a.O., dass die Verwendung der Termini zum sog. „Art Genome Project“ bei art.sy wie „Genom“, „Gene“ wissenschaftlich unpassend sei:

    Es gehe bei kulturellen Errungenschaften nicht mehr um die Weitergabe von Genen, sagte ich: Hier kämen die von Richard Dawkins aufgebrachten "Meme" als grundlegende Einheiten ins Spiel, die kopiert, variiert und selektiert werden. Und weil MEME für Kulturelles zuständig sind, müsse KUNST als "Mem" aufgefasst werden - Kunst-Ideen, Theorien, Stile, Praktiken, Rituale/Events wie documentas etc. seien auch potentielle DEMOKRATISIERUNGS-Ziele. Der Ars-Replikationserfolg zähle. Errungenschaften der Kultur wie KUNST (Werke, Stile etc.) können auch mutieren; vgl. daher Termini wie ars-MEM (statt GEN), arsMemetik, arsMemiseren, arsMutation, ars-Mutanten, ars-Genom … Durch Googeln erfährt ZEIT-User „Doktor_Faust“ mehr zu diesen Termini; z.B. in der Gießener Zeitung.

    Dr. F. hatte freundlich gebeten:

    „Es wäre der Diskussion sicher hilfreich, wenn Sie sich
    a) verständlich,
    b) kurz und unter Verzicht von Weitschweifigkeiten und
    c) zum Thema äussern würden.“

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