Wenn man im Jahr 1609 zum Mond reisen wollte, brauchte man die Hilfe von Dämonen. Man musste daran gewöhnt sein, »sich von Zwieback, Knoblauch, Dörrfisch und abscheulichen Speisen zu ernähren«. Man wurde von den Dämonen – vorausgesetzt, sie waren einem freundlich gesinnt – hochgehoben und in atemberaubender Geschwindigkeit in den Weltraum katapultiert. Damit man die Reise unbeschadet überstand, bekam man Narkotika und Opiate. Den Aufprall auf dem Mond selbst erlebte man zusammengekugelt wie eine Spinne, danach befiel meist eine entsetzliche Schwäche und »Schlappheit der Glieder« den Mondreisenden. Auf der Seite des Mondes, der der Erde zugewandt ist, steht der Blaue Planet, von den Mondbewohnern »Volva« genannt, stets an derselben Stelle, die Sterne bewegen sich um ihn, er dreht sich und zeigt seine Erdflecken, über die sich die Mondbevölkerung ähnlich poetische Gedanken macht wie wir über den vermeintlichen Mann im Mond: »Doch erkennt man im östlichen Teil etwas wie das Profil eines Menschen, in Höhe der Achsel abgeschnitten, der sich ein Mädchen zum Küssen heranzieht, das in ein langes Gewand gehüllt ist und mit nach hinten ausgestreckter Hand eine heranspringende Katze reizt.«

Die Mondbewohner teilen sich in Subvolven und Privolven, in erdzu- und erdabgewandte Wesen. Auf der erdabgewandten Seite sind die Verhältnisse besonders bizarr: »Die Tiergattung der Schlangen herrscht ganz allgemein vor.« Unruhig ziehen sie von Ort zu Ort, sind Höhlenbewohner oder Taucher. Und: »Überall auf dem Boden verstreut liegen Gegenstände, die wie Pinienzapfen geformt sind. Tagsüber ist ihre Rinde angesengt, abends öffnen sie sich und geben, wie aus einem Versteck, Lebewesen von sich.«

1609 schrieb der berühmte Astronom Johannes Kepler seine von einer rätselhaften und doch fest in Astronomie und Mathematik wurzelnden Poesie getragene Traumerzählung über eine Reise zum Mond. Erst 1630 wurde sie gedruckt. Die Erzählung ist nur wenige Seiten lang und wird begleitet von einem fast hundertseitigen Fußnoten-Anhang, an dem Kepler mehrere Jahre arbeitete. Zusammen mit diesen Fußnoten, die aus autobiografischen Ergänzungen, echten astronomischen Berechnungen zum Erdtrabanten und kleineren, dichterisch anmutenden Stücken (die nicht selten die Intensität klassischer Prosagedichte erreichen) bestehen, bildet sie eines der ungewöhnlichsten, vergnüglichsten Bücher, in die man sich versenken kann. Eine exzellente Versenkungshilfe bietet der ausführliche Leitfaden für Mondreisende der Literaturwissenschaftlerin Beatrix Langner, der dem Buch angehängt ist. Er bietet einen hervorragenden Überblick über die revolutionären Konzepte, die Kepler verarbeitete und verteidigte.

Der Mond, einst Göttin und Auge, mit dem die Menschheit die Wunder des Kosmos betrachten kann, wurde immer mehr zu etwas, dem die Poesie versagt bleibt. Und vielleicht wird unsere Erde von den Mondbewohnern ebenso betrachtet: »Sie können den Mond nicht als Himmelskörper sehen, der sich zwischen den Sternen bewegt. Denn da sie ihn bewohnen, wie wir es uns ja ausdenken, sehen sie ihn so, wie wir unsere Erde.« Was muss in Wesen vorgehen, die jede Nacht zu einem sich über ihnen drehenden blauen Planeten blicken – und wissen, welche entsetzlichen Dinge auf ihm vorgehen?

Die von Kepler gespielten Saiten der rhetorischen Brillanz, der geistreichen Streitlust und der geometrischen Strenge werden von Beatrix Langners Essay auf einen anderen Resonanzkörper gespannt: auf die würdevolle Trauer darüber, dass der Menschheit möglicherweise etwas Essenzielles abhandenkam, als klar wurde, was der Mond ist und wie es auf ihm tatsächlich aussieht. Die bekannten Verschwörungstheorien über die erdabgewandte Seite unseres Trabanten, auf der angeblich UFO-Basen und uralte Mondstädte stehen, oder die Idee, dass die Mondlandung der Apollo-11-Mission gar nie wirklich stattgefunden hat, sondern in irgendeinem Filmstudio in Hollywood simuliert wurde, sind die letzten Exemplare der sterbenden Kunst der Mondreisegeschichte. Sie werden vielleicht noch ein paar Jahre vorhalten.