Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich finde, Frauen darf man nicht diskriminieren. Seit Jahren sage ich das, wieder und wieder. Die Frauen-Fußball-WM aber ist die schlimmste Frauendiskriminierung, die ich seit Konrad Adenauer erlebt habe. Bei jeder Männer-Meisterschaft gibt es in sämtlichen Postillen lustige Glossen, in denen man über die WM lästert und über die Spieler. Fußballspieler sind lustig. Im Fernsehen zeigen sie immer in Zeitlupe, wie Fußballspieler auf dem Platz lustige Dinge tun. Nichts davon bei den Frauen. Wenn ein Männerspiel schlecht ist, sagt der Kommentator immer: "Ein grottenschlechter Kick. Fußball zum Abgewöhnen." Wenn aber ein Frauenspiel unterirdisch schlecht ist, äußert sich der Kommentator immer so: "Es ist wirklich erstaunlich, welche Fortschritte der Frauenfußball in den letzten Jahren gemacht hat."

Es existieren meines Wissens nur noch zwei Sportarten, die lediglich für ein einziges Gender erlaubt sind, sie heißen "Rhythmische Sportgymnastik" und "Synchronschwimmen". Es gibt kein Synchronschwimmen der Männer. Ich glaube, die ersten Synchronschwimmer werden eines Tages das Gleiche durchmachen wie die ersten Fußballerinnen. Sie werden schlechtere Gagen bekommen als die Frauen. Sie müssen Bikinis tragen. Der Synchronschwimmerinnenverband wird versuchen, es zu verbieten. Es wird heißen, alle Synchronschwimmer seien homosexuell. Vielleicht müssen sie sich für eine Frauenzeitschrift ausziehen, um zu beweisen, dass sie echte Männer sind. Die Kommentatorin wird aber sagen: "Wirklich erstaunlich, wie elegant diese Männer sich im Wasser bewegen."

Man darf nicht vergleichen. Vergleiche sind unfair. Wahrscheinlich schreiben sie es ins Grundgesetz. Wer die Einmaligkeit des Frauenfußballs bestreitet oder die sogenannte Frauenfußball-Lüge verbreitet, bekommt Ärger mit dem Verfassungsschutz. Vergleicht man Kaufbeuren mit Paris oder den Kleinen Arber mit dem Nanga Parbat? Unfair! Aber jeder, der nacheinander in Kaufbeuren und in Paris gewesen ist, tut es.

In einem Interview sagt die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi, dass sie den Frauenfußball langsam und deshalb langweilig findet . Zugleich ist sie sich darüber im Klaren, dass dies nur ein Vorurteil sein kann. Sie arbeitet an sich. Man denkt bloß, es sei langsam, obwohl es in Wirklichkeit schnell ist. Es handelt sich um eine andere Art von Schnelligkeit, mehr von innen, spirituell. Die Gesellschaft und die Erziehung haben uns für diese Schnelligkeit blind gemacht. Eine Sache kann man immerhin tun, man kann die Spiele auf DVD aufzeichnen und sie dann schneller abspielen.

Man spürt überall die Angst, etwas Falsches zu sagen, das hat fast schon was DDR-mäßiges. Warum? Weil Frauen so sensibel sind. Keiner will ihnen wehtun. Ich auch nicht. Ich bin deshalb gegen ein Verbot des Frauenfußballs. Es ist sicher sehr gesund. Die Frauen tun sich auch gegenseitig nicht so weh, es gibt keine Fringse und keine Materazzis. Die Tatsache aber, dass ich Frauenfußball, wenn ich mal was Privates sagen darf, ungefähr ebenso interessant finde wie Dressurreiten und Rennrodeln, macht mich völlig fertig. Ich kann gar nicht hinschauen, weil ich sofort Schuldgefühle bekomme. Bei Filmen oder Büchern war so etwas nie ein Problem. Er mag Fluch der Karibik nicht? Diesen geilen Film? Okay, soll er. Aber beim Frauenfußball gibt es so einen wahnsinnig starken gesellschaftlichen Druck, es gut zu finden. Falls ich an diesem gesellschaftlichen Druck eines Tages zerbreche, dann soll am Grab ein Synchronschwimmer sprechen.

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