Martenstein "Man spürt überall die Angst, etwas Falsches zu sagen"

Unser Kolumnist Harald Martenstein über mentale Strafräume beim Frauenfußball

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich finde, Frauen darf man nicht diskriminieren. Seit Jahren sage ich das, wieder und wieder. Die Frauen-Fußball-WM aber ist die schlimmste Frauendiskriminierung, die ich seit Konrad Adenauer erlebt habe. Bei jeder Männer-Meisterschaft gibt es in sämtlichen Postillen lustige Glossen, in denen man über die WM lästert und über die Spieler. Fußballspieler sind lustig. Im Fernsehen zeigen sie immer in Zeitlupe, wie Fußballspieler auf dem Platz lustige Dinge tun. Nichts davon bei den Frauen. Wenn ein Männerspiel schlecht ist, sagt der Kommentator immer: »Ein grottenschlechter Kick. Fußball zum Abgewöhnen.« Wenn aber ein Frauenspiel unterirdisch schlecht ist, äußert sich der Kommentator immer so: »Es ist wirklich erstaunlich, welche Fortschritte der Frauenfußball in den letzten Jahren gemacht hat.«

Es existieren meines Wissens nur noch zwei Sportarten, die lediglich für ein einziges Gender erlaubt sind, sie heißen »Rhythmische Sportgymnastik« und »Synchronschwimmen«. Es gibt kein Synchronschwimmen der Männer. Ich glaube, die ersten Synchronschwimmer werden eines Tages das Gleiche durchmachen wie die ersten Fußballerinnen. Sie werden schlechtere Gagen bekommen als die Frauen. Sie müssen Bikinis tragen. Der Synchronschwimmerinnenverband wird versuchen, es zu verbieten. Es wird heißen, alle Synchronschwimmer seien homosexuell. Vielleicht müssen sie sich für eine Frauenzeitschrift ausziehen, um zu beweisen, dass sie echte Männer sind. Die Kommentatorin wird aber sagen: »Wirklich erstaunlich, wie elegant diese Männer sich im Wasser bewegen.«

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Man darf nicht vergleichen. Vergleiche sind unfair. Wahrscheinlich schreiben sie es ins Grundgesetz. Wer die Einmaligkeit des Frauenfußballs bestreitet oder die sogenannte Frauenfußball-Lüge verbreitet, bekommt Ärger mit dem Verfassungsschutz. Vergleicht man Kaufbeuren mit Paris oder den Kleinen Arber mit dem Nanga Parbat? Unfair! Aber jeder, der nacheinander in Kaufbeuren und in Paris gewesen ist, tut es.

In einem Interview sagt die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi, dass sie den Frauenfußball langsam und deshalb langweilig findet. Zugleich ist sie sich darüber im Klaren, dass dies nur ein Vorurteil sein kann. Sie arbeitet an sich. Man denkt bloß, es sei langsam, obwohl es in Wirklichkeit schnell ist. Es handelt sich um eine andere Art von Schnelligkeit, mehr von innen, spirituell. Die Gesellschaft und die Erziehung haben uns für diese Schnelligkeit blind gemacht. Eine Sache kann man immerhin tun, man kann die Spiele auf DVD aufzeichnen und sie dann schneller abspielen.

Man spürt überall die Angst, etwas Falsches zu sagen, das hat fast schon was DDR-mäßiges. Warum? Weil Frauen so sensibel sind. Keiner will ihnen wehtun. Ich auch nicht. Ich bin deshalb gegen ein Verbot des Frauenfußballs. Es ist sicher sehr gesund. Die Frauen tun sich auch gegenseitig nicht so weh, es gibt keine Fringse und keine Materazzis. Die Tatsache aber, dass ich Frauenfußball, wenn ich mal was Privates sagen darf, ungefähr ebenso interessant finde wie Dressurreiten und Rennrodeln, macht mich völlig fertig. Ich kann gar nicht hinschauen, weil ich sofort Schuldgefühle bekomme. Bei Filmen oder Büchern war so etwas nie ein Problem. Er mag Fluch der Karibik nicht? Diesen geilen Film? Okay, soll er. Aber beim Frauenfußball gibt es so einen wahnsinnig starken gesellschaftlichen Druck, es gut zu finden. Falls ich an diesem gesellschaftlichen Druck eines Tages zerbreche, dann soll am Grab ein Synchronschwimmer sprechen.

Alle Berichte zur Frauenfußball-WM

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    ZEIT Online sollte "Like"-Buttons einführen!

    32 Leser-Empfehlungen
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    ist schwer im Vorteil...

    ist schwer im Vorteil...

  2. ist schwer im Vorteil...

    Antwort auf "Danke"
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    • Mari o
    • 08.07.2011 um 19:04 Uhr

    Die volle Martenstein-Dröhnung wirkt nur wenn sie von dem kongenialen Sprecher vorgetragen wird.
    Ist aber leider diese Woche nicht verfügbar

    Mir scheint, Sie haben die Bedeutung des Wortes "kongenial" falsch verstanden. So, wie Sie es benutzen, sehen Sie es als Steigerung von "genial", hat aber nichts damit zu tun: "kongenial" bedeutet "seelenverwandt"!

    • Mari o
    • 08.07.2011 um 19:04 Uhr

    Die volle Martenstein-Dröhnung wirkt nur wenn sie von dem kongenialen Sprecher vorgetragen wird.
    Ist aber leider diese Woche nicht verfügbar

    Mir scheint, Sie haben die Bedeutung des Wortes "kongenial" falsch verstanden. So, wie Sie es benutzen, sehen Sie es als Steigerung von "genial", hat aber nichts damit zu tun: "kongenial" bedeutet "seelenverwandt"!

  3. Auf diesen Seiten fand sich ein Artikel zur Schiedsrichterinnen-Problematik bei der WM (eklatante Fehlentscheidungen, sollte man da nicht lieber AUCH mal tuniererfahrenere Männer ranlassen,..?). Die oder der Verfassende des Artikels sah diesen Vorschlag als Rückschritt in Sachen Emanzipation. Stellte also die politische Korrektheit über die Qualität (einer regelnd eingreifenden Instanz, die zudem bei Fehlentscheidungen nicht nur das Spiel ad absurdum führt, sondern auch die Gesundheit der Spielerinnen gefährdet). Keine Schiedsrichterin möchte doch auf dem Platz stehen, weil sie eine Frau ist, sondern für ihre Fähigkeiten nominiert werden und stolz darauf sein. Das gilt auch für Vorstandsmitglieder(innen) und Bäckerinnen. Wer also eine „Quote“ allein aus pc fordert, diskriminiert und hat nicht verstanden, was Anerkennung und Gleichstellung bedeutet.

    Ein Wort zum Frauenfußball: Bei der letzten WM habe ich einige Spiele gesehen, die alle spannend und unterhaltsam waren. Weltmeisterin wurde die deutsche Auswahl – mit Null Gegentoren! Das ist eine erstaunliche Leistung, die es bei großen „Männertunieren“ wohl noch nie gegeben hat.

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    • Fuji
    • 10.07.2011 um 11:38 Uhr

    ... das die "Weltmeisterinnen" damals nicht gegen die U21 der Herren angetreten ist. Die hätten glatt verloren...

    Und wenn es überhaupt nur 2-3 Frauenfussballteams auf U21-Niveau gibt, aber mindestens 2-3 DUTZEND Männerfussballteams auf Weltklasseniveau, dann kann man ja leicht soetwas schreiben:

    "Bei der letzten WM habe ich einige Spiele gesehen, die alle spannend und unterhaltsam waren. Weltmeisterin wurde die deutsche Auswahl – mit Null Gegentoren! Das ist eine erstaunliche Leistung, die es bei großen „Männertunieren“ wohl noch nie gegeben hat."

    Denken Sie mal darüber nach!

    Zugegeben: Ich mag kein Fußball - grundsätzlich! ist mir zu langweilig, der Sport. Aber ab und an schaue ich mir ein Spiel eine Zeitlang an. Manchmal passiert auf dem Rasen wirklich etwas. Beim einzigen Spiel der Frauen (gestern gegen Japan) wurde eigentlich der Ball nur hin- und hergeschoben, und wenn er mal in Richtung Tor ging, dann eher aus Versehen. Zielen muss eben gelernt sein. Wenn das Frauenfußball ist, dann danke!
    Vielleicht beruhen die erworbenen WM-Titel einfach auf der Tatsache, dass es Frauenfußball in Deutschland etwas länger gibt als in anderen Ländern. Da spielten die Damen gegen Fast-Anfänger(innen).
    Und Herr Martenstein hat Recht: Man tut den Frauen, die tatsächlich etwas leisten, keinen Gefallen, wenn man jede Null-Leistung hochjubelt, bloß weil sie von Frauen oder gar von der ersten Frau erbracht wurde. Wir haben jetzt eine Frau, die nennt sich Bundeskanzlerin. Was haben wir davon?

    • Fuji
    • 10.07.2011 um 11:38 Uhr

    ... das die "Weltmeisterinnen" damals nicht gegen die U21 der Herren angetreten ist. Die hätten glatt verloren...

    Und wenn es überhaupt nur 2-3 Frauenfussballteams auf U21-Niveau gibt, aber mindestens 2-3 DUTZEND Männerfussballteams auf Weltklasseniveau, dann kann man ja leicht soetwas schreiben:

    "Bei der letzten WM habe ich einige Spiele gesehen, die alle spannend und unterhaltsam waren. Weltmeisterin wurde die deutsche Auswahl – mit Null Gegentoren! Das ist eine erstaunliche Leistung, die es bei großen „Männertunieren“ wohl noch nie gegeben hat."

    Denken Sie mal darüber nach!

    Zugegeben: Ich mag kein Fußball - grundsätzlich! ist mir zu langweilig, der Sport. Aber ab und an schaue ich mir ein Spiel eine Zeitlang an. Manchmal passiert auf dem Rasen wirklich etwas. Beim einzigen Spiel der Frauen (gestern gegen Japan) wurde eigentlich der Ball nur hin- und hergeschoben, und wenn er mal in Richtung Tor ging, dann eher aus Versehen. Zielen muss eben gelernt sein. Wenn das Frauenfußball ist, dann danke!
    Vielleicht beruhen die erworbenen WM-Titel einfach auf der Tatsache, dass es Frauenfußball in Deutschland etwas länger gibt als in anderen Ländern. Da spielten die Damen gegen Fast-Anfänger(innen).
    Und Herr Martenstein hat Recht: Man tut den Frauen, die tatsächlich etwas leisten, keinen Gefallen, wenn man jede Null-Leistung hochjubelt, bloß weil sie von Frauen oder gar von der ersten Frau erbracht wurde. Wir haben jetzt eine Frau, die nennt sich Bundeskanzlerin. Was haben wir davon?

    • Kometa
    • 07.07.2011 um 10:18 Uhr

    Jaja,jawoll: Danke:

    Man fühlt überall des Mannes Sprache Deutsch: Manndeckung, Mannschaft, Mannpfeife, Männertor, Männerturnier, Mann-oh-Mann, ist d e r Schiedsrichter eine Pfeife. Mann - Schiri! Ach!
    Und selbst diese Latenzen müsste eine robuste PSA durchleuchten: d e r Elfmeter, d e r Kreuzbandriss, d e r Abpfiff - aber, oh, wie brutal: d i e Ecke oder d a s Trikot (wie unweiblich!). Und d i e Verlängerung - müsste hier nicht d e r Menschenrechtsgerichtshof einschreiten?!
    Ja: "Man spürt überall die Angst, etwas Falsches zu sagen." (Martenstein, ibid)
    - Darf ich wohl korrigieren:
    "Man spürt überall die Angst, etwas Mannhaftes zu sagen." - Aber das darf ich wohler nicht sagen:
    Also, am wohlesten: "Man spürt überall die Angst, etwas Fischiges zu sagen."
    Aber, welche wohltuende Gerechtigkeit erricht sich aus meinem Abiturlernstoff:
    "Unus homo nobis cunctando restuit rem." (Cicero: de officiis)
    Übelsetzt: Ein einziger Mann hat uns (allen) durch sein Zaudern das Stadion wiederhergestellt. - Ach, das Übel-Ich widerspricht.
    Das muss heißen: Staat, nicht Stadion!

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    Im Moment, glaube ich, wissen Sie selber noch nicht, wie man Denken und Schreiben koordiniert.
    - und: Latien sollte man immer nur dann zitieren, wenn man es auch beherrscht.

    Im Moment, glaube ich, wissen Sie selber noch nicht, wie man Denken und Schreiben koordiniert.
    - und: Latien sollte man immer nur dann zitieren, wenn man es auch beherrscht.

  4. Ein herrlicher Kommentar! Im Gegensatz zu einigen Artikeln bei der Zeit-Online ist er unverfälscht und ehrlich, hat nichts Aufgesetztes oder Krampfhaftes wie man es in der gesamten Gender-Debatte über Frauenfussball immer wieder lesen musste. Verkrampfte politische Korrektheit ist was für Leute ohne Rückgrat, Monty Python nannte solche Menschen schon in den 70ern: "Speichellecker".

    18 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eigentlich je in den Sinn gekommen, das es Leute gibt, die diesen Sport wirklich mögen?

    Lesen Sie bitte den Artikel und dann meinen Kommentar nochmal, dann fällt Ihnen vielleicht auf, dass beide gegen die verkrampfte politische Korrektheit sind, und nicht gegen Fussball.

    eigentlich je in den Sinn gekommen, das es Leute gibt, die diesen Sport wirklich mögen?

    Lesen Sie bitte den Artikel und dann meinen Kommentar nochmal, dann fällt Ihnen vielleicht auf, dass beide gegen die verkrampfte politische Korrektheit sind, und nicht gegen Fussball.

    • Horky
    • 07.07.2011 um 12:14 Uhr

    Lustiger, sehr netter Text - aber schade: Synchronschwimmen war ein Männersport, auch jetzt nehmen Männer an Meisterschaften teil... Recherche hilft.

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    Fernsehübertagungen im Maennersyncronschwimmen beschützen!
    Da kucke ich doch lieber ein paar überraschende Kombinationinnen, abgeschlossen von erfolgreicher Totschüssin.

    "Männer im Wasser" aus Dänemark. (Lief schon vor einem in den Kinos…)

    Naja Jungs sind es: Ich möchte die japanische Serie und den daraus resultierenden Film Waterboys ins Feld führen... ^^

    Fernsehübertagungen im Maennersyncronschwimmen beschützen!
    Da kucke ich doch lieber ein paar überraschende Kombinationinnen, abgeschlossen von erfolgreicher Totschüssin.

    "Männer im Wasser" aus Dänemark. (Lief schon vor einem in den Kinos…)

    Naja Jungs sind es: Ich möchte die japanische Serie und den daraus resultierenden Film Waterboys ins Feld führen... ^^

  5. Ab einem gewissen Punkt bei der Lektüre eines Martensteinbeitrags, stelle ich fest, dass darunter etwas kursiv geschrieben ist, so dass ich die Verknüpfung mit den kursiv gesetzten Anmerkungen der Redaktion bei gekürzten Kommentaren unter Artikeln herstelle. Das kann ich gar nicht abschalten und steigert sich natürlich, wenn Herr Martenstein gegen Ende des Textes eine Zuspitzung persönlicher Wahrnehmung konstruiert. Und dann ist zu lesen:
    "Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio"
    Ein gelungener Spannungsbogen mit anschließender Ernüchterung!
    Danke

  6. wie gute Glossen in der Zeit inzwischen geschrieben werden.

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    Gute Glossen gab's schon früher, da war Herr Martenstein noch ein kleiner Junge.
    Zum Beispiel von Walter Jens. Während der Zeit der "Studentenrevolte" schrieb er in diesem Blatt mutige, charmante und intelligente Kolumnen, zum Beispiel: "Ein gescheites Wort, schon ist man Kommunist." Ein Satz, den ich neute noch kenne. Von Martenstein - den ich sehr gern(*) lese, ist mir kein einziger Satz in Erinnerung. Das mag an mir liegen.
    (*) Neben Martenstein noch das Kreuzworträtsel, dann hat sich die wöchentliche ZEIT für mich meist erledigt. Schade?

    Gute Glossen gab's schon früher, da war Herr Martenstein noch ein kleiner Junge.
    Zum Beispiel von Walter Jens. Während der Zeit der "Studentenrevolte" schrieb er in diesem Blatt mutige, charmante und intelligente Kolumnen, zum Beispiel: "Ein gescheites Wort, schon ist man Kommunist." Ein Satz, den ich neute noch kenne. Von Martenstein - den ich sehr gern(*) lese, ist mir kein einziger Satz in Erinnerung. Das mag an mir liegen.
    (*) Neben Martenstein noch das Kreuzworträtsel, dann hat sich die wöchentliche ZEIT für mich meist erledigt. Schade?

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