Otília Cardeira gehört zweifellos zur alten Schule. Das zentrale Möbel ihrer winzigen Ladenwerkstatt ist ein mächtiger Webstuhl. Neben der Tür hängt eine Fototafel zum Thema Leinenspinnerei, darunter sind Flachsfäden in hölzerne Gerätschaften gespannt, an der steinernen Wand lagern handgefertigte Tischläufer, Decken, Schals, Gürtel... »Museu Vivo«, Lebendiges Museum, steht draußen angeschlagen. Dann trägt Cardeira – weißes Haar, türkisfarbenes T-Shirt und rosa Maßband um den Hals – ihre jüngste Arbeit herbei: Futterale für Smartphones, gewebt aus grobem Garn und bunten Stoffresten. Hübsch anzusehen, wie das schimmernde Display in der rustikalen Hülle verschwindet. Aber ist auch das noch old school?

»Otília rockt das Dorf«, hatte Kathi Stertzig kurz vor dem Besuch gesagt. Stertzig ist Designerin mit Büro in Berlin, Cardeira Kunsthandwerkerin aus Cachopo, einem Ort voll blendend weißer Häuser und sommerlich zirpender Grillen im hügeligen Hinterland der Algarve. Der Strand ist etliche Meilen und vor allem Dutzende Kurven weit entfernt. Hier rauscht kein Meer, stattdessen schnattern Gänse. Inmitten der ländlichen Abgeschiedenheit ist Cardeira ein kleiner Wirbelwind und eine erstaunliche Ich-AG – traditionell handwerkelnd, aber Köder nach sonst wohin auswerfend. An der stillen Durchgangsstraße über der Werkstatt betreibt sie einen windmühlenförmigen Kiosk, in dem es neben Souvenirs auch Schuh- und Zahncreme gibt; in einem privaten Museumskabinett hat sie das Innere einer Bauernkate aus früherer Zeit rekonstruiert; sie bietet Brotback-Kurse für Kinder und geführte Wanderungen für Urlauber durchs Umland an, gemeinsames Kochen inklusive; ihre Leinen- und Baumwollarbeiten trägt sie auf Märkte und lässt sie von Läden weiterverkaufen. Sogar bei Facebook hat sie eine Seite. Und als Stertzig kam und vom Projecto Tasa sprach, hat sich Cardeira gleich eingeklinkt.

»Wir arbeiten wie Pioniere im Wilden Westen des Designs«

Tasa, das steht für técnicas ancestrais, soluções actuais, also in etwa: uralte Techniken, aktuelle Lösungen. Im Kleinen betrachtet: der Handy-Overall. Im Großen und Ganzen: ein Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt, angestoßen vom CCDR, dem regionalen Entwicklungsbüro der Algarve . Interessierte (Kunst-)Handwerker arbeiten ein Jahr lang mit einem versierten Designstudio an neuen Produkten und erschließen sich damit neue Märkte. Die Souvenir-Palette wird aufgefrischt, die Urlauber können origineller kaufen, die Handwerker erhalten das eigene Handwerk und das Land verteidigt ein Stück seiner Identität. Früher subventionierte das CCDR die Kunsthandwerker meist direkt, damit sie jenseits von made in China über die Runden kamen. Jetzt rückt es kein Geld mehr raus, dafür gibt es ästhetische und strategische Beratung. Das stachelt zur Eigeninitiative an.

»Hier geht’s nicht um coole, stromlinienförmige Stücke für die Designwelt«, sagt Albio Nascimento, Kathi Stertzigs portugiesischer Partner aus dem gemeinsamen Berliner Studio The Home Project. »Im Gegenteil, die lokale, mitunter raue Linie der einzelnen Leute muss spürbar bleiben.« Ein abendliches Bier nahe dem CCDR-Sitz in der Küstenstadt Faro – auf einer Caféterrasse mit freiem Blick auf den Yachthafen. Über den vorgelagerten Marschen geht die Sonne vorbildlich orangerot unter. Einer der silbernen Küstenbummelzüge zuckelt im letzten Licht vorbei. Auf den nahe gelegenen Altstadtdächern klappern ein paar Störche. »Den Handwerkern muss alles Neue einleuchten«, sagt Stertzig, »schließlich sollen sie nachher, wenn wir schon wieder weg sind, weiterhin mit Herzblut bei der Sache sein.«

Nascimento, Mitte dreißig wie seine Partnerin, stammt aus Faro. »Mein Großvater hat noch Schweine gezüchtet. Ich war der Erste, der über die Grundschule hinauskam. Das Hinterland der Algarve steckte bis vorgestern im Mittelalter.« Als Jugendlicher wollte er allem Zurückgebliebenen entfliehen. Er ging zum Studium nach Mailand, zog dann mit Stertzig nach Antwerpen und Berlin. Immer wieder arbeiteten beide mit traditionellen Kunsthandwerkern zusammen – auch für ein Ausstellungsprojekt im nahe gelegenen Hafenstädtchen Olhão. Dort wurde das CCDR auf The Home Project aufmerksam. Und so ist Nascimento zurück in der Heimat und hat längst den Reiz des »Zurückgebliebenen« entdeckt: »Hier ist vieles noch ursprünglich, wie unberührt. Wir arbeiten ein wenig wie Pioniere im Wilden Westen des Designs.«

Am nächsten Tag geht es erneut ins Hochland. Vorbei an Hügeln voller Zistrosen-Büsche, an rot leuchtender Erde, an Olivenhainen, an Wäldern voller Korkeichen und Akazien. Torre ist ein winziger Flecken abseits der Landstraße. Am Wegesrand stehen Orangen- und Zitronenbäume. Im schlichten Bau der ehemaligen Grundschule spielt ein verstaubtes Radio portugiesische Schnulzen. Die alte Tafel hängt noch, darüber das christliche Kreuz. Aber Pulte gibt es keine mehr, stattdessen nur einen riesigen Tisch in der Mitte des früheren Klassenraums und vor den Fenstern ein paar maschinenbewehrte Werkbänke. Drei Frauen zwischen fünfzig und sechzig sägen und feilen an kleinen und kleinsten Holzteilen herum, das Gespräch perlt darüber hin wie beim Kaffeeklatsch.

Zwischen Mandelbäumen und blühenden Kakteen

Ana Eloi, Silvina Martins und Alierte Graça sind Da Torre, ein Mini-Team, das Holzspielzeug und Schmuck aus Fruchtkernen, Eicheln oder Schoten macht. Zu siebt haben sie angefangen, die drei besten Freundinnen sind übrig geblieben. Gemeinsam streifen sie auch durch die umliegenden Wälder, um Rohstoff für ihre Schmuckstücke zu sammeln. Verkauft wird meist auf Kunsthandwerkmärkten. Mit Tasa soll es über diesen Horizont hinausgehen. Eines der neuen Produkte ist ein Set hölzerner Schablonen, mit dem sich platibandas, typisch algarvische Zierfriese an den Häusern, nachmachen lassen. Außerdem hat Tasa den Frauen ein moderneres Logo beschert und dafür gesorgt, dass ihre Arbeiten nun auf edlem Karton präsentiert werden. So fällt es leichter, sich die Waldfrucht-Ketten von Da Torre auch in den Auslagen der Schmuckläden entlang der Ferienküste vorzustellen.

Vom Hochland aus ist das Meer nichts als eine Ahnung, ein weißlich-blauer Faden in der Ferne. Die Hitze riecht nach Wildkräutern und Feige. Irgendwo blöken Schafe. Bei der Fahrt von Ort zu Ort sieht man halb verfallene Katen an mancher Hügelflanke und an den Dorfstraßen gegerbte Alte auf Plastikstühlen, die stoisch hinaus in die Welt schauen. In São Bartolomeu de Messines, gegenüber der Feuerwehr, hat Ana Silva im Erdgeschoss eines Reihenhauses ihre Werkstatt. Auf der Terrasse davor liegt eine große Fuhre Kork, liegen Schilfgrasbündel, Bretter und Steine. Windräder aus Pfahlrohr – eigene Herstellung – drehen und wiegen sich in der Brise. Silva, Ende dreißig, trägt blaue Latzhose und wilde Mähne. Für Tasa hat sie ein traditionelles Schäfer-Feuerzeug aus Holz zum Souvenir weiterentwickelt. Außerdem im aktuellen Angebot: eine Pfeife mit zwei Enden (»für Verliebte«) und »Memory-Sticks« aus hohlen Pfahlrohren, in die man während einer Wanderung allerlei hineinsammeln kann wie in eine kleine Botanisiertrommel.

Zwischen Mandelbäumen und blühenden Kakteen stapft man hinunter zur See

Die Stühle aus Holz und Rohrgeflecht, ein Klassiker ihrer Produktion, werden kaum noch nachgefragt. »Als Mitbringsel taugen sie schon gar nicht«, sagt Silva, »kleine Dinge verkaufen sich besser.« Das hat Tasa sie gelehrt, und sie hofft, dass es stimmt. Eigentlich arbeitet sie in der Werkstatt mit ihrem Mann zusammen. »Der musste aber einen besser bezahlten Industrie-Sklavenjob annehmen, damit wenigstens ich das ›Poetenleben‹ weiterführen kann.« Auch Silva begleitet – wie Cardeira – Wandergruppen durchs Gelände, am liebsten auf schmalen Schafpfaden. Spontan geht’s raus zu einem Gang über die nächstgelegene Anhöhe. Vorbei an frisch geschälten Korkeichen, an wildem Leinen, über eine Wiese mit rosa und violett blühenden Disteln, hinunter zu einem Flüsschen. Dort ragt Silvas Lieblingsmaterial schlank in den Himmel wie Bambus. »Hier finde ich viel vom Pfahlrohr, das ich brauche«, sagt sie. »Das Wogen der Stämme, das Rascheln der Blätter – nichts klingt entspannender.« Nach ein paar Minuten im ufernahen Unterholz geht ein breites Lächeln über Silvas Gesicht. Und sie sagt: »Ich bin nicht reich, aber glücklich.«

Dutzende neue Dinge haben Stertzig und Nascimento zusammen mit Silva, Da Torre, Cardeira und all den anderen entwickelt. Im Faroer CCDR-Büro liegen die Ergebnisse des Projecto Tasa ausgebreitet auf einem gewaltigen Tisch. Da gibt es Tongefäße für den regionalen Baumerdbeerlikör Medronho, schicke Lampen aus Kork und Keramik, eine modernisierte Palette von Terracottafliesen oder eine zeitgemäße Verpackung für muxama, luftgetrocknetes, eingesalzenes Thunfischfleisch. Dass nicht jeder der Kunsthandwerker, mit denen sie gearbeitet haben, am Ende etwas für den Tisch beigesteuert hat, finden die beiden halb so wild. Manche haben durch Tasa vor allem eine Website hinzugewonnen. In fast allen aber rumore der kreative Anstoß weiter.

In Jose Neto zum Beispiel. Der arbeitet unweit der spanischen Grenze, ein paar Kilometer jenseits der alten Festungssiedlung Cacela Velha. Dort teilen sich etwa zwanzig geweißte, gedrungene Häuser eine Anhöhe über dem Meer mit der Bastion und einer Kirche. Gäbe es nicht zwei Restaurants im Ort, man käme sich vor wie in einer Zeitblase. Zwischen Mandelbäumen und blühenden Kakteen, umflattert von weißen Faltern, stapft man hinunter zur See. Eine kleine Lagune trennt das Ufer vom Strand. Man hört das Wasser schwappen und die Seeschwalben schreien, sonst nichts. Nach einer kurzen Weile mit ein paar langen Blicken geht es, dem verlangsamten Takt des eigenen Körpers gehorchend, zurück auf den Hügel, aufs Kopfsteinpflaster, dem Parkplatz entgegen. Eine Wiese mit Pferden und ein paar Obstplantagen fliegen vorbei, schließlich erreicht man den nächsten Ort mit Badebetrieb, Manta Rota. Dort liegt Jose Netos kleines Reich der hundert Schornsteine.

Es handelt sich um Miniaturen, natürlich, Souvenirs aus Ton. Die meisten sind kaum zehn Zentimeter hoch. Den Laden an der Straße teilen sie sich mit vielen anderen Dingen. Die Werkstatt dahinter haben sie fast für sich allein. Mehr als zwanzig verschiedene Modelle mit je eigenem, dekorativ gemustertem Aufbau hat Neto im Sortiment. Und für jedes einzelne gibt es ein altes Original an der Algarve. Die Schornsteine gelten als Blickfang der Region. Mitunter sind die Häuser ganz unscheinbar, nur der Schornstein macht auf dicker Mann. »Früher war er für viele das einzige Schmuckstück, das sie sich am Haus leisten konnten«, sagt Neto. Er hat sein Terrain auf langen Entdeckungstouren mit dem Fahrrad geradezu enzyklopädisch studiert. Eine Art Jäger und Sammler – und dabei spätberufener Kunsthandwerker. Vor fünfzehn Jahren erst, mit Mitte vierzig, gab er die Informatik auf und stieg auf Schornsteine um. Und weil er nur Originale modelliert, konnte er sich mit den Tasa-Leuten auf kein Produkt mit neuem Design einigen. Trotzdem war ihm das gemeinsame Nachdenken ein Genuss. »Tasa hat mein Herz zum Glühen und meinen Kopf zum Weiterspinnen gebracht«, sagt Neto. Seit kurzem sitzt er deshalb an einer Sonderedition mit etwas größeren Modellen. Das älteste Vorbild stammt aus dem 18. Jahrhundert. Als Reverenz an das 21. Jahrhundert gibt Neto seinen Ton-Nachbildungen nun die GPS-Daten der Originale bei.

Das Projecto Tasa im Netz: www.projectotasa.com