Hamburg Vampire statt Rock ’n’ Roll
St. Pauli kämpft gegen seinen Umbau
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, ob du ein Grundstück hast oder hast keins... In Hamburg gibt es einen neuen Stadtumgestaltungskampf, dieses Mal geht es um die »Esso-Häuser« auf St. Pauli, zwei achtgeschossige Wohngebäude samt bodennahen Läden und Clubs (weithin bekannt ist das Molotow), deren Basis die seitlich integrierte Tankstelle ist. Wem im Morgengrauen das Geld für einen Barbesuch fehlt, der tankt bei Esso nach. Die Zapfsäulen sind umlagert von schwankenden Gestalten; ein vom Pächter bezahlter Wachdienst wirkt Plünderungen entgegen.
Jeder, der je auf dem Kiez aller Kieze war, kennt diese Tankstelle und ihr sonderbares Flair; Alkohol, Tabak, Schokolade, hier gibt es die Treibstoffe der Spaßgesellschaft; Diesel und Super sind Sekundärflüssigkeiten.
Die Tankstellenbetreiber, Familie Schütze, haben die ganze Ecke vor zwei Jahren an die Bayerische Hausbau verkauft. Die Häuser über der Tankstelle gelten den einen als Musterbeispiel der autogerechten Nachkriegsmoderne, den anderen erscheinen sie als verirrte DDR-Plattenbauten mit ihrem pastellfarbenen Betonfachwerk; von den weißen Balkonen kriecht braun schon der Rost.
Das Münchner Immobilienunternehmen kann sich vorstellen, alles abzureißen und neu zu bebauen, dagegen formiert sich der Widerstand von Mietern, Nachbarn und Viertelverteuerungsgegnern. Udo Lindenberg hat die schönen Worte gefunden: »Sie zerkloppen Stein für Stein von unsrer alten Heimat für die aufgeblasenen Schickimicki-Vampire. Sie zerstören den echten Rock ’n’ Roll in dieser Stadt.«
Die Initiative verteilt launige Postkarten, auf denen junge und alte Hausbewohner zu sehen sind, die nicht den Eindruck erwecken, als zögen sie je freiwillig aus. Der Investor lockt mit Sozialwohnungen, bietet ein Bleiberecht an, noch sei nichts entschieden. Im Internet werben die beiden streitenden Parteien charmant-energisch um Unterstützung: initiative-esso-haeuser.de gegen wohnen-am-spielbudenplatz.de.
Die wievielte Eppendorferisierung ist das jetzt nach St. Georg, Ottensen und dem Schanzenviertel... Viele Bürger, auch Wohlhabende, fürchten inzwischen um den Charakter Hamburgs. Der Streit zwischen Bewahren und Verändern lässt sich indes nicht so einfach lösen. Die Stadt ist kein Ort, der geschützt werden könnte wie ein Biotop im Grünen; darf man andererseits der Zerstörung des Gewachsenen zugunsten des Gesichtslosen noch länger tatenlos zusehen?
- Datum 09.07.2011 - 15:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 7.7.2011 Nr. 28
- Kommentare 5
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...Moral - und schon gar kein Gefühl!
Diese Tanke ist/war irgendwann immer Station eines "Auswärtsfahrers" ;-)
Wir wissen, wer sich "durchsetzen" wird.
Die Kultur, die Szene, die Gemeinschaft, das Flair wird wegkapitalisiert. Beispiele gibt es zuhauf, nicht nur aus Hamburg. Und alle machen mit, Alle!
Das ist der Weg des Killerkapitalismus, er diente nie dem Menschen, sondern immer nur sich selbst, und nur wer mitmacht, wird nicht ganz so angeschissen wie die anderen.
Ich hoffe Hamburg wird ein 2. Stuttgart, die Zeit ist vorbei für Räuber und Spekulanten, die im Alleingang Städte aufmischen!
"Wir sitzen so vor´m Molotow"
http://www.youtube.com/wa...
c.
das ich nicht lache. Er ist ja wohl der größte Vampir, der sich dekadent im Atlantik Hotel eingenistet hat und schön seinen Champagner schlürft. Von Zeit zu Zeit holt er dann das Panik Panter Kostüm heraus und klopft schöne Sprüche.
Vielleicht sollte der werte Herr einmal sein Quartier nach St. Pauli verlegen.
Beste Grüße.
FSonntag
...vollgekotzt......tolles Flair ! Und dann noch, neben München, die höchsten Mieten der Republik !
Ich war während der Bundeswehrzeit einmal auf dem Kiez, nie wieder !! Das ist jetzt 24 Jahre her, ich glaube kaum, dass es besser geworden ist ! Da liefen nur Wracks herum, absolut scheusslich ! Wer daraus erotische Stimulation ziehen kann, muss gerade aus dem Knast oder aus dem Kloster gekommen sein. Ich weiss zwar nicht, wen oder was die Bayern dahin setzen wollen, aber ich glaube, die sind erschwert über den Tisch gezogen worden !
In Hamburg verschwindet derzeit die Arxhitektur der Moderne. Und man bekommt als Anwohnerin bisweilen den Eindruck, dass mit den Gebäuden auch die Erinnerung an die uneingelösten Versprechen jener Epoche entsorgt werden sollen: Wohlstand für alle, Demokratie... Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass sich besonders sozialdemokratische Politiker, wie der für fast sämtliche Bausünden der letzten 10 Jahre verantwortliche Bezirksamtsleiter von Hamburg Mitte, Markus Schreiber (SPD), für doie rigoroseste Abrisspolitik auf St.Pauli einsetzen.
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