ZEITmagazin: Frau Beier, worin besteht die Aufgabe des Theaters?

Karin Beier: Es soll die Gesellschaft reflektieren und den Zuschauer zum Fragen auffordern. Allerdings leben Theatermenschen in einem Elfenbeinturm, in dem sich alles nur noch um die Kunst dreht, und verlieren leicht den Bodenkontakt.

ZEITmagazin: Wie äußert sich das?

Beier: Stell ich das Fahrrad links oder rechts auf die Bühne? Eine solche Entscheidung wird mitunter wahnsinnig wichtig. Man verliert die Gelassenheit, weil alles zur schlafraubenden existenziellen Frage wird.

ZEITmagazin: Wie kommt es zu dieser Überschätzung von Nebensächlichem?

Beier: Weil man sich als Theaterschaffender dauernd in einer Bewertungssituation befindet. Ich werde als Mensch, der sich künstlerisch ausdrückt, permanent benotet, sei es von den Zuschauern, von den Kollegen, von der Presse. Man steht in einer Abhängigkeit von diesen Noten, was nur schön ist, wenn es rund läuft.

ZEITmagazin: Sie haben früh Karriere gemacht, gab es bei Ihnen eine Zeit, in der es nicht rund lief?

Beier: Ja, eine ganze Strecke lang, gerade am Anfang. Mit 19 Jahren wurde ich als Regisseurin sehr schnell nach oben geschossen, das war für mich als Jüngste in der Truppe ganz toll, aber auch eine große Überforderung.

ZEITmagazin: Wie hat sich das geäußert?

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Beier: Ich habe einfach nicht mehr geschlafen, morgens um fünf Uhr lag ich wach, dachte an die Probe und hatte Angst. Ich kam mir wie ein Bluffer vor, irgendwann würde ich schon auffliegen, man würde merken, dass ich gar nichts kann. Ich bin damals sehr um mich selbst gekreist. Ich gehöre zu dieser wahnsinnig ehrgeizigen Achtziger-Jahre-Generation und habe mich mit 20 extrem über das, was ich leiste, definiert, und Theater war für mich das Größte. Bei jeder Produktion habe ich gesagt, ich gebe alles, es war jedes Mal ein Ausnahmezustand. Bis ich merkte, wenn ich das so weitermache, dann werde ich nicht alt.

ZEITmagazin: Waren Sie damals an eine Grenze gestoßen?

Beier: Ja, auf der einen Seite hatte ich ein Gefühl von höchster Überspanntheit, einem hypermotorischen Zustand gleich, und auf der anderen Seite spürte ich eine unendliche Müdigkeit, die mich jeder Kreativität beraubte.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie da heraus?

Beier: Irgendwann merkte ich, ein bisschen was werde ich schon können. Letztendlich darf man sich nicht dauernd fragen, ob man es kann, man muss es einfach tun. Außerdem sind mein Mann und ich 1999 ein halbes Jahr aus dem Theater ausgestiegen und in den Norden Schottlands gegangen, dorthin, wo es sehr, sehr viele Schafe gibt.