Saudi-Arabien Die Wüstenfestung

Saudi-Arabiens Herrscher fühlen sich vom Arabischen Frühling bedroht. Sie starten eine Gegenoffensive.

In den heißesten Städten der Welt kommen sie an, gebückt, verwundet und gebrochen. Sein al-Abidin Ben Ali aus Tunis war der Erste, als er zu Jahresbeginn in einem Diktatorensanatorium in Dschidda am Roten Meer eincheckte. Vor wenigen Wochen suchte Jemens Ali Salih um Herrscherasyl in Riad nach, mit einem Granatsplitter nahe dem Herzen. Nur Hosni Mubarak hat es nicht geschafft. Die ägyptische Armee ließ den gestürzten Pharao nicht aus dem Land – nun droht ihm der Prozess. Riad und Dschidda sind vielleicht keine Kurorte, aber derzeit allemal der sicherste Unterschlupf für gefallene Machthaber der arabischen Welt.

Saudi-Arabien ist die feste Burg des Mittleren Ostens. Von allen Seiten dringt Veränderung auf das Königreich ein. Der Arabische Frühling erschüttert Land um Land, auch Bahrain vor der saudischen Ostküste. Seit Jahren schon zielen Terroristen auf Saudi-Arabien. Auf der anderen Seite des Golfs baut ein expansiver Iran an seinem Atomprogramm. Unruhe überall, das Übel schlechthin für die 80-jährigen saudischen Herrscher. Sie sehen die Stabilität der Region in Gefahr und ihre klassische Führungsrolle. Als die Ägypter auf dem Tahrir-Platz jubelten, herrschte in Riad Grabesstimmung. Doch inzwischen sind die Saudis zur Gegenoffensive übergegangen. Sie haben Soldaten nach Bahrain geschickt, um dort die Protestbewegung zu ersticken. Sie bauen den Golfkooperationsrat (GCC), eine politische Nachbarschaftsorganisation, zum Pakt gegen die Revolution aus. Und sie verteilen Wohltaten nach innen und außen, um den Status quo zu festigen – den verhassten Rivalen Iran stets im Blick.

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Als Hosni Mubarak zu wanken begann, griff das saudische Königshaus tief in die Staatskasse, für einen Geldsegen gegen die Revolution im eigenen Land. Bei einem Ölpreis von über 100 Dollar pro Fass ist reichlich Verteilungsmasse da. Das Geschenkpaket hat griechische Rettungsdimensionen: 130 Milliarden Dollar für neue Wohnungen für die stets wachsenden saudischen Familien, kräftige Gehaltserhöhungen für alle Staatsangestellten, Subventionen fürs religiöse Establishment. Falls jemand Einwände hat, muss er mit dem neuen, strikteren Pressegesetz fertigwerden. Doch auch ohne solche Auflagen bliebe König Abdallah populär. Aufrufe zum Protest im vergangenen März hätten wohl auch ohne Demonstrationsverbot nur wenig Nachhall gefunden.

Der Außenminister hat schon die iranische Revolution miterlebt

Saudi-Arabien ist keine blutrünstige Diktatur, sondern eine absolute Monarchie, die sich Konsensrituale, Kommunalwahlen und einen Gießkannensozialstaat ebenso leistet wie die Geheimdienste als Rückversicherung. Nicht in der Brutalität, sondern in der Behäbigkeit liegt das Problem. Reformen brauchen eine kleine Ewigkeit, derzeit geht einfach alles viel zu schnell für Riad. Die Herrscher denken nicht im Online-Minutentakt wie der Westen (und die Twitter-Rebellen), sondern in Jahrzehnten. Der 70-jährige saudische Außenminister Saud al-Feisal erinnert sich noch genau, wie er 1979 im selben Amt die Krise der iranischen Revolution zu meistern hatte. Nun also schon wieder Revolte und Wirrsal, diesmal bei den Arabern.

Während der Februarrevolution in Ägypten herrschte blankes Entsetzen in Riad. Nicht nur über den Sturz des Freundes Hosni Mubarak, sondern auch über die Haltung der USA, des wichtigsten Verbündeten Ägyptens und Saudi-Arabiens. Präsident Barack Obama schlug sich nach anfänglichem Zögern auf die Seite der Revolutionäre. Der US-Präsident und König Abdallah, der gerade von einer Rückenoperation in New York zurückgekehrt war, sollen sich am Telefon angefaucht haben. Zwei Interpretationen des Arabischen Frühlings prallten aufeinander: »Wer nicht reformiert, dem geht es wie Mubarak«, meinten die Amerikaner. »Wer zu schnell reformiert, dem geht es wie Mubarak«, so sahen es die Saudis. Auf Entsetzen und Streit folgte die Absetzbewegung der Saudis von der westlichen Vormacht.

Das zeigte sich beim Aufstand in Bahrain. Als sich Mitte Februar, nur wenige Tage nach Mubaraks Sturz, Schiiten und liberale Sunniten gegen das sunnitische Königshaus der Golfinsel erhoben, riefen die Saudis nicht mehr in Washington an. Sie reagierten auch nicht auf amerikanisches Zureden. »Sie sind nicht auf Empfang gestellt«, stellten verzweifelte US-Vermittler fest. Die Saudis waren über das Aufbegehren der Schiiten hochalarmiert. Auch sie haben eine erhebliche schiitische Minderheit an ihrer Ostküste, die rund 15 Prozent der saudischen Bevölkerung stellt. Riad sah Teheran hinter der Revolte, obwohl die bahrainisch-arabischen Schiiten sich eher zum Irak hin orientieren. Als das bahrainische Königshaus im März nach »brüderlicher Hilfe« rief, kamen die Truppen des Golfkooperationsrats zu Hilfe. Saudische Soldaten sicherten im Hintergrund die bahrainischen Schläge auf die Protestbewegung ab. Dafür kritisierte Barack Obama bei seiner Nahmittelost-Rede im Mai offen das bahrainische Königshaus – aber nicht die Saudis. Die sind und bleiben zu wichtig.

Leser-Kommentare
    • CM
    • 07.07.2011 um 9:59 Uhr

    Mit wem soll man verbündet sein und mit wem nicht?

    Welcher Diktatur soll man helfen, weil sie gegen noch bösere Jungs antritt, und welcher nicht?

    Es ist eine lange Tradition der USA, sich die falschen Verbündeten zu suchen, sie gegen kritische Stimmen zu verteidigen und auf ein Desaster zuzusteuern.

    Niemand hat das je wieder so schön klar und unterhaltsam formuliert wie der Kabarettist Volker Pispers.

    Wenn Sie etwas Zeit haben sehen Sie sich dies und die weiteren Folgen einmal an:

    http://www.youtube.com/wa...

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    bei den Spielchen der USA. Eine Schande.

    • sxouk2
    • 07.07.2011 um 12:50 Uhr

    ...bösen dikaturen ging/geht.

    es ging/geht den usa nur um eines - möglichst flächendeckende kontrolle über die dortigen ölvorkommen.

    das hat volker pispers humorvoll in chronologisch und geschichtlich korrekter reiehnfolge dargelegt.

    Wenn ich diese ganze semantinsche Verschleierung der Fakten in Deutschland Nachrichten überhaupt nicht mehr sortieren und einordnen kann, dann schaue ich Volker Pispers. Et voilà, ich kapiere das Problem sofort. Warum erklärt mir der Kabarettist nicht gleich die TV Sendungen? Warum muss ich mir erst das vom Fernsehrat genehmigte Geschwurbel in den Nachrichtensendungen anhören?

    bei den Spielchen der USA. Eine Schande.

    • sxouk2
    • 07.07.2011 um 12:50 Uhr

    ...bösen dikaturen ging/geht.

    es ging/geht den usa nur um eines - möglichst flächendeckende kontrolle über die dortigen ölvorkommen.

    das hat volker pispers humorvoll in chronologisch und geschichtlich korrekter reiehnfolge dargelegt.

    Wenn ich diese ganze semantinsche Verschleierung der Fakten in Deutschland Nachrichten überhaupt nicht mehr sortieren und einordnen kann, dann schaue ich Volker Pispers. Et voilà, ich kapiere das Problem sofort. Warum erklärt mir der Kabarettist nicht gleich die TV Sendungen? Warum muss ich mir erst das vom Fernsehrat genehmigte Geschwurbel in den Nachrichtensendungen anhören?

  1. Iran versucht, den arabischen Frühling für sich auszunutzen und eine Annäherung an Libyen?
    Ahmadinedjad hat doch erst in den vergangenen Tagen seine Unterstützung für das Gaddafi-Regime erklärt, sogar, dass es sich um praktische Unterstützung bemüht!
    Auf der Seite der Revolution in Libyen steht die Grüne Bewegung, die Gegner des Ahmadinedjad-Regimes!
    Was die Saudis mit dem arabischen Frühling verlieren, ist ihr Einfluss. Seit Jahrzehnten setzen sie ihre Ölgelder für die Missionierung zu ihrer radikalen Islam-Interpretation ein und fördern damit massiv den Islamismus. Von wem haben denn die pakistanischen Islamisten, die die afghanischen Taliban in ihren Kriegswaisenhäusern ausgebildet haben, ihr Geld?
    Hier fürchtet offenbar der eine islamistische Herd die Konkurrenz des anderen islamistischen Herdes.

    16 Leser-Empfehlungen
  2. Natuerlich gibt es grosse Investments weltweit, aber die
    Araber werden auf Dauer nicht von Dividenden leben koennen.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. gehört eindeutig in eine Hitliste der übelsten Staaten der Welt. Von massiven Eingriffen in anderen Staaten und Förderung religiöser gewaltbereiter Gruppen (Malaysia, Indonesien) über mittelalterliche Rechtsprechung im eigenen Land bis zu einer von der Regierung legitimierten und geschützten rassistischen Grundhaltung gegenüber Gastarbeitern, die nicht selten wie Sklaven behandelt werden und keinerlei Rechte haben (aus dem Grund schicken die Philipinnen schon länger keine Arbeiter mehr nach Saudi Arabien und nach der jüngsten Hinrichtung eines indonesischen Hausmädchens hat sich auch Indonesien dazu entschlossen - vielleicht müssen die Jungs/Mädels ihre Klos nun selbt putzen?).

    Ein Argument für die Panzerlieferungen waren deutsche Sicherheitsinteressen. Warum es im deutschen Interesse liggt ein System zu stabilisieren und sich mit ihm zu solidarisieren, dass Demokratie nicht nur im Inland bekämpft und im Ausland Terrorismus fördert, ist mir schleierhaft. Oder sollte es nur ums Geld gehen?

    Warum werden deutsche Panzer für die Waffengelichheit mit dem Iran benötigt? Meines Wissens liegt zum Einen Wasser und zum Anderen der Irak zwischen beiden Ländern.
    Und wenn die Panzer so unwichtig im Vergleich zu Lieferungen anerer Länder sind, warum sind sie dann angeblich wichtig für die Waffengleichheit.
    Es gibt halt kein gutes Argument für die Lieferungen, außer klares wirtschaftliches Interesse auf Kosten der Sicherheit (und Demokratie.. aber die ist uns ja eh egal scheints)

    Anm.: Bitte versehen Sie Tatsachenbehauptungen mit Verweisen auf entsprechende Quellen. Danke. Die Redaktion/vn

    13 Leser-Empfehlungen
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    • GDH
    • 07.07.2011 um 12:45 Uhr

    Sie schreiben "aus dem Grund schicken die Philipinnen schon länger keine Arbeiter mehr nach Saudi Arabien und nach der jüngsten Hinrichtung eines indonesischen Hausmädchens hat sich auch Indonesien dazu entschlossen"

    Was meinen Sie mit "schicken"? Gab es staatliche Programme, die Arbeiter nach Saudi-Arabien vermittelt haben? Oder verbieten diese Länder ihren Bürgern nun das Arbeiten dort? Über eine Erklärung (gern auch als Link) würde ich mich freuen. Mir war bislang nicht bewusst, dass die Regierungen der Philipinnen und Indonesiens gezielt Einfluss auf ihre Bürger nehmen, die im Ausland Arbeit suchen.

    • GDH
    • 07.07.2011 um 12:45 Uhr

    Sie schreiben "aus dem Grund schicken die Philipinnen schon länger keine Arbeiter mehr nach Saudi Arabien und nach der jüngsten Hinrichtung eines indonesischen Hausmädchens hat sich auch Indonesien dazu entschlossen"

    Was meinen Sie mit "schicken"? Gab es staatliche Programme, die Arbeiter nach Saudi-Arabien vermittelt haben? Oder verbieten diese Länder ihren Bürgern nun das Arbeiten dort? Über eine Erklärung (gern auch als Link) würde ich mich freuen. Mir war bislang nicht bewusst, dass die Regierungen der Philipinnen und Indonesiens gezielt Einfluss auf ihre Bürger nehmen, die im Ausland Arbeit suchen.

    • Maije
    • 07.07.2011 um 10:25 Uhr

    noch können sich die Scheichs einen "Gießkannensozialstaat" leisten, aber auch das Öl wird irgendwann alle sein.

    Ich weiß nicht viel über die Wirtschaftsstruktur in Saudi-Arabeien und welche Sektoren dort noch für Einnahmen sorgen könnten.

    Wenn es keine gibt, sind Reformen unvermeidlich.

    Denn dann kann man die eigene Bevölkerung nicht mehr mit üppigen Leistungen beschwichtigen, sondern nur noch mit politischer Repression oder eben militärischen Mitteln in Zaum halten.
    Mittel, die sie ja momentan präventiv und problemlos sich anschaffen.

    Aber bezüglich der Bedrohung Irans: ich denke auch, dass es wichtig ist, dieses unberechenbare Land nicht aus den Augen zu verlieren. Naiv und fatal anzunehmen, dass es nicht anstrebt, sich Atomwaffen zu basteln.
    Und dann kommt es auch schon zu diesem typischen "Kalten-Krieg-ähnlichen" Kaskadeneffekt in Form von Abrüstungen.
    Hat Teheran ne Bombe, will Riad eine und so weiter und so fort...

    Ach, auch wieder ein Thema, zu dem man sich tot schreiben könnte!

  4. zu den saudi-arabischen Verbindungen zu terroristischen Gruppen in Malaysia: http://edition.cnn.com/20...

  5. "Nicht in der Brutalität, sondern in der Behäbigkeit liegt das Problem." Ah, ja. Gut, dass ich das nochmal von freiheitlich-demokratischen Journalisten höre. Dann können wir das ja über alle anderen Diktaturen auch sagen? Das was mit Frauen bei den Saudis passiert ist also nicht brutal? Menschen wie Leibeigene zu halten, ist nicht brutal? Nein, es ist behäbig (und was interessieren überhaupt Frauenrechte, nicht wahr?). Danke für die Belehrung. Und warum sind Liybien und Iran nochmal sooooviel schlimmer als Saudi Arabien? Weil dort die Herrscher noch behäbiger sind?

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  6. Auch die saudische Klerikaldiktatur wird irgendwann fallen, spätestens wenn denen das Öl ausgeht und sie kein Geld mehr haben um die Bevölkerung ruhigzustellen.

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