Unabhängigkeit Frei und zerrissen

Der Südsudan wird unabhängig – doch der Streit um Land flammt jetzt erst richtig auf.

Schüler in Malakal

Schüler in Malakal

Wer eine Audienz beim König möchte, muss sich bei der Feuerwehr von Malakal vorstellen. Dort arbeitet Stationsleiter Watta, ein gedrungener Mann mit akribisch gestutztem Ziegenbart. In seiner Eigenschaft als Bürger des neuen Staates Südsudan ist er zuständig für das Löschen von Bränden. In seiner Eigenschaft als Untertan des Königreichs der Shilluk koordiniert er die Angelegenheiten Seiner Majestät Reth Kwongo Dak Padiet.

»Der König«, sagt Herr Watta, »ist mein Onkel. Ein Interview möchten Sie?« Er schüttelt missbilligend den Kopf. »Unmöglich. Man stellt dem König keine Fragen. Man kauert auf dem Boden und trägt ein Anliegen vor. Bei Ihnen reicht es, wenn Sie sich verneigen. Und die Schuhe müssen Sie natürlich ausziehen.«

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Auch gut. Einmal barfuß einen Diener machen – daran soll es nicht scheitern.

»Aber so schnell«, sagt Herr Watta, »geht das nicht.« Seine Majestät sei gerade sehr beschäftigt. Es gebe Landkonflikte zwischen den Shilluk in Fashoda und den Dinka in Akoka, Rebellen und Armee setzten dem Königreich zu, und jetzt hätten sich auch noch die Nuer auf den Rinderdiebstahl verlegt.

Südsudan
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Dinka gegen Shilluk gegen Nuer? Der Süden wird jetzt nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg endlich eine unabhängige Republik. Eigentlich sollte es jetzt nur noch Südsudanesen geben, vereint unter einer Fahne und Regierung. Herr Watta lächelt nachsichtig – das Labyrinth südsudanesischer Innenpolitik hat wahrscheinlich noch kein Ausländer wirklich durchdrungen. »Ich werde dem König Ihr Gesuch vortragen. Kommen Sie morgen wieder«, sagt er und wendet sich einem altersschwachen Löschfahrzeug zu. Es brennt häufiger in der Gegend, aber in Malakal gibt es keine Straßen, auf denen man schneller als 20 Stundenkilometer fahren könnte. Herr Watta und seine Kollegen haben nie den Hauch einer Chance. Zumal den Flammen oft Schusswechsel vorausgehen.

Malakal liegt rund 500 Kilometer nördlich von Juba, der Hauptstadt Südsudans, und knapp 50 Kilometer von der Grenze zum Norden. Die schützende Hand der Machtzentrale des neuen Südsudan scheint weit entfernt, der Erzfeind und neue Nachbarstaat Sudan sehr nah. Aber diese Kategorien bedeuten wenig in einer Stadt, wo Norden und Süden so eng verwoben scheinen. Hier, in der Region Oberer Nil, vermischen sich seit Jahrhunderten Völker, Stämme und Religionen. Hier verschwammen die Fronten des jahrzehntelangen Krieges zwischen Norden und Süden, hier schwanken die Loyalitäten der Menschen nicht nur zwischen Stamm und Staat, sondern auch zwischen neuer Republik und altem Königreich.

Wer in Malakal um sieben noch nicht wach ist, den wirft die Armee aus dem Bett. Singend und in stampfendem Laufschritt zieht eine Kompanie Soldaten durch die Straßen – halb vertrauensbildende Maßnahme, halb Machtdemonstration. Der letzte Rebellenüberfall liegt knapp vier Monate zurück, 49 Todesopfer soll es gegeben haben, ein SOS-Kinderdorf wurde von beiden aufständischen Gruppen sowie der Armee attackiert – die Bewohner kamen mit dem Schrecken davon. Die Angreifer gehörten zu einer Miliz der Shilluk, die um ihr Territorium fürchten, wozu nach herrschender Shilluk-Meinung Malakal und von da an flussabwärts das gesamte westliche Nilufer gehören.

Leser-Kommentare
  1. Na dann singe ich auch mit.

    http://video.google.com/v...

  2. Nicht sehr ermutigend für die Multi-Kulti-Idee.

    Die Ethnien stehen nach wie vor nur feindselig sich gegenüber, da hilf kein guter Glaube.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Zampa
    • 09.07.2011 um 10:13 Uhr

    Ein guter Artikel. Die Realität ist wohl komplexer als das Wunschdenken in den Köpfen westlicher Gut-Denker. Sollen sich die Leute in Süd-Sudan freuen...wobei näher zu bestimmen wäre, welche der Bewohner sich freuen und welche eher nicht.Diese Jubelbildchen, die man uns im Fernsehen zeigt, sind nicht die ganze Wahrheit. Ein Staat wird gegründet, der von alleine in keinster Weise lebensfähig ist. Kosovo läßt Grüßen. Stellt sich ebenfalls die Frage, wer davon Profitiert und wer die Rechnung zahlt. Kosovo ist im Besitz der Mafia. Im Südsudan werden wenige sehr schnell noch reicher werden, die restlichen 6 Millionen brauchen Hungerhilfe.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sprechen Sie denn die Sprache der Nuer schon fließend genug, um sie auch singen zu können?

    Ich vermute: Nein. So sind auch Sie eventuell nicht kompetent genug, für alle Menschen im Südsudan denken zu können.

    Und zu Ihrer Information: Gut ist das Gegenteil von Böse oder von Schlecht, Übel usw.

    Gut ist gut. Was ein ehemals östlich- und dann westlicher Gut-Denker auch immer denken mag.
    Er wird sich nicht das genaue Gegenteil von dem wünschen, was er will.

    Wie darf ich Sie nennen? Super-Denker oder Böse-Denker?
    Ich nenne Sie nicht so, denn ich glaube, Sie glauben, Ihre Prophezeiung muß in Erfüllung gehen.
    Unter dem Strich halten Sie mal eben mindestens 6 Millionen Menschen für Idioten, deren einziges Ziel es ist, einigen wenigen zu Reichtum zu verhelfen und sogar auch etwas zu essen zu bekommen.

    Grüße aus Aegyptus

    Sprechen Sie denn die Sprache der Nuer schon fließend genug, um sie auch singen zu können?

    Ich vermute: Nein. So sind auch Sie eventuell nicht kompetent genug, für alle Menschen im Südsudan denken zu können.

    Und zu Ihrer Information: Gut ist das Gegenteil von Böse oder von Schlecht, Übel usw.

    Gut ist gut. Was ein ehemals östlich- und dann westlicher Gut-Denker auch immer denken mag.
    Er wird sich nicht das genaue Gegenteil von dem wünschen, was er will.

    Wie darf ich Sie nennen? Super-Denker oder Böse-Denker?
    Ich nenne Sie nicht so, denn ich glaube, Sie glauben, Ihre Prophezeiung muß in Erfüllung gehen.
    Unter dem Strich halten Sie mal eben mindestens 6 Millionen Menschen für Idioten, deren einziges Ziel es ist, einigen wenigen zu Reichtum zu verhelfen und sogar auch etwas zu essen zu bekommen.

    Grüße aus Aegyptus

    • narzou
    • 09.07.2011 um 11:34 Uhr

    dass so ein guter Artikel zerstört wird, indem die Autorin versucht das Aussehen der Menschen an ihrer "Ethnien"- Zugehörigkeit fest zu machen... hat einen leichten Nachgeschmack von Rassenlehre... Heute heißt es die Dinka sind ehr größer gewachsen als Europäer. Morgen heißt es die Dinka sind nicht so intelligent wie Europäer... Und übermorgen sind die Dinka (oder ähnliche) nur noch eine "Rasse" die qualifiziert werden soll... Vielleicht geht mein Gedanke zu weit, aber die Autorin sollte sich mehr Gedanken machen, wohin ihre Ansatz führen konnte, bevor sie das Aussehen der Menschen so starr an der "Ethnien"-Zugehörigkeit beschreibt...Schließlich sollte das guter Journalismus sein und nicht "ethnologische" Forschung aus dem 18./19. Jahrhundert...

  3. Sprechen Sie denn die Sprache der Nuer schon fließend genug, um sie auch singen zu können?

    Ich vermute: Nein. So sind auch Sie eventuell nicht kompetent genug, für alle Menschen im Südsudan denken zu können.

    Und zu Ihrer Information: Gut ist das Gegenteil von Böse oder von Schlecht, Übel usw.

    Gut ist gut. Was ein ehemals östlich- und dann westlicher Gut-Denker auch immer denken mag.
    Er wird sich nicht das genaue Gegenteil von dem wünschen, was er will.

    Wie darf ich Sie nennen? Super-Denker oder Böse-Denker?
    Ich nenne Sie nicht so, denn ich glaube, Sie glauben, Ihre Prophezeiung muß in Erfüllung gehen.
    Unter dem Strich halten Sie mal eben mindestens 6 Millionen Menschen für Idioten, deren einziges Ziel es ist, einigen wenigen zu Reichtum zu verhelfen und sogar auch etwas zu essen zu bekommen.

    Grüße aus Aegyptus

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Ein guter Artikel. Zeitnah und lebensnah.

    Das kleine Pflänzchen.

    Die gesamte sich als zivilisierte Welt ausgebende Staatengemeinschaft hat die einmalige Chance, dabei zuzusehen, wie ein junges Pflänzchen wachsen und gedeihen kann.
    Man muß es nur in Ruhe lassen. Es sind noch so viele Fragen offen. Zu klären sind diese nur intern, so wie es bisher ist und war.
    Eine Staatsgründung zieht man - nach westlichem Vorbild - nicht einfach so legère, cool und heipi am Wochenende durch. Am Montag macht es "klick" und alle stehen knietief in Gold, Weihrauch und Myhrre.
    Wie gehe ich mit den neuen Abhängigkeiten um? Wirtschaftsbeziehungen, Grundversorgung ... und ... und ... und.
    Baue ich meine Straße selber ? Oder bauen die Chinesen (gegen Gold und Öl)
    Baue ich die Schule selber,

    Ach, was rede ich hier. Das wissen sie doch selber.

    Entscheidend ist, wer die Gießkanne in der Hand hält. Die Gießkanne in der eigenen Hand - mit eigenem Wasser.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Jetzt aber los - schnellstens anerkennen, um dann so richtig Waffen liefern und Entwicklungshilfe leisten zu können.

  6. Von Edward E. Evans-Pritchard - einer der Klassiker der Ethnologie befasste sich schon mit dieser Gegend Afrikas - im Auftrag der Kolonialpolitik.

    Was fand der Mann heraus: Die Nuer akzeptieren keinerlei Authorität. Nuer dürfen Dinka überfallen, wann immer sie wollen - die Alten und die Kleinkinder werden verbrannt, das Vieh und die jungen Frauen entführt - so beschreibt Pritchard die Zustände um 1930-1940.

    Dennoch war er Struktur-Funktionalist und hat verkrampft versucht, irgendwelche Authoritäten auszumachen, was den Leser entnervt zurück lässt: Weil es eine Hierarchie geben muss, konstruiert er eine.

    Alle NGO´s sollten dieses Buch lesen, um zu sehen, dass unsere Vorstellung eines "Staates" nicht so ohne weiteres auf andere Gegenden der Welt übertragbar sind. Entweder, es kommt zum Bürgerkrieg, oder die Südsudanesen entwickeln etwas ganz neues.

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    ... kann man aber eine Aussage auf ein Buch aus den 30ern stützen, das vermutlich auch zum Teil als Rechtfertigung für Kolonialherrschaft dienen sollte (Sendungsbewusstsein etc)? Halte ich für hochinteressant und auch ein wenig amüsant...

    ... kann man aber eine Aussage auf ein Buch aus den 30ern stützen, das vermutlich auch zum Teil als Rechtfertigung für Kolonialherrschaft dienen sollte (Sendungsbewusstsein etc)? Halte ich für hochinteressant und auch ein wenig amüsant...

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