Außerhalb dieser Kreise sind die meisten Regionaltrachten nur Experten bekannt. Bislang denkt man in Deutschland, wenn von Trachten die Rede ist, vor allem an das Dirndl, wie es in Oberbayern getragen wird. Dabei hat dieses Kleidungsstück mit jahrhundertealter Tradition wenig zu tun. Seinen Ursprung hat es in einem einfachen Arbeitsgewand der Mägde, mit dem sie ganz bestimmt nicht zum Oktoberfest erschienen wären. Zu diesem Anlass trugen sie ihr bestes Kleid – und das war meist schwarz und lang.

Es waren Damen aus der Stadt, die sich im 19. Jahrhundert für die Sommerfrische von dörflicher Arbeitskleidung inspirierte Gewänder schneidern ließen. Das Dirndl war also kein echtes Kleidungsstück vom Lande, es stellte die Idee der Städter vom ländlichen Leben dar. Und mit dem Oktoberfest hatte es eher wenig zu tun. Erst mit dem Stadtmarketing der sechziger Jahre kam das Dirndl zum Oktoberfest. München bewarb sich damals für die Olympischen Spiele.

Als man den Zuschlag bekam, kleidete man die Hostessen in hellblaue Dirndl mit weißen Blusen – die Farben des Himmels über Bayern. Ausgerechnet in diesem Look gelang es einer von ihnen, Silvia Renate Sommerlath, den schwedischen Kronprinzen zu beeindrucken und Königin zu werden.

Gerade in Zeiten der Globalisierung entfalten Trachten eine besondere Anziehungskraft. Sie sind die regionale Antwort auf das Weltkarussell der Mode. Schließlich ist in Deutschland auch das Interesse an regionaler Küche nie größer gewesen als heute.Selbst in der Literatur ist die Regionalisierung angekommen. Immer beliebter werden Krimis mit lokalem Bezug wie die Geschichten vom Kommissar Kuflinger, der im Allgäu ermittelt. Magazine, die vom Landleben erzählen, erreichen riesige Auflagen, und Menschen, die einander früher die Adressen der angesagten Clubs zuflüsterten, schwärmen sich nun vom Gärtnern vor.

Der Weltbürger, der sich umso wohler fühlt, je weiter er von seinem Heimatort entfernt ist, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Zum Easyjetset zu gehören ist alles andere als originell. Was uns heute wirklich noch besonders macht, ist der Ort, aus dem wir stammen. Ein Kraut am Wegesrand benennen zu können ist interessanter, als von vermeintlich fernen Orten zu berichten, die in Wahrheit nur noch ein paar Flugstunden entfernt sind.

Immer wenn sich moderne Gesellschaften der Romantik hingeben, suchen sie etwas, das ihnen verloren gegangen ist, mitunter auch Zuflucht vor Dingen, die ihnen Angst machen. »Ich glaube, Trachtenkleidung gibt ihrem Träger eine ganz besondere Sicherheit. Man hat nicht einfach zufällig etwas an, sondern etwas, dass eine Bedeutung hat, das einen mit der Heimat verbindet«, sagt Kevin Lobo. »Und gleichzeitig lege ich die Zwänge des Alltags ab.«

So wie die Hinwendung zum Dirndl im späten 19. Jahrhundert ein Zeichen für die Verwirrung des Bürgertums durch die Umwälzungen der Industrialisierung war, ist das neue Interesse an der Tracht heute eine Fluchtbewegung vor der Zukunft. Je digitaler alles wird, was uns umgibt, desto mehr sehnen wir uns nach etwas Stofflichem, das Bestand hat. Dass in der Vergangenheit die Tracht oft kategorisch abgelehnt wurde, hat auch mit ihrer Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus zu tun. Erst jetzt gibt es wieder eine Generation, die sich der traditionellen Kleidung unvoreingenommen nähern kann. Und so staunt man in den Kostümsammlungen der Museen über Modeschüler und junge Designer, die sich dort Inspirationen für ihre Kollektionen holen.