Thomas Arslan Das Kino der schönen Wege
Thomas Arslan und seine wunderbaren Berlin-Filme
© Filmgalerie 451

Deniz (Serpil Turhan) in Thomas Arslans "Der schöne Tag"
Ein Film muss nicht immer bigger than life sein, um echtes Kino zu werden. Ganz im Gegenteil! Er kann sich dem Leben annähern, indem er dem scheinbar Banalen eine Form gibt. So wie bei Thomas Arslan. Immer wieder gelingt es dem Berliner Regisseur, einen Alltag auf die Leinwand zu bringen, wie er im deutschen Kino leider viel zu selten zu sehen ist. In den Filmen seiner Berlin-Trilogie gesellt er sich zu türkischen Jugendlichen in Hofeinfahrten, hört ihren Fachsimpeleien über Revierkämpfe zu, erlebt ihre Begeisterung über Bruce-Lee-Filme. Oder er folgt einer jungen Frau durchs sommerliche Berlin, zeigt wie sie selbstverständlich zwischen Türkisch und Deutsch hin- und herspringt, wie sie sich in ihrer gerade neu gemieteten Einzimmerwohnung und in ihrem Leben einrichtet.
Gebannt schaut man Arslans Heldinnen und Helden zu, wie sie eigentlich nichts Besonderes tun. Tatsächlich bewegen sie sich nur von hier nach dort. Oft zu Fuß, manchmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf ihren Wegen und Gängen entsteht ganz nebenbei eine soziokulturelle Landkarte ihres Stadtteils – meist Berlin-Kreuzberg – und das aufschlussreiche Panorama einer Daseinsform, die sich aus Slangs, Codes sowie kleinen, aber vielsagenden Verrichtungen und Gewohnheiten zusammensetzt. In Arslans Kino wird jeder Gang zum Ereignis, kommt man mit jedem Schritt den Figuren näher.
Etwa den Brüdern Erol und Ahmed aus Geschwister (1997). Ihr Vater ist Türke, ihre Mutter Deutsche. Schon in der Art, wie die beiden durch Kreuzberg cruisen, ihre Kumpel mit Handschlag oder Kuss begrüßen, türkisch oder eben nicht türkisch sprechen, zeigen sich zwei unterschiedliche Haltungen zur eigenen Herkunft. Erol zieht meistens den Kopf ein, hastet eher, als zu gehen, weil er wegen seiner Schulden im Kiez nicht gesehen werden will. Weder in Deutschland noch in seinem Leben scheint er richtig angekommen zu sein. Sein jüngerer Bruder Ahmed hingegen ist die Lässigkeit in Person. Stets hat er die Hände in den Hosentaschen, geht betont langsam, um zu demonstrieren, dass er den Überblick hat. Man ahnt, dass dieser Youngster sein Leben besser im Griff hat als sein Bruder. Auch führen seine Wege nicht selten Richtung Schule. Mit Leyla, der jüngeren Schwester, kommt ein weiterer Rhythmus in den Film. Wenn sie sich mit ihrer Freundin verabredet, eilt sie aus der Haustür. Immer wieder scheint es, als wolle sie aus der elterlichen Wohnung und vor dem autoritären Vater fliehen.
Drei Geschwister, drei Blicke, drei Suchen. Drei Haltungen zu Deutschland als Heimatland. Das Schöne an Thomas Arslans Kino der verschiedenen Gangarten ist, dass man ganz beiläufig in ein Lebensgefühl hineingezogen wird. Im Fall von Geschwister lässt es sich weder als deutsch noch als türkisch noch als deutschtürkisch umschreiben. Vielmehr lernt man junge Menschen kennen, die noch im scheinbar klischeebehafteten Gespräch über Kampfhunde alle Festlegungen über den Haufen schmeißen.
Thomas Arslan, der einen ähnlichen Hintergrund wie die Geschwister seines Films hat, war der erste deutsche Regisseur, der Kreuzberger Jugendliche konsequent aus ihrer Perspektive filmte und der sich ohne multikulturelles Gedöns auf ihre Welt einließ. Diese inhaltliche Einstellung wird bei ihm auch zur formalen. Stets tritt seine Kamera einen Schritt zurück, gibt Erol, Ahmed und Leyla den Rahmen, in dem sich die Widersprüche ihres Lebens entfalten können. Je weniger Erol in Deutschland Fuß fassen kann, desto mehr zieht er sich auf seine türkische Abstammung zurück, während Ahmed ihr immer mehr den Rücken zukehrt. Auch wenn Leyla ihrem Tag und Nacht Taxi fahrenden Vater für die finanzielle Unterstützung dankbar ist, kann sie es doch nicht lassen, sein schlechtes Deutsch zu korrigieren. All das ergibt keine klassische Erzählung, sondern einer Folge von Miniaturen, Alltagsgesprächen, Auseinandersetzungen und Versöhnungen. Jede Szene steht für sich, und manch eine funktioniert wie ein in sich geschlossener Kurzfilm.
Ganz ähnlich strukturiert Thomas Arslan auch seinen vier Jahren später entstandenen Film Der schöne Tag (2001). Wieder beobachtet er eine Gangart, wieder begibt er sich in den Rhythmus eines Kreuzberger Lebens. Diesmal steht die 21-jährige Deniz im Mittelpunkt, die gerade bei ihrer verwitweten Mutter ausgezogen ist und als Schauspielerin arbeiten möchte. In diesem Film wird die türkische Herkunft kaum Thema mehr sein. Nur noch in Details kommt sie zum Vorschein. Obwohl Deniz mit ihrem Freund eine heftige Auseinandersetzung hat, bringt sie ihm fürsorglich auf einen Tablett ein Glas schwarzen Tee. Eine Geste, die sie von ihrer Mutter übernommen hat.
Wenn Deniz vor die Tür geht, trägt sie Turnschuhe, denn sie hat weite Strecken zurückzulegen. Sie fährt vom Synchronstudio zum Casting-Termin, trifft ihre durchreisende Schwester zum Essen, spaziert mit einem Flirt durch den Berliner Tiergarten. Stets lässt sich Arslan die Zeit, sie auf den Wegen zwischen den einzelnen Terminen zu zeigen. Wie gerne schaut man ihr dabei zu! Deniz’ Gang wirkt nie gehetzt, vielmehr drückt er eine schöne Zielstrebigkeit aus, den Mut, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Manchmal halten Heldin und Kamera inne. Dann sieht man ihr Gesicht in Großaufnahme. Es ist ein Stillleben inmitten der sommerlichen Großstadt.
Thomas Arslans Verfahren der Konzentration auf äußere Abläufe lässt sich auch ganz wunderbar aufs Genrekino übertragen. Mit wenigen Einstellungen bringt er in seinem jüngsten Film Im Schatten (2010) die anonyme Welt eines Ganoven auf die Leinwand. Trojan lebt in kargen Hotelzimmern, trifft sich mit Komplizen auf großflächigen Parkplätzen am Rande von Shopping-Malls oder sucht Hehler in Baubaracken auf. Dieses graue Berlin der Hinteransichten ist für Trojan keine Heimat, sondern bloßes Jagd- und Beuterevier. Genauso ist das Verbrechen für ihn bloßes Handwerk. So effektiv und präzise seine Handgriffe sind, so nüchtern er seinen Plan vorantreibt, bleibt für den Zuschauer doch jede seiner Handbewegungen kriminell aufgeladen und damit faszinierend. Aus diesem Gegensatz zieht Thomas Arslans Film eine ganz eigentümliche Spannung. Im Schatten ist der Versuch, einen Gangsterfilm auf seine Essenz zu reduzieren – und das Wesen einer Figur in ihren Wegen und Verrichtungen zu suchen. Dass Trojan dabei jenen Glamour des Alltags entwickelt, den alle Arslan-Helden besitzen, versteht sich von selbst.
- Datum 12.07.2011 - 09:45 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 7.7.2011 Nr. 28
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren