»Finden Sie nicht, Sie verlangen da ein wenig zu viel Toleranz für den Islam?« Mit solchen Vorwürfen werde ich regelmäßig in Gespräche verwickelt, und zwar von wildfremden Menschen, die dann von mir erwarten, dass ich mit ihnen über islamische Gebetsräume streite – obwohl ich die selbst gar nicht möchte. Meine Eltern stammen aus der Türkei. Wir sind Aleviten und haben ein anderes Verständnis von Religion als sunnitische und schiitische Muslime. Bis heute wird unsere Community in der Türkei unterdrückt. 1993 starben bei einem Brandanschlag viele alevitische Intellektuelle und Künstler. Das »Sivas-Massaker« hat sich tief in unser Gedächtnis eingegraben.

Mir gefällt es nicht, wenn die Islam-Verbände in Deutschland immer auf »demokratische Religionsfreiheit« pochen. Denn ich glaube, sie führen in Wirklichkeit undemokratische Ziele im Schilde: Sie wollen, wie in der Türkei, die säkularen und nicht praktizierenden Muslime »islamisieren«. Zum Beispiel sind sie gegen eine Gleichstellung von Mann und Frau. Ich kann nur staunen, dass die vielen säkularen Türken, die in Deutschland leben, das so hinnehmen. Viele sind wohl einfach abgestumpft, weil sie das schon aus der Türkei kennen.

Daher ist es politisch vollkommen falsch, für mehr Gebetsräume zu sorgen und Islamunterricht einzuführen. Was uns weiterbringt, wären mehr Kulturwochen und Ethikunterricht. Das würde den säkularen Deutsch-Türken den Raum geben, der ihnen bislang fehlt. Dass es Aleviten oder auch atheistische Türken gibt, ist vielen Deutschen nämlich nicht bewusst. Ständig kreist alles um »den Islam«. Das hilft nur denen, die sagen: Weil der Koran »heilig« sei, dürfe man ihn nicht eigenständig und modern auslegen. Das ist sehr gefährlich. Wenn mir selber überhaupt etwas heilig ist, dann das Einfordern von Menschenrechten.