Boulevardpresse Fluch der Neugier

Die Methoden des Boulevards sagen viel aus über die Medien, aber auch eine Menge über uns Leser.

Zwei Bauarbeiter in Manchester lesen die letzte Ausgabe der "News of the World"

Zwei Bauarbeiter in Manchester lesen die letzte Ausgabe der "News of the World"

Empörung kostet nicht viel. Es fällt leicht, sich über die kriminellen Machenschaften englischer Boulevardjournalisten zu empören, und der öffentliche Aufruhr in London hat immerhin dazu geführt, dass der Medienmagnat Rupert Murdoch sein Schmierblatt News of the World eingestellt hat. Was leider nicht bedeutet, dass die Verblödungsstrategie gewisser Sender und Zeitungen an ihr Ende gekommen wäre. Im Gegenteil, auch in anderen westlichen Ländern, die sich auf die Pressefreiheit manches einbilden, feiert sie Erfolge. Ihr Ziel besteht nicht darin, die neue Nachricht zu verbreiten, sondern das Neue selber zu erzeugen, indem man Sensationsfelder erfindet und anhaltend beackert.

Die eigentliche Frage lautet, warum sich damit Geld verdienen lässt, empörend viel Geld. Die simple Antwort: Weil Millionen derlei lesen und sehen wollen. Und zwar aus demselben Grund, der auf der linken Fahrbahn zum Stau führt, wenn es auf der rechten einen Unfall gegeben hat: Es ist die Neugier. Wir wollen sehen, was da passiert ist. Wir wollen wissen, wie lange der Kuss des königlichen Paares gedauert und warum die monegassische Fürstin nach der Trauung geweint hat. Dieser urmenschliche Trieb bildet den Motor der Indiskretions- und Entblößungsmaschinerie, die Murdoch, Berlusconi und die anderen betreiben. So perfekt wie heute ist sie noch nie gelaufen, aber gegeben hat es sie immer. Öffentliche Folterungen und Hinrichtungen, das Ausstellen von »Missgeburten und Monstern« auf Jahrmärkten haben einstmals Tausende angezogen. Der audiovisuelle Boulevard verfährt nicht anders, nur auf technisch höherem Niveau.

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Die Geschichte der Wissenschaft ist auch eine Geschichte der Neugier

Man muss sich aber, bevor man derlei Entgleisungen geißelt, bewusst halten, dass die Neugier Ursache aller menschlichen Erfindungen und Entdeckungen gewesen ist. Der wirkliche Grund, weshalb sich Seefahrer tollkühn auf die Weltmeere wagten, Anatomen den menschlichen Leib aufschnitten und Wissenschaftler sich gefährlichen Strahlen aussetzten, war nicht das klare Kalkül (kaum einer wusste, wohin sein Drang ihn führen würde), sondern die Neugier. Albert Einstein war nur ehrlich, als er einmal sagte: »Ich bin nicht besonders talentiert, sondern nur leidenschaftlich neugierig.« Die Geschichte der Wissenschaft ist auch eine Geschichte der Neugier. Dass sie sich ungehindert entfalten könne, ist ein Versprechen der Demokratie und das Geheimnis ihres Erfolgs. Nur wo der Erfindungsgeist sich verbreiten und austauschen darf, dringt er hinein ins unbekannte und ökonomisch fruchtbare Neuland.

Im Wort aber steckt die Gier. Sie wird niemals satt. Denn nichts altert schneller als das Neue, und rastlos sucht die Neugier nach neuem Stoff. Sie ist ein wilder Trieb, der gezähmt werden muss. Anders als das Tier, dessen Wissensdrang der Instinkt leitet und aufs Zuträgliche beschränkt, ist die menschliche Neugier ungerichtet. An Kindern bewundern wir ihre schlechthin schrankenlose Neugier, die sie ins Verderben stürzen müsste, würden wir nicht eingreifen. Als Erwachsene wissen wir (oder sollten es gelernt haben), dass es nicht lohnt, alles wissen zu wollen. Ohne Zweifel kann es hier und da schädlich sein.

Augustinus hält die curiositas für ein Laster, weil sie aufs Irdische versessen sei und wegführe vom Eigentlichen: von der Selbsterkenntnis und von der Erkenntnis Gottes. Die Philosophen erblicken in der Neugier einen höchst doppeldeutigen Trieb; Hans Blumenberg zum Beispiel sieht in ihr »das Interesse des Menschen für dasjenige, was ihn sozusagen nichts angeht«. Er beschreibt damit jenen selbstbezüglichen Wissenschaftsbetrieb, an den wir uns längst gewöhnt haben. Den Gedanken seiner Neugierkritik finden wir in den Mythen und Märchen wieder, die vom Heiligen und vom Verbotenen erzählen: vom siebenten Zimmer, das man nicht betreten, vom Schleier, den Schillers Jüngling dem Bild der Wahrheit besser nicht entreißen sollte.

Die Klugheit solcher Weisungen könnte Leitfaden sein für die Zähmung unserer Neugier, die nicht selten Züge einer Neusucht trägt. Sie ähnelt der Sucht, sich mit Nahrung vollzustopfen. Und so, wie es eine Industrie gibt, die alles daransetzt, uns mit jenem Fast Food zu versorgen, das immer von Neuem hungrig macht, so gibt es auch eine mediale Zerstreuungsindustrie, die unsere Neugier niemals sättigt, sondern stets neu entfacht. Ein rabiates Verwertungsinteresse ist Merkmal jenes Turbokapitalismus, dem wir offenbar – zu unsrem Glück oder Unglück – nicht zu entrinnen vermögen. Und wir reden hier wohlgemerkt nicht von der Welt überhaupt, sondern von jenen gesegneten Breitengraden, wo es weder an Nahrung noch an Information generell mangelt.

Der Mangel an Mangel ist ein Problem der Erziehung und der Selbstdisziplin. In den Schulen ist er schon lange ein Thema, glücklicherweise. Es müsste uns alle beschäftigen. Seit Jahren führen wir eine manchmal bizarre Schlankheitsdebatte. Man sollte die darin investierte Energie auf eine andere Enthaltsamkeit lenken: auf den Informationsverzicht. Nicht jede Nachricht ist der Beachtung wert. Es gibt eine Ökologie der Aufmerksamkeit. Wenn wir dies begriffen, dann würde uns die Empörung über Murdoch und so weiter etwas kosten. Wir könnten uns an die biblische Weisheit im Buch Prediger erinnern: »Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch. Kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, nie ein Ohr vom Hören voll. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Kann den feinsinnigen Zeilen des Autors nur zustimmen:

    Es kann nicht davon ausgegangen werden, "dass die Verblödungsstrategie gewisser Sender und Zeitungen an ihr Ende gekommen wäre."

    .

  2. Zur Neugier kommen auch noch Sensationsgier und Faulheit.

    Die Nachrichten müssen nicht nur neu sein, sondern auch möglichst extrem und sensationell. Aber bitte mit möglichst weniger Hintergrundinformationen, damit man nicht damit anfangen muss, selbst nachzudenken.

  3. Diese dubiose Neugier spielt überall mit. Wir sehen uns im Fernsehen asoziale Menschen an, damit wir uns darin bestätigt fühlen, dass wir nicht so schlecht dran sind. Wir bedauern einmal ausgiebig die afrikanischen Kinder, denen es so schlecht geht. Wir schauen abends einmal kurz in Libyen vorbei und sehen, dass es immer noch nicht besser geworden ist. Wir - Moment - Wofür *soll* man sich denn eigentlich interessieren? Die fünf Minuten, welche man für den entsprechenden ZEIT-Artikel braucht, sind doch auch nichts anderes.
    Natürlich, das ist ein anderes Niveau, da geht es um weltpolitische Themen. Aber, Hand auf's Herz, wo ist für uns normale Bürger der Unterschied zwischen Assad und Angelina Jolie?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Und wo bleibt diese hier?

    Liebe Zeit, verzichten doch auch bitte Sie in Zukunft darauf, Titel wie "Den Hitler im Bunker könnt ich auch" oder "Damenbinden waren eine Grenzerfahrung" für dann ganz banale Artikel zu verwenden.

    Dieses polemische Gehacke auf allen anderen, die natürlich alle schlechter sind, ist nicht mehr zu ertragen. Warum muss man denn über alles reden? Kann man nicht einfach hinnehmen, dass der Mensch eine gewisse Sensationslust befriedigen möchte und fertig? Wie der Artikel schon sagt, das ist ja wohl nichts neues.

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    Zustimmung zu Kommentar 4: Es wäre schön, Zeit Online könnte den Rat eines ihrer Schreiber, auf Sensationalisierung zu verzichten, auch selbst mehr beherzigen. Oder geht das nicht wegen dem Konkurrenzdruck im Internet und auf dem Zeitungsmarkt?

    Zustimmung zu Kommentar 4: Es wäre schön, Zeit Online könnte den Rat eines ihrer Schreiber, auf Sensationalisierung zu verzichten, auch selbst mehr beherzigen. Oder geht das nicht wegen dem Konkurrenzdruck im Internet und auf dem Zeitungsmarkt?

  5. Zustimmung zu Kommentar 4: Es wäre schön, Zeit Online könnte den Rat eines ihrer Schreiber, auf Sensationalisierung zu verzichten, auch selbst mehr beherzigen. Oder geht das nicht wegen dem Konkurrenzdruck im Internet und auf dem Zeitungsmarkt?

  6. 6. Tja...

    ... man will ja die Leser auch nicht an die BLÖD verlieren.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. für andere nicht.

    "aber auch eine Menge über uns Leser."

    Was mich betrifft und ich denke, dass mindestens 30 Mio. Einwohner ähnlich habndeln -

    habe ich noch niemals in meinem Leben die Bildzeitung gelesen.
    Es genügt schon, wenn man die dicken Überschriften liest, was ich jedoch ebenfalls weitestgehend ignoriere.

    Ebenso wenig habe ich jemals eine der Frauenzeitschriften gelesen wie Brigitte, Petra usw. Oder was aus dem Hause Burda etc. glw kommt. Ich halte auch Playboy etc. für Boulevard.

    und ich habe noch niemals ein Grünes, Gelbes, Violettes oder Pinkfarbenes Blatt in der Hand gehabt. Ich habe mir noch niemals Königshochzeiten etc. angesehen etc.

    Der Boulevard ist mir so etwas von sch.. egal.
    Allerdings ist der Boulevard so penetrant, dass man ihm nicht entkommen kann.

    Das ist das Ärgerliche am Boulevard.

    Bei den Öffent Recht hatte sich lange Zeit der Boulevard in Grenzen gehalten. Doch nun ist auch aus diesen zu 80% Boulevard geworden.

    Das heißt: Der Boulevard dringt wie eine Seuche in die Menschen ein.

    Eine Leser-Empfehlung
  8. "... Denn nichts altert schneller als das Neue, und rastlos sucht die Neugier nach neuem Stoff. ..."

    Die Frage ist jedoch die Art und Weise, wie man nach neuem Stoff sucht. Neugier hat auch seine Grenzen!

    Die Leser über die Neugier mit an Board der Verantwortung zu holen lenkt den Blick von den Machern und Verantwortlichen ab, sehr geschickt. Denn das es Neugier gibt, ist unbestritten, nur wer für mehr Auflage auf Abwegen die Neugier befriedigt, trägt die Verantwortung allein durch sein Handeln. Nicht umsonst gibt es einen ethischen Kodex in Deutschland.

    Vielleicht geht es nicht um Neugier, sondern vielleicht geht es um einen sehr hart umkämpften Medienmarkt, aus dem man versucht hervorzustechen. Es ging und geht um Aufmerksamkeit.
    Bitte berichten Sie doch einmal davon.

    Beste Grüße.
    FSonntag

    Eine Leser-Empfehlung
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    ... die freie Presse würde immer nur die offiziellen Pressemitteilungen wiedergeben. Natürlich halte ich nichts von Spionage, Überwachung und anderen unlauteren Methoden, aber auf der anderen Seite käme viel auch einfach nicht ans Licht (z.B. die ganze WikiLeaks-Geschichte). Es war ja schließlich auch nicht geplant, dass die Welt erfährt, dass die Regierung Panzer nach Saudi-Arabien verkaufen will.

    natürlich erwarte ich vom Journalismus ein kritisches Hinterfragen, was auch immer durch eine Neugier angetrieben sein sollte. Kritisches Hinterfragen und kritische Geschichten können aber so und so aussehen.

    Wenn aber das Stillen der Neugier Motor Nummer eins ist und die Gier nach Aufmerksamkeit in einem Medienwald Motor Nummer zwei ist, kommt man evtl. schnell aus Abwege.

    Und um diese Abwege geht es doch, nicht um die Neugier.

    Appropos Werbung:
    http://www.spiegel.de/vid...

    Da hat man schön Bilder des Herstellers genommen und dazu dann einen Pressetext sprachlich drüber gelegt.

    Beste Grüße.
    FSonntag

    ... die freie Presse würde immer nur die offiziellen Pressemitteilungen wiedergeben. Natürlich halte ich nichts von Spionage, Überwachung und anderen unlauteren Methoden, aber auf der anderen Seite käme viel auch einfach nicht ans Licht (z.B. die ganze WikiLeaks-Geschichte). Es war ja schließlich auch nicht geplant, dass die Welt erfährt, dass die Regierung Panzer nach Saudi-Arabien verkaufen will.

    natürlich erwarte ich vom Journalismus ein kritisches Hinterfragen, was auch immer durch eine Neugier angetrieben sein sollte. Kritisches Hinterfragen und kritische Geschichten können aber so und so aussehen.

    Wenn aber das Stillen der Neugier Motor Nummer eins ist und die Gier nach Aufmerksamkeit in einem Medienwald Motor Nummer zwei ist, kommt man evtl. schnell aus Abwege.

    Und um diese Abwege geht es doch, nicht um die Neugier.

    Appropos Werbung:
    http://www.spiegel.de/vid...

    Da hat man schön Bilder des Herstellers genommen und dazu dann einen Pressetext sprachlich drüber gelegt.

    Beste Grüße.
    FSonntag

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