PrivatbahnDuell im Westexpress

Im Dezember bekommt die staatliche Bundesbahn private Konkurrenz – zum ersten Mal in ihrer Geschichte. von 

Blau-Weiß-Grün gegen das Rot der Bundesbahnen: Der erste Zug der Westbahn auf Testfahrt

Blau-Weiß-Grün gegen das Rot der Bundesbahnen: Der erste Zug der Westbahn auf Testfahrt  |  © Westbahn.at

Trainspotter sind eine verschworene Gemeinschaft. Ihre Leidenschaft gilt Zügen, und ihre Sehnsuchtsorte sind nicht idyllische Seen oder hohe Berggipfel, sondern Schienentrassen. Sie kennen die abgelegensten Gleise und entferntesten Bahnhöfe, wo sie sich postieren und mit dem Teleobjektiv im Anschlag Jagd auf Züge machen, die an ihnen vorbeirauschen. Ein sonniger Mittwoch in der letzten Maiwoche war ein ganz besonderer Tag für sie: Zwischen Sulgen und Romanshorn am Bodensee in der Schweiz sollte erstmals das Phantom vorbeidonnern, das den österreichischen Staatsbahnen das Fürchten lehren will – der neue Zug der Westbahn. Wochenlang tauschten Trainspotter Gerüchte über das Internet aus, wann es endlich so weit sein werde.

Marcel Manhart hat es herausgefunden. Über hundert Kilometer fuhr der 48-jährige Eisenbahner in dritter Generation, um sich mit seiner Kamera in Stellung zu bringen. »Die Westbahn ist schon etwas ganz Spezielles«, sagt er. Die Faszination der Trainspotter nutzt das Wiener Unternehmen zu einem besonderen Wettbewerb und verlost unter den Eisenbahnfetischisten eine Fahrkarte für die Jungfernfahrt am 11. Dezember 2011.

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An diesem Wintertag beginnt ein ungleiches Duell: 42.500 Mitarbeiter, 4.300 tägliche Zugverbindungen und 210 Millionen Passagiere jährlich – das ist die Bilanz der ÖBB. Die Westbahn GmbH wird mit sieben Zügen 14-mal pro Tag der mächtigen staatlichen Eisenbahngesellschaft zwischen Wien und Salzburg in die Parade fahren, auf der altehrwürdigen Westbahnstrecke, die seit über 150 Jahren in Betrieb ist. Sie ist die profitabelste Bahnroute des Landes. Derzeit rattern 66 Fernzüge täglich zwischen Donau und Salzach hin und her. Bei der Westbahn GmbH schätzt man, dass rund 14 Millionen Fahrgäste jährlich auf der Strecke fahren.

Von diesem Kuchen möchte Stefan Wehinger einen Happen ergattern. Fünf Millionen Fahrgäste erhofft sich der Geschäftsführer der Westbahn jährlich. Der 45-jährige Gründer ist kein Neuling in dem Gewerbe. 2004 holte der damalige Infrastrukturminister Hubert Gorbach den Vorarlberger von der Montafonbahn als Vorstand zur ÖBB Personenverkehrs AG. Vier Jahre und einen Regierungswechsel später war der Physiker seinen Job wieder los. Politische Umfärbungen gehören bei der Bahn dazu wie die Verspätungen zum Fahrplan.

Alles, nur kein ÖBB-Rot, war die Vorgabe an die Designer der Züge

»Da darf man nicht wehleidig sein«, sagt Wehinger heute lapidar dazu. Er sitzt im Besprechungszimmer seiner Firma, in der Wiener Mariahilferstraße. Früher wohnte hier der brasilianische Botschafter. Heute sieht es aus wie bei einem jungen Start-up-Unternehmen. Im Flur steht eine Couch, auf dem Gang vor der Tür ein Fahrrad und auf den Tischen türmen sich Papierstapel. Böse Zungen sagen, in diesen Räumen finde Wehingers Vergangenheitsbewältigung statt – von den ÖBB aus dem Verkehr gezogen, wolle er nun selbst den Lokführer spielen.

Es wäre eine teure Therapie: 130 Millionen Euro kostet das Projekt. 35 Prozent der Gesellschaft gehören einer Privatstiftung des Bauunternehmers Hans-Peter Haselsteiner, 30 Prozent einer Schweizer Investorengruppe und der Rest Wehinger selbst. Nun wollen auch die französischen Staatsbahnen einsteigen. Derzeit prüft die EU-Wettbewerbskommission den Deal.

Immer wieder wirft Wehinger während des Gesprächs einen Blick auf den Laptop, laufend trudeln Mails ein. Therapie sei das Unternehmen keine, beteuert er. Ein klein wenig Trotz sei aber schon dabei: »Der liegt darin, mir selbst zu beweisen, dass es besser als bei den ÖBB gehen kann.«

Überall wuseln Mitarbeiter herum. »Alles ist im Entstehen und in Bewegung«, sagt Wehinger. Das »Risk Management System«, an dem er derzeit bastelt, muss alles Unvorhergesehene berücksichtigen. Etwa: Werden die Toilettenpapierrollen pünktlich für die Abfahrt da sein? Aber auch die nicht ganz unwesentliche Frage, ob die neuen Zuggarnituren rechtzeitig vom Hersteller geliefert werden.

Diese befinden sich derzeit in der Schweiz im Testbetrieb. Der erste Zug ist bereits fix und fertig und wartet im Inbetriebsetzungs-Zentrum von Stadler Rail, dem Schweizer Hersteller, in Erlen, einer knapp 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde im Thurgau, auf seinen Einsatz. Alles, nur nicht Rot, lautete die Vorgabe an die Designer. Nichts dürfe an die ÖBB erinnern. Unspektakulär und ein wenig langweilig in Blau, Weiß und Grün sind nun die doppelstöckigen Waggons angemalt.

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