Alternative Energie : Biostrom, nein danke!

Die meisten Biogasanlagen belasten die Umwelt deutlich mehr, als sie ihr nutzen. Sie zerstören die Artenvielfalt, schädigen Gewässer und das Klima.

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg lässt sich die Zukunft der Energiewende besichtigen. Hier gilt das Leitmotiv »Raus aus der Atomkraft, rein in die Ökoenergie« nicht erst seit Fukushima , sondern schon seit den Anfängen von Gorleben . Antiatomplakate und -kreuze prägen die Landschaft, viele Wind-, Solar- und Biogasanlagen sowie Äcker voller Energiepflanzen. Schon versorgen sich die Wendländer vollständig mit Ökostrom. Doch sie wollen mehr: grüne Energie exportieren – möglichst viel, möglichst bald.

Das hat seinen Preis. Die Landschaft wird zum Kraftwerk, umgepflügt und industrialisiert. Eine Hauptrolle spielt dabei die Produktion von Biogas . Immer neue Kuppeln von Bioreaktoren sprießen aus dem Boden und oft gleich daneben: kilometerweit Mais, der ergiebigste Kraftstoff für die Ökomeiler. Er verändert nicht nur das Wendland, sondern weite Teile der Republik.

Die ökologischen Nebenwirkungen kennt kaum jemand besser als die Biologin Petra Bernardy. Sie lebt nördlich von Dannenberg in Hitzacker an der Elbe, ein Antiatomkreuz hängt an ihrem holzverkleideten Haus. »Ich bin für Biogas«, betont die Wissenschaftlerin, die unter anderem für das Bundesumweltministerium und das Biosphärenreservat Elbe forscht. Doch sie hadert mit den Folgen der Alternative: »Bitte keine weiteren Maisäcker mehr! Vor allem nicht mitten im Biosphärenreservat oder Vogelschutzgebiet!«

Bernardy zeigt auf eine Karte des Landkreises. Dreißig rosa Kreise leuchten darauf. Jeder steht für eine Biogasanlage und ihr Einzugsgebiet. In die wenigen freien Zonen zeichnet sie weitere Kreise: »Hier ist eine neue Anlage im Bau. Da ist eine genehmigt. Dort kommt noch eine hin, und da…« Das Wendland wird Gasland.

Um die Infografik anzuzeigen, klicken SIe bitte auf das Bild.© ZEIT-Grafik

Viele der Biogasanlagen liegen in oder neben Naturschutzgebieten. Das ist erlaubt. Landwirtschaft ist in Biosphärenreservaten, Vogelschutzgebieten und Lebensräumen nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) willkommen, solange sie im Einklang mit der Natur betrieben wird. Doch weil die Milch von Weidekühen kaum mehr Gewinne bringt, satteln Landwirte um und erzeugen lieber Biostrom. Wenn sie ihn einspeisen, bekommen sie dafür eine hohe Vergütung, garantiert auf 20 Jahre. Und jeder Stromkunde finanziert gemäß dem gerade renovierten Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) die fortschreitende Industrialisierung der Landschaft mit.

Umweltverbände kritisieren schon seit Langem die lebensfeindlichen Monokulturen. Erst kürzlich geißelte der Vorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) , Ludwig Sothmann, das EEG als »Auslöser der Vermaisung ganzer Regionen«. Der »ungesteuerte Wildwuchs bei den Biogasanlagen« beschleunige die Industrialisierung der Agrarwirtschaft.

Es ist paradox: Im Prinzip ist Biogas sinnvoll und wichtig für die Energiewende . Denn anders als der unstete Wind- und Solarstrom lässt es sich speichern, bei Flaute oder bedecktem Winterhimmel könnten die Bauern ihre Gasmotoren anwerfen und so Strom erzeugen. Die Wärme der Motoren ließe sich auch zum Heizen nutzen. Blockheizkraftwerke, so heißen die dezentralen Strom- und Wärmequellen, gelten als umweltfreundlich, sauber, flexibel und effizient.

Doch für die meisten Biogasanlagen trifft dieses Idealbild nicht zu. Im Gegenteil: Sie zerstören die Artenvielfalt, belasten die Umwelt und schaden teilweise sogar dem Klima. Das lässt sich belegen, Punkt für Punkt.

1. Zerstörung der Artenvielfalt

Petra Bernardy steuert ihr Auto durch die Landschaft ihrer Heimat. Noch dominiert vielerorts Grünland, doch immer wieder deutet sie auf Maisäcker links und rechts der Straße: »Das waren früher Weiden.« Auf dem neuen Elbdeich, nahe der alten Eisenbahnbrücke nach Dömitz, baut sie ihr Spektiv auf. Unten, auf der Landseite des Deiches, quaken Frösche. Qualmwasser, das unter dem Deich durchsickert, lässt wertvolle Flachgewässer entstehen. Früher gingen diese in weite Feuchtwiesen über – ein Dorado für Störche, Kiebitze, Lerchen. Davon ist nur ein schmaler Streifen am Qualmwasser geblieben. Schon dicht dahinter sprießen junge Maispflanzen. Auf einem hohen Pfahl thront ein Storchennest. Es ist leer. Von den einstigen Kiebitzschwärmen keine Spur.

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Kommentare

89 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Dieser Artikel hat einen deutlichen Drall

Es ist unbestritten, dass die im Artikel geschilderte Praxis eine Schweinerei ist.

Allerdings kann man jede beliebige Technologie durch unsinnige Anwendung ad Absurdum führen.

Insofern sind nicht die Biogasanlagen die Ursache des geschilderten Problems, sondern die Art und Weise, wie sie genutzt werden.

Man müsste schließlich nicht unbedingt die gesamte Umgebung mit Maisäckern vollklotzen. Man kann auch aus landwirtschaftlichen Abfällen, Küchenabfällen und vielen anderen Reststoffen Biogas erzeugen.

Zustimmung...

...Biomasse ist, meines Wissens, sowieso die ineffizinteste Nutzung der vorhandenen Fläche. Schätzungen gehen von 1-10 kWh pro Jahr und m2 aus (letzteres wahrscheinlich nur mit Wärmeausnutzung + Gas). Selbst Photovoltaik liegt da um den Faktor 10 drüber. Es wäre also energetisch sinnvoller alles mit PV vollzupflastern:
http://www.hohentannen.ch...

Bei diesen Größenordnungen fällt auch das Argument:
"Denn anders als der unstete Wind- und Solarstrom lässt es sich speichern"
weg. Für die Kosten dieser uneffektiven Technologie, könnte man auch Speicherbatterien in Größenordnungen anschaffen oder den Strom erst in Wasserstoff umwandeln oder ähnliches. Das senkt die Effizienz, ist aber ziemlich sicher trotzdem noch besser.

Alles mit PV vollpflastern kann aber auch keine Lösung sein, dazu würde ich erstmal Flächen nutzen, die ohnehin schon zugepflastert sind: Straßen, Supermärkte, Hausdächer, Parkplätze. Da ist noch genügend Spielraum.

Warum also nutzt man Biomasse wirklich? Ich vermute Lobby-bedingt. Sie verschafft den Bauern Einnahmen, die sie dank dem Weltmarkt nicht mehr haben. Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig anderswo die Leute hungern, weil die Preise steigen (wir ihnen die Sachen wegkaufen), könnte ich wütend werden.

Aber so ist sie halt die Politik, selten sinnvoll und logisch und dem Markt und den Lobbies treu ergeben...

Fehlsubventionierung wieder einmal die Ursache

Das Problem liegt ja nicht nur ausschließlich bei den Bauern, sondern auch bei der Politik. Seit Jahren lässt sich ja schon eine Fehlsubventionierung des Agrarsektors beobachten und das nicht nur in Deutschland, sondern europaweit.

Und das Problem betrifft ja nicht nur die Erzeugung von Biogas zur Verstromung sondern auch im großen Maße den Anbau von Energiepflanzen zur Biokraftstofferzeugung. Diese sind ebenfalls teilweise klimaschädlicher als konventionelle Treibstoffe (http://www.zukunft-mobili...).

Aberch möchte den Bauern auch nicht unbedingt einen Vorwurf machen, sie versuchen auch nur den gewinnmaximalen Ertrag auf ihren Feldern einzufahren. Problematisch ist eher die Zielsetzung der Politik, bzw. die Beeinflussung derselben durch die Agrarindustrie in Europa. Die meisten Bauern würden meiner Meinung nach lieber unterschiedlichste Nahrungsmittelpflanzen anbauen als immer nur Mais und Raps. Aber für diese beiden gibt es nunmal die höchsten Subventionen und auch keinen Handel bzw. schlussendlich Verbraucher, die die (Einkaufs-)Preise möglichst weit gedrückt sehen wollen...

Fehlsubventionierung...

...oder auch Fehlpolitik. Warum kaufen wir einerseits den Weltmarkt leer, während andererseits bei uns die Bauern subventioniert werden müssen, damit sie die Höfe nicht ganz dichtmachen?

Einerseits wird alles auf dem *Weltmarkt* an irgendwelchen Lebensmittelbörsen billigst verramscht, andererseits müssen wir das Preisgefälle dann über planwirtschaftliche Steuerfinanzierung (oder EEG-Umlage) wieder ausgleichen. Wer denkt sich sowas aus?