In der Ferne steigt auf einem trockenen Maisfeld eine braune Wolke auf, als drehe sich dort eine Windhose. Doch kein Lüftchen weht. Mit dem Fernglas ist die Ursache auszumachen: Das aufgescheuchte Damwildrudel wirbelt massenhaft Staub auf. Sollte tatsächlich ein Sturm über das Land ziehen, wären Verwehungen unausweichlich. So wie im April in Mecklenburg-Vorpommern: Auf der A19 bei Rostock kollidierten Dutzende von Autos, weil ihre Fahrer nichts mehr sahen. Ein Sturm hatte den Staub von den offenen Ackerflächen herübergeweht. Mehrere Menschen starben.

Christian Foth deutet auf einen tief liegenden Maisacker am Ufer der Steinau. »Diese Senke steht am Ende des Winters jeweils unter Wasser«, sagt er. Sie sei ein Sammelbecken für Schmelzwasser und Drainagen aus den umgebenden Feldern. »Mit Pumpen wird sie trockengelegt, mit Gärresten aus der Biogasanlage gedüngt und zur Maiszucht genutzt«, erklärt Foth. Das nährstoffreiche Dreckwasser landet dann in der Steinau. Umweltschutz absurd: Die Gemeinschaft finanziert millionenteure Renaturierungen – und zugleich über Zwangsbeiträge agroindustrielle Gasquellen, die den Gewässerschutz aushebeln.

3. Erschreckende Klimabilanz

Die Gefährdung der Artenvielfalt und der Gewässer ließe sich allenfalls rechtfertigen, wenn Biogas hervorragend das Klima schützte. Doch gerade das ist oft fraglich. Zwar verbrennt Biogas klimaneutral, das entstehende Kohlendioxid haben ja Pflanzen zuvor aus der Luft geholt. Doch dem stehen erhebliche Klimabelastungen entgegen. So kostet es viel Energie, für eine Anlage Tausende Tonnen Mais anzubauen, ihn zu düngen, vor Schädlingen zu schützen, zu ernten, zu häckseln, zu transportieren, zu silieren, unter Umwälzen zu vergären und die gewaltigen Gärrestmengen wieder auf den Feldern zu verteilen.

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Zudem treiben Biogasproduzenten ein heikles Spiel mit zwei potenten Treibhausgasen: Methan, der Energieträger im Biogas, befeuert den Treibhauseffekt 25-mal so stark wie CO 2 . Und Lachgas (N 2 O), das bei der Biogasproduktion entsteht, hat ein 300-mal so großes Treibhauspotenzial wie CO 2 . Methan kann in die Umwelt entweichen, Biogasanlagen sind nicht absolut dicht. Sie müssen bei Störungen zugänglich sein, etwa wenn ihr Rührwerk klemmt; oder sie lassen Gas ab, um Überdruck abzubauen. Zudem verbrennt Biogas wegen seiner geringen Qualität unvollständig im Motor. »Methanschlupf« heißt dieser Verlust.

Da die Gärreste nie voll vergoren sind, rülpsen und furzen überdies die sie zersetzenden Mikroben im Gärrestebecken munter weiter. Oft sind diese Becken nicht einmal abgedeckt. Weil Methan ein so hohes Treibhauspotenzial besitzt, genügen schon wenige Prozent Verlust, um die Klimabilanz kräftig zu verhageln. Dies passiert häufig, lässt sich jedoch kaum exakt beziffern, da Leckagen, Reparaturen oder Druckschwankungen schwer erfassbar sind. In der Fachliteratur werden Biogasverluste mit bis zu 15 Prozent beziffert.

Noch schwerer messbar sind die Lachgasemissionen. Sie entstehen hauptsächlich aus Gärresten und wenn die Felder mit Stickstoff (N) gedüngt werden. Mit dem Sauerstoff (O) aus der Luft produzieren Mikroben daraus N 2 O. Der Mais nimmt beim Heranwachsen nur einen Teil des üppigen Stickstoffangebots auf. Da sich große Felder schlecht ganzjährig komplett abdecken lassen, um ihre Lachgasemissionen zu messen, wird in Klimabilanzen ein Schätzwert benutzt: Etwa 1,25 Prozent des eingesetzten Stickstoffs werde in Lachgas umgewandelt. Vermutlich ist das jedoch viel zu niedrig bemessen.

Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen veranschlagt neuerdings die Lachgasemissionen zwei- bis dreimal so hoch. Dann würden sie zur größten Klimabelastung, die Biogasanlagen regulär verursachen. Die Gesamtemissionen für diesen Biostrom liegen meist viel höher als jene für Ökostrom aus Wasser, Wind oder Sonne. Vergleicht man sie mit jenen moderner Kraftwerke, die fossiles Erdgas nutzen, dann wird klar: Strom aus Erdgas kann sogar klimaschonender sein als solcher aus Pflanzen.

Leider werden Biogasanlagen außerdem nicht als intelligente Lückenfüller für Ökostrom genutzt, sondern laufen stur rund um die Uhr. Dadurch verschwenden sie besonders im Sommer viel Wärme. Noch ein weiterer, wichtiger Aspekt wird in den Klimabilanzen für Biogas oft übersehen: die Änderung der Landnutzung. Wird Weideland umgepflügt zum Maisacker, dann enthält der Boden zunächst viel Humus. Der darin gespeicherte Kohlenstoff verwandelt sich durch verstärkten Luftkontakt in CO 2 . Je nach Bodentyp können diese Emissionen so hoch sein, dass man jahrelang Bioenergiepflanzen darauf anbauen muss, um allein diesen Klimaeffekt auszugleichen.

Der Gesetzgeber hat das Problem der Vermaisung erkannt, doch das neue EEG schiebt ihr nur einen allzu schwachen Riegel vor. Dabei ließen sich die Umweltschäden einfach vermeiden. Man müsste sich bloß an ein sozialökologisches Grundprinzip halten, das gerade international zum Standard wird: Landwirtschaft soll zuerst der Ernährung von Menschen dienen, dann Futter für Tiere liefern, dann Rohstoffe wie Baumwolle und erst zuletzt Energie aus Bioabfällen und -reststoffen. Das würde die staatlich geförderte Massenproduktion frischer Pflanzen für Biostrom verbieten. Es würde Vögeln wie dem Kiebitz und Gewässern wie der Steinau helfen. Und dem Klima auch.

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