Kinderbetreuung Spielen, wo der Rhabarber wächstNeue Eindrücke

Eine Landwirtin und eine Erzieherin haben auf einem Bauernhof zusammen einen Kindergarten gegründet.

Bist du wahnsinnig? Die Kinder zwischen den Maschinen?!« So etwas hatte Ulrike Cohrs von Bekannten zu hören bekommen, wenn sie äußerte, dass sie auf ihrem Bauernhof einen Kindergarten eröffnen wolle. Inzwischen gibt es ihn seit gut zwei Jahren, und Bedenken hört sie keine mehr. Im Gegenteil: Der Bauernhofkindergarten Wilkenshoff in Hollenstedt, in der Nähe von Hamburg gelegen, wird beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen (LGLN) als besonders gelungenes Beispiel bezeichnet, wenn es um die neue Nutzung landwirtschaftlicher Gebäude geht.

»Die alten Höfe sind oft zu groß für das, was heute an Landwirtschaft übrig ist«, sagt Iris Geisler-Berneis vom LGLN Lüneburg. »Frau Cohrs macht vor, wie man die Gebäude trotzdem mit Leben füllen kann.« Um ähnliche Vorhaben zu fördern, stellt Niedersachsen zusätzliche Gelder bereit, dieses Jahr 4,2 Millionen Euro aus nationalen und EU-Mitteln. Jedes Projekt wird mit bis zu 75.000 Euro gefördert. So bekommen Bauern die Möglichkeit, leer stehende Gebäude so umzubauen, dass sie ihnen zusätzlich zur Landwirtschaft Geld einbringen. Gleichzeitig sollen auf diese Weise historische Gebäude erhalten und Arbeitsplätze geschaffen werden, damit die Dörfer nicht verfallen. Ähnliche Programme gibt es auch in den anderen Bundesländern. Im Rahmen der Umnutzung oder »Diversifizierung« – der Entwicklung weiterer Betriebszweige – entstehen in Ställen und Scheunen dann Ferienwohnungen, Reithallen, Ateliers – und vereinzelt auch Kindergärten. Ungefähr 15 Bauernhofkindergärten gibt es deutschlandweit.

Anzeige

Es ist kurz nach acht Uhr morgens. In Gummistiefeln, Jeans und Fliesjacke betritt Ulrike Cohrs den Stall. Sie gibt ihren Kühen Heu, das sie von einem großen Rundballen löst. Dann ergreift sie eine Mistgabel, klettert durch das Gatter zu den Tieren und beginnt mit energischen Bewegungen, Stroh auf dem Boden zu verteilen. »Ich kenne sie und sie kennen mich«, sagt die 36 Jahre alte Landwirtin über ihre Mutterkühe der Rasse Charolais. Sie haben weißes, lockiges Fell. »Aber den Bullen habe ich immer im Blick. Man weiß nie, wie er drauf ist.«

Sie führt den Hof in der 13. Generation. Sieben Frauen haben ihn in den mindestens 360 Jahren seines Bestehens übernommen, zuletzt die Großmutter von Ulrike Cohrs. Diese, als achte Hofherrin, hat den Betrieb auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Dazu gehören 70 Hektar Acker- und Grünland, 25 Hektar Wald, ein Fischteich, Birnen- und Apfelbäume, ein großer Gemüsegarten, Schweine, Pferde und Hühner. Den Winter nutzt sie dazu, eine Halle für die Pferde zu bauen. »Es kostet sehr viel Kraft, so vielseitig zu sein, weil man auch viel zu bedenken hat«, sagt Ulrike Cohrs.

Der Kindergarten sei ihr eine Herzensangelegenheit, nicht nur weil sie so eine Betreuung für ihre eigene Tochter habe. Sie wolle auch anderen Kindern ein Aufwachsen auf dem Bauernhof ermöglichen: »Hier nehmen sie eine Grundlage an natürlichem Verhalten mit, an Umgang mit Tieren und Pflanzen. Computer und Gameboy kommen früh genug.« Außerdem erfreue es sie einfach, wie die Kinder den Hof belebten.

»Muuuuuhhh!« Laut rufend, stürmen 15 Kindergartenkinder in den Kuhstall. »Nicht so laut, die Tiere erschrecken sich«, mahnt Karin Toma, die Leiterin des Kindergartens. Dann, ruhiger und behutsam, nehmen die Kinder die Arme voll Heu und füttern die Kühe zum zweiten Mal. »Die ist aber lieb«, sagt ein Mädchen, dem eine Kuh aus der Hand frisst. Die Kinder sind zwischen drei und sechs Jahre alt und erst so groß, dass sie mit den Kühen auf Augenhöhe stehen. Für sie ist der Stall ein Abenteuerspielplatz. Nach der Fütterung klettern sie auf die Rundballen und toben in den Gängen und Höhlen im Heu. Als es Zeit für ihr Frühstück ist, stellen sich die Kinder in Zweierreihen neben das Stallgebäude. Ulrike Cohrs rangiert gerade mit dem Trecker. Als der Weg frei ist, schaut Karin Toma hörbar nach »links, rechts, links« und führt die Gruppe über die Dorfstraße hinüber zum Bauernhaus: »Unsere einzige Möglichkeit, hier Verkehrserziehung zu machen.«

Leser-Kommentare
  1. In der Debatte um Kinderbetreuung wird die wichtigste Frage selten gestellt: WIE soll die Betreuung denn aussehen? Unabhängig übrigens davon, ob die Betreuung die eigenen Eltern, bezahltes Personal oder staatliche Aufsicht übernimmt. Wir hören viel über "Bildung", aber wenig über Freiräume, Sinneseindrücke, Herumtollen und die pure Notwendigkeit unkontrollierten Sich-Bewegens und Sich-Entwickelns. Auch wenn das hier ("Zweierreihen" usw.) sich noch etwas überdiszipliniert und nach weiblichem Erziehungsmilitär anhört: Zeit am Bauernhof ist immer besser als Ablagerung und Stillstellung von Kindern in Zweizimmerappartements bei sogenannten "Müttern" oder in Bewahranstalten mit dem Charme einer materiarchalen Stilllegungskaserne: Ritalin statt Drill. Nein - laufen, schnuppern, Tiere, Hinfallen dürfen, Schürfwunden nicht als Anlass zu erstickender Überbetütelung erleben müssen, Versteck spielen (und sich auch mal zur Übung des Orientierungsvermögens verlaufen), im Fluss baden, durch den Wald pirschen, auch mal unbeaufsichtigt sein, jubeln dürfen, mit Stöcken werfen, sich auch mal schlagen - das ist wichtig! Sich selbst erfahren dürfen und nicht nur die Ängste der Obrigkeit. Deshalb: Bitte verschont uns mit zuviel leiblichen oder angemieteten Erzieherinnen - und wenn: Dann bitte auf dem Bauernhof, wo man denen leichter für ein paar Stunden entfleuchen kann als in den videoüberwachten Städten. Schimpfen tun sie so der so... das unbeschadet auszuhalten muss ja auch trainiert werden.

  2. Wir haben eh zu wenig KindergartenPlätze, und in allen Wohngebieten hört man sofort Negativ Stimmen wenn eine Neuer Kindergarten aufgemacht werden soll.

    Also warum nicht auf einen Bauernhof etwas Auserhalb der Wohngebiete inn leerstehenden Räumen. So haben die Kindier viel Platz zum spielen und toben und die Eltern im Wohngebiet ihre ruhe. Villeicht braucht man zwar einen Atuo um das kind hinzubringen und abzuhohlen, was aber auch mit Fahrgemeinschaften zu bewältigen ist.

    Und wer Angst vor all den Landmaschinen hat, sollte einsehen das dafür der Stadtverkehr ebend nicht da ist, so das das Risiko eigentlich geringer sind dürfte.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Stimmen hören Sie denn in Wohngebieten? Ich habe in meinem Wohngebiet noch nie jemanden über Kindergärten reden hören....nur diejenigen, die sagen, dass es zu wenig gibt...Außer Eltern kümmert das doch keinen...Ich möchte mal wissen, welche Negativstimmen sie hören....oder war das jetzt einfach nur so schnell dahingeschrieben?

    ... gibt es Leute, die über Kindergärten in Wohngebieten meckern. Ich frage mich nur, was das für Leute sind, die zu den Zeiten, in denen Kindergartenkinder Lärm machen, unbedingte Ruhe brauchen.
    Meine Mutter zum Beispiel wohnt neben einem Kindergarten. Wenn die draußen spielen, setzt sie sich mit der Kaffeetasse auf den Balkon und freut sich über die vielen fröhlichen Kinder.

    Und wer Nachtschicht gearbeitet hat und schlafen will, oder wer sein Büro dort hat, kann ja die Fenster zumachen, wenn er Kinderlärm für ähnlich schlimm wie einen Presslufthammer hält.

    Stimmen hören Sie denn in Wohngebieten? Ich habe in meinem Wohngebiet noch nie jemanden über Kindergärten reden hören....nur diejenigen, die sagen, dass es zu wenig gibt...Außer Eltern kümmert das doch keinen...Ich möchte mal wissen, welche Negativstimmen sie hören....oder war das jetzt einfach nur so schnell dahingeschrieben?

    ... gibt es Leute, die über Kindergärten in Wohngebieten meckern. Ich frage mich nur, was das für Leute sind, die zu den Zeiten, in denen Kindergartenkinder Lärm machen, unbedingte Ruhe brauchen.
    Meine Mutter zum Beispiel wohnt neben einem Kindergarten. Wenn die draußen spielen, setzt sie sich mit der Kaffeetasse auf den Balkon und freut sich über die vielen fröhlichen Kinder.

    Und wer Nachtschicht gearbeitet hat und schlafen will, oder wer sein Büro dort hat, kann ja die Fenster zumachen, wenn er Kinderlärm für ähnlich schlimm wie einen Presslufthammer hält.

  3. Finde ich klasse. Hoffenlich macht das Schule und es gibt dann auch was in unserer Nähe.

  4. 4. Toll!

    Möchte nur anmerken, dass man Oma fragen sollte, in welchen Dosen Kinder Rhabarber essen sollten und wie - smile.

    Und dass Rhabarber später gerne einer der Hauptverursacher ist bei Nierensteinen. Er entwässert natürlich auch gut.

    Ich habe als Kind alle meine Ferien und einige lange Wochenenden auf dem Hof meines Götte (Taufpaten) verbracht. Und davon zehre ich heute noch!

    Alles Gute für die Aktion.

  5. Stimmen hören Sie denn in Wohngebieten? Ich habe in meinem Wohngebiet noch nie jemanden über Kindergärten reden hören....nur diejenigen, die sagen, dass es zu wenig gibt...Außer Eltern kümmert das doch keinen...Ich möchte mal wissen, welche Negativstimmen sie hören....oder war das jetzt einfach nur so schnell dahingeschrieben?

    Antwort auf "Super Idee"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt auch Leute, die Kinder"lärm" als störenden Lärm empfinden. Soweit ich weiß, sind die aber vor Gericht nie damit durchgekommen, das ist auch gut so.

    Es gibt auch Leute, die Kinder"lärm" als störenden Lärm empfinden. Soweit ich weiß, sind die aber vor Gericht nie damit durchgekommen, das ist auch gut so.

  6. Es gibt auch Leute, die Kinder"lärm" als störenden Lärm empfinden. Soweit ich weiß, sind die aber vor Gericht nie damit durchgekommen, das ist auch gut so.

    Antwort auf "Welche...."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ob in Berlin, Hamburg oder München, Fälle, in denen Kindergärten schließen mussten, weil die Nachbarn sich über den Lärm beschwert haben, gibt es doch immer häufiger. Ich finde das traurig. Habe selbst mal an einem Kindergarten gewohnt und kann nicht nachvollziehen, wie man sich von vormittäglichem Kindergeschrei gestört fühlen kann. Unangenehm waren nur die Bring- und Abholzeiten, wenn die Eltern vor Ort waren und mitgeschrieen haben...

    "Kinderlärm ist Zukunftsmusik!" habe ich neulich irgendwo gelesen und fand ich einen sehr schönen Satz.

    Den Bauernhof-Kindergarten finde ich toll!

    Ob in Berlin, Hamburg oder München, Fälle, in denen Kindergärten schließen mussten, weil die Nachbarn sich über den Lärm beschwert haben, gibt es doch immer häufiger. Ich finde das traurig. Habe selbst mal an einem Kindergarten gewohnt und kann nicht nachvollziehen, wie man sich von vormittäglichem Kindergeschrei gestört fühlen kann. Unangenehm waren nur die Bring- und Abholzeiten, wenn die Eltern vor Ort waren und mitgeschrieen haben...

    "Kinderlärm ist Zukunftsmusik!" habe ich neulich irgendwo gelesen und fand ich einen sehr schönen Satz.

    Den Bauernhof-Kindergarten finde ich toll!

  7. Ich bin begeistert. Hier ist super viel Landwirtschaft und kein einziger Bauernhof Kindergarten! Sehr bedauerlich. Aber genau diese Konzepte sind die Ideen der Zukunft. Wo sonst lernen Kinder so direkt, worum es im Leben geht? Super. Alle Daumen hoch und bitte mehr davon!!!

    P.S.: Neulich hatte mich noch eine ältere Frau auf Lärm im Wohngebiet ansprochen. Zitat: Wir sind immer froh, wenn der Kindergarten endlich Ferien macht, dann ist es so friedlich und ruhig hier!! - Nicken und Zustimmung von den umstehenden Rentnern - Kopfschüttel und Kinder einpacken von meiner Seite!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nach meiner Scheidung musste ich meine Söhne, damals 8 und 4 Jahre alt in der Vaterzeiten immer "bespaßen" neben anderen tollen Sachen. Schwimmbad/Hallenbad gehörten dazu. Das am Sonntagmorgen. Oh man, Gekreische bis zum geht nicht mehr.
    Nachgedacht wo es ruhiger sein könnte. Den älteren Sohn gefragt und der sagte, "geh doch auf den Friedhof".

    Das Thema ist durch seither.

    Nach meiner Scheidung musste ich meine Söhne, damals 8 und 4 Jahre alt in der Vaterzeiten immer "bespaßen" neben anderen tollen Sachen. Schwimmbad/Hallenbad gehörten dazu. Das am Sonntagmorgen. Oh man, Gekreische bis zum geht nicht mehr.
    Nachgedacht wo es ruhiger sein könnte. Den älteren Sohn gefragt und der sagte, "geh doch auf den Friedhof".

    Das Thema ist durch seither.

  8. Ob in Berlin, Hamburg oder München, Fälle, in denen Kindergärten schließen mussten, weil die Nachbarn sich über den Lärm beschwert haben, gibt es doch immer häufiger. Ich finde das traurig. Habe selbst mal an einem Kindergarten gewohnt und kann nicht nachvollziehen, wie man sich von vormittäglichem Kindergeschrei gestört fühlen kann. Unangenehm waren nur die Bring- und Abholzeiten, wenn die Eltern vor Ort waren und mitgeschrieen haben...

    "Kinderlärm ist Zukunftsmusik!" habe ich neulich irgendwo gelesen und fand ich einen sehr schönen Satz.

    Den Bauernhof-Kindergarten finde ich toll!

    Antwort auf "Leider doch"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service