Bewerbungsgespräch Das Zitat ... und Ihr Gewinn
Peter F. Drucker sagt: Das Wichtigste in einem Gespräch ist, zu hören, was nicht gesagt wurde.
Was Firmen in Vorstellungsgesprächen von sich behaupten, ist oft so weit von der Wahrheit entfernt, als wären Heiratsschwindler am Werk. Da bläst sich eine Provinzfirma vor dem Bewerber zum »Marktführer« auf, auch wenn dieser »Markt« an der letzten Haltestelle des Stadtbusses endet.
Da verkauft sich eine Schlafwagen-Firma als »innovativ und für alle Ideen der Mitarbeiter offen«, auch wenn diese Ideen im Alltag vom Management wie Brotkrumen vom Tisch gewischt werden. Die offene Position wird als Himmelreich beschrieben, auch wenn mittlerweile drei Vorgänger an diesem Job verzweifelt sind und sich von ihren Burn-outs kurieren. Und derselbe Vorgesetzte, der dem Bewerber aus dem Mantel hilft und Kaffee nachschenkt, erinnert bei seinen Wutanfällen im Alltag auffällig an Rumpelstilzchen.

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn". Gerade ist sein neuestes Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus" erschienen
Für Vorstellungsgespräche gilt frei nach Peter F. Drucker, dem großen Management-Vordenker: Glauben Sie nicht alles, was Sie hören – das Wichtigste ist, was nicht gesagt wird!
Wenn Sie zum Beispiel am Ende des Gespräches fragen, welches die größten Schwierigkeiten in Ihrem neuen Job wären, dann ist eine ausweichende Antwort auch eine: Offenbar will man Ihnen die – womöglich explosive – Wahrheit verschweigen. Jeder neue Mitarbeiter wird als Problemlöser eingestellt. Wenn eine Firma leugnet, überhaupt Probleme zu haben, müssen diese beschämend groß sein.
Oder erkundigen Sie sich, was aus dem letzten Inhaber der Stelle geworden ist. Was fand er am schwierigsten an seinem Job? Fällt die Antwort der Firmenvertreter einsilbig aus, ist Gefahr in Verzug. Denn dieselbe Schlangengrube, in der Ihr Vorgänger festsaß – zum Beispiel überzogene Ansprüche eines Vorgesetzten – wartet nach Ihrer Einstellung auf Sie.
Weitere Signale, auf die Sie achten sollten: Wie behandelt der Chef die Sekretärin, die den Kaffee bringt? In welcher Tonlage sprechen Ihre Gesprächspartner miteinander? Und werden Sie bei Ihrem Gespräch wie ein Gast behandelt – oder eher wie ein Verdächtiger beim Verhör?
Was Sie zwischen den Zeilen lesen, ist meist wahrer als das polierte Verbal-Kleingeld der gesprochenen Worte. Gehen Sie jedem Verdacht, jedem unguten Gefühl durch eine gründliche Recherche nach, ehe Sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Oft wird übersehen, dass sich in einem Vorstellungsgespräch nicht nur die Firma für oder gegen einen Bewerber entscheiden kann – sondern auch umgekehrt!
- Datum 17.07.2011 - 19:37 Uhr
- Serie Das Zitat und Ihr Gewinn
- Quelle DIE ZEIT, 14.7.2011 Nr. 29
- Kommentare 26
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schöner artikel!! es stimmt, man vergisst oft seinen eigenen stellenwert und vergisst, die passung aus beiden perspektiven zu betrachten!! wenn alle zuerst an die eigene psychohygiene bei der arbeit denken würden, würden sich irgendwann auch die arbeitsbedingungen dem anpassen, wenn plötzlich keiner mehr bei dumpingbetrieben o.ä. annehmen würde, weil er denkt, nicht anders zu können. aber gut, das ist ideelles denken ... aber dennoch wahr. die zwei, drei anregungen zu kritischen fragen finde ich auch sehr interessant. einerseits irgendwie auf der hand liegend und logisch, aber eben halt zu selten ausgesprochen!!
Genau das habe ich erlebt, als ich bei einer "Firma" dreimal nach dem Gehalt und evtl. Zusatzvergütungen nachfragen mußte. Aber die Firma hat sich schon desavouriert, als sie mich als 80km entfernt lebenden Kandidaten zum zweiten Mal nach einem Jahr anrief, obwohl mein Profil gar nicht zur Stelle paßte. Heißt: in 80km Umkreis gab es keinen willigen Bewerber außer einem, der eigentlich schon einmal abgelehnt hatte.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung im Kommentarbereich. Danke, die Redaktion/jz
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Der Artikel ist gut getroffen. Ich muss gestehen, ich bin schon zweimal reingefallen in meiner Begeisterung für die Möglichkeiten des neuen Jobs. Das liegt auch daran, dass die Übertreibung und Schönfärberei manchmal so dreist ist, dass man es kaum glauben kann. Gerade bei kleinen Firmen ist die Arbeitsweise und das Betriebsklima oft sehr individuell, und die Belegschaft kennt es nicht anders.
Besonders anfällig für Missgriffe scheint der Wechsel zum zweiten Arbeitsplatz zu sein, gerade wenn man es mit dem ersten Arbeitsplatz gut getroffen hat.
Ich würde daher noch ergänzen, dass man sich von Aufstiegschancen nicht blenden lassen sollte - im Zweifelsfall kann das Schall und Rauch sein.
Die Testfrage klingt gut und dürfte auch nicht als Provokation empfunden werden.
Einem unguten Gefühl sollte man auch immer nachgehen, denn der Bauch nimmt manchmal mehr wahr als der Kopf.
Richtig erkannt, Herr Wehrle:
In Deutschland geht man nicht zum Bewerbungsgespräch, sondern zum Verhör. Selbst mit besten Referenzen und Berufserfahrung wird man zum Bittsteller degradiert. Keine ausländische Fachkraft tut sich diesen Umgang an und schon gar nicht zu diesen Gehältern.
Ich kann mich noch gut an ein Bewerbungsgespräch bei einem sehr großen Unternehmen in Ingolstadt erinnern, in dessen Verlauf der künftige Vorgesetzte mehrfach von seinem Vorgesetzten aus dem Gespräch gerufen wurde, was zu einem vollkommen zerfahrenen und unsinnigen Gespräch führte. Als ich anderntags die Sache von mir aus beendete, war vollkommenes Unverständnis die Folge - Wie, Sie wollen nicht? Hier will doch jeder hin!
Und schon hatte ich die Lektion gelernt, dass große Namen blenden können - am besten man vertraut schlicht sich selbst.
Hallo flinke perioden met zon,
.
An solche Gespräche erinnere ich mich auch noch gut: Vollkommen desinteressierte Personalchefs, die eine Stunde zu spät zum Termin erschienen und sich nicht entschuldigten, die meinem Lebenslauf nichtmal eine Sekunde gewidmet hatten, die immerfort ans Handy gingen und keine einzige sinnvolle Frage stellten - alles schon erlebt!
.
Beim letzten Mal ist mir das bei einem Berliner E-Technik-Unternehmen passiert. Das Merkwürdige: Außer dem Personalchef waren alle, die ich dort traf oder mit denen ich telefoniert hatte, total nett. Mit denen hätte ich gerne zusammengearbeitet. Der Personalchef ist offenbar an seine Stelle strafversetzt worden!
.
Zu der Zeit war ich im letzten Monat meines Zweitstudiums. Ich habe meine Studienkollegen vor diesem Unternehmen gewarnt. Der Personalchef ist eines der wichtigsten Aushängeschilder eines Unternehmens.
Hallo flinke perioden met zon,
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An solche Gespräche erinnere ich mich auch noch gut: Vollkommen desinteressierte Personalchefs, die eine Stunde zu spät zum Termin erschienen und sich nicht entschuldigten, die meinem Lebenslauf nichtmal eine Sekunde gewidmet hatten, die immerfort ans Handy gingen und keine einzige sinnvolle Frage stellten - alles schon erlebt!
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Beim letzten Mal ist mir das bei einem Berliner E-Technik-Unternehmen passiert. Das Merkwürdige: Außer dem Personalchef waren alle, die ich dort traf oder mit denen ich telefoniert hatte, total nett. Mit denen hätte ich gerne zusammengearbeitet. Der Personalchef ist offenbar an seine Stelle strafversetzt worden!
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Zu der Zeit war ich im letzten Monat meines Zweitstudiums. Ich habe meine Studienkollegen vor diesem Unternehmen gewarnt. Der Personalchef ist eines der wichtigsten Aushängeschilder eines Unternehmens.
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... leicht bis mittelschwer überzogene Vorstellungen sowohl von sich und ihrer "Unternehmensleistung" (vorallem so familiengeführte Drittgenerationsschmieren im Süddeutschen) als auch vom "sagenhaften" Umfeld, in dem dann trotz "immerhin knapp 100.000" Einwohnern weder ein Theater noch ein brauchbares Kino, völlig zu schweigen von einigermassen erträglicher Gastronomie die fehlende Buschprämie zu ersetzen vermag.
Aus leidvoller Erfahrung rate ich dringend, eine Woche dort zu urlauben, wo man sich erfolgreich beworben hat, bevor die Gehaltsverhandlungen abgeschlossen werden, denn ohne spürbares Schmerzensgeld für die fälligen Wochenenden im entfernten Kulturraum sind viele Gegenden kaum erträglich.
Vermehrt wird versucht das "Recruiting" auf elektronischem Wege abzuwickeln. Fragt man nach, weiß niemand etwas. Auch zu den Inhalten der Stellenbeschreibung bekommt man oft keine verläßlichen Informationen.
Weiterere Fallstricke sind die genaue Beschreibung der Position und deren Einordnung in der Hirarchie. Die spätere Hauptkontaktpersonen sollte man vorher kennen lernen.
Auch sollte man sich nach der Unterstützung durch die übergeordneten Chefs erkundigen. Sonst steht man im Unternehmen plötzlich ohne Rückendeckung da.
Besondere Vorsicht ist bei neu geschaffenen Stellen angesagt. Hier muss man unbedingt prüfen, ob das Konzept überhaupt Sinn macht.
Dient die Stelle zunächst nur einem Projekt, was passiert, wenn es wegfällt oder nach seinem Ende? Wissen die Chefs schon von dem großartigen neuen Produkt, dass hohe Investitionen erfordert?
Es ist auch beliebt, bei den Neuen die Standards nach unten zu schrauben (Nebenleistungen wie Telefon und Auto, Umzugskosten). Diese Dinge muss man alle gleich aushandeln, auch wenn es nervend ist. Ein bloßer Verweis auf das Personalbüro, heißt meist Nein.
Last not Least ist die Solvenz der Unternehmen extrem wichtig. Hohe Investitionen (=viele neue Mitarbeiter) belasten Unternehmen enorm. Also wirklich nach Gewinn und Liquidität fragen.
Warum sollte es denn hier anders zugehen wie in der Politik?
Floskeln, Phrasen und oft nur "heiße Luft" in den Stellenangeboten und wenn man diese regelmäßig verfolgt, dann erkennt man als Bewerber schnell, dass es gerade in solchen Firmen mächtig "stinkt" die mit besonders "anrührigen" Inseraten zu bestimmten Jahreszeiten oder in regelmäßigen Abständen auf sich Aufmerksam machen:
Junges dynamisches Team:
Junge Leute, große Klappe, kommen oft zu spät zur Arbeit und natürlich unbezahlte Überstunden sind Pflicht - "alte" werden zwar genommen, die machen aber die Arbeit.
Flexibilität und Teamfähigkeit:
Klappe halten, stets "auf der Matte" stehen und Mehrarbeit gehören zum täglichen Tagesablauf.
Belastbar und Freude an der Arbeit:
Der AN "kotzt" schon am Morgen schneller als er gefrühstückt hat, weil nur Stress und Hektik den Tagesablauf bestimmen, die Kollegen sich oft Krank melden oder erst später zur Arbeit erscheinen (Schwerpunkt: Montag!)
Wir stellen ständig ein oder suchen ständig neue Mitarbeiter:
Hohe Fluktuation mit einem Betriebsklima, dass einem das Blut in den Adern gefrieren lässt! Unbefristete Arbeitsverhältnisse sind Utopie.
Zeitliche Aufeinanderfolge von Stellenangeboten bestimmter Firmen:
Leute werden nur eingestellt, wenn Fördermittel fließen oder es erfolgen nach der Probezeit von 6 Monaten die "geplanten" Rauswürfe. Unbefristete Arbeitsverhältnisse sind Utopie.
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