Es ist nur eine kleine Zahl. Aber da steht es schwarz auf weiß. Eine Vier in Mathematik. Die Leistung ist ausreichend, heißt das. Für Lea Breitenbach und ihre Eltern ist sie weit mehr. Sie ist ein lange erkämpfter Sieg. Lea besucht die fünfte Klasse der Glauber-Realschule im unterfränkischen Karlstadt, und die Vier im Zwischenzeugnis ist die erste Mathe-Note ihres Lebens. Seit der ersten Klasse war die Notengebung in Mathe bei ihr ausgesetzt worden. Noch vor zwei Jahren waren eine Vier in Mathe und die Realschule weit entfernt. Wäre es nach den zuständigen Politikern und Beamten gegangen, wäre Lea heute auf der Förderschule.

Dabei ist das zierliche Mädchen mit den langen braunen Haaren eine passable Schülerin. Eine Eins in Religion, eine Zwei in Erdkunde, Dreier in Deutsch und Englisch. Doch Zahlen sind für sie eine fremde Welt. "Rechnen ist was für die anderen", sagte sie schon in der dritten Klasse. Die Elfjährige kann bis heute nicht sicher bis zwanzig rechnen, Größen und Mengen nicht schätzen, hat Probleme in der räumlichen Vorstellung. Lea fehlt die Fähigkeit, Mathematik zu verstehen.

Dyskalkulie ist das Fachwort für diese Rechenschwäche. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet sie als Teilleistungsstörung. Das heißt: Wer Dyskalkulie hat, bringt auf anderen Gebieten ausreichende Leistungen, ist mindestens normal intelligent. Die Rechenstörung zeichnet sich aus durch das vollkommene Missverstehen der Mathematik. Dyskalkuliker haben vor allem mit den Grundrechenarten Schwierigkeiten. "Sie haben keine Vorstellung, dass sich hinter Zahlen Mengen verbergen. Für sie ist Mathematik wie eine Fremdsprache, die sie nicht verstehen", erklärt Inge Palme, Beraterin beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Schlechte Mathe-Noten können Schülern die Zukunft verbauen

Zwischen vier und sechs Prozent der Bevölkerung haben eine solche Rechenschwäche, schätzen Wissenschaftler. Das entspricht rund vier Millionen Deutschen. Im Schnitt sitzt damit in jeder Schulklasse mindestens ein Dyskalkuliker. Wenn es Zeugnisse gibt, bangen vor allem oft solche Kinder und ihre Eltern um die Mathe-Note. Denn gerade beim Übergang in die weiterführenden Schulen kann diese Note entscheidend sein.

Obwohl die Rechenstörung weit verbreitet ist, ist es das Wissen darüber nicht. Anders als bei ihrem Pendant in der Buchstabenwelt, der Legasthenie, sind mit der Rechenschwäche konfrontierte Politiker, Lehrer und Eltern vor allem eines: ratlos.

Dass Lea anders ist als die anderen, bemerkt ihre Mutter Elke schon in den ersten Schulwochen. Die Erstklässler sollen Mengen einkreisen. Während ihre Klassenkameraden längst fertig sind, ist Lea noch am Zählen. Selbst Zahlen zu schreiben fällt ihr schwer. 53 oder 48 – was ist größer? Lea grübelt. "Wieso weiß das immer jeder außer mir?" Eine Diagnose beim Kinder- und Jugendpsychiater am Ende der ersten Klasse bestätigt den Verdacht: Lea hat Dyskalkulie. Auf Vorschlag der Schule wird die Notengebung in Mathe ausgesetzt. Zum damaligen Zeitpunkt ist das in Bayern noch auf unbestimmte Zeit möglich, mittlerweile nur noch für maximal sechs Monate. Der mobile sonderpädagogische Dienst übt fortan einmal in der Woche mit dem Mädchen. Wenn ihre Klassenkameraden rechnen, beschäftigt sie sich selbstständig mit Lernmaterial aus einer Rechenkiste.

Als Lea in die dritte Klasse kommt, beginnen sich ihre Eltern zu fragen, was nach der Grundschulzeit aus ihrer Tochter werden soll. Elke und Uwe Breitenbach wissen: Wenn es keine Note in Mathematik gibt, kann diese auch nicht in den Notenschnitt im Übertrittszeugnis einfließen. Die Schulbehörden sehen das ähnlich: Ohne Mathe-Note keine weiterführende Schule. Ob man nicht mal über die Förderschule nachgedacht hätte?

Dyskalkulie fängt bei den Grundrechenarten an

Die Breitenbachs kämpfen sich durch die Behörden, werden von einer Zuständigkeit zur nächsten verwiesen. "Ein Spießrutenlauf", sagt die Mutter. Im Ministerium sitzt Elke Breitenbach sechs Beamten gegenüber: Ohne Mathe-Note keine Realschule. Dyskalkulie hin oder her. Lea dürfe aber zum Nachholtermin der Prüfung für eine nachträgliche Realschulzulassung antreten, lautet der Vorschlag. "Na ja, dann schaff ich das jetzt halt", sagt Lea tapfer, als sie davon erfährt. Eifrig bereitet sie sich mit alten Prüfungsfragen vor. Schriftlich läuft es durchwachsen, doch im mündlichen Teil überzeugt Lea die Prüfer. Sie sei neugierig und weit über Hauptschulniveau. Sie bekommt eine Vier. Ausreichend für die Realschule.

Der Fall Lea zeigt, wie überfordert die Politik mit der Problematik Dyskalkulie ist. Vier Millionen Leidtragende – das ist mehr als Berlin Einwohner hat –, aber im Schulrecht ist die Rechenschwäche bis heute ausgespart. 2007 rang sich die Kultusministerkonferenz (KMK) zu einer gemeinsamen Empfehlung zur Förderung von Schülern mit "besonderen Schwierigkeiten" durch. Während für Legastheniker Zeitzuschläge und sogar das zeitweise Aussetzen von Noten angeraten werden, gibt es für Schüler mit einer Rechenschwäche keinerlei Fördervorschläge. Eine Berücksichtigung der Rechenstörung bei der Notengebung würde gar den Grundsatz der gleichen Leistungsbewertung verletzen. Bei Rechenschwachen ist häufig schon der Rechenweg falsch, das Ergebnis folglich unbrauchbar. Wie soll ein Lehrer so eine Leistung bewerten?

Der Würzburger Jurist Johannes Mierau beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Legasthenie und Dyskalkulie. Er kann die Unentschlossenheit der Politik teilweise nachvollziehen: "Wenn ein Legastheniker ein Wort falsch schreibt, kann der Lehrer trotzdem erkennen, was der Schüler inhaltlich ausdrücken wollte. Das ist bei einem Dyskalkuliker in Mathematik weit schwieriger." Während die Legasthenie nur einen Teilbereich der sprachlichen Fähigkeiten betrifft, wirkt die Dyskalkulie auf das Fundament der Mathematik.

Lea hat, wie mindestens 17 Prozent aller Dyskalkuliker, auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Beide Teilleistungsstörungen sind von Kinder- und Jugendpsychologen bestätigt. "Uns bringt aber nur die eine Bescheinigung wirklich etwas, die andere könnten wir auch als Klopapier verwenden", sagt Elke Breitenbach energisch. Während Lea aufgrund ihrer Legasthenie in jedem Fach bei Tests und Prüfungen einen Zeitzuschlag von 50 Prozent bekommt, hat der Dyskalkulie-Bescheid nur symbolische Bedeutung, im Grunde bundesweit. "Ich würde kein Bundesland hinsichtlich der Dyskalkulie als fortschrittlich bezeichnen", sagt Johannes Mierau, dessen Spezialgebiet das Schulrecht ist. Im Grundschulbereich sei es oft zumindest über Umwege möglich, einen Nachteilsausgleich zu erwirken. So geht die bayerische Volksschulordnung zwar nicht speziell auf Dyskalkuliker ein, sieht aber vor, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf von der Schule einen Nachteilsausgleich bekommen können. Andere Bundesländer wie Niedersachsen, Baden-Württemberg und Berlin haben inzwischen eigene Verordnungen zur Rechenstörung. Gängiger Nachteilsausgleich ist eine Zeitzugabe. In Berlin, Bremen oder Rheinland-Pfalz zum Beispiel können rechenschwachen Schülern sogar andere oder weniger Aufgaben gestellt werden. Ein Rechtsanspruch besteht jedoch nicht. Es liegt im Ermessen des jeweiligen Schulleiters, ob und in welcher Form Nachteilsausgleiche gewährt werden.

Verglichen mit dem Bereich der weiterführenden Schulen ist die Situation in der Primarstufe noch geordnet. An Gymnasien und Realschulen sind weder Nachteilsausgleich noch Notenschutz vorgesehen. Hauptargument der Kultusministerien ist, dass Dyskalkulie nicht ausreichend erforscht sei. Die Grenze zwischen Schülern, die sich einfach mit Mathe schwertun, und solchen, die tatsächlich eine Rechenschwäche haben, sei schwer zu ziehen. Verantwortlich für die politische Zurückhaltung könnte jedoch auch die zentrale Bedeutung von Mathematik als Kernfach und Basis vieler Naturwissenschaften sein. Ohne "ausreichende mathematische und rechnerische Kompetenzen" sei das Erreichen von Abitur oder mittlerer Reife gefährdet, heißt es etwa in einer Stellungnahme der bayerischen Landesregierung.

Eine Abiturprüfung in Mathematik hätte Andreas Kern* wohl seinen Traum vom Jurastudium gekostet. Der 19-Jährige hat gerade in Niedersachsen das Abitur bestanden – mit einem Durchschnitt von 2,9 –, obwohl auch Andreas die Welt der Zahlen nie verstanden hat. Um das Fach Mathematik als Pflichtfach in den Abi-Prüfungen zu umgehen, hat Kern die letzten beiden Schuljahre in einem Internat fern seiner sächsischen Heimat verbracht. In Niedersachsen, wo er Mathe zwar belegen, nicht aber Abitur darin schreiben musste. Ein Schachzug, der Andreas den Weg in die Zukunft geebnet hat. Doch der wird nicht mehr lange möglich sein – die Kultusministerkonferenz strebt einheitliche Bildungsstandards in Mathematik an. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Stiftung Rechnen aus dem Jahr 2009 glauben 95 Prozent der Deutschen, dass mathematische Fähigkeiten für eine erfolgreiche Lebensführung wichtig sind. Gut also, wenn die Bildungspolitik Mathematik in den Mittelpunkt stellt. Weniger gut, wenn die Schwächsten dabei zurückgelassen werden.

Wenn es um die deutsche Bildungspolitik geht, verhärten sich die Gesichtszüge von Christine Sczygiel. "Keiner fühlt sich verantwortlich, sich um die Kinder zu kümmern, die bereits in unserem Schulsystem stecken. Begabte Schüler werden bewusst zurückgelassen, da verkümmern viele Potenziale", sagt die Vorsitzende des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Schüler mit Dyskalkulie müssten dabei unterstützt werden, einen ihrer Begabung entsprechenden Bildungsabschluss zu erreichen. "Wir wünschen uns, dass die Lehrer von Anfang an aufmerksamer sind, auf Symptome achten und den Eltern zuhören, statt sie zu vertrösten", sagt Inge Palme, die beim BVL für Beratung und Fortbildung zuständig ist. Oft werden Kinder in der Schule über Jahre hinweg mit durchgeschleppt oder schaffen mit gewaltigen Gedächtnisleistungen trotz Rechenschwäche passable Noten. Doch früher oder später stürzt ihr mathematisches Kartenhaus ein, ist sein Fundament doch ein sehr wackeliger Zahlenbegriff. Unbehandelt bleibt die Dyskalkulie bestehen. Sie wächst sich nicht von allein irgendwann aus. Aber sie ist behandelbar.

Rechenschwäche ist gut behandelbar, wenn sie früh genug erkannt wird

Menschen, die keine adäquate Therapie bekommen, tragen die Konsequenzen ein Leben lang. Denn Mathematik endet nicht am Schultor. Unser Alltag ist durchzogen von Zahlen: Preisschilder, Fahrpläne, Uhren, Kilometeranzeigen, Buchhaltung, Börsenkurse. Bei Erwachsenen, die rechenschwach sind, ist die Dyskalkulie durchaus mit einer Art Analphabetismus vergleichbar. Viele Betroffene kommen nur noch mit Tricks durch den Alltag, manche von ihnen können nicht mal einen Fahrplan lesen.

Wird die Rechenschwäche früh genug erkannt, kann ihr Verlauf deutlich positiv beeinflusst werden. Beginnt ein rechenschwaches Kind bis etwa Mitte der dritten Klasse eine Therapie, stehen die Chancen gut, dass es danach aus eigener Kraft dem Unterricht folgen kann.

Ob einem Kind trotz Dyskalkulie die Zukunft offensteht, ist im Bildungsland Deutschland eine Frage des Einkommens. Eine Dyskalkulietherapie dauert in der Regel zwei bis zweieinhalb Jahre, für wöchentliche Einzelsitzungen können da pro Monat schnell 240 Euro anfallen. Die Krankenkassen kommen für die Therapiekosten nicht auf. Und die Hürden für eine finanzielle Förderung durch das Jugendamt werden immer höher. "Es geht ja nicht darum, aus dem Kind einen Einser-Kandidaten zu machen, sondern um die Teilhabe am Leben und in der Gesellschaft. Jemand, der nicht rechnen kann, gerät schneller sozial ins Abseits", sagt Inge Palme vom BVL.

Das Niveau der Schulabschlüsse ist unter Dyskalkulikern deutlich geringer als unter mathematisch normal Begabten. Häufig haben Rechenschwache ein vermindertes Selbstwertgefühl, sind zurückgezogen oder aggressiv. Durch Kopf- und Bauchschmerzen zeigt sich körperlich die enorme seelische Belastung. Kinder mit Rechenstörungen entwickeln deutlich häufiger psychische Störungen als nicht betroffene Kinder, darunter auch Depressionen.

Wer eine Therapie besucht, hat prinzipiell die gleichen Zukunftschancen wie normal Begabte. Deshalb müsse man die außerschulischen Therapien fördern und die Jugendämter mit den nötigen finanziellen Mitteln ausstatten, fordert Inge Palme. Lehrer und Therapeuten könnten im Idealfall in Lernnetzwerken zum Wohl der Kinder kooperieren. "Aber davon sind wir Lichtjahre entfernt."

Lichtjahre entfernt scheint auch eine gesicherte Zukunft für Lea. Die Breitenbachs kämpfen momentan beim Jugendamt um eine Eingliederungshilfe, denn eine Dyskalkulietherapie für die Elfjährige kann sich die sechsköpfige Familie ohne Unterstützung des Staates nicht leisten. Seit Wochen telefoniert Mutter Elke dem Gutachten zum Seelenzustand ihrer Tochter nun schon hinterher. In diversen Gesprächen hat man ihr bereits klargemacht, dass man Lea nicht für gefährdet halte – schließlich sei sie ja auf der Regelschule, folglich gut eingegliedert. Dass sie sich den Weg dorthin erkämpft hat, gegen den Widerstand von Politik und Behörden – kein Wort darüber. Die Breitenbachs kämpfen nun weiter – damit Lea nicht den Preis dafür zahlt, dass sich die deutsche Politik im Umgang mit der Dyskalkulie verkalkuliert.

*Name von der Redaktion geändert