DIE ZEIT: Herr Reinders, Sie arbeiten an einer Längsschnittstudie mit dem Titel »Jugend. Engagement. Politische Sozialisation« und haben gerade die erste Befragungsrunde ausgewertet: Haben Jugendliche überhaupt noch Zeit, sich sozial zu engagieren?

Heinz Reinders: Das war einer der überraschenden Befunde: Fast 50 Prozent der 2400 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 15 Jahren, die wir befragt haben, haben sich in den letzten zwölf Monaten ehrenamtlich engagiert. Sie waren dabei rund 22 Stunden im Monat aktiv. 47 Prozent gaben an, dass sie schon länger als ein Jahr engagiert sind. Das sind deutlich höhere Werte, als sie zum Beispiel der Freiwilligensurvey erhoben hat.

DIE ZEIT: In welchen Bereichen spielt sich das Engagement ab?

Reinders: Die Schüler engagieren sich in der Kirche um die Ecke, bereiten Kindergottesdienste vor oder sind in der Schule oder in Sportvereinen aktiv, in denen sie ohnehin schon selbst Sport treiben. Die Alltagsnähe ist eine wichtige Voraussetzung für das soziale Engagement. Niemand würde dafür 60 Kilometer mit dem Auto fahren.

DIE ZEIT: Sie versuchen mit Ihrer Studie auch einen Zusammenhang zwischen Ehrenamt und politischem Engagement herzustellen. Hängt die Entscheidung, später wählen zu gehen, wirklich davon ab, ob einer mal Kindergottesdienste vorbereitet hat?

Reinders: Einen direkten Zusammenhang nehmen wir gar nicht an. Viel spannender ist die Entwicklung, die dahintersteht. Wer sich sozial engagiert, erlebt eine Selbstwirksamkeit, spürt, dass es möglich ist, im Kleinen die Gesellschaft zu verändern. Die meisten Jugendlichen sagen, sie finden ihre Aufgabe sinnvoll, und haben das Gefühl, etwas zu bewirken. Auf diese Weise erleben sie sich als jemanden, der in der Gesellschaft einen Beitrag leistet, und Stück für Stück fangen sie an, sich als Teil dieser Gesellschaft zu begreifen – mit bestimmten Verantwortlichkeiten, die sich daraus ergeben. Von diesem Bewusstsein ist es nur noch ein kleiner Schritt, sich auch politisch zu beteiligen.

DIE ZEIT: Wie wollen Sie das politische Interesse der Jugendlichen messen?

Reinders: Wir begleiten die Jugendlichen über vier Jahre, bis sie zum ersten Mal wahlberechtigt sind. Auch jetzt haben wir schon gefragt, ob sie wählen gehen würden, wenn sie denn könnten. Von den sozial Engagierten würden 63 Prozent bei Landtagswahlen ihre Stimmen abgeben, 69 Prozent bei Bundestagswahlen. Da liegen jene Jugendlichen, die sich nicht engagieren, deutlich zurück – von ihnen würden nur 51 beziehungsweise 59 Prozent wählen gehen.

DIE ZEIT: Wer hat den größten Einfluss auf die Jugendlichen, wenn es ums Engagement geht?

Reinders: Lange Zeit galt in der Forschung die Prämisse: Weiß man, ob die Eltern engagiert sind, weiß man, ob sich später auch die Kinder engagieren. Die Eltern sind aber nicht allein ausschlaggebend. Die häufigsten Zugänge finden sich über schulische Projekte, bei Hauptschülern auch sehr oft über Freunde.