Andreas Hofer fühlt sich wohl in Lincoln, Nebraska, einem Ort, für den die Bezeichnung middle of nowhere noch übertrieben wäre. Außer Footballspielen vor 80.000 Zuschauern ist hier nicht viel los, doch Hofer fehlt es an nichts. Der 24 Jahre alte Kunstturner aus Heidelberg bestreitet Wettkämpfe für die University of Nebraska und bekommt im Gegenzug sein Wirtschaftsstudium finanziert. Beste ärztliche Betreuung, ein guter Trainerstab und vor allem ein Studium, das an seinen sportlichen Bedürfnissen ausgerichtet wird, versöhnen ihn für die Monotonie des Alltags in Lincoln.

Als Turner feilt Hofer lieber wochenlang an sportlichen Grundlagen, statt einfach mal ein Risiko einzugehen. So manchen überraschte deshalb sein Umzug in die USA. Wie rund 700 deutsche Spitzensportler hat sich Hofer für den Ortswechsel über den Atlantik entschieden, weil er nur dort seinem Sport nachgehen und zugleich studieren kann. Andere wiederum nutzen das College als Umweg in den Profisport, Tennisspieler Alexander Waske etwa oder Hoffenheim-Stürmer Vedad Ibisevic.

Deutschland steht mit Ansätzen für eine duale Karriere aus Sport und Studium noch am Anfang. Ein Studium scheitert meist nicht an der Finanzierung, sondern oft an organisatorischen Hürden. So bekommen Spitzensportler Extrasemester aufgebrummt, wenn ihre Wettkämpfe mit Prüfungsphasen kollidieren. »Oft werden keine Ersatztermine angeboten, frei nach dem Motto: Uns interessiert nicht, was Sie in Ihrer Freizeit machen«, sagt Philipp Liedgens, dessen Agentur Sportler in die USA vermittelt. Bundeswehr, Polizei und Zoll finanzieren zwar knapp 1000 Sportlern das Training. Bei Zoll und Polizei sind die Athleten damit aber auf einen Beruf festgelegt, und bei der Bundeswehr war an ein Studium bisher häufig erst mit Ende zwanzig zu denken, nach der aktiven Laufbahn.

Langsam ändert sich das. So helfen an einigen Berliner Universitäten inzwischen Spitzensportbeauftragte dabei, Studium und Training zu vereinbaren, und seit Kurzem dürfen Sportsoldaten offiziell studieren, wenn auch nur in Fern- und Onlinestudiengängen. »Allerdings unter der Bedingung, dass sich die Bildungseinrichtung dem von uns gesetzten Zeitplan unterordnet«, sagt Andreas Hahn, Dezernent für Spitzensport beim Streitkräfte-Amt.

Ohne Ausbildung gibt es oft ein böses Erwachen

Den meisten aber geht es noch wie den Freunden von Andreas Hofer im deutschen Turnnationalteam. »Die sind fast alle in der Sportfördergruppe und studieren nicht. Da gibt es nach Karriereende oft ein böses Erwachen ohne Ausbildung.« Der hessische Nationalturner Fabian Hambüchen versuchte ein Studium, brach aber nach einem halben Jahr wieder ab – zu viel Zeitdruck, zu viele Überschneidungen. Der Göppinger Helge Liebrich ist derzeit der einzige Student unter 22 Turnern im deutschen Bundeskader. Er wird Lehrer in Schwäbisch Gmünd, wurde allerdings seit dem ersten Semester nicht mehr international eingesetzt. Auch bei den Frauen ist nur eine von zehn Turnerinnen immatrikuliert, Kim Bui aus Stuttgart. Bundestrainer Andreas Hirsch hält ohnehin nicht viel vom Studieren während der Karriere.

»Noch schlimmer als die Bildungsfeindlichkeit der Sportverbände ist allerdings die Spitzensportfeindlichkeit deutscher Unis«, sagt Hofer. An seiner Universität in Nebraska haben 95 Prozent der Sportler nach ihrer Karriere einen Hochschulabschluss – eine Quote, von der deutsche Sportverbände nur träumen können.

Stipendien öffnen amerikanischen Sportlern häufig die Tür zu einem Studienplatz, den sie sich sonst nie leisten könnten. Stunden- und Trainingspläne werden perfekt aufeinander abgestimmt, die Trainer selbst behalten die Noten im Blick. Wer unter einem gewissen Schnitt liegt, bekommt Nachhilfe finanziert. Ändert sich nichts, werden Athleten schon mal für ein paar Spiele suspendiert. Das ist auch dem Münchner Christian Standhardinger schon passiert. Er spielte Basketball für dieselbe Universität wie Andreas Hofer, sie sollte sein Sprungbrett sein in den Profisport. Den Abschluss in Business Management will er trotzdem. Schließlich könnte eine Verletzung seine Profiträume zerstören.