Sport-StipendiumSport und Studium? USA!

Wer in Deutschland als Spitzensportler studiert, braucht mit Unterstützung nicht zu rechnen. Anders in den Vereinigten Staaten. von Niklas Schenck

Vor dem Churchill Cup Bowl Finale zwischen Russland und den USA singen die amerikanischen Rugbyspieler die Nationalhymne.

Vor dem Churchill Cup Bowl Finale zwischen Russland und den USA singen die amerikanischen Rugbyspieler die Nationalhymne.  |  © Warren Little/Getty Images

Andreas Hofer fühlt sich wohl in Lincoln, Nebraska, einem Ort, für den die Bezeichnung middle of nowhere noch übertrieben wäre. Außer Footballspielen vor 80.000 Zuschauern ist hier nicht viel los, doch Hofer fehlt es an nichts. Der 24 Jahre alte Kunstturner aus Heidelberg bestreitet Wettkämpfe für die University of Nebraska und bekommt im Gegenzug sein Wirtschaftsstudium finanziert. Beste ärztliche Betreuung, ein guter Trainerstab und vor allem ein Studium, das an seinen sportlichen Bedürfnissen ausgerichtet wird, versöhnen ihn für die Monotonie des Alltags in Lincoln.

Als Turner feilt Hofer lieber wochenlang an sportlichen Grundlagen, statt einfach mal ein Risiko einzugehen. So manchen überraschte deshalb sein Umzug in die USA. Wie rund 700 deutsche Spitzensportler hat sich Hofer für den Ortswechsel über den Atlantik entschieden, weil er nur dort seinem Sport nachgehen und zugleich studieren kann. Andere wiederum nutzen das College als Umweg in den Profisport, Tennisspieler Alexander Waske etwa oder Hoffenheim-Stürmer Vedad Ibisevic.

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Deutschland steht mit Ansätzen für eine duale Karriere aus Sport und Studium noch am Anfang. Ein Studium scheitert meist nicht an der Finanzierung, sondern oft an organisatorischen Hürden. So bekommen Spitzensportler Extrasemester aufgebrummt, wenn ihre Wettkämpfe mit Prüfungsphasen kollidieren. »Oft werden keine Ersatztermine angeboten, frei nach dem Motto: Uns interessiert nicht, was Sie in Ihrer Freizeit machen«, sagt Philipp Liedgens, dessen Agentur Sportler in die USA vermittelt. Bundeswehr, Polizei und Zoll finanzieren zwar knapp 1000 Sportlern das Training. Bei Zoll und Polizei sind die Athleten damit aber auf einen Beruf festgelegt, und bei der Bundeswehr war an ein Studium bisher häufig erst mit Ende zwanzig zu denken, nach der aktiven Laufbahn.

Langsam ändert sich das. So helfen an einigen Berliner Universitäten inzwischen Spitzensportbeauftragte dabei, Studium und Training zu vereinbaren, und seit Kurzem dürfen Sportsoldaten offiziell studieren, wenn auch nur in Fern- und Onlinestudiengängen. »Allerdings unter der Bedingung, dass sich die Bildungseinrichtung dem von uns gesetzten Zeitplan unterordnet«, sagt Andreas Hahn, Dezernent für Spitzensport beim Streitkräfte-Amt.

Ohne Ausbildung gibt es oft ein böses Erwachen

Den meisten aber geht es noch wie den Freunden von Andreas Hofer im deutschen Turnnationalteam. »Die sind fast alle in der Sportfördergruppe und studieren nicht. Da gibt es nach Karriereende oft ein böses Erwachen ohne Ausbildung.« Der hessische Nationalturner Fabian Hambüchen versuchte ein Studium, brach aber nach einem halben Jahr wieder ab – zu viel Zeitdruck, zu viele Überschneidungen. Der Göppinger Helge Liebrich ist derzeit der einzige Student unter 22 Turnern im deutschen Bundeskader. Er wird Lehrer in Schwäbisch Gmünd, wurde allerdings seit dem ersten Semester nicht mehr international eingesetzt. Auch bei den Frauen ist nur eine von zehn Turnerinnen immatrikuliert, Kim Bui aus Stuttgart. Bundestrainer Andreas Hirsch hält ohnehin nicht viel vom Studieren während der Karriere.

»Noch schlimmer als die Bildungsfeindlichkeit der Sportverbände ist allerdings die Spitzensportfeindlichkeit deutscher Unis«, sagt Hofer. An seiner Universität in Nebraska haben 95 Prozent der Sportler nach ihrer Karriere einen Hochschulabschluss – eine Quote, von der deutsche Sportverbände nur träumen können.

Stipendien öffnen amerikanischen Sportlern häufig die Tür zu einem Studienplatz, den sie sich sonst nie leisten könnten. Stunden- und Trainingspläne werden perfekt aufeinander abgestimmt, die Trainer selbst behalten die Noten im Blick. Wer unter einem gewissen Schnitt liegt, bekommt Nachhilfe finanziert. Ändert sich nichts, werden Athleten schon mal für ein paar Spiele suspendiert. Das ist auch dem Münchner Christian Standhardinger schon passiert. Er spielte Basketball für dieselbe Universität wie Andreas Hofer, sie sollte sein Sprungbrett sein in den Profisport. Den Abschluss in Business Management will er trotzdem. Schließlich könnte eine Verletzung seine Profiträume zerstören.

Leserkommentare
  1. Denn oftmals haben akademische Fähigkeiten und sportliche Leistungsfähigkeit nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.
    Da werden dann sportliche "Höchstleister" auf obskuren Wegen durch Prüfungen gelotst und meinen, dass ihnen auch sonst die Welt gehört. Und dass zweistellige Millionengagen pro Jahr im später angestrebten Profisport normal sind und die akademische Ausbildung nur Mittel zum Zweck.

    Und die Schulen meinen auch noch, dass leistungsfähige Sportler den Ruf steigern. Irgend einen Ruf sicherlich. Aber m.E. nicht als ernstzunehmende Hochschule.

    Der wirklich gute Akademiker fällt dann hinten runter. Denn der ist ja "nur" gut in den Klausuren, muß ggf. noch selbst nebenher arbeiten um sein STudium zu finanzieren (falls er nicht ein Begabtenstipendium erhält) und muß seine Prüfungen ganz regulär bestehen.

    m.E. wäre es auch für die akademische Leistungen in den USA besser, wenn Stipendien nach der akademischen Leistungsfähigkeit vergeben würden. Wenn jemand dann neben einer akademischen Ausbildung noch ein guter Sportler ist - wunderbar. Wenn er sich aber ausschließlich auf seine akademische Karriere konzentriert und den Sport nur noch aus Spaß nebenher zum Ausgleich macht ist das auch OK.

    Der Hype um fragwürdige sportliche Leistungen und das "Sportsöldnertum" in den USA kann man bereits als durchschnittlich gebildeter Europäer ohnehin nur milde belächeln. Aber wenn ein Land sonst nichts hat was es eint...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dirac
    • 18. Juli 2011 22:06 Uhr

    "m.E. wäre es auch für die akademische Leistungen in den USA besser, wenn Stipendien nach der akademischen Leistungsfähigkeit vergeben würden."

    Das Sportprogramm einer Universität finanziert sich über Fernsehgelder, Eintritt, Sponsoring, Merchandising in der Regel selbst.
    Das Geld für die Sportstipendien wäre gar nicht da, wenn die jeweilige Sportmannschaft nicht existieren würde und erfolgreich wäre.

    Das heißt: Den 'Akademikern' werden damit keine Stipendien 'weggenommen'. Das Geld der Stipendien ergibt sich sich aus dem Sport und wird auch wieder in den Sport gesteckt. Das ist okay, finde ich.

  2. Grundsätzlich gebe ich dem ersten Kommentator recht, Sportsöldnertum ist nun wirklich nichts Amerikanisches. Ich weiß, was sie meinen aber was es an Geld und Möglichkjeiten gibt bestimmt der Markt und der ist in den USA beim Basketball, Football, Baseball vorhanden. Hier ist es größtenteils der Fußball. Und genau da sind wir beim Punkt. Wer eben eine der genannten Sportarten betreibt, ist dort gut aufgehoben, Leichtathleten denke ich auch, obwohl mir genauere Informationen fehlen. Aber abseits davon hört es dann schon auf. Gute Fußballer, Tennisasse und viele andere brauchen das wohl nicht unbedingt. Zudem muss ein Studium auch hier nicht mit Leistungssport im Gegensatz stehen. Meine A-Jugend Laufbahn in der Regionalliga konnte auch trotz des Stresses der ersten beiden Semester in einem MINT-Fach noch vernünftig bestreiten. Mir drängt sich eher der Verdacht auf, dass dort nur Sport getrieben und dann mit einem Alibistudium gewürzt wird.

  3. Von welchen Unis reden denn hier die Vorschreiber? Das ist doch alles sehr unspezifisch und verallgemeinert dargestellt. In einem Land mit mehr als 3000 Universtitaeten und mehreren 100 Unis die Sportstipendien vergeben (http://web1.ncaa.org/onlineDir/exec/divisionListing) wird es selbstverstaendlich einige geben, die nicht dem akademischen Anspruch von Oxford oder Cambridge gleichkommen - allerdings schaffen diesen Standard auch nur sehr wenige deutsche Universitaeten. Bei Oxford und Cambridge spielt uebrigends Sport auch eine sehr wichtige Rolle. Ich moechte an dieser Stelle nur an das Oxford - Cambridge Boatrace erinnern.

    Dieses Kommentar das sich amerikanische Unis nur mit ihren Sportlern ruehmen ist natuerlich Quatsch. Hier mal eine Liste der Nobelpreistraeger http://nobelprize.org/nobel_prizes/lists/universities.html Ihnen wird auffallen das die Unis mit diesen akademischen Wuerdentraegern auch meist gute Sportler haben.

    Was dieser Artikel hier verschwiegen hat sind die unglaublichen Moeglichkeiten die man in den USA durch Sport hat. Wie Leistung, sowohl in der Uni als auch im Sport, belohnt wird. Der Sportler fuehlt nicht schuldig, weil er es wagt studieren zu wollen und nicht in den Plan der Uni passt, sondern er wird als Mensch wahrgenommen und seine Ansprueche werden beachtet. Bildung wird also zu einer Dienstleistung.

  4. Schlimm genug, dass man auch hier in Deutschland ein Gorilla-Abitur machen kann.

  5. dass der akademischen Anspruch von Oxford oder Cambridge auch einer verzerrten Wahrnehmung entspringt?

    • Dirac
    • 18. Juli 2011 22:06 Uhr

    "m.E. wäre es auch für die akademische Leistungen in den USA besser, wenn Stipendien nach der akademischen Leistungsfähigkeit vergeben würden."

    Das Sportprogramm einer Universität finanziert sich über Fernsehgelder, Eintritt, Sponsoring, Merchandising in der Regel selbst.
    Das Geld für die Sportstipendien wäre gar nicht da, wenn die jeweilige Sportmannschaft nicht existieren würde und erfolgreich wäre.

    Das heißt: Den 'Akademikern' werden damit keine Stipendien 'weggenommen'. Das Geld der Stipendien ergibt sich sich aus dem Sport und wird auch wieder in den Sport gesteckt. Das ist okay, finde ich.

  6. was ein Gorilla-Abitur ist? Vorurteile, wie Muskeln=dumm sind: dumm.

    Ich denke, es ist gut, wenn Sportler sich Gedanken über die Zeit nach der Karriere machen, die ja eben nur (aufs ganze Leben gesehen) kurz ist. Allerdings tut es sich auch anderen Studenten gut, auf mehreren Beinen zu stehen, besonders in den Geisteswissenschaften, wo das Studium in der Regel nicht direkt zu einem Beruf führt. Insofern wäre ein Studium, das Raum lässt und felxibel ist, von Vorteil, nicht nur für Sportler. Bei der Idee, dass Sportler bevorzugt werden könnten, regt sich bei mir allerdings Widerstand. Da steigt sofort das Gefühl der Ungerechtigkeit auf.

    Das Schmücken von Unis mit Sport halte ich für problamtisch. Die Wissenschaft folgt nun einmal bestimmten Regeln. Natürlich kann man Sport auch wissenschaftlich angehen (Trainingsmethoden etc.), aber sporltiche Konkurrenz (wir sind besser als ihr) hat wohl wenig mit Wissenschaft zu tun. Insofern sollte Sport ein Beiwerk bleiben, die Hochschulorchester kämpfen ja auch nicht gegeneinadner. Die Unis werden sowieso zu sehr mit außerwissenschaftlichen Anforderungen traktiert (politisch und wirtschaftlich).

  7. Wer meint, ein sportliches Aushängeschild zu brauchen, muss sich halt eins basteln oder kaufen. Wer nicht, der lässt es sein. Wo ist das Problem?

    Es wäre allerdings schön, wenn die deutschen Universitäten herausragende wissenschaftliche Leistungen als originäre Aushängeschilder vorzuweisen hätten. Das sollte man eigentlich von ihnen erwarten dürfen. Aber leider ist ja jegliche Eliteförderung in Deutschland strikt geächtet, und zwar von Kleinauf. Stattdessen herrscht das Primat der Gleichermacherei und des Mittelmaßes. Wer herausragen will und kann, ist daher oft gezwungen, das Land zu verlassen, damit das eifersüchtig auf Gleichheit bedachte Mittelmaß sich möglichst nicht gestört fühlt.

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