Jürgen Großmann könnte an diesem Morgen ein japanisches Atomkraftwerk kaufen, aber er schläft noch. Er könnte allen beweisen, dass er sich nicht beeindrucken lässt vom deutschen Atomausstieg, dass die Welt ihn weiterhin braucht, dass er das Spiel noch nicht verloren hat. Aber der Weckruf kam nicht. Es ist acht Uhr, und um acht ist er mit einem japanischen Geschäftsmann im Restaurant Yamazato zum Frühstück verabredet. Der Japaner weiß: Sollte es in Deutschland noch einen Menschen geben, der sich für Atommeiler interessiert, dann ist es Jürgen Großmann, der Chef des Energiekonzerns RWE . Es wird halb neun, es wird Viertel vor neun, der Japaner wartet, aber der Deutsche lässt sich nicht blicken. Will Großmann das Kernkraftwerk nicht mehr? Hat er es sich anders überlegt?

Endlich, mit einer Stunde Verspätung, schiebt sich ein 2,04 Meter großer Riese die Stufen der Treppe hinunter, die den Südflügel des Hotels Okura in Tokyo mit dem Hauptgebäude verbindet. Großmanns Gesicht ist gerötet, auf der Stirn sammeln sich Schweißperlen, er schnauft. Beim Gehen hält er sich am Treppengeländer fest. Er trägt eine graue Anzughose zum blauen Jackett, in der Eile hat er nichts Passenderes gefunden. Der Abend in der Hotelbar war lang, und die Angestellten an der Rezeption hatten versprochen, ihn rechtzeitig zu wecken. Sie haben es vermasselt. Jetzt steht der wichtigste Termin der dreitägigen Reise nach Japan an, ein Unterhändler mit einem Atomkraftwerk, und Jürgen Großmann muss sich hetzen, bloß weil ein paar Idioten am Hotelempfang die Uhr nicht lesen können. »Ich bin nicht gut«, sagt er mürrisch, »verdammt, ich bin nicht gut!« Er sagt es mit dieser bedrohlich tiefen Stimme, die man immer schon von Weitem hört. Auf nichts kann er sich noch verlassen – nicht auf die Feiglinge in der deutschen Politik, nicht auf die Feiglinge in der deutschen Industrie, nicht einmal mehr auf die japanische Rezeption –, aber noch immer auf die Gewalt seiner Stimme, die über den Hotelflur donnert. Gäbe es irgendwo auf der Welt einen Grizzly, der sich in den Kopf gesetzt hätte, es zum Menschen zu bringen, dann sähe er aus wie Jürgen Großmann.

Die Karriere des Jürgen Großmann war eine fantastische Geschichte, eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit. Es war die Story vom Amerikanischen Traum in der bundesdeutschen Republik, ein Sieg der Selbstgewissheit über den kleinen Glauben. Die Geschichte des Unternehmers Großmann begann 1993 in dem Industriedorf Georgsmarienhütte in der Nähe von Osnabrück, wo er für zwei Mark ein sterbendes Stahlwerk kaufte. Er übernahm einen Berg Schulden, überwand die Krise, schuf aus dem Nichts ein Reich aus Fabriken, Großmanns Reich. Von den Arbeitern wird er bis heute vergöttert. Sie neiden ihm nicht einmal die Sammlung teurer Oldtimer, die er in der Fabrik unterstellte. Sie sehen in seinem Erfolg auch ihren.

Als er vor vier Jahren an die Spitze des komplizierten Großunternehmens RWE wechselte, begann eine neue Geschichte, wechselhaft und voller Widerstände. Großmann ist dort Vorstandschef. Es wird erwartet, dass er sich fügt. Die neue Geschichte handelt von einem Grizzly, der in die Manege musste. Aber auch über diese Geschichte schiebt sich schon wieder eine neue. Im März dieses Jahres ereignete sich im japanischen Kernkraftwerk in Fukushima der schlimmste Atomunfall seit Tschernobyl und versetzte Deutschland in Angst. Jürgen Großmann stemmte sich gegen einen schnellen Atomausstieg, er warnte vor einem Blackout, vor übertriebener Eile, Hysterie. Er drohte der Bundesregierung mit Klagen und zog vor Gericht. Die anderen Männer der deutschen Atomindustrie wurden kleiner und leiser, schließlich unhörbar, nur Jürgen Großmann behielt seine Stimme. Man kann darin die Standhaftigkeit eines prinzipienfesten Managers sehen. Aber auch den Starrsinn eines Verblendeten.

Wie seine Geschichte weitergehen wird, hängt auch von dieser Geschäftsreise ab, die ihn jetzt, Ende Juni, in das Land der Atomkatastrophe führt. Ein langjähriger Freund in Deutschland hat über ihn gesagt: »Jürgen ist inzwischen der meistgehasste Mensch.« – »Jürgen«, hat ihm ein anderer Freund gesagt, »ich kann dir nicht mehr helfen.« – »Jürgen muss auf sich aufpassen«, hat sein Bruder über ihn gesagt, »er hat einen bestialischen Job.«

Der RWE-Chef möchte den Japanern ein Atomkraftwerk abkaufen

Großmann ist 59 Jahre alt, seit 26 Jahren verheiratet, er hat zwei erwachsene Töchter, einen erwachsenen Sohn, sein Vermögen wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Er lebt mit seiner Frau Dagmar Sikorski, die einen Musikverlag besitzt und finanziell unabhängig ist, in einem Haus in Hamburg. Es gibt eine Wohnung in Mülheim an der Ruhr, ein Haus am Tegernsee, eines in Frankreich, eines in London, ein Hotel in der Schweiz. Großmann besitzt ein Weingut in Australien, ein Zwei-Sterne-Restaurant in Osnabrück, aber all das ist nicht mehr entscheidend. Denn Deutschland hat ihn über Nacht ins Museum gestellt. Das ist das Problem, das er mit sich herumschleppt. Bleibt die Frage: Soll er zum Frühstück noch ein Atomkraftwerk schlucken?

In England, wo RWE Geschäfte macht, könnte er das Kraftwerk aufstellen lassen, das ihm der Japaner hier anbietet, das wäre eine Idee. Aber als Großmann aus dem Restaurant kommt, sagt er: »Die wollen nicht ins Risiko gehen.« Die britische Regierung, das hat der Japaner durchblicken lassen, müsse schon einen Teil des Risikos übernehmen, RWE einen weiteren. Mit Risiko ist die große Investition gemeint, das Risiko der Kernspaltung erwähnt Großmann nicht.

Schon länger hatte er vor, sich mit dem Japaner zu treffen. Vor ein paar Monaten hatte der Asiate mit Großmann einen Termin in Deutschland vereinbart, die Verabredung dann aber platzen lassen. Wegen Fukushima. Die japanische Regierung wollte Krisengespräche führen, der Firmenchef blieb deshalb in Tokyo, und Großmann ärgerte sich. Großmann konnte nicht begreifen, dass ihn jemand bloß wegen Fukushima versetzt hatte. Beim nächsten Treffen würde er den Japaner dafür strafen und ihn warten lassen, das war Großmanns Plan. Warten bedeutet, dass ein anderer über die eigene Zeit bestimmt. Warten heißt: sich unterordnen. Großmann hasst es, wenn ihn jemand warten lässt.

Nach der Bundestagswahl im September 2009 wollte Großmann den neuen Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU kennenlernen, er fuhr nach Berlin. Damals schien noch alles offen, Röttgen und Großmann sprachen noch miteinander. Es hätte ein harmloses Treffen werden können, aber es wurde der Auftakt zu einer Serie von Konflikten. Der Minister hatte Großmann vor der Tür warten lassen, eine Viertelstunde. Für Großmann war es ein Signal.

"Ich weiß, wie das Geschäft läuft"

»Einen Moment noch!«, ruft Jürgen Großmann in die Hotellobby in Tokyo und eilt nach dem Frühstück in sein Zimmer. Er braucht einen frischen Anzug, gleich werden die Gespräche mit anderen japanischen Investoren beginnen. Großmann ist für eine Roadshow nach Japan gereist, das machen Vorstandschefs von Aktiengesellschaften öfter. Sie treffen Fondsmanager und Analysten, sie reden ihre Aktien schön. Die RWE-Aktie ist abgestürzt. Bei einer Roadshow geht es darum, neues Geld zu heben, das Geld der anderen. Jürgen Großmann liebt Roadshows, weil er es liebt, Menschen etwas zu verkaufen. »Ich weiß, wie das Geschäft läuft«, sagt er. Was er nicht sagt, ist, dass vieles hier anders läuft, als er gehofft hat.

Noch vor wenigen Wochen hatte er keinen Zweifel daran, dass ihn das Management der japanischen Firma Tepco, die das Atomkraftwerk in Fukushima betreibt, empfangen werde. Ihm wurde abgesagt. Tepco hält an diesem 28. Juni die Hauptversammlung für seine Aktionäre im Ballsaal eines Hotels in Tokyo ab, für Großmann ist keine Zeit. Den Aufsichtsratschef von Tepco nennt Großmann einen Freund, aber auch der Freund konnte nichts für ihn tun. In Deutschland beschäftigt Großmann eine kleine Schar von Sekretärinnen damit, seine Termine hin- und herzuschieben, Lücken im Kalender zu suchen. Aber der Tag seiner Ankunft in Japan ist leer geblieben. Etwas Erstaunliches ist geschehen: Jürgen Großmann hat keine Termine. Investoren, die auf ihn neugierig waren, haben abgesagt. Ein Atommanager aus dem Land des Atomausstiegs, das klang nicht unbedingt nach einer überzeugenden Vorstellung. So saß er in der First Class des Lufthansa-Fluges LH 710 nach Tokyo, vertiefte sich nicht in Papiere, sondern schaute sich einen alten Western mit James Stewart an, Der Mann, der Liberty Valance erschoss. Danach war er bereit für ein Gespräch. Solange es um James Stewart ging, blieb er freundlich. Das änderte sich, als das Wort Fukushima fiel.

Ins Katastrophengebiet will Großmann nicht fahren – »was soll ich da?«

Herr Großmann, werden Sie sich von der Lage im Katastrophengebiet ein Bild machen?

»Ich habe bei Tepco um eine Erlaubnis gebeten, die Anlage in Fukushima besichtigen zu dürfen«, antwortete Großmann, »aber keine Erlaubnis bekommen.«

Man müsste ja nicht nach Fukushima fahren, es gibt Städte außerhalb der evakuierten Zone. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin ist auch dorthin gefahren, als er Japan besuchte.

»Was soll ich da?«, fragte Großmann.

Schauen, wie es dort aussieht.

»Da gibt es nichts zu sehen.«

Waren Sie denn in diesem Jahr schon in Japan?

»Nein. Aber da ist nichts zu sehen.«

Man kann zum Beispiel in die Stadt Iwaki fahren, am Rande der evakuierten Zone. Trittin hat mit Menschen gesprochen, die in Notlagern leben.

»Nein.«

Man kann auf der Küstenstraße mit dem Auto Richtung Norden fahren.

»Das lohnt sich nicht.«

Bei einem Podiumsgespräch in Düsseldorf haben Sie vor Hunderten Zuschauern Ihre anstehende Reise nach Japan erwähnt und behauptet, Sie würden sich vor Fukushima nicht drücken.

»Ich habe mich ja um eine Erlaubnis bemüht, aber keine bekommen.«

Danach war das Gespräch schnell beendet. »Noch drei Fragen«, sagte Großmann barsch, er müsse noch schlafen.

Als die Maschine in Japan gelandet war, setzte sich Großmann in den Kleinbus, der auf ihn wartete, ließ sich nach Tokyo bringen und erzählte von diesem faszinierenden Land. 50 Mal war er schon hier, mindestens. Er blickte auf die begrünten Schallschutzmauern neben der Autobahn und schwärmte davon, dass Japan das Reich des Funktionierens sei. Großmann kennt das japanische Wort für Messer, das für Gabel, und er zerlegte in diesem Kleinbus seinen Namen auf Japanisch in zwei Teile, groß und Mann. Er scherzte, er lachte. Selten hatte er so viel freie Zeit an einem RWE-Montag. Er sagte, er wolle sich im Hotel unbedingt noch massieren lassen.

Am späten Nachmittag tauchte ein japanischer Zeitungsjournalist in der Hotellobby auf, um den deutschen Konzernchef zu interviewen. Der Journalist legte sein Diktiergerät auf den Tisch vor Großmann, daneben einen Artikel aus dem britischen Magazin Economist, die Überschrift lautete: No one listens to Jürgen Grossmann . Niemand hört auf Jürgen Großmann. »Akzeptieren Sie diesen Atomausstieg der deutschen Regierung?«, fragte der Journalist auf Englisch, und Großmann antwortete: »Nein, wir akzeptieren das nicht.« Er sprach von Schäden, die RWE entstanden seien, enormen finanziellen Schäden. Von den Schäden in Japan sagte er nichts.

»Werden Sie in Japan Minister treffen?«, fragte der Journalist. »Nein«, antwortete Großmann, »ich wollte Fukushima besuchen, aber ich habe keine Erlaubnis bekommen.«

»Das kann ich nicht glauben«, erwiderte der Journalist lächelnd, »haben Sie die Regierung gefragt?«

Zur Silberhochzeit kamen Schröder, Schily, Zetsche und der Maler Lüpertz

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»Ich habe es über Tepco probiert«, sagte Großmann. Nicht über die Regierung.

»Über die Regierung müsste es klappen«, entgegnete der Journalist und bedankte sich. Großmann nickte und schüttelte ihm die Hand. Das Thema Fukushima wurde freundlich verabschiedet.

Am Abend ist Großmann mit japanischen Freunden in einem Restaurant verabredet, das für seine erstklassigen Rindersteaks bekannt ist. Manager aus der Stahlindustrie haben sich um einen Tisch versammelt, Nippon Steel, JFE Steel Corporation, alle sind erschienen, einer von ihnen ist inzwischen Aufsichtsrat des staatlichen Fernsehsenders NHK. Vor vielen Jahren, erzählt einer der Manager, stieg der Jürgen auf einen Fabrikschlot in Japan, 120, nein, 160 Meter hoch. »Höher«, sagt Großmann, »200 Meter.« Der Jürgen, erzählt der japanische Manager, habe einen Film über die Fabrik drehen wollen, aber Jürgens Firma habe damals nicht genügend Geld gehabt, um sich einen Helikopter zu leihen. Also habe der Jürgen den Kameramann die unzähligen Stufen des Fabrikschlots hochgetrieben, bis ganz nach oben. Eine herrliche Anekdote, Jürgen Großmann sitzt da und lacht. Man hört die Geräusche des Restaurants erst wieder, als sein Lachen abgeklungen ist.

Großmann verlangt nach weiteren Geschichten, nach Pointen, die wie Funken stieben, nach einem Tagesausklang wie ein Feuerwerk, und er fragt nebenher nach dem Einfluss des Tsunamis auf das japanische Nationaleinkommen. Großmann erzählt von seiner Geburt am 4. März 1952 zwischen acht und neun Uhr in Mülheim an der Ruhr. Er berichtet so detailgenau, als könne er sich an alles erinnern, und die Runde johlt vor Entzücken.

Man fragt sich in solchen Momenten: Was kann diesen Mann bloß davon abhalten, sich in der Nähe des Unglücksortes Fukushima umzusehen? Fürchtet er die nukleare Strahlung? »Angst ist nie mein Thema gewesen«, sagt Großmann, das wird er noch öfter in Japan sagen. Der Jürgen würde mit einem Fallschirm über dem Kühlbecken von Fukushima abspringen, wenn es eine gute Show wäre. So reden seine Bewunderer über ihn.

Der Jürgen hat seine Vorstandskollegen bei RWE zu einer Sitzung in seine Jagdhütte bei Kevelaer eingeladen, ist dort plötzlich verschwunden und Stunden später mit einem frisch geschossenen Rehbock zurückgekehrt. Der Jürgen hat für ein Fest auf Sardinien ein ganzes Hotel gemietet. Als der Jürgen in der Schweiz seine Silberhochzeit feierte, kam auch sein Freund Gerhard Schröder, der ehemalige Bundeskanzler, es kamen der frühere Innenminister Otto Schily, Daimler-Chef Dieter Zetsche, der Künstler Markus Lüpertz. Und an einem Bergsee wurde Champagner serviert. Der Jürgen hat sich am Morgen eines Konzerntreffens im holländischen Noordwijk nackt ins Meer gestürzt, zusammen mit leitenden Angestellten, die ihm am Strand hinterherliefen wie einem Sektenführer.

Er war der Beste in seiner Klasse auf dem Gymnasium, der Beste in seiner Jahrgangsstufe, und er strengte sich dafür nicht an. Was er einmal gelernt hatte, vergaß er nicht. Nur im Sportunterricht tat er sich schwer, beim Handstand mussten ihn zwei, manchmal drei Jungen stabilisieren. Großmann studierte Eisenhüttenkunde in Clausthal-Zellerfeld, später Betriebswirtschaft in Indiana, USA, schrieb seine Diplomarbeit in Rio de Janeiro. Er fing im Stahlkonzern Klöckner an, wurde der Jüngste im Vorstand. Er war 39, als er 750.000 Mark im Jahr verdiente und einen Mercedes fuhr. Er strahlte die Zuversicht aus, dass das Leben auf seiner Seite sei. Plötzlich kündigte Großmann im Vorstand, weil er sein Glück in einer dreckigen Hütte finden wollte, der Georgsmarienhütte, die lauter fauchen konnte als er selbst.

Wollte seine Mutter die Anziehungskraft ihres Sohnes Jürgen erklären, dann sagte sie: »Wenn mein Sohn Arnd in ein Flugzeug nach Australien steigt, dann lernt er bis zur Landung nicht einmal seinen Sitznachbarn kennen. Wenn Jürgen sich in eine Straßenbahn setzt, hat er bis zum Hauptbahnhof 50 neue Freunde.«

Jürgen Großmann saß in einem Sessellift im Skigebiet von Arosa, als ihn am 11. März die Nachricht aus Fukushima erreichte. Es war halb zwölf, vielleicht auch zwölf, so genau kann sich Großmann an den Anruf nicht erinnern. Gerd Jäger war in der Leitung, der Chef der Sparte Kraftwerke im Konzern. Großmann hörte sich den Bericht an, er war besorgt. Er fragte den Anrufer: Was genau ist in Japan geschehen? Und was heißt das für die deutsche Diskussion? Später fuhr er zurück in das Arosa Kulm Hotel, das ihm gehört. Seine Frau Dagmar versorgte ihn mit Nachrichten aus dem iPad. Jürgen Großmann selbst nahm sein altes, abgegriffenes Nokia-Handy, schwer wie ein Stein, und telefonierte sechs Stunden lang. Ein Bekannter riet ihm, den Urlaub abzubrechen, aber Großmann sah das nicht ein. Es blieben ohnehin nur noch wenige Tage. Später würde er einmal sagen, dass kein Tag sein Leben so sehr verändert habe wie dieser 11. März, aber davon spürte er zunächst nichts. Er hatte schon Schlimmeres überstanden, zum Beispiel den November 2010.

Damals musste er ins Krankenhaus. Sogar sein Handy musste er abgeben. Der Kampf um die Verlängerung der Laufzeiten für Deutschlands Atomkraftwerke hatte ihm so zugesetzt, dass eine seiner beiden Herzkammern nicht mehr mitmachte. Das ist jedenfalls Großmanns Version der Dinge. Seine Frau Dagmar erlebte, wie er in den Sommerferien des vergangenen Jahres täglich zwölf Stunden lang telefonierte, um gegenüber Politikern seine Interessen durchzusetzen. Es ging um viel Geld. Ein abgeschriebenes Atomkraftwerk wirft jeden Tag rund eine Million Euro ab, das ist die Faustformel der Branche. Großmann dachte sich einen energiepolitischen Appell aus, eine Solidaritätsadresse für die Kernenergie. Er rief seinen Freund, den CDU-Abgeordneten Michael Fuchs, an, der in der Bundestagsfraktion Stimmung gegen den atomkritischen Umweltminister Röttgen machte. Fuchs sprach auch mit der Kanzlerin. Großmann telefonierte mit seinen Freunden aus Politik und Wirtschaft. Am Ende unterzeichneten viele seiner treuen Weggefährten das Papier, Otto Schily, Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, Industriebosse wie Jürgen Hambrecht von BASF und Gerhard Cromme von ThyssenKrupp, auch der Fußballmanager Oliver Bierhoff, dessen Vater im RWE-Vorstand war.

Bevor der Appell als ganzseitige Zeitungsanzeige veröffentlicht wurde, erfuhr die Kanzlerin auf Umwegen davon. Gegen eins in einer Nacht Ende Juli vergangenen Jahres, so erinnert sich Großmann daran, habe ihn ein Redakteur der Bild- Zeitung angerufen und ihm berichtet: »Ich habe es Merkel gesagt. Morgen ruft sie dich an.«

Symbol für die Übermacht der Wirtschaft

Großmann ließ sich mit Merkel auf einer sogenannten Energiereise der Kanzlerin im Kernkraftwerk Emsland in Lingen fotografieren. Auf einem der Bilder stand die Kanzlerin klein und zerbrechlich vor dem gewaltigen Großmann. Das Foto wurde zum Symbol für die Übermacht der Wirtschaft.

Jürgen Großmann umgarnte Merkel und kämpfte gegen Röttgen. Er rieb sich auf. Es schien, als wolle er seine eigene Laufzeit verlängern. Am 28. Oktober 2010 sah es so aus, als habe Großmann gewonnen. Der Bundestag beschloss, die Laufzeiten für die 17 deutschen Kernkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern, der letzte Meiler sollte erst im Jahr 2040 vom Netz gehen. Aber dann, viereinhalb Monate später, trafen die Fernsehbilder aus Fukushima ein. Großmann hatte sein Herz vergeblich riskiert.

Er verstand die Welt nicht mehr, weil sie nicht mehr mit seinem Leben verschmolz. Erfolgreiche Politik, das waren für ihn die Deals, die er mit dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder in Niedersachsen verhandelte, zum Beispiel um ein Stahlwerk zu retten. Politik war eine Verabredung zwischen mächtigen Männern, die einander Rotwein nachgossen. Die Politik der Energiewende ist davon weit entfernt. Ein ganzes Land ringt um kleinliche Kompromisse, Politiker aller Parteien reden mit. Ein Stimmenwirrwarr, ein unabsehbarer Prozess, ganz anders als in einer Kraftwerkszentrale.

Schon als Kind bewunderte Jürgen Großmann die Macht einer Turbine. Bei ihm ging es immer um Energie. Großmanns Vater, der als Soldat aus dem Krieg heimkehrte, wollte die Mutter dadurch erobern, dass er ihr ein Stück Butter vor die Tür legte, 62,5 Gramm, Energiewert: 463 Kilokalorien. Den Tag der Butter feierte die Familie später jedes Jahr mit einem Essen in einem Restaurant. Fuhr der kleine Jürgen mit seiner Mama zum Bahnhof in Mülheim, um den Vater abzuholen, der in einer Bochumer Fabrik als Wirtschaftsprüfer arbeitete, blickte er fasziniert in den glutroten Horizont, erleuchtet von den Öfen der Stahlindustrie. Großmann hat die Gießerei in Mülheim, die über den Himmel herrschte, später übernommen, auch den früheren Betrieb des Vaters. Er hat seine Kindheit konserviert, indem er sie gekauft hat.

In Georgsmarienhütte ist Großmann ein Arbeiterheld

Er versuchte, die Wunde des Vaters zu schließen, der an den Widerständen in seiner Firma zerbrochen war und es nie an die Spitze schaffte. Jürgen Großmann wollte Chef eines Stahlwerks werden. Das sei, sagt er, schon als Junge sein Ziel gewesen. Jetzt hat er das Stahlwerk und 48 weitere Firmen.

Manchmal fährt er zu seiner Georgsmarienhütte, übernachtet in einer Wohnung auf dem Gelände der Fabrik, und wenn er nachts wach wird, hört er das Wummern des Elektroofens. Es ist ein Geräusch, das ihn beruhigt.

So erzählte er das Ende April in seinem Lieblingsrestaurant am Elbufer in Hamburg. »Warum willst du zu RWE?«, habe seine Frau ihn damals, vor vier Jahren, gefragt. Sie war dagegen, dass er das Angebot annahm. Er brauchte das Gehalt nicht, er war kein Frontmann der Kernenergie, er war unabhängig, in Osnabrück ein Arbeiterheld. »Ist das ein weiterer Versuch, zu entkommen?«, habe ihn seine Frau gefragt. »Ist es deine Ego-Show?«

»Ja, das ist es, eine Ego-Show«, habe er geantwortet.

Großmann sprach im Restaurant plötzlich sehr offen, irgendetwas musste ihn bewegen. Er war unglücklich über die Bilder in den Zeitungen, die ihn auf der RWE-Hauptversammlung als einen bedrängten Mann zeigten, der sich mit Bodyguards vor Atomgegnern schützen musste. Er war als Vorstandschef mit 99 Prozent der Stimmen bestätigt worden. Aber daraus, sagte er, hat niemand eine Schlagzeile gebaut.

Jürgen Großmann war plötzlich das, was die Medien suchten: ein Unbelehrbarer. Großmann steckte in der Defensive, aber er verschanzte sich nicht. Er ließ sich in dieser Lage sogar von einem Journalisten aus der Nähe beobachten, was wohl kein anderer Chef einer Aktiengesellschaft wagen würde. Die meisten von ihnen verbergen ihr Leben hinter Zahlen und Tabellen. Ihre Gefühle behalten sie für sich. Großmann hält das nicht aus. Während sich die anderen Chefs der Energiewirtschaft duckten, richtete er sich auf und sprach darüber, was in ihm arbeitete.

Der Ausstieg aus der Atomenergie überzeugte ihn nicht. Er sei kein Feind der erneuerbaren Energien, doch warum diese Hetze, fragte er. Was, wenn die Wende nicht so schnell klappt? Will man die deutsche Industrie ins Ausland treiben? Was, wenn man feststellen sollte, dass der Natur zu viel zugetraut wurde? Wenn im Winter der Energieverbrauch steigt, aber der Wind ausbleibt? Will man dann Atomstrom aus Frankreich kaufen? Oder riskieren, dass in Deutschland das Licht ausgeht? Großmann stellte diese Fragen öffentlich, seine Freunde aus der Industrie waren verstummt.

»Man gerät ins Nachdenken«, sagte Großmann damals beim Essen in Hamburg, dann sprach er von seinem Abiturjahrgang. 18 von 21 Abiturienten lebten noch. »Mit anderen Worten«, sagte Großmann, »15 Prozent sind schon tot. Es ist gut, dass man nicht weiß, wann die Mitte des Lebens überschritten wurde.« Das waren seltsam düstere Gedanken für einen Mann, der sich aufgemacht hatte, die deutsche Atomkraft zu verteidigen.

Nach dem Essen fuhr ihn ein Chauffeur zum Gebäude der Firma, die über sein Stahlreich wacht. Ein stattliches Haus, das durch kein Schild den Chef verrät. »Die Atomgegner«, sagte der Chauffeur, »bloß nicht provozieren.«

Ein schwülwarmer Tag in Tokyo ist angebrochen, als Jürgen Großmann den Turm der Deutschen Bank betritt. Der Fahrstuhl bringt ihn in die 27. Etage, zu einem Geschäftsessen mit japanischen Fondsmanagern. Großmann schätzt das Vermögen, das diese Menschen zu verteilen haben, auf 100 Milliarden Euro, mindestens. Sie könnten einen Teil dieses Geldes in RWE investieren, unter Umständen, vielleicht. Als Vorspeise wird Entenbrustsalat gereicht, und Großmann muss jetzt Deutschland sein. Er wird gefragt, was die deutsche Atompolitik zu bedeuten habe. »Die politische Situation«, erwidert Großmann, »ist interessant.« Er nennt die Türkei, die Slowakei, die Tschechische Republik, überall sei RWE stark, er lenkt von Deutschland ab.

»Ich war nicht erfolgreich«, sagt er in die Runde und versucht es mit einem Scherz. »Wenn ich auf eine einsame Insel nur eine Frau mitnehmen dürfte, dann wäre das nicht Frau Merkel.« Die Japaner lächeln höflich und wenden sich ihren Tellern zu.

Sie sind verwöhnt. Jeden Tag kommen Firmenbosse und erzählen ihnen Geschichten. Es ist schon ein Erfolg, wenn keiner der übernächtigten Fondsmanager beim Essen einschläft. Großmann muss sich jetzt gegen den Salat durchsetzen, die Entenbrust ist sein Konkurrent. Großmann spürt die Gefahr, er ruft: »Weitere Fragen, neue Fragen!« Er schaut in die stille Runde, er muss jetzt die Blicke fangen. Und Großmann hebt an zu einem Rundflug über seine Welt. Mit Alexej Miller, dem Chef des russischen Imperiums Gasprom, habe er neulich telefoniert, um nichts Geringeres als die Energie dieses Planeten sei es gegangen. Die Zuhörer blicken von den Salattellern auf, gleich hat er die Entenbrust bezwungen. Er umschwärmt einen jungen Manager, der zu immer präziseren Fragen ausholt, Großmann lobt ihn wie einen Musterschüler. »Ihre Fragen sind besser als meine Antworten.« Großmann lacht, das Publikum lacht. Er hat sich in den Mittelpunkt geschraubt, die Show gehört jetzt ihm. Hinterher sagt er: »Big brush, big picture.« Dicker Pinsel, großes Bild. Man muss ihn nicht fragen, wen er für den Burschen mit dem dicksten Pinsel hält.

Selbst die Industriebosse von der Ruhr begrüßten plötzlich die Energiewende

Selbst die Industriebosse von der Ruhr begrüßten plötzlich die Energiewende

Die Fotografin der ZEIT darf ihn danach vor der Skyline der Stadt ablichten. Großmann steht da wie ein Denkmal. Der Tag hat sich in ihn verliebt, alles ist jetzt anders. Als die Fotografin ihm das erste Mal in Tokyo begegnete und ihn auf eine Fahrt nach Norden ansprach, in Richtung Fukushima, wurde er unhöflich und sagte: »Nein, keine Fotos von mir in Japan.« Er drehte sich weg, ließ die Fotografin in der Hotellobby stehen. Später schaute er sie prüfend von der Seite an. Sie lächelte, und Großmann beruhigte sich. Als sie ihn dann bittet, sich vor die Fensterfront hoch über Tokyo zu stellen, findet er Gefallen an der Kulisse. Er ist jetzt froh, dass die Fotografin da ist. Er genießt ihre Aufmerksamkeit, er sagt zu ihr: »I like you.« Er mag sie. So geht er mit Frauen um.

Am Abend, als er in einem Restaurant sitzt, das Hollywood-Schauspieler besuchen, wenn sie in Tokyo zu tun haben, ist Großmann nicht mehr zu bremsen. Wann immer die Fotografin die Kamera auf ihn richtet, wirft er sich in Pose. Die anderen Gäste schauen neugierig auf, und Großmann ruft lachend durchs Lokal: »Ich bin Brad Pitt, nur hundert Kilo schwerer!« Anschließend verspricht er der Fotografin, dass er ihr die Bilder abkaufen werde, jedes einzelne. Alle.

Drei Monate ist es jetzt her, dass Großmann im Hotel Adlon in Berlin saß und sich mit der Idee vertraut machte, dass er gleich einen Schmähpreis kriegen würde, den sogenannten Dino des Naturschutzbundes. Als Dinosaurier der Atomindustrie sollte Großmann dastehen, als aussterbende Gattung. Er sagte damals: »Es gibt noch keine Toten durch Fukushima.« Er würde den Satz später wiederholen. »Die Apokalypse hat nicht stattgefunden«, sagte er.

Am Abend zuvor hatte er im Innovationsrat der Kanzlerin gesessen, und als er vor die Tür trat, sah er den FDP-Politiker Rainer Brüderle telefonieren, den plötzlich unter Beschuss geratenen Freund der Kernenergie. Brüderle sah blass aus, fand Großmann.

Er hatte sich vorgenommen, etwas zu tun, womit niemand rechnete: den Dino-Preis persönlich entgegenzunehmen. Er bat seinen Chauffeur, ihn in dem unauffälligen VW-Bus mit den getönten Scheiben zu den Naturschützern zu bringen. Großmann in einem Kleintransporter, auch damit rechnete keiner. Vom Auto aus rief er seine 22-jährige Tochter Anne an, die in Berlin studiert. »Hier ist Paps«, sagte er, »willst du kommen?« Sie hatte keine Zeit. Aber Großmann war guter Dinge. Er war sich schon sicher, dass er als Sieger hervorgehen würde aus dieser Preisverleihung, zu der lauter Gäste eingeladen waren, die ihn verachten. Als der Bus vor dem Haus der Naturfreunde hielt, sagte er staunend: »Da steht sogar einer von der Security. Doll.«

Es wurde dann tatsächlich ein Großmann-Event. Er stellte sich neben das Plakat mit dem Vogel des Jahres, einem zierlichen Gartenrotschwanz, und sagte, dass er kein Mikrofon brauche. Sie brachten ihm trotzdem eines. Der Moderator bestand darauf, dass doch endlich das geplante Streitgespräch mit den Naturschützern beginnen müsse, aber Großmann lobte die Robustheit der Dinosaurier. »165 Millionen Jahre haben sie die Welt regiert.« Als sein Gegner dann prophezeite, RWE werde von der Erde verschwinden wie einst die Echsen, saß Großmann so vergnügt daneben wie einer, der keine Silbe seiner Laudatio verpassen will. Noch versuchte er, den Saurier als faszinierendes Lebewesen zu betrachten, nicht als Sinnbild.

In den Wochen danach wurde es einsam um Jürgen Großmann. Selbst die Chefs der Schwerindustrie an der Ruhr, Großmanns natürliche Verbündete, begrüßten mit einem Mal die Energiewende. Niemand wollte an seiner Seite gesehen werden. Die Kanzlerin zeigte sich mit anderen, und als sie ihrem Minister Ronald Pofalla den Auftrag gab, wegen der gerichtlichen Klagen mit den Energiebossen zu reden, traf Pofalla sich mit Großmann in dessen Hamburger Haus. Es sollte nach einem privaten Besuch aussehen.

Das war die Zeit, als Heckenschützen auf Großmann feuerten, Menschen aus dem Aufsichtsrat von RWE: die Mülheimer Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, der Landrat Frithjof Kühn aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Das Interessante ist, dass jetzt keiner dieser Leute öffentlich über ihn reden will. Sie haben sich verkrochen, bis zur nächsten Attacke. Vielleicht wissen sie, dass es Großmann besonders wehtut, wenn man über ihn redet – und nicht mit ihm.

Mit einem Mal wurde alles, was schiefging, auf Großmann geschoben. Die Aktien von RWE verlieren seit Jahren dramatisch an Wert. Es fehlt nicht viel, dann könnte ein anderes Unternehmen den zweitgrößten deutschen Stromkonzern schlucken. Großmann sucht nach neuen Geldquellen, vielleicht steigt der russische Energiekonzern Gasprom bei RWE ein. Der Atomausstieg bringt Großmann in eine schwer überschaubare Lage.

Der Weg, den Großmann einschlug, schimmerte am Anfang noch grün. Er holte den früheren Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt zu RWE und räumte ihm ein Budget für erneuerbare Energien ein, rund eine Milliarde Euro. Während seiner ersten Pressekonferenz als RWE-Chef zwängte sich Großmann in ein Elektromobil, einen Smart. Aber das blieben Experimente. Großmann hat den grünen Energien nicht getraut, er hat geschlafen, und sein Wecker klingelte nicht. Warum auch? Großmann kannte ja die Zahlen. Nichts bringt mehr Geld ein als ein altes Kernkraftwerk. Sogar der Rohstoff Uran kostet fast nichts. Dann kam der 11. März, und Großmanns Gleichung ging nicht mehr auf.

Anfang Juni, während des RWE-Sommerfests in einem Restaurant gegenüber dem Kanzleramt, sprach der Redner Großmann von der Energiewende als »sogenannter Energiewende«. So war der Springer-Verlag früher mit der DDR umgegangen.

Großmann dachte viel nach. Er hatte stets die befreienden Augenblicke gesucht, er hat sie selbst geschaffen, die bombastischen Feiern, die Oldtimer-Rallyes, die Abende der explodierenden Fröhlichkeit. Er isst zu viel, er geht zu spät ins Bett, er lacht zu laut, er regt sich zu sehr auf, er arbeitet zu viel, er fährt zu hemmungslos Ski. Er weiß das alles, seine Ärzte und seine Freunde haben ihn oft gewarnt. Sie fürchten, dass sein Leben irgendwann mit einem Knall enden wird.

Keiner wird ihn auf Knien bitten, RWE-Chef zu bleiben

Wenige Tage vor Jürgen Großmanns Reise nach Japan saß Arnd Großmann im Hobbykeller seines Einfamilienhauses in Oer-Erkenschwick und sagte: »Ich bin stolz, sein Bruder zu sein.« Die beiden verstehen sich, äußerlich ähneln sie einander. Arnd ist vier Jahre jünger, sechs Zentimeter kleiner. Er ist Arzt in Recklinghausen. Einmal, erzählte Arnd Großmann, habe ein Patient zu ihm gesagt: »Ihren Bruder habe ich im Fernsehen gesehen. Der ist doch jetzt Filialleiter bei Rewe.« Seitdem sagt auch Arnd Großmann Rewe statt RWE. Das macht den Laden sympathischer.

Arnd Großmann war mit auf einer gigantischen Segelregatta über den Atlantik, zu der ihn sein Bruder vor vier Jahren eingeladen hatte, und rechnete hinterher aus, dass jede Minute der zweiwöchigen Tour 20 Euro gekostet hatte. Sein Bruder Jürgen rechnet schon lange nicht mehr. Aber es wäre falsch, sagt Arnd Großmann, Jürgen zu unterstellen, er wolle die Menschen mit seinem Geld zuscheißen. Geld bedeute Jürgen nichts. Er mache die Menschen in seiner Umgebung gleich, indem er die Rechnung übernehme.

Sein Bruder Jürgen, erzählte Arnd Großmann, wäre kein guter Arzt geworden. Jürgen könne kein Blut sehen. Als es mit der Mutter zu Ende ging, erfüllte Jürgen Großmann ihr noch einen Lebenstraum und bezahlte ihr eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Sankt Petersburg nach Peking. Danach wollte die Krebskranke unbedingt noch weiterreisen, um Seidenstoffe zu kaufen. In einem Krankenhaus in Hongkong lag sie schließlich im Sterben. Ihr Sohn Arnd flog zu ihr und setzte sich an ihr Bett. Als sein Bruder Jürgen anrief, sagte Arnd zu ihm: »Komm nicht hierher. Das ist nichts für dich.« Sterbende sind kein schöner Anblick. »Jürgen hat gerne eine heile Welt«, sagte Arnd Großmann noch, bevor sein Bruder nach Japan aufbrach. Unheil hält Jürgen Großmann schwer aus.

Keiner wird ihn auf Knien bitten, RWE-Chef zu bleiben

Fukushima starts health checks, Fukushima beginnt mit Reihenuntersuchungen der Bevölkerung, steht auf der Titelseite der Zeitung The Japan Times, die im Hotel in Tokyo jeden Morgen in einen Spalt neben den Zimmertüren geklemmt wird. Von einer unübersichtlichen Lage im Atomkraftwerk ist die Rede, von Tausenden Tonnen hochradioaktiven Wassers, das ins Meer fließen könnte. Die Zeitung bringt auch Fotos von Japanern, die in Tokyo gegen Atomkraft demonstrieren. Aber Jürgen Großmann interessiert das nicht. Er läuft durch die Stadt wie durch einen Tunnel. Er sieht, was er sehen will: gesunde, elegant gekleidete Geschäftsleute.

Es gibt während der Reise nur zwei Dinge, die Jürgen Großmann von der japanischen Katastrophe mitbekommt. Das eine ist die Spendenbox für die Opfer des Unglücks, die auf dem Tresen an der Hotelrezeption wartet. Das andere sind die Öffnungszeiten der Hotelrestaurants. Weil das Land jetzt Strom spart, werden die elektrischen Geräte und das Licht später eingeschaltet.

An einem Abend in Tokyo setzt sich Großmann in die Hotelbar Highlander, sein Rückzugsgebiet in dieser Stadt. Ein Ort voll schöner Erinnerungen. Vor der Tür dieser Bar fragte er seine Dagmar vor einer Ewigkeit, ob sie ihn heiraten wolle. Die Frage kam damals für beide überraschend.

Jetzt haben sich die Überraschungen gegen ihn gewendet. Der Aufsichtsrat des Konzerns wird am 8. August zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um über die Energiewende zu beraten, auch über ihn, Jürgen Großmann. Er ist in diesen Zeiten das falsche Gesicht, meinen seine Gegner im Konzern. Aber niemand von ihnen traut sich, es ihm offen zu sagen. »Jürgen, du machst alles richtig«, erzählen sie ihm ständig. Keiner der Leute, die hinter seinem Rücken flüstern, wird ihn noch auf Knien darum bitten, seinen Vertrag als RWE-Chef zu verlängern. Im kommenden Jahr läuft er aus. Wer Großmanns Nachfolger werden soll, ist noch nicht bekannt, aber man wird diesen Menschen ganz sicher mit Großmann vergleichen, das Tuscheln wird weitergehen, und man wird sagen: Was für ein blasser Typ – gemessen an Jürgen.

Jürgen Großmann hat sich vor wenigen Monaten mit einem alten Freund getroffen, um über letzte Dinge zu sprechen. Der Freund soll einmal Großmanns Testament vollstrecken.

Großmann wird sich in Deutschland von enttäuschten Arbeitern in abgeschalteten Atomkraftwerken Vorwürfe anhören müssen, die eigentlich der Regierung gelten. Er wird seine Biografie aus den Trümmern von Fukushima retten müssen. Eine Atomruine droht auch sein Leben zu verstrahlen. Wenn doch nur diese verfluchte Schutzmauer in Fukushima ein bisschen höher gewesen wäre. Gerd Jäger, der Fachmann für Kraftwerke bei RWE, hat es im Fettdruck in ein internes Papier geschrieben: »Der Unfall von Fukushima wurde nicht durch ein Restrisiko verursacht!« Der Wall gegen Tsunamis war neun Meter zu niedrig. Aber wer in Deutschland will das wissen?

Großmann lässt sich in einen Sessel sinken, er sieht erschöpft aus. »Was wollen Sie eigentlich von mir?«, fragt er. »Ich bin doch Vergangenheit. Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.« Großmann lässt sich vom Kellner ein Glas Whiskey bringen, nimmt einen Schluck und redet von Millionenbeträgen, die er seinem Land geschenkt habe. Es geht viel durcheinander in diesem Moment. Dann fängt er an zu weinen und sagt: »Ich bekomme Morddrohungen.« Er ballt die Hände, presst sie unter seine Augen und baut mit den Fäusten einen Damm gegen die Tränen. Er setzt noch einmal an, er will noch etwas sagen, aber es kommt nichts mehr heraus. Wie erschlagen liegt er da. Er ist eingeschlafen.