Kann sich noch jemand an Adolf Sauerland aus Duisburg erinnern? Regiert er weiter? Ist er zurückgetreten, lebt er eigentlich noch? Und Georg Funke? Wer ist Funke?? Und wo sind die Milliarden Steuergelder hin für die Pleitebank Hypo Real Estate ? Hat sie jetzt etwa die Fifa? Und wohin ist das Dioxin in den Eiern? Ist es weg? Ist es durch Ehec weg? Und der Missbrauch in der katholischen Kirche? Auch weg – durch Kachelmann?? Mubarak?! Mubarak weg , Demokratie da? Hat Ägypten also in zehn Tagen die Demokratie bekommen, damals auf dem Tahrir-Platz? Und die neue Verfassung regeln jetzt locker die Armeegeneräle? Und Libyen? Syrien? Griechenland, Irland, Portugal, Italien? Europa? Und die Lage in Japan? Haiti?? Ich glaube, wir haben keine Ahnung...

Bei meinen Fußballfreunden ist die Bundesliga-Konferenzschaltung schwer in Verruf geraten: Ständig werde von einem Tor zum nächsten geschaltet, man könne die Entwicklung eines Spiels gar nicht mehr »lesen« und analysieren. Alles sei zerfahren, zerhackt, ein Spiel habe überhaupt keine Geschichte mehr: »TOOOOR in Abbottabad. OSAMA BIN LADEN in einer Blitz-Aktion erschossen , Washington jubelt!« Angela Merkel kann gerade noch in Berlin sagen: Oh, sie freue sich, dass es gelungen sei, bin Laden zu töten, dann wird umgeschaltet: »TOOOR in New York! Sofitel, Suite 2806, 12 Uhr, Housekeeping, schwarzes Zimmermädchen! STRAUSS-KAHN läuft nackt aus dem Badezimmer...Paris bebt, der Euro zittert!«

Eigentlich war Strauss-Kahn auf dem Weg nach Berlin zu Angela Merkel, und man hätte sich wünschen können, dass ihr vielleicht einmal ein Sozialist erklärt, warum solche Sätze über bin Laden eigentlich nicht gehen, aber der ungeheure Satz der Kanzlerin hat sich schon versendet – und Strauss-Kahn eigentlich auch. »TOOOR in Spanien, es waren die GURKEN aus Málaga!« Also redet das ganze Land jetzt über Gurken, nachdem es bezeichnenderweise kurz davor nur über WESTERWELLE geredet hatte.

In einem Restaurant in Köln sitze ich neben der Schwester der RAF-Terroristin Susanne Albrecht , man serviert ihr einen Salat. »Wollen Sie mich umbringen?! Da sind ja Gurken drin, bestimmt aus Spanien!«, ruft sie der Kellnerin nach, doch ihre Tischnachbarin, die Tochter von Jürgen Ponto, beruhigt sie: »Schuld sind die BIOSPROSSEN aus Uelzen! Gurken können wir jetzt wieder essen!«

Bewusstseinstechnisch können wir auch wieder Eier essen, Rind, Geflügel, Fischstäbchen, Nudeln, Babynahrung et cetera. Es ist immer der nächste Skandal, der den vorherigen aus dem Bewusstsein schiebt: Dioxin? Nitrofen? Acrylamid, Glykol, Pestizide? BSE, H1N1, Vogelgrippe? Gammelfleisch, Fischwürmer, Mäusekot? Alles verschwunden und vorbei, und wahrscheinlich könnte man bald auch schon wieder getrost Gemüse aus Fukushima vertilgen, wenn aus unserem Bewusstsein die japanische Strahlung verschwunden ist. Dafür sorgen jetzt die BIOSPROSSEN. Davor war Bioethanol, Autokillerbenzin E10! Stuttgart 21! Steuersenkung: JA! Abschaffung der Wehrpflicht! Abschaffung Deutschlands, Sarrazin! Und dann Guttenberg, Guttenberg! Und Mubarak! Und Steuersenkung: NEIN! Tsunami! GAU! Prinz William! Pippa! PID! Peking und Ai Weiwei ! Gunter Sachs und Steuersenkung jetzt wieder: JA! Kretschmann oder Kachelmann. Oder ALLES umgekehrt...

Genauso ist es mit den Konferenzschaltungen: Das nächste Tor ist immer das interessanteste. Wie es gefallen ist? Warum es gefallen ist? Und vor allem: Wie sich das Spiel danach in Uelzen, Japan, New York, Tunesien, Ägypten, Libyen, Stuttgart oder Syrien oder auch in Iran entwickeln wird? Ausblenden, sofort weiterschalten!

Wie war das in anderen Jahrhunderten? »Jungfrau besiegt England!«, »Reformator in Prag aus Fenster geworfen!«, »Buchdruck erfunden!«, »Kolumbus gelandet!«, »Beben in Konstantinopel!«, »Mönch nagelt Thesen an Tür!«, »Leonardo da Vinci tot!«, »Erde ist rund!« – das waren die Schlagzeilen des 15. und 16. Jahrhunderts ohne Massenmedien, nur haben wir heute ähnlich adrenalinkickende Schlagzeilen nicht in zwei Jahrhunderten, sondern in einer Woche! Aber werden sich in 400 Jahren die Schlagzeilen: »Kachelmann freigesprochen!«, »Strauss-Kahn verhaftet!«, »Fifa korrupt!«, »Westerwelle tritt ab!« oder »Guttenberg schreibt Doktorarbeit ab!« irgendwo finden lassen?

News dieser Art hatte bestimmt auch das 16. Jahrhundert, aber sie haben sich nicht so groß herumgesprochen wie in unserem globalen Dorf. Was jedoch, wenn plötzlich wichtige Nachrichten wie » Revolution in Nordafrika « oder »Atom-GAU in Japan« neben den Kachelmanns und Westerwelles stehen? Konkurrieren sie dann in einem System von Nachrichten, das nicht mehr unterscheiden kann zwischen Substanz und Klatsch? Ist in der Wahrnehmung dann letztlich alles gleichwertig: Guttenberg und Gadhafi, Kachelmann und bin Laden, Biosprossen und Fukushima?

Man muss das gar nicht verurteilen, sondern vielleicht nur feststellen, dass sich daraus ein anderer Umgang mit Wirklichkeit ergibt. Die Gegenwart wird zerlegt, in lauter adrenalinkickende Sequenzen, in Ereignis- und Erlebnisfolgen, die wir, wie die Soziologen Thomas Eriksen und Hartmut Rosa meinen, als »Tyrannei des Augenblicks« beschreiben könnten. Bei Eriksen bedeutet diese Tyrannei, dass die rasenden Überinformationen uns ratloser und uninformierter werden lassen. Aber gegen diese Tyrannei könnten wir uns ja noch theoretisch wehren. Wir könnten sagen: Die Ereignisse werden mir eins nach dem anderen wie Konsumgüter verkauft, aber da mache ich nicht mehr mit, also schalte ich aus.

Was aber, wenn sich diese Tyrannei mittlerweile auf ein ganzes politisches System anwenden lässt?

Vor Kurzem noch galt für die Bundesregierung die Atomkraft als die einzig sichere und verantwortbare Energiequelle. Nach Fukushima waren dann die deutschen Atomkraftwerke innerhalb von drei Tagen plötzlich doch irgendwie unsicher, und es wurde der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Merkel in einem ZEIT -Interview vom 12. Mai: »Ein Ausstieg mit Augenmaß zu schaffen ist die große Herausforderung im Augenblick.« Augenmaß im Augenblick?