Demonstranten im ägyptischen Suez im Juli 2011 © AFP

Kann sich noch jemand an Adolf Sauerland aus Duisburg erinnern? Regiert er weiter? Ist er zurückgetreten, lebt er eigentlich noch? Und Georg Funke? Wer ist Funke?? Und wo sind die Milliarden Steuergelder hin für die Pleitebank Hypo Real Estate ? Hat sie jetzt etwa die Fifa? Und wohin ist das Dioxin in den Eiern? Ist es weg? Ist es durch Ehec weg? Und der Missbrauch in der katholischen Kirche? Auch weg – durch Kachelmann?? Mubarak?! Mubarak weg , Demokratie da? Hat Ägypten also in zehn Tagen die Demokratie bekommen, damals auf dem Tahrir-Platz? Und die neue Verfassung regeln jetzt locker die Armeegeneräle? Und Libyen? Syrien? Griechenland, Irland, Portugal, Italien? Europa? Und die Lage in Japan? Haiti?? Ich glaube, wir haben keine Ahnung...

Bei meinen Fußballfreunden ist die Bundesliga-Konferenzschaltung schwer in Verruf geraten: Ständig werde von einem Tor zum nächsten geschaltet, man könne die Entwicklung eines Spiels gar nicht mehr »lesen« und analysieren. Alles sei zerfahren, zerhackt, ein Spiel habe überhaupt keine Geschichte mehr: »TOOOOR in Abbottabad. OSAMA BIN LADEN in einer Blitz-Aktion erschossen , Washington jubelt!« Angela Merkel kann gerade noch in Berlin sagen: Oh, sie freue sich, dass es gelungen sei, bin Laden zu töten, dann wird umgeschaltet: »TOOOR in New York! Sofitel, Suite 2806, 12 Uhr, Housekeeping, schwarzes Zimmermädchen! STRAUSS-KAHN läuft nackt aus dem Badezimmer...Paris bebt, der Euro zittert!«

Eigentlich war Strauss-Kahn auf dem Weg nach Berlin zu Angela Merkel, und man hätte sich wünschen können, dass ihr vielleicht einmal ein Sozialist erklärt, warum solche Sätze über bin Laden eigentlich nicht gehen, aber der ungeheure Satz der Kanzlerin hat sich schon versendet – und Strauss-Kahn eigentlich auch. »TOOOR in Spanien, es waren die GURKEN aus Málaga!« Also redet das ganze Land jetzt über Gurken, nachdem es bezeichnenderweise kurz davor nur über WESTERWELLE geredet hatte.

In einem Restaurant in Köln sitze ich neben der Schwester der RAF-Terroristin Susanne Albrecht , man serviert ihr einen Salat. »Wollen Sie mich umbringen?! Da sind ja Gurken drin, bestimmt aus Spanien!«, ruft sie der Kellnerin nach, doch ihre Tischnachbarin, die Tochter von Jürgen Ponto, beruhigt sie: »Schuld sind die BIOSPROSSEN aus Uelzen! Gurken können wir jetzt wieder essen!«

Bewusstseinstechnisch können wir auch wieder Eier essen, Rind, Geflügel, Fischstäbchen, Nudeln, Babynahrung et cetera. Es ist immer der nächste Skandal, der den vorherigen aus dem Bewusstsein schiebt: Dioxin? Nitrofen? Acrylamid, Glykol, Pestizide? BSE, H1N1, Vogelgrippe? Gammelfleisch, Fischwürmer, Mäusekot? Alles verschwunden und vorbei, und wahrscheinlich könnte man bald auch schon wieder getrost Gemüse aus Fukushima vertilgen, wenn aus unserem Bewusstsein die japanische Strahlung verschwunden ist. Dafür sorgen jetzt die BIOSPROSSEN. Davor war Bioethanol, Autokillerbenzin E10! Stuttgart 21! Steuersenkung: JA! Abschaffung der Wehrpflicht! Abschaffung Deutschlands, Sarrazin! Und dann Guttenberg, Guttenberg! Und Mubarak! Und Steuersenkung: NEIN! Tsunami! GAU! Prinz William! Pippa! PID! Peking und Ai Weiwei ! Gunter Sachs und Steuersenkung jetzt wieder: JA! Kretschmann oder Kachelmann. Oder ALLES umgekehrt...

Genauso ist es mit den Konferenzschaltungen: Das nächste Tor ist immer das interessanteste. Wie es gefallen ist? Warum es gefallen ist? Und vor allem: Wie sich das Spiel danach in Uelzen, Japan, New York, Tunesien, Ägypten, Libyen, Stuttgart oder Syrien oder auch in Iran entwickeln wird? Ausblenden, sofort weiterschalten!

Wie war das in anderen Jahrhunderten? »Jungfrau besiegt England!«, »Reformator in Prag aus Fenster geworfen!«, »Buchdruck erfunden!«, »Kolumbus gelandet!«, »Beben in Konstantinopel!«, »Mönch nagelt Thesen an Tür!«, »Leonardo da Vinci tot!«, »Erde ist rund!« – das waren die Schlagzeilen des 15. und 16. Jahrhunderts ohne Massenmedien, nur haben wir heute ähnlich adrenalinkickende Schlagzeilen nicht in zwei Jahrhunderten, sondern in einer Woche! Aber werden sich in 400 Jahren die Schlagzeilen: »Kachelmann freigesprochen!«, »Strauss-Kahn verhaftet!«, »Fifa korrupt!«, »Westerwelle tritt ab!« oder »Guttenberg schreibt Doktorarbeit ab!« irgendwo finden lassen?

News dieser Art hatte bestimmt auch das 16. Jahrhundert, aber sie haben sich nicht so groß herumgesprochen wie in unserem globalen Dorf. Was jedoch, wenn plötzlich wichtige Nachrichten wie » Revolution in Nordafrika « oder »Atom-GAU in Japan« neben den Kachelmanns und Westerwelles stehen? Konkurrieren sie dann in einem System von Nachrichten, das nicht mehr unterscheiden kann zwischen Substanz und Klatsch? Ist in der Wahrnehmung dann letztlich alles gleichwertig: Guttenberg und Gadhafi, Kachelmann und bin Laden, Biosprossen und Fukushima?

Man muss das gar nicht verurteilen, sondern vielleicht nur feststellen, dass sich daraus ein anderer Umgang mit Wirklichkeit ergibt. Die Gegenwart wird zerlegt, in lauter adrenalinkickende Sequenzen, in Ereignis- und Erlebnisfolgen, die wir, wie die Soziologen Thomas Eriksen und Hartmut Rosa meinen, als »Tyrannei des Augenblicks« beschreiben könnten. Bei Eriksen bedeutet diese Tyrannei, dass die rasenden Überinformationen uns ratloser und uninformierter werden lassen. Aber gegen diese Tyrannei könnten wir uns ja noch theoretisch wehren. Wir könnten sagen: Die Ereignisse werden mir eins nach dem anderen wie Konsumgüter verkauft, aber da mache ich nicht mehr mit, also schalte ich aus.

Was aber, wenn sich diese Tyrannei mittlerweile auf ein ganzes politisches System anwenden lässt?

Vor Kurzem noch galt für die Bundesregierung die Atomkraft als die einzig sichere und verantwortbare Energiequelle. Nach Fukushima waren dann die deutschen Atomkraftwerke innerhalb von drei Tagen plötzlich doch irgendwie unsicher, und es wurde der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Merkel in einem ZEIT -Interview vom 12. Mai: »Ein Ausstieg mit Augenmaß zu schaffen ist die große Herausforderung im Augenblick.« Augenmaß im Augenblick?

Opportunismus als Folge der Augenblickstyrannei?

Eine ähnliche Tyrannei des Augenblicks in der Libyenpolitik : Im Irakkrieg ist die künftige Kanzlerin gegen den Antikriegskurs ihres Vorgängers Gerhard Schröder, aber Seite an Seite mit dem Kriegsherrn George W. Bush; später, im Fall Libyens, steht Deutschland plötzlich im UN-Sicherheitsrat Seite an Seite mit China und Russland gegen die Nato. Und warum? Landtagswahlen in Baden-Württemberg? Brauchten die FDP und der Außenminister ein Thema zur Profilierung? Und als dann also die Rebellen in Bengasi um ihr Leben kämpften, kämpften deutsche Politiker in Baden-Württemberg um ihre Ämter.

In der Berichterstattung über Angela Merkel wird diese Form von Politik gern als eine flexible, geschmeidige Regierungskunst beschrieben, aber dieses Hin und Her und Kreuz und Quer – Steuersenkung: ja, nein, ja; Libyeneinsatz: nein, aber Jasminrevolution in Nordafrika: ja, wie schön, trotzdem aber bitte ohne Diskussion deutsche Kampfpanzer für die Saudis ! – also diese Willkür, die man wohl Realpolitik zu nennen pflegt, diese Augenblicksanpasserei, dieser ganze Irrsinn vom Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg: Was soll es anderes sein als Tyrannei beziehungsweise ein ständig über uns hereinbrechender Opportunismus als Folge der Augenblickstyrannei?

Vielleicht gibt es zwei grundsätzliche Bewegungen innerhalb unseres Hypes um den Augenblick: Zum einen die rasenden Personalgeschichten, also rasender Aufstieg, rasender Abstieg – Guttenberg, Koch-Mehrin, Strauss-Kahn et cetera. Zum anderen die schnelle, tyrannische Minute der politischen Entscheidung: Erst also die Ereignisse ohne Nachklang, dann die Entscheidungen ohne Gedächtnis. Entscheidungen ohne Sinn für Entwicklungen. Entscheidungen ohne Sinn für Vergangenheit und Zukunft.

Vielleicht ist deshalb die SMS-Technik für Angela Merkel genau das richtige Regierungsinstrument? 160 Zeichen für einen Entscheidungsaugenblick. Wenn die Kanzlerin dabei eine Zen-Meisterin wäre, würde sie zwar tun, was der Augenblick verlangt, aber sie täte es, ohne an die kommende Landtagswahl zu denken, allerhöchstens würde sie in einer kleinen Zeremonie achtsam ihr Display putzen.

Eine Zeit, die nur einen ereignispolternden Augenblick feiert und überhöht, das ist eine seltsame Zeit: eine Mischung aus einer rasenden, grellen Gegenwart, die sofort in dunkler, unverarbeiteter Vergangenheit liegt, und einer Zukunft, in die wir blind hineinlaufen, weil die rasende Augenblickskultur nicht gerade das Beharren auf einer Untersuchung von Fehlern in der Vergangenheit befördert. Es ist, als trete man die Probleme wie eine Büchse oder einen faulen Apfel nur immer weiter die Straße hinunter. Und die Last der Fehlersuche, der Begründungen und Aufarbeitungen von endlosen Ernährungsskandalen oder wieder und wieder neuen Finanzskandalen und Rettungspaketen – sie liegt nicht bei den Augenblickspolitikern, sondern sie läge bei den Beharrern. Doch wo finden wir solche Beharrer?

Ja, Beharrer brauchten wir! Eine Partei der Beharrlichen, die sich zwischen den einen und den nächsten Augenblick wirft. Eine Partei der Aufmerksamkeit, die nicht sofort dem nächsten Reiz erliegt und die ihr Programm nicht auf Ereignismodus eingestellt hat. Wir brauchen eine Partei am Rande der Zeit!

Und wie schön und fast schon grotesk ist es, wenn wir heute wie in Zeitlupe von Musikern wie David Bowie sprechen. Wie er in den Siebzigern geklungen hat. Wie anders er war in den Achtzigern. Und dass es in den Neunzigern eigentlich wieder einen neuen Bowie gab. So etwas scheint heute, in der rasenden Gegenwart der Lenas oder Röslers, unmöglich. Bevor sie überhaupt die Chance haben, wirklich ihr Handwerk und ihren Beruf zu erlernen, sind sie schon weg... Das ist in der Politik so wie in der Musik und immer mehr auch in den anderen Künsten. Ein aufstrebender Künstler hat heute ungefähr die Haltbarkeit eines Handys auf dem Smartphone-Markt.

»Nach zwei gefeierten Filmen gilt der 22-jährige Xavier Dolan als größtes Regietalent der Welt.« ( Der Spiegel )

Es geht noch besser:

»Ein Niederländer ist seit einer Woche der jüngste Fußballprofi der Welt. Der 18 Monate alte Baerke van der Meij überzeugte die Verantwortlichen des niederländischen Erstligisten VVV Venlo. Der Vater des Profis hatte bei YouTube ein Video hochgeladen, auf dem sein Sohn drei Bälle in eine Spielzeugkiste schießt. Der Film wurde mehr als drei Millionen Mal angeklickt. Selbst der US-Nachrichtensender CNN setzte die Szene auf seine Website. Baerke van der Meij habe ein Gefühl im rechten Fuß wie David Beckham, gab der VVV Venlo bekannt. Der Rechtsfuß erhielt einen Zehn-Jahresvertrag.« ( Handelsblatt, Focus, Kicker et cetera)

Nietzsche nennt es ein »rasend-unbedachtes Zersplittern und Zerfasern aller Fundamente«; er spricht von ihrer »Auflösung in ein immer fließendes und zerfließendes Werden«; vom »unermüdlichen Zerspinnen und Historisieren alles Gewordenen«. Und jeder kennt wohl dieses erschöpfende Gefühl beim Anblick einer Zeitung von letzter Woche, die man noch nicht zu lesen geschafft hat. Eine alte Zeitung passt nicht in unseren Beschleunigungszwang, nicht zu unserer Eilkrankheit. Eine Zeitung von gestern wäre etwas für Schildkröten.

Oh je, ich bekomme ja hier so einen richtig moralischen Unterton, wie früher die altgedienten ZEIT -Kommentatoren! Aber vielleicht wäre es der zarte Beginn von so etwas wie Moral, die beschriebene Tyrannei und das rasend unbedachte Zersplittern anzumahnen. Zu beharren. An die Gegenwart zu erinnern, bevor wir uns wieder dem nächsten Reiz übergeben. Und ob wir dann, wenn wir beharrlicher, aufmerksamer, mehr am Rande der rasenden Zeit wären – ob wir dann wohl wieder mehr Aufbegehren in uns hätten?

Ist es nicht sonderlich, dass wir keine Ahnung haben, wo unsere ganzen Euro-Rettungsmilliarden am Ende landen werden, wir aber gegen diesen ungeheuren Finanzmarkt, gegen Banker, Broker, Spekulanten und Rating-Agenten nicht auf die Straße oder wenigstens in eine Facebook-Revolution ziehen? Und dass wir es vielleicht nur tun würden, wenn es ergreifende, hochemotionale Bilder über ein so reißerisches Thema wie »griechische Staatsanleihen«, »Gläubigerbeteiligungen« oder »Das wahre Gesicht der EZB« im Fernsehen der bei YouTube gäbe...?

Als Kind stand ich immer gerne auf den Leuchttürmen in Dänemark. Wenn ich von oben herunterrief, flogen meine Worte weg mit dem Wind. Und nur wenn ich schnell durch den Turm nach unten lief, hatte ich das Gefühl, ich könnte ihren Widerhall noch unten einfangen.

Ein bisschen so ist es mit der Wahrnehmung und der Verarbeitung. Ich springe von Ereignis zu Ereignis, von Leuchtturm zu Leuchtturm. Ich schreie meine Eindrücke ganz oben in den Wind, aber die jeweiligen Türme laufe ich nicht mehr hinunter. Und dann höre ich keinen Hall mehr. Ich komme nichts und keinem Ereignis mehr auf den Grund.

Komischerweise muss es dieses Gefühl schon früher gegeben haben. Hans Ulrich Gumbrecht zitiert in seinem Buch 1926 – Ein Jahr am Rand der Zeit den Journalisten Leo Lania, der sich über die soziale Reportage Gedanken macht. Es liest sich heute wie ein Kommentar auf die Tyrannei des Augenblicks: »Die durchdringende Stimme der Gegenwart ist nicht zu übertönen, sie scheucht den sanftesten Träumer aus den letzten Winkeln in das unbarmherzige Licht des Tages. Da bekommen alle Dinge neue Form und neue Farbe, und ihr Sinn und ihr Wesen erschließt sich nur dem, der den Mut hat, ihre Konturen abzutasten, sie immer von neuem zu besehen, zu behorchen.«

Und der Unterschied, 1926 und heute? Wird unser Augenblickskult mit der heutigen Technologie noch durchdringender, stehen wir noch greller im Licht des Tages? Zwingen uns die neuen Medien immer weiter und unbarmherziger, für alles verfügbar zu sein?

Wo ist das Ozonloch?

Die zwanziger Jahre entluden sich in Grausamkeiten, sie verwandelten die Zeit in eine radikale Vereinfachung. Wäre, so gesehen, etwas Tröstliches darin, dass wir heute vor lauter Ereignissen schnell zum nächsten wechseln und gar nicht in der Lage sind, aus der Ereignisfülle heraus, radikal zu vereinfachen? Wäre also insofern unser Ereigniswahn eigentlich ein Segen? Eine angenehme Resignation? Oder sind diese Fülle und dieser Wahn nur die raffiniertere Form einer Vereinfachung, um tiefere Auseinandersetzung zu vermeiden? Statt Diktatur und Zensur nun Ereignisfülle wie Tausende von Zuckerwatten? Ja, müssten wir also gerade doch den Mut haben, unsere Ereignisse genauer abzutasten, wie Lania schreibt, sie immer von Neuem zu besehen?

Wo sollen wir damit anfangen? Vielleicht beim guten alten Ozonloch? Ja, es gab einmal ein OZONLOCH! Beharren wir auf dem Ozonloch! Wo das wohl geblieben ist??

Wenn wir es wiederfinden und hineinschauen würden, was würden wir sehen? Die verlorene Zeit? Eine kleine Erinnerung an unsere Gegenwart? Unsere verlorene Zukunft?

Und am Rande des Lochs würden die Veteranen des Augenblicks sitzen und winken: Adolf Sauerland und dieser Funke. Und Guttenberg mit dem Gorch Fock-Kapitän. Helene Hegemann mit Sarrazin. Köhler und der Kachelmann. Koch und Ypsilanti mit Walter Mixa und Ben Ali. Bin Laden und Westerwelle mit einer verwelkten Jasminblüte. Strauss-Kahn mit Berlusconis Musen. Mubarak und die Biosprossen. Und Christoph Schlingensief performt. Mark Zuckerberg befreundet sich bei Facebook mit Gott. Angela Merkel schickt eine SMS. Lena singt. Und der 18 Monate alte Profi Baerke van der Meij schießt mit rechts in das Ozonloch.