Man sieht diese Krise nicht, und das ist das Gefährliche an ihr. Zigtausend Bundesbürger verbringen in diesen Tagen ihren Urlaub in Italien, sie entspannen am Strand von Viareggio oder bummeln durch die Straßen von Florenz. Sie sehen keine Massendemonstrationen wie noch vor Wochen in Athen und Madrid. Sie sehen auch keine Hassplakate gegen Deutsche wie in Dublin oder Lissabon.

Man sieht als Gast nicht sofort, ob ein Land vor dem wirtschaftlichen Kollaps steht. Ob diesem Land das Geld auszugehen droht. Ob sich überhaupt noch Geldgeber finden. Man sieht die Bedrohung nicht – selbst wenn es um die Zukunft eines ganzen Kontinents geht.

Seit dem Wochenbeginn befinden sich italienische Staatsanleihen im freien Fall . Die internationalen Geldgeber ziehen ihr Kapital ab, so rasch und so massiv, dass es auch die Insider an den Finanzmärkten überrascht. Es stimmt zwar: Italiens Wirtschaft war innerhalb der Euro-Zone immer ein Wackelkandidat. Aber Italien war eben immer auch der Beleg dafür, dass ein Land mit großen Problemen sich irgendwie durchwursteln kann. Dass es trotz hoher Schulden und latenter Regierungskrisen als vertrauenswürdig gelten kann – bei Touristen und Investoren.

Gemäß den Regeln hätte Italien den Euro niemals bekommen dürfen. Die Schuldenlast lag und liegt bei 120 Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung – doppelt so viel wie erlaubt. Aber dem Gründungsmitglied der EU die Gemeinschaftswährung vorzuenthalten galt als politisch unmöglich. Die Europäische Kommission begnügte sich damals mit der Erwartung, dass die Schuldenquote fortan »rascher sinken« werde. Das tat sie nicht.

Nun wackelt der ewige Wackelkandidat. Und wenn auf einmal das Undenkbare denkbar wird – die Staatspleite Italiens –, dann rückt auch die ganz große Katastrophe näher: das Ende des Euro.

Denn fällt Italien, gibt es kein Halten mehr. Das Land ist zu groß, um vom europäischen Rettungsfonds aufgefangen zu werden – im Gegensatz zu Irland, dessen Staatspapiere am Dienstag von der Rating-Agentur Moody’s auf Ramschstatus herabgestuft wurden . Das Volumen der ausstehenden italienischen Schuldverschreibungen beläuft sich auf 1600 Milliarden Euro, im Fall Griechenlands sind es nur 280 Milliarden. Allein deutsche Banken haben in Italien – Stand März 2011 – 116 Milliarden Euro verliehen, davon 35,8 Milliarden an den Staat. In Griechenland sind sie bloß mit 25 Milliarden Euro engagiert. »Europa hat den gefährlichsten Moment der Schuldenkrise erreicht«, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank.

Dies sind die Tage der Wahrheit für die Währungsunion. Der Euro ist mehrfach unter Druck: Griechenland kommt nicht aus dem Schlamassel, in Spanien mehren sich die Probleme. Und Europas Regierungen können sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen.