Politik und Lyrik Nr. 19 Zinsverbot
Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. In der neunzehnten Ausgabe der Serie widmet sich Monika Rinck der Finanzkrise.
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Diese Woche widmet sich Monika Rinck der Finanzkrise.
Monika Rinck: Zinsverbot
Da hat doch schon wieder jemand die Milch in der Kuh verkauft.
Die Zukunft steht prinzipiell offen. Moment, das ist mein Euter!
Ihr sollt die Milch nicht im Euter verkaufen. Futures, Terminhandel:
auch das nicht. Und ihr sollt nicht mit unreifen Früchtchen handeln.
Ihr sollt warten, bis die Reize eine angemessene Größe haben,
groß genug, um damit für Tiernahrung oder Mietwägen zu werben.
Ja, das dauert. Stichwort: Volatilität! Auch sollt ihr die Wolle nicht
auf dem Rücken der Tiere verkaufen. Nicht einmal das. Und Zins
sollt ihr nicht nehmen! Wie? Zins nicht! Ihr habt schon verstanden.
Wenn man euch versehentlich Gelder als Zinsguthaben übereignet,
werdet ihr die präzise atomisieren, zugunsten insolventer Besteller.
Das wäre es, in etwa. Mehr braucht ihr dazu gar nicht zu wissen.
Und es wird euch wohlergehen auf Erden. Ja, ich meine es ernst.
- Monika Rinck
Monika Rinck wurde 1969 in Zweibrücken geboren. 2001 erschien Begriffsstudio 1996–2001 in der edition sutstein, 2004 der Band Verzückte Distanzen im zu Klampen! Verlag. Es folgten bei Kookbooks der Essayband Ah, das Love-Ding! (2006) und der Lyrikband zum fernbleiben der umarmung (2007), 2008 dann das Hörbuch Pass auf, Pony in der edition sutstein. 2009: Helle Verwirrung / Rincks Ding- und Tierleben. Zuletzt Elf kleine Dressuren, mit Max Marek, edition sutstein 2010.
- Datum 18.07.2011 - 14:48 Uhr
- Serie Politik & Lyrik
- Quelle DIE ZEIT, 14.7.2011 Nr. 29
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Wenn ich dies nicht soll, was dann?
Ich soll dem Bauern die Kuh bezahlen, damit er mir die Milch verkauft? Das Geld krieg ich ja wieder?
Ich soll das Futter für das Schaf bezahlen, damit ich dann einen Pullover verkauft bekomme?
Ist es dann nicht schon Unrecht, wenn der Bauer mit seinem Tier eine Wertschöpfung erwirtschaftet.
Um dieses Unrecht auszuschließen werde ich mein Geld nicht mehr beim "Bauern" parken sondern mit losen Mägdelein, Speiß, Trank und vielen Partys durchzechen.
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