Ein Gespräch mit Julia Fischer hat einigen Unterhaltungswert. Manchmal stößt sie leise Kecker- und Grunzlaute von Pavianen aus, und über die Affen, die sie in Botswana studierte, spricht sie wie über die Schmidts von nebenan: »Das sind alles sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Manche Mütter sind überprotektiv und halten ihr Kind krampfhaft fest; andere lassen ihr Neugeborenes irgendwo schreiend sitzen. Da gibt es das ganze Verhaltensspektrum.«

18 Monate lang war Fischer im Dschungel. Sie hat gelernt, die Affen zu unterscheiden und immer öfter ihr Verhalten vorherzusagen. Und doch hatte sie das Gefühl: »Je länger ich sie beobachtete, desto fremder erschienen sie mir.« Denn ihr wurde bewusst, dass sie – trotz aller Vertrautheit – keine Ahnung hatte, was in den Tieren vorgeht.

Was macht den Menschen aus? Was unterscheidet uns vom Tier? Wie sehen Affen die Welt? Das sind die Kernfragen, um die sich Fischers Arbeit als Biologin dreht. Fast könnte man sie für eine Nachfolgerin jener berühmten Affenforscherinnen halten – Jane Goodall, Dian Fossey, Biruté Galdikas –, die ihr Leben den Menschenaffen widmeten. Doch anders als diese drei ist Julia Fischer keine im Busch lebende Einzelkämpferin, sondern springt als Wissenschaftlerin zwischen verschiedenen Welten hin und her.

»Es gibt in der Affenforschung verschiedene Traditionen«, erklärt die 44-jährige Primatologin. »Die einen betreiben reine Freilandforschung, andere studieren Affen im Labor und machen Lernexperimente.« Sie kombiniert beide Methoden: Sie beobachtet Affen in ihrem natürlichen Lebensraum und macht mit ihnen Intelligenztests in ihrem Labor am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, einer der weltweit größten und bedeutendsten Einrichtungen ihrer Art.

Dass sie dort, nach Stationen an der Harvard University und dem Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, einmal Professorin für kognitive Ethologie werden würde, war Fischer nicht vorgezeichnet. »Naturwissenschaftler gab es bei uns in der Familie bisher nicht.« Doch ihre Eltern diskutierten gesellschaftspolitische Fragen mit ihr und begeisterten sie für die Wissenschaft. Schon in der Schule interessierte sich Fischer für Biologie. Eine Zeit lang arbeitete sie für Greenpeace, dann begeisterte eine Unterredung mit Biologen sie für die Naturbeobachtung. Während ihres Studiums wurde ein Buch des amerikanischen Forscherpaares Dorothy Cheney und Robert Seyfarth – Wie Affen die Welt sehen – zu ihrer »Bibel«. Und als sie später selbst als Gastwissenschaftlerin in den USA einen Vortrag hielt, wurden ausgerechnet Cheney und Seyfarth auf die junge, selbstsichere Frau aufmerksam und boten ihr die Leitung ihres weltberühmten Baboon-Camps in Botswana an.

Mit Fernglas, Videokamera und Aufnahmegerät streifte sie durch die Savanne Botswanas, spielte Bärenpavianen ihre eigenen Rufe oder die von anderen Tieren vor und studierte die Reaktionen der Tiere. Dabei zeigte sich, dass die Kommunikation der Affen wesentlich komplexer war als angenommen. Einfache Antworten, lernte Fischer, liefert die Verhaltensbiologie eben nur selten.