Wissenschaftler im PorträtWie sehen Affen die Welt, und was heißt das für uns?

fragt sich Julia Fischer. von  und Hilal Sezgin

Ein Gespräch mit Julia Fischer hat einigen Unterhaltungswert. Manchmal stößt sie leise Kecker- und Grunzlaute von Pavianen aus, und über die Affen, die sie in Botswana studierte, spricht sie wie über die Schmidts von nebenan: »Das sind alles sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Manche Mütter sind überprotektiv und halten ihr Kind krampfhaft fest; andere lassen ihr Neugeborenes irgendwo schreiend sitzen. Da gibt es das ganze Verhaltensspektrum.«

18 Monate lang war Fischer im Dschungel. Sie hat gelernt, die Affen zu unterscheiden und immer öfter ihr Verhalten vorherzusagen. Und doch hatte sie das Gefühl: »Je länger ich sie beobachtete, desto fremder erschienen sie mir.« Denn ihr wurde bewusst, dass sie – trotz aller Vertrautheit – keine Ahnung hatte, was in den Tieren vorgeht.

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Julia Fischer

44, erforscht die Kommunikation von Affen und anderen Tieren. In Botswana untersuchte sie, wie sich Paviane verständigen. Seit 2004 leitet sie die Forschungsgruppe Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Ihre Erfahrungen in der Wissenschaft hat sie als Mitherausgeberin des Campus-Knigge verarbeitet.

Was macht den Menschen aus? Was unterscheidet uns vom Tier? Wie sehen Affen die Welt? Das sind die Kernfragen, um die sich Fischers Arbeit als Biologin dreht. Fast könnte man sie für eine Nachfolgerin jener berühmten Affenforscherinnen halten – Jane Goodall, Dian Fossey, Biruté Galdikas –, die ihr Leben den Menschenaffen widmeten. Doch anders als diese drei ist Julia Fischer keine im Busch lebende Einzelkämpferin, sondern springt als Wissenschaftlerin zwischen verschiedenen Welten hin und her.

»Es gibt in der Affenforschung verschiedene Traditionen«, erklärt die 44-jährige Primatologin. »Die einen betreiben reine Freilandforschung, andere studieren Affen im Labor und machen Lernexperimente.« Sie kombiniert beide Methoden: Sie beobachtet Affen in ihrem natürlichen Lebensraum und macht mit ihnen Intelligenztests in ihrem Labor am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, einer der weltweit größten und bedeutendsten Einrichtungen ihrer Art.

Dass sie dort, nach Stationen an der Harvard University und dem Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, einmal Professorin für kognitive Ethologie werden würde, war Fischer nicht vorgezeichnet. »Naturwissenschaftler gab es bei uns in der Familie bisher nicht.« Doch ihre Eltern diskutierten gesellschaftspolitische Fragen mit ihr und begeisterten sie für die Wissenschaft. Schon in der Schule interessierte sich Fischer für Biologie. Eine Zeit lang arbeitete sie für Greenpeace, dann begeisterte eine Unterredung mit Biologen sie für die Naturbeobachtung. Während ihres Studiums wurde ein Buch des amerikanischen Forscherpaares Dorothy Cheney und Robert Seyfarth – Wie Affen die Welt sehen – zu ihrer »Bibel«. Und als sie später selbst als Gastwissenschaftlerin in den USA einen Vortrag hielt, wurden ausgerechnet Cheney und Seyfarth auf die junge, selbstsichere Frau aufmerksam und boten ihr die Leitung ihres weltberühmten Baboon-Camps in Botswana an.

Mit Fernglas, Videokamera und Aufnahmegerät streifte sie durch die Savanne Botswanas, spielte Bärenpavianen ihre eigenen Rufe oder die von anderen Tieren vor und studierte die Reaktionen der Tiere. Dabei zeigte sich, dass die Kommunikation der Affen wesentlich komplexer war als angenommen. Einfache Antworten, lernte Fischer, liefert die Verhaltensbiologie eben nur selten.

Leserkommentare
  1. hmmm! Ein Sprachgen? für Mäuse? na ja, hat eben nicht geklappt. Schade eigentlich. Wäre lustig, sich mit den Mäusen in meinem Landhaus zu unterhalten.
    Wie wäre es aber, zur Präzisierung der Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Affe, mal ein Jahr in einer Parteienzentrale in Berlin zu verbringen? Immerhin gibt es da sowohl Patriarchat als auch Matriarchat zu erforschen.

  2. allerdings nicht, wenn teure Forschung auf ausgetretenen
    Pfaden wandert. Warum denn in die Ferne schweifen, wenn die
    Tierparks und Zoo`s so nahe liegen.
    Was ist eigentlich der Sinn solcher Beobachtungen und Messungen? Neuartiges wird dort doch kaum gefunden oder produziert.

  3. Im Laufe der Evolution haben sich in der intellektuellen Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Umfeld und der Existenz immer wieder neue Fragestellungen und also auch Räume eröffnet, welche schlussendlich Türen aufschließen in eine erweiterte Wahrnehmung unserer Existenz und also ist eine dahingehende Forschungsarbeit eine von vielen möglichen und notwendigen Voraussetzungen zur Schaffung eines neuen und verbreiterten Bewusstseins. Und nichts erscheint mir notwendiger als eine Veränderung unserer bewussten Wahrnehmung von der Welt, in einer Zeit, in welcher uns die Geschwindigkeit des Wachstums zu überrennen droht.
    Die Welt ist voller unsterblicher Überreste, sage ich, und wir unterhalten uns nur über den Wohlstand, diesen sterblichen Gesellen! Wir haben noch längst nicht alles verstanden.
    Ich fürchte nur, dass die für die Wissenschaften notwendigen Mittel eher in den Forschungsabteilungen der großen Konzerne vorhanden sind, wo sie einem anderen primären Zweck dienen als einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Die Tatsache, dass Budgetaufstockungen nur genehmigt werden in Wissenschaftsbereichen, die einen schnellen und unmittelbaren Erfolg auf dem Markt erzielen, muss dringend geändert werden (so steckt etwa die Forschung auf dem Gebiet 'Energie aus Wasserstoff' immer noch in den Kinderschuhen, da die Nachfrage zu gering ist, obwohl man genau weiß, dass die planetaren Ölfelder versiegen!).

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