ZEITMagazin: Sie stammen aus einer wahren Forscherdynastie: Klaus, schon Ihr Vater Boris war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein bekannter Biophysiker, Ihr Bruder ist Krebsforscher...

Klaus Rajewsky: Meine Tante war Professorin für Anglistik, mein Onkel Professor für Mechanik, meine Schwester Soziologin...

Nikolaus Rajewsky: Meine Mutter war Professorin für Politikwissenschaft...

Klaus Rajewsky: Und ihr Bruder wiederum ist Professor für Alte Geschichte und Numismatik.

ZEITMagazin: Wie erklären Sie sich das? Wurde bei Ihnen zu Hause schon im Kinderzimmer über Wissenschaft diskutiert?

Klaus Rajewsky:   Bei uns wurde zu Hause jedenfalls nicht über Geschäfte und Geld geredet. Ansonsten war mir von Kindesbeinen an eher klar: Ich will auf keinen Fall dasselbe machen wie mein Vater. Der war ja Direktor eines Instituts der Kaiser-Wilhelm-, später Max-Planck-Gesellschaft, in dem Wissenschaft sehr hierarchisch und im alten Stil betrieben wurde – ich fühlte mich da nicht wohl.

ZEITMagazin: Und Sie, Nikolaus? Hat Sie Ihr Vater indoktriniert?

Nikolaus Rajewsky: Nein, gar nicht. Ich interessierte mich ohnehin für Physik und Musik und nicht für Biologie.

Klaus Rajewsky:   Dabei warst du einmal als Schüler Co-Autor einer wissenschaftlichen Arbeit von mir.

Nikolaus Rajewsky: Stimmt. Ihr hattet bei euren Mäuse-Experimenten ein statistisches Problem. Das habe ich neben der Schule mithilfe meines Homecomputers gelöst.

ZEITMagazin: Sie wollten beide etwas anderes machen als Ihre Väter – und sind doch beide in der Biologie gelandet. Teilen Sie eine Art Gen für wissenschaftliches Interesse?

Klaus Rajewsky:   Am Ende der Schulzeit war ich mir sehr unsicher, was ich beruflich machen sollte, hatte unter anderem ein Gespräch mit den Vordenkern der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die mir zu einem Brotberuf rieten. Am Ende blieb die Medizin übrig. Nach dem Studium ging ich dann ans Institut Pasteur in Paris. Und dort erlebte ich in den Seminaren bei Jacques Monod und François Jacob eine für mich neue, aufregende wissenschaftliche Atmosphäre. Die jungen Leute saßen auf den Tischen, und wenn der Vortragende anfing, begann bald eine extrem lebendige Diskussion, bei der der Referierende oft völlig in den Hintergrund geriet. Ich habe zwar das meiste nicht verstanden, aber fand es faszinierend, wie da ohne jede Hemmung und mit Leidenschaft debattiert wurde.

ZEITMagazin: Das kannten Sie nicht aus Ihrem Studium in Deutschland?

Klaus Rajewsky: Nein. Das entsprach auch nicht dem, was ich von meinem Vater kannte. Als Institutsdirektor war er eine Art Wissenschaftsgott gewesen, der über allem schwebte. Was ich in Paris erlebte, war eine Gegenwelt. Das war irrsinnig belebend.

ZEITMagazin: Sie, Nikolaus, hätten ja auch Pianist werden können. Sie haben sowohl Physik wie Musik studiert. Was gab den Ausschlag für die Wissenschaft?

Nikolaus Rajewsky: Ich habe früh gespürt, dass viele Musiker nicht besonders glücklich sind. Nur ganz wenige machen eine steile Karriere und haben dann die Freiheit, so zu leben, wie sie es sich vorstellen. Die Mehrheit muss mit vielen Einschränkungen kämpfen.

ZEITMagazin: Sind Wissenschaftler die glücklicheren Menschen?

(allgemeines Gelächter)

Nikolaus Rajewsky:   Man kann vielleicht sagen, dass sie weniger vom Kampf ums Überleben geprägt sind. Und sie erleben weniger katastrophale Konsequenzen, wenn sie sich mal den Daumen verletzen.

Klaus Rajewsky: Dennoch haben Musiker und Wissenschaftler etwas gemeinsam: Was sie tun, ist erfüllter Lebensinhalt. Die Arbeit ist kein Job, zu dem man morgens hingeht, um abends seinen Feierabend zu genießen, sondern man macht sie, weil sie einen wirklich interessiert.