Humanbiologie "Bisher war es aufregend, jetzt wird es dramatisch"

Vater und Sohn über die unglaublichen Fortschritte der Humanbiologie

ZEITMagazin: Sie stammen aus einer wahren Forscherdynastie: Klaus, schon Ihr Vater Boris war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein bekannter Biophysiker, Ihr Bruder ist Krebsforscher...

Klaus Rajewsky: Meine Tante war Professorin für Anglistik, mein Onkel Professor für Mechanik, meine Schwester Soziologin...

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Nikolaus Rajewsky: Meine Mutter war Professorin für Politikwissenschaft...

Klaus Rajewsky: Und ihr Bruder wiederum ist Professor für Alte Geschichte und Numismatik.

ZEITMagazin: Wie erklären Sie sich das? Wurde bei Ihnen zu Hause schon im Kinderzimmer über Wissenschaft diskutiert?

Klaus Rajewsky

74, ist einer der einflussreichsten deutschen Forscher auf dem Gebiet der Genetik und der Krebsforschung. 35 Jahre arbeitete er in Köln, am Institut für Genetik, und entwickelte die Methode der sogenannten Knock-out-Mäuse. Mit 65 Jahren ging er nicht in den Ruhestand, sondern folgte einem Ruf an die Harvard Medical School. Nun kommt er mit 74 nach Deutschland zurück – um weiterzuforschen.

Klaus Rajewsky:  Bei uns wurde zu Hause jedenfalls nicht über Geschäfte und Geld geredet. Ansonsten war mir von Kindesbeinen an eher klar: Ich will auf keinen Fall dasselbe machen wie mein Vater. Der war ja Direktor eines Instituts der Kaiser-Wilhelm-, später Max-Planck-Gesellschaft, in dem Wissenschaft sehr hierarchisch und im alten Stil betrieben wurde – ich fühlte mich da nicht wohl.

ZEITMagazin: Und Sie, Nikolaus? Hat Sie Ihr Vater indoktriniert?

Nikolaus Rajewsky: Nein, gar nicht. Ich interessierte mich ohnehin für Physik und Musik und nicht für Biologie.

Klaus Rajewsky:  Dabei warst du einmal als Schüler Co-Autor einer wissenschaftlichen Arbeit von mir.

Nikolaus Rajewsky: Stimmt. Ihr hattet bei euren Mäuse-Experimenten ein statistisches Problem. Das habe ich neben der Schule mithilfe meines Homecomputers gelöst.

ZEITMagazin: Sie wollten beide etwas anderes machen als Ihre Väter – und sind doch beide in der Biologie gelandet. Teilen Sie eine Art Gen für wissenschaftliches Interesse?

Klaus Rajewsky:  Am Ende der Schulzeit war ich mir sehr unsicher, was ich beruflich machen sollte, hatte unter anderem ein Gespräch mit den Vordenkern der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die mir zu einem Brotberuf rieten. Am Ende blieb die Medizin übrig. Nach dem Studium ging ich dann ans Institut Pasteur in Paris. Und dort erlebte ich in den Seminaren bei Jacques Monod und François Jacob eine für mich neue, aufregende wissenschaftliche Atmosphäre. Die jungen Leute saßen auf den Tischen, und wenn der Vortragende anfing, begann bald eine extrem lebendige Diskussion, bei der der Referierende oft völlig in den Hintergrund geriet. Ich habe zwar das meiste nicht verstanden, aber fand es faszinierend, wie da ohne jede Hemmung und mit Leidenschaft debattiert wurde.

ZEITMagazin: Das kannten Sie nicht aus Ihrem Studium in Deutschland?

Klaus Rajewsky: Nein. Das entsprach auch nicht dem, was ich von meinem Vater kannte. Als Institutsdirektor war er eine Art Wissenschaftsgott gewesen, der über allem schwebte. Was ich in Paris erlebte, war eine Gegenwelt. Das war irrsinnig belebend.

Nikolaus Rajewsky

43, leitet am Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin-Buch das neu gegründete Institut für Medizinische Systembiologie. Der Sohn von Klaus Rajewsky studierte Physik sowie Musik, war Professor für Biomathematik an der New York University und übernahm 2006 am MDC den ehemaligen Lehrstuhl von Jens Reich. Vergangenes Jahr wurde er mit dem Berliner Wissenschaftspreis ausgezeichnet.

ZEITMagazin: Sie, Nikolaus, hätten ja auch Pianist werden können. Sie haben sowohl Physik wie Musik studiert. Was gab den Ausschlag für die Wissenschaft?

Nikolaus Rajewsky: Ich habe früh gespürt, dass viele Musiker nicht besonders glücklich sind. Nur ganz wenige machen eine steile Karriere und haben dann die Freiheit, so zu leben, wie sie es sich vorstellen. Die Mehrheit muss mit vielen Einschränkungen kämpfen.

ZEITMagazin: Sind Wissenschaftler die glücklicheren Menschen?

(allgemeines Gelächter)

Nikolaus Rajewsky:  Man kann vielleicht sagen, dass sie weniger vom Kampf ums Überleben geprägt sind. Und sie erleben weniger katastrophale Konsequenzen, wenn sie sich mal den Daumen verletzen.

Klaus Rajewsky: Dennoch haben Musiker und Wissenschaftler etwas gemeinsam: Was sie tun, ist erfüllter Lebensinhalt. Die Arbeit ist kein Job, zu dem man morgens hingeht, um abends seinen Feierabend zu genießen, sondern man macht sie, weil sie einen wirklich interessiert.

Leser-Kommentare
  1. mit dem kleinen und dem grossen Klaus der Molekularbiologie. Um die Entwicklung der Biologie in den letzten 50 Jahren geht es nur am Rande.

    Stattdessen werden die Verhältnisse in Amerika und anderswo gepriesen und auf Lebenszeit verbeamtete Professoren wettern gegen die Festanstellung von Wissenschaftlern als Produktivitätskiller. Sie müssen's ja wissen.

    Stellt sich nur die Frage warum beide (!) aus Amerika wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Vielleicht weil das deutsche System für Professoren das Attraktivere ist? Möglicherweise wollten auch nicht genügend private Stiftungen ihr knappen Projektgelder an einen 74-jährigen ausgeben, bei dem nicht klar ist ob er das Projektende noch erlebt.

    Übrigens verlieren die beiden auch kein Wort darüber ob und wie sie die guten Seiten des amerikanischen Systems (wenig formale Hierarchien, ausgeprägte Diskussionskultur, strukturierte Doktorandenausbildung) in ihren etabliert haben.

    Insgesamt: ein amüsantes Geplauder aus dem Nähkästchen

  2. George Bernard Shaw hat vor gut 70 Jahren über die schon damals beständig vermeldeten „revolutionären Durchbrüche“ in der tierexperimentellen Krebsforschung vermerkt, dass die Forscher „in sich selbst einen Mäuseverstand entwickelt haben“. Er sprach ihnen dass Recht ab, die Schnauzhaare auch nur einer einzigen Maus um ihrer „elendiglichen Resultate willen“ zu zupfen.

    Ihm und weiteren Generationen von Tierversuchsgegnern wurde in den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern und 90ern entgegnet, dass Leiden der Tiere sei alternativlos, die Experimente wertvoll, die Möglichkeiten andere als noch vor zehn Jahren. Und überhaupt: Der Durchbruch für Millionen kranke Menschen ist nah. Alles belegt.

    In den 90ern hieß es gar, die Gentechnik werde die Tierversuchszahlen sinken lassen. Das Gegenteil ist eingetreten. Denn wie dieses Interview bestätigt: Die Forschung feiert sich dafür, dass man viel mehr Gene manipulieren kann als früher, was zwangsläufig mit der Schaffung Hunderter neue Maus-Mutanten einherging. Das Leid der Tiere hat sich durch die weltweite Genforschung ins Unermessliche gesteigert, und das ist kein Fortschritt, sondern nur der Beleg für eine primitive Stufe unserer Kultur.

    Der Defekt dieser Methode besteht darin, dass sie die großartige Ganzheit und Weisheit funktionierender, lebendiger Organismen, die in Jahrmillionen entstanden sind, missachtet und millionenfach zerstört, um im wahrsten Wortsinn aus dem Leiden Hilf- und Wehrloser menschliche Gesundheit herauszupressen.

  3. Francis Bacons wäre begeistert, denn besser hätte man seine Forderung, die Natur auf die Folter zu spannen und die letzten Geheimmisse aus ihr herauszupressen, nicht erfüllen können.

    Doch die tiefere Erkenntnis von Pythagoras, dass alles auf den Menschen zurückkommt, was er den Tieren antut, scheint den „längeren Arm“ zu haben. Erster „zaghafter“ Beleg für den Pyrrhussieg der wissenschaftlichen Tierfolter: Die Volkskrankheiten, für deren Erforschung die meisten Tiere im Labor geopfert wurden, nehmen am dramatischsten zu, besonders Krebs, von dem immer mehr jüngere Menschen betroffen sind. Weitere Volkskrankheiten sind hinzugekommen.

    "Wer die Dinge zerstört, um ihr Wesen zu erforschen, der ist nicht auf dem Weg der Weisheit."

    (China)

    „Über 30 Jahre Gen- und fast 30 Jahre Klonforschung haben desaströse Folgen für die Tiere gehabt - und haben sie noch. Außerdem fließen national und international Millionen in diese Forschung. Zusätzlich wird auch erhebliches geistiges Potenzial dafür aufgewendet. Und beide Ressourcen, Geld und Geist, stehen gleichzeitig anderen Forschungsprojekten nicht zur Verfügung. Das ist skandalös!“

    (Dr. Anita Idel, Tierärztin, Wissenschaftsjournalistin, Gentechnik-Expertin und Wirtschaftsmediatorin, Universität Kassel)

    „In einer ökozentrisch orientierten Gesellschaft hat der Tierversuch keinen Platz mehr. Weil die Rücksichtnahme auf Tiere den Vorrang vor Wissen hat, das nur durch ihre Ausbeutung und Qual zu erlangen ist.“

    (Dr. Reinhold Braun)

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