DIE ZEIT: Mrs. Chaplin, Sie sind so sehr Charlie Chaplins Tochter, dass man sich fragen könnte, ob Sie auch eine Mutter hatten.

Geraldine Chaplin: Eine wunderbare Mutter! Sie war nicht nur die große Liebe meines Vaters, sondern auch ein wichtiges Gegenüber für seine Arbeit und in seiner Auseinandersetzung mit der Welt. Als eigenständige Person wurde sie immer unterschätzt, weil sie 36 Jahre jünger war als er. Aber meine Mutter war der einzige Mensch, dessen Urteil mein Vater respektierte, wenn er seine Drehbücher schrieb. Wenn ihr etwas nicht gefiel, wurde er wütend, weil er wusste, dass sie recht hatte. Was sie nicht mochte, wurde gestrichen.

ZEIT: Chaplin wurde elf Mal Vater, gemeinsam mit Ihrer Mutter hatte er acht Kinder. Aber nur Sie sind ihm ins Rampenlicht gefolgt. Warum?

Chaplin: Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Tage, an denen mein Vater mich von der Schule abholte. Die Nonnen unseres Schweizer Internats flippten aus, wenn er kam. In solchen Momenten hatte man das Gefühl, dass er selbst den Herrgott ausstach. Mein Vater liebte es, berühmt zu sein. Aber er wollte auf keinen Fall, dass wir zum Film gehen.

ZEIT: Warum nicht?

Chaplin: Weil er fürchtete, dass wir seinen Namen ausbeuten würden. Und genau das habe ich dann ja auch hemmungslos getan.

ZEIT: Was heißt das?

Chaplin: Dass ich nie ein schlechtes Gewissen hatte. Ich bin einfach durch alle Türen gegangen, die sich mir geöffnet haben. Aber dann musste ich die Sache selbst in die Hand nehmen. Ohne meinen Namen hätte mich David Lean wahrscheinlich nicht zum Vorsprechen für die Rolle der Tonya in Doktor Schiwago eingeladen. Aber spielen musste ich den Part schon selbst.

ZEIT: Charlie Chaplin verbrachte seine Kindheit in großer Armut. Hatte das einen Einfluss auf Ihre Erziehung?

Chaplin: Er sprach nie über das Elend und den Hunger und die Londoner Armenhäuser. Auch nicht darüber, dass er sich schon als Neunjähriger mit Auftritten in einer Music Hall durchschlagen musste. Er war kein Prediger. Aber an Weihnachten, wenn meine Mutter für mich und meine Geschwister diese tollen Geschenke unter den Baum legte, wurde er manchmal schwermütig. Er sagte: »Ich bekam als Kind nur eine Orange. In guten Jahren.« Mit Sicherheit hat seine berühmteste Filmfigur The Tramp mit dieser Kindheit zu tun. Ein völlig mittelloser Vagabund, der dennoch Würde und Manieren hat. Für mich war diese Figur immer eine Art verklärte Kindheitserzählung meines Vaters: die Verkörperung eines Humanismus, der sich nicht kleinkriegen lässt. Ein Mann, der immer wieder aufsteht. Und der sich einen Sinn für Schönheit und Romantik bewahrt.

ZEIT: Was macht für Sie Chaplins Kino aus?

Chaplin: Dieser Humanismus und eine große politische Wachheit. Mein Vater hat die politischen Verhältnisse seiner Zeit immer konsequent auf der Leinwand reflektiert. Deshalb bin ich so glücklich über diese komplette Werkschau in Berlin . Da hier in drei Wochen achtzig Filme gezeigt werden, kommen ihre politischen und zeitgeschichtlichen Bezüge erst richtig zum Vorschein. Vor Kurzem habe ich mir noch mal Moderne Zeiten angeschaut. Dieser Held, der noch mit körperlicher List gegen die Tücke des modernen Objekts kämpft, ist immer noch unser Zeitgenosse. Oder auch Der große Diktator . Er enthält alles, was das Werk meines Vaters so groß macht: die Mischung von Ohnmacht und Aufbegehren, den Kampf um Selbstbehauptung als Individuum. Und die Grazie, die seine Figuren der Schwerkraft zu entrücken scheint.

ZEIT: Wie war überhaupt Charlie Chaplins Verhältnis zu Deutschland?

Chaplin: Als er 1921 zum ersten Mal in Berlin war, schrieb er in sein Tagebuch, wie ungewohnt er es finde, auf der Straße nicht angesprochen zu werden. Seine Filme waren damals in Deutschland noch nicht gelaufen. Und ein paar Seiten weiter schrieb er dann, wie sehr ihn die Anonymität verunsichere: »Vielleicht ist meine Persönlichkeit schwach, wenn sie sich nicht auf meinen Ruhm stützen kann.« Das machte ihm so große Angst, dass er abreiste. 1931, als er zur Premiere von City Lights zurückkehrte, sahen die Dinge ganz anders aus: Marlene Dietrich begrüßte ihn am Bahnhof. Und er besuchte Albert Einstein in dessen Wohnung und diskutierte mit ihm über Politik und Wirtschaft. Die damals bereits existierende Nazi-Presse führte jedoch eine Kampagne gegen ihn.

ZEIT: Chaplin wurde in den folgenden Jahren irrtümlich als Jude bezeichnet, was er allerdings nie richtigstellte. Warum nicht?

Chaplin: Aus Solidarität mit den Verfolgten. Die antisemitische Hetze gegen ihn war dann sicher auch ein Anstoß, Der große Diktator zu drehen. Übrigens sah mein Vater 1931 in Berlin auch zum ersten Mal Filmaufnahmen von Adolf Hitler.