Wie besiegt man das Böse? Indem man herausfindet, wie das Böse in die Welt kommt. Das erfolgreichste Erlösungsbuch aller Zeiten (gleich nach den Heiligen Schriften) schildert das Böse nicht nur als Unfähigkeit zum Guten, sondern als freie Entscheidung. Voldemort will die Welt beherrschen und unsterblich werden. Deshalb spaltet er seine Seele in sieben Teile. So kommt das Böse in die Welt. Aber wie zeigt man es im Film? Aus den Seelenbruchstücken eine plausible Leinwandfigur zusammenzusetzen, das trauten die "Harry Potter"-Verfilmer nur einem der Besten zu. Ralph Fiennes ist ein Magier der Menschendarstellung, der noch mit regloser Miene ein Seelendrama entfalten kann. Seit Filmen wie "Der Englische Patient", "Roter Drache" und "Der ewige Gärtner" gilt er als Spezialist für abgründige Charaktere. Nun hat er zum letzten Mal Lord Voldemort gespielt, jenen schlangengesichtigen Satan, der alles zerstört, was sich ihm nicht unterwirft. Man denkt, dass so eine Rolle Spuren hinterlässt, aber Fiennes sieht am Tag der Londoner Premiere einschüchternd gut aus. Dass er Interviews hasst, ahnt man nur an seinem durchdringend grünen Blick und seiner ausgesuchten Höflichkeit.

DIE ZEIT: Mister Fiennes, stimmt es, dass Sie die Rolle des Voldemort ablehnen wollten, weil Sie nicht an das absolute Böse glauben?

Ralph Fiennes: Um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht erinnern. Woher wissen Sie das?

ZEIT: Die Filmfirma Warner Bros. behauptet es.

Fiennes: Ich kann nur sagen, dass ich lange mit mir gehadert habe, weil es ein gigantisches Lizenzgeschäft war. Und weil der erste Film mich nicht ansprach. Erst Mike Newell, der Regisseur von Harry Potter und der Feuerkelch , überzeugte mich, dass Voldemort eine starke Rolle ist, ein Gegenspieler mit scharfen Konturen. Die Friedhofsszene, in der er wiederkehrt, besaß dramatische Wucht. Das gefiel mir.

ZEIT: Glauben Sie an das absolute Böse?

Fiennes: Nein. Es ist nur eine abstrakte Idee, in der Wirklichkeit existiert es nicht. Deshalb kann man es auch so schwer spielen. Voldemort gleicht weniger einem Menschen als einem Monstrum. Ich konnte mir nicht vorstellen, wohin er sich entwickelt. Und J. K. Rowling wollte es nicht verraten. Aber am Ende hat es mir doch Spaß gemacht, ihn zu spielen.

ZEIT: Warum?

Fiennes: Ich mochte seinen Look. Dieses Bestechende und Zupackende. Voldemort ist eine sehr theatralische Figur.

Tatsächlich ist der Anfang des neuen "Potter"-Films großes Theater. Wir sehen Voldemort als Mephisto, in schwarzem Mantel und gebieterischer Haltung, über Dumbledores marmornem Grab aufragen. Kalt glitzert Triumph in seinen Augen, wenn er die blasse Hand in den Sarkophag senkt, um den Zauberstab, der unbesiegbar macht, zu ergreifen und blitzschnell einen Fluch zum Himmel zu schleudern.

ZEIT: Sie bereiten sich auf Ihre Rollen sehr genau vor. Für den KZ-Kommandanten Amon Göth in Schindlers Liste haben Sie viel Literatur über das "Dritte Reich" studiert. Für den schizophrenen Helden in Spider verbrachten Sie Wochen in der Psychiatrie. Was half bei Voldemort?

Fiennes: Gar nichts. Manchmal hat Recherche einfach keinen Sinn. Am Set gab es aber einen Tanzlehrer, der uns das Hantieren mit dem Zauberstab beibrachte. Wir Schauspieler sind ja sonst Schwerter oder Pistolen gewohnt. Am hilfreichsten waren die Beschreibungen Voldemorts im Buch, die ich so oft wie möglich gelesen habe.

ZEIT: Wie unterscheidet sich die Fantasy-Bestie Voldemort von der Bestie Amon Göth?

Fiennes: Vollständig. Der Nazi ist eine echte Person mit einem eigenen Leben: seiner Ehefrau, seinen Geliebten und seiner Arbeit als Lagerkommandant. Dieses Leben ist voller Widersprüche, die mir als Schauspieler helfen, die Figur lebendig zu machen. Je mehr Finsterlinge ich spiele, desto misstrauischer werde ich gegenüber Menschen, die behaupten, dass sie nur eine helle Seite haben.

ZEIT: Voldemort hat nur eine dunkle.

Fiennes: Deshalb habe ich viel am Äußeren gearbeitet: verschiedene Gewänder, Gesten, Stimmlagen ausprobiert. Anders als sonst brauchte ich den Regisseur, der mir sagen musste, was funktioniert und was nicht. Ich glaube, Voldemorts Unberechenbarkeit ist uns ganz gut gelungen. Man weiß nie, wann der Zorn aus ihm herausbricht. Oft wirkt er in sich gekehrt, aber plötzlich explodiert er. Das macht er bewusst. Er spielt damit.

Der Voldemort des Films liebt dieses Machtspiel. In seinem maskenhaften Gesicht blitzt eine verächtliche Freude auf, wenn er seine Anhänger quält. Kriecherisch scharen sie sich um ihn, und er lässt sie um seine Gunst winseln. Fiennes zeigt, was Herrschaft auch heißt: Unterwerfung der Feigen, die hoffen, dass die Willkür des Tyrannen andere trifft.

ZEIT: Das ganze Potter-Epos handelt von der Selbstaufopferung der Guten im Kampf gegen das Böse. Haben Sie das Messianische mal mit den zwei Experten in Ihrer Familie diskutiert?

Fiennes: Welchen Experten?

ZEIT: Einer Ihrer Onkel ist Jesuitenpater, ein anderer Professor für Theologie.

Fiennes: Ach so ( lacht ). Nein, wir haben nicht geredet. Vielleicht ein Fehler. Aber ich fand, Voldemort ist eine so simple Kreatur. Er ist das Böse, das in jedem von uns steckt.

ZEIT: In jedem? Dieser extreme Hunger nach Macht? Diese lässige Art, Leute, die einem zufällig im Weg sind, wegzusprengen?

Fiennes: Ja. Das Beängstigendste am Bösen ist doch, dass es zu unseren menschlicheen Potenzialen gehört. Ich habe gerade von einem mexikanischen Drogengangster gelesen, dessen Job es ist, andere zu liquidieren. Er tut schreckliche Dinge, und doch hat er eine Familie, die ihn liebt und die er liebt. Das nenne ich gegensätzliche menschliche Potenziale. Wir können wählen.