Missbrauch in der Kirche"Männer schämen sich mehr"

Der Kriminologe Christian Pfeiffer leitet die weltweit größte Untersuchung von Missbrauchsfällen in der Kirche. Er fragt auch: Wann sind Priester glücklich? von Christiane Florin

DIE ZEIT: In den vergangenen 15 Jahren wurde gegen etwa 150 Priester ermittelt, weil sie des sexuellen Missbrauchs verdächtig waren. Das ist ein Promille der Tatverdächtigen in diesem Bereich. Ist das viel oder wenig?

Christian Pfeiffer: Wenig. Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass die Priester im Vergleich zu den Männern ihrer Altersgruppe in Deutschland unterrepräsentiert sind.

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DIE ZEIT: Gibt es also gar kein spezifisch katholisches Problem?

Pfeiffer: Möglicherweise hat es eines in der Vergangenheit gegeben. Ob man ein Tatverdächtiger wird, hängt ja entscheidend davon ab, ob das Opfer Anzeige erstattet hat. Es mag sein, dass gläubige Katholiken davor zurückschrecken, den Priester anzuzeigen. Die Studie für die katholische Kirche soll unter anderem klären, ob die Anzeigebereitschaft in diesem Milieu abweicht. Wir haben außerdem gerade eine allgemeine, nicht auf die katholische Kirche beschränkte Repräsentativbefragung mit 11.000 Menschen zum Thema des sexuellen Missbrauchs durchgeführt. Insofern haben wir Vergleichszahlen.

DIE ZEIT: Finden Sie das Wort »Missbrauch« angemessen? Es klingt so, als könne man Kinder auch sexuell korrekt gebrauchen.

Pfeiffer: Die Frage ist berechtigt, aber der Begriff ist eingebürgert. Er umfasst eine sehr große Bandbreite vom körperlosen Belästigen bis zur Vergewaltigung. Wir werden das in der Studie differenzierter darstellen, als es der Begriff vermittelt.

DIE ZEIT: Ein beliebtes Entlastungsargument für die katholische Kirche ist die Behauptung, in Sportvereinen komme Missbrauch häufiger vor als etwa in der Messdienerfreizeit. Stimmt das?

Pfeiffer: Es gibt einen Verdacht gegen Sportvereine, weil Trainer qua Beruf Kinder anfassen dürfen. Doch noch gibt es dazu keine empirischen Befunde. Insofern kann das kein Entlastungsargument für die Kirche sein.

DIE ZEIT: War es schwierig, alle Bistümer für Ihre Studie zu gewinnen?

Pfeiffer: Es war ein sehr langer Prozess. Es gab Ängste, wir mussten Vertrauen gewinnen. Schließlich kam es zu einem 27-zu-null-Beschluss, das heißt, alle 27 Diözesen stehen hinter dem Projekt. Es wird, vom methodischen Aufwand her betrachtet, die umfangreichste Studie, die es weltweit zu diesem Thema gegeben hat. Die bisherigen Untersuchungen sind primär täterfixiert, wir widmen uns auch den Opfern.

DIE ZEIT: Warum wurden für den Zeitraum von 1945 bis 2000 nur neun von 27 Bistümern ausgewählt?

Pfeiffer: Eine Totalerhebung hätte, nach den Erfahrungen, die man in den USA gesammelt hat, keine zusätzlichen Erkenntnisse gebracht. Die neun ausgewählten Bistümer sind repräsentativ für alle 27. Es sind solche mit hohem Katholikenanteil dabei und solche mit einem geringen, eher städtisch geprägte Diözesen und ländliche sowie große und kleine. Für die Jahre nach 2000 untersuchen wir nicht nur neun, sondern alle Bistümer, weil das für die aktuelle Prävention wichtig ist.

Unmögliches Schweigen

Lange vertuschte die katholische Kirche Fälle von sexuellem Missbrauch – bis der Jesuitenpater Klaus Mertes im Januar 2010, als Verdachtsfälle an seinem Berliner Canisius-Kolleg auftauchten, an die Öffentlichkeit ging. Er rief Betroffene dazu auf, ihre Erfahrungen zu schildern, und löste damit eine Welle an Bekenntnissen aus. In fast allen Diözesen tauchten daraufhin Missbrauchsvorwürfe auf. Für die Kirche wurde das Schweigen als Strategie unmöglich. Nun hat die katholische Kirche den Kriminologen Christian Pfeiffer mit einer beispiellosen Untersuchung der Missbrauchsfälle beauftragt. Pfeiffer erhält für die vergangenen zehn Jahre Zugang zu den Personalakten in allen 27 Diözesen. In neun repräsentativ gewählten Diözesen untersucht er zudem Akten, die bis 1945 zurückreichen – von denen aber vermutlich einige vernichtet worden sind.

DIE ZEIT: Das Erzbistum München hat die Zeit zwischen 1945 und 2009 aufarbeiten lassen. Öffentlich zugänglich ist eine achtseitige Zusammenfassung, die von Vertuschung und Versagen spricht, ohne die Namen der Verantwortlichen zu nennen. Das sieht nach Scheintransparenz aus.

Pfeiffer: Das Münchner Gutachten geht sehr detailliert auf die Fälle ein. Aus Gründen des Datenschutzes, auf den sowohl Opfer als auch Täter ein Recht haben, kann man das Dokument nicht öffentlich zugänglich machen. Auch wir werden aus diesem Grund in unseren Texten strikt anonymisieren und zudem nicht erkennbar werden lassen, in welcher Diözese sich einzelne Vorfälle abgespielt haben.

DIE ZEIT: Wer damals an verantwortlicher Stelle Täter geschützt und danach Karriere gemacht hat, bleibt also geheim?

Pfeiffer: So ist es. Wir sind Forscher, wir sind kein Gericht. Wir stellen niemanden bloß und verurteilen niemanden. Aber wir fragen natürlich schon: Wie ist die Kirche mit den Opfern und mit den Tätern umgegangen? Die Mitverantwortung der Kirche wird zur Sprache kommen. Wir werden auch klären müssen, ob es strukturelle Mängel gibt. Die Kirche hat 2002 ein neues Regelwerk erlassen und dies später noch einmal präzisiert. Es mag sein, dass das reicht, aber das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

DIE ZEIT: Sehr schnell fällt da der Verdacht auf den Zölibat. Zu Recht?

Pfeiffer: Es gibt aus den USA Erkenntnisse, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht. Danach kann der Zölibat Missbrauch verhindern. Aber er kann auch eine Ursache sein. Wenn ein 16-Jähriger beim Besuch des Schwimmbads merkt, dass ihn Kinderkörper anziehen, sagt er sich vielleicht, wenn er ein gläubiger Mensch ist: »Ich gehe in einen Beruf, der mir abverlangt, keusch zu leben.« Für ihn wäre der Zölibat dann ein Schutzfaktor. Wenn aber ein Priester eigentlich erwachsene Frauen oder Männer begehrt und diese dann wegen des Zölibats nicht erreichen kann, kann es sein, dass er sich ersatzweise an Kindern oder Jugendlichen vergeht. Wir werden sehen, ob sich diese Hypothesen bei uns bestätigen werden.

Leserkommentare
  1. Der Begriff "sexueller Missbrauch" wird verwendet, weil er sich halt so eingebürgert hat?! Schon seit Jahren wird im wissenschaftlichen Bereich der Begriff "sexualisierte Gewalt" verwendet - sowie auch von den Opfern selbst - wie bedauerlich, dass ausgerechnet eine Studie, die auf dem neuesten Stand sein will, dahinter zurückfällt. Gewalt muss endlich klar benannt werden.

    Die Katholische Kirche ist mir im allgemeinen herzlich gleichgültig, aber die Tatsache, dass in den letzten 15 Jahren nur 150 Priester angezeigt wurden, als Beleg dafür zu nehmen, dass sie als Tätergruppe unterrepräsentiert sind?

    Obwohl deutlich wurde, dass auf Opfer Druck ausgeübt wurde, keine Anzeige zu erstatten, obwohl es gängiges Muster war, Täter einfach stillschweigend zu versetzen?

    Je mehr ich über die Untersuchungsmethoden von Herrn Pfeiffer lese, desto größer werden meine Zweifel an der Wissenschaftlichkeit dieser Studie.

    Schade, eine vertane Chance.

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    • _bla_
    • 14. Juli 2011 9:06 Uhr

    "Die Katholische Kirche ist mir im allgemeinen herzlich gleichgültig, aber die Tatsache, dass in den letzten 15 Jahren nur 150 Priester angezeigt wurden, als Beleg dafür zu nehmen, dass sie als Tätergruppe unterrepräsentiert sind?"

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Herr Pfeiffer macht es doch klar, das hier weitere Forschung erforderlich ist und aus der geringen Anzahl an Anzeigen nicht abgeleitet werden kann, das auch die Zahl der Taten gering ist.

    Ich finde den Begriff angemessen, weil Missbrauch eben keine Gewalt voraussetzt. Deshalb wird von Missbrauch von Kindern, Behinderten, Bewußtlosen gesprochen.

    Anders als eine Vergewaltigung, wo es erst dann zu einer Straftat ist, wo das Opfer sich massiv gewehrt hat.

    Bei sexueller Gewalt habe ich immer das Problem, weil ich mich als Vergewaltigungsopfer dann gesprochen fühle, und dann wird mir gesagt, dass ich nicht gemeint bin, weil ich kein Kind mehr war. Das finde ich immer sehr verletzend.

    Und dann heißt es, sexueller Gewalt in der Kindheit - aber diese Eingrenzung verharmlost andere Gewaltatet (Körperverltzungen in der Kindheit, sexuelle Gewalt Erwachsenenalter), und hilft in der Sache auch nicht.

    Wenn man bei Kindesmissbrauch Gewalt zur Voraussetzung wird und man Gewalt nachweisen müsste, dann werden die meisten Taten nicht mehr als Straftaten gelten können.

    • Herr-M
    • 15. Juli 2011 9:36 Uhr

    Ich bin für den Begriff Missbrauch, nicht nur, weil er sich eingebürgert hat.
    Ich lese manchmal, dass Missbrauch abgelehnt wird, weil Menschen sich nicht gebrauchen können, also kann das Gegenteil nicht sein.
    Dabei (ge-)brauchen sich Menschen immer. Das Kind die Eltern, Arbeitgeber Arbeitnehmer und umgekehrt. Ge-brauch folgt Regeln und Konventionen und sollte zu beiderseitigem Nutzen erfolgen. Missbrauch verletzt die Regeln, benutzt einen, der sich eigentlich (so) nicht gebrauchen lassen will, der Nutzen ist sehr einseitig.
    Gewalt ist nicht immer nötig. Sie sprechen auch eher von Zwang. Der eindeutig Pädophile benutzt idR auch keine Gewalt, muss niemanden groß zwingen. Das ist nicht der Typ, der mit Gewalt ins Auto zerrt und sich dann am Kind vergeht.
    Gerade der, der keine sichtbare physische oder psychische Gewalt anwendet, scheint mir der Gefährlichere, weil es so schwer fällt ihn zu erkennen. Selbst den Opfern. Menschen, die als Kind missbraucht wurden, brauchen manchmal, den Missbrauch als solchen zu erkennen. Es hat sie ja keiner geschlagen, irgendwo mit Gewalt hingezerrt, sie haben nur „komische“ Sachen erlebt, die ein ganz schlechtes Gefühl verursachen, für das man (noch) keine Sprache hat. Und der Mann hat ja auch immer gesagt, dass das alles ganz toll ist und er das Kind furchtbar lieb hat.
    Und Mami und Pappi finden den Mann auch ganz toll. So nett, sanft, friedliebend, einnehmend, ja charismatisch. Solche Menschen brauchen keine (sexualisierte) Gewalt.

  2. gibt es bei sexualisierter Gewalt nicht, auch bei anderen Verbrechen nicht.
    Es gibt eine Prävention künftiger Verbrechen, z.B. 'Kein Täter werden' http://kein-taeter-werden...
    Für von sexualisierter Gewalt Betroffene gibt es u.U. Schmerzensgeld, Entschädigung, Kompensation in in D sehr geringem Umfang. 'Wiedergutmachung' aber gibt es nicht, es wird nämlich überhaupt nichts 'wieder gut'. Es wird allenfalls besser - durch meist mühsame und schmerzhafte Aufarbeitung mit professioneller Hilfe. Die neben der wünschenswerten und lohnenden Verbesserung der eigenen Lebensqualität beinahe als Pflicht zu begreifen ist - der Anteil der Täter m/w, die selbst Gewalterfahrung haben, ist nämlich sehr hoch und die Grenze zwischen Opfer und Täter schwimmend.

    Überfällig wäre allerdings, wenn Die Zeit/Zeitonline sich auch dem Haupttatort sexualisierter Gewalt in vergleichbarer Weise zuwenden würde: der Familie.
    Bislang scheint das aber ein gesellschaftlich zu heißes Eisen zu sein und/oder zu wenig Auflage/Klickzahlen zu versprechen. Wie sich die Mehrheit der von sexualisierter Gewalt Betroffenen, die als Kinder nun mal nicht in RKK oder Eliteinternaten vergewaltigt wurden, bei der den Haupttatort aussparenden Berichterstattung fühlt, scheint null zu interessieren.

    Es ist bedauerlich, daß die Initiierung einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion zu sexualisierter Gewalt unterbleibt. Die findet nicht statt, solange man medial nur weit weg zeigt: Amstetten, RKK, Eliteschulen.

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    • Atan
    • 14. Juli 2011 10:37 Uhr

    mehr. Zwar finde ich das Interview recht aufschlussreich, insbes. da Pfeiffer sich in der Bewertung aller möglichen Klischees (Zölibat, spez. "katholischer" Missbrauch, Sportvereine etc) zurückhält, aber die dogmatische Versessenheit der Redaktion, dass Missbrauch als Thema fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kirche behandelt wird, wird für mich immer unverständlicher.
    Aktuell werden bei DJI die Daten einer viel umfangreicheren Studie mit geradezu erschreckenden Zahlen veröffentlicht, die auch völlig neue Aspekte zur Täterstruktur aufwerfen, aber hier erscheint nichts. Die Studie ist auch politisch "offiziell", da sie von der Bundesregierung beauftragt wurde.
    http://www.dji.de/cgi-bin...

    Es wird auch nie erklärt, warum die grob geschätzt 1% Missbrauch in der RKK anscheinend jede Woche einen neuen aktuellen Bericht rechtfertigen, dass aber 50% aller Schulen, 70% der Internate und 80% der Kinderheime in den letzten Jahren (also nicht: nach 1945!) Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch vorliegen hatten (so heute die Zussamenfassung in einem Zeitungsartikel) anscheinend nicht erwähnenswert sind.

    Wie gesagt, dieses Interview ist interessant, aber vom Thema Missbrauch in seiner gesellschaftlichen Verbreitung entsteht hier inzwischen ein geradezu ein grotesk verzerrtes Bild.

    • TNE
    • 14. Juli 2011 15:11 Uhr

    [i]Überfällig wäre allerdings, wenn Die Zeit/Zeitonline sich auch dem Haupttatort sexualisierter Gewalt in vergleichbarer Weise zuwenden würde: der Familie.

    [...]

    Es ist bedauerlich, daß die Initiierung einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion zu sexualisierter Gewalt unterbleibt. Die findet nicht statt, solange man medial nur weit weg zeigt: Amstetten, RKK, Eliteschulen.[/i]

    Wie "nah" darf es denn sein? Was ist an Amstetten so verkehrt? Hat diese Tat nicht im familiären Kreis stattgefunden, mit allen klassischen Verhaltensweisen von Mitschuld und Verdrängung seitens der Mutter und möglicherweise auch des näheren Umfelds dieser Familie? Glauben Sie ernsthaft, daß egal welcher Mißbrauch ohne das Wegsehen oder die Indifferenz der Familie und des Umfelds klappen könnte? Auch das ist hier thematisiert worden, ebenso wie Mißbrauch in Familien. Ich verstehe also nicht, was Sie da fordern. Wie soll die gesamtgesellschaftliche Debatte denn aussehen? Welches Ergebnis sollte sie denn zeitigen? Daß die meisten Menschen ein gut eingespieltes Vermeidungsprogramm fahren, wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren? Das ist nun wahrlich nichts Neues, oder finden Sie doch? Man kann Sachen, auch aus gutem Willen heraus, so lange zerreden, bis außer einem flauen Gefühl im Magen nichts mehr übrig bleibt. Wollen Sie das?

    • _bla_
    • 14. Juli 2011 9:06 Uhr

    "Die Katholische Kirche ist mir im allgemeinen herzlich gleichgültig, aber die Tatsache, dass in den letzten 15 Jahren nur 150 Priester angezeigt wurden, als Beleg dafür zu nehmen, dass sie als Tätergruppe unterrepräsentiert sind?"

    Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Herr Pfeiffer macht es doch klar, das hier weitere Forschung erforderlich ist und aus der geringen Anzahl an Anzeigen nicht abgeleitet werden kann, das auch die Zahl der Taten gering ist.

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    Antwort auf "Chance vertan"
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    Ja, ich kann Sie beruhigen, ich habe den Artikel gelesen. ;-)

    Ich frage mich aber, wieso Herr Pfeiffer zum jetzigen Zeitpunkt hergeht und verkündet, es gäbe Indizien dafür, dass die Priester als Tätergruppe unterrepräsentiert sind (und sich dafür auf die Zahl der Anzeigen bezieht).

    Es ist ja löblich, dass er das noc genauer untersuchen will, aber einen Forscher, der, kaum dass er mit der Arbeit begonnen hat, solche Aussagen macht, (die sich ja dann medial wirksam wunderbar in Artikelüberschriften übersetzen lassen) kann ich als Wissenschaftler nicht ernst nehmen.

  3. Wenn ich mir in Erinnerung rufe was dieser Herr Pfeiffer in den letzten Jahren sonst noch so von sich gegeben hat, bin ich geneigt diese Studie mit Vorsicht genießen...

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  4. Ich finde den Begriff angemessen, weil Missbrauch eben keine Gewalt voraussetzt. Deshalb wird von Missbrauch von Kindern, Behinderten, Bewußtlosen gesprochen.

    Anders als eine Vergewaltigung, wo es erst dann zu einer Straftat ist, wo das Opfer sich massiv gewehrt hat.

    Bei sexueller Gewalt habe ich immer das Problem, weil ich mich als Vergewaltigungsopfer dann gesprochen fühle, und dann wird mir gesagt, dass ich nicht gemeint bin, weil ich kein Kind mehr war. Das finde ich immer sehr verletzend.

    Und dann heißt es, sexueller Gewalt in der Kindheit - aber diese Eingrenzung verharmlost andere Gewaltatet (Körperverltzungen in der Kindheit, sexuelle Gewalt Erwachsenenalter), und hilft in der Sache auch nicht.

    Wenn man bei Kindesmissbrauch Gewalt zur Voraussetzung wird und man Gewalt nachweisen müsste, dann werden die meisten Taten nicht mehr als Straftaten gelten können.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Chance vertan"
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    bedeutet mitnichten nur körperliche Gewalt oder hat physisches Wehren des Opfers zur Vorraussetzung. Es gibt physische, psychische und sexualisierte Gewalt, gegen Kinder und gegen Erwachsene. (Völlig verfehlt finde ich eine Olympiade, wer dabei das schlimmste Leid erfährt. Schmerz und Leid sind individuelle Empfindungen, im Übrigen hat so gut wie jeder Mensch einen schlimmen Schmerz. Bei manchen sind das Äquivalente zu 'Wie ich letzte Woche keinen Parkplatz fand', für andere ist es das Abarbeiten an einem Trauma. Entscheidend ist immer der eigene Umgang damit - das ist nämlich das Einzige, worauf jeder selbst einen Einfluß hat.)

    Kein Kind, kein Erwachsener läßt freiwillig und ohne Not einen Übergriff zu. Es ist immer Gewalt, jemanden zur Aufgabe von Scham- und Privatsphäre zu zwingen. Sinnvoll ist, die drei Gewaltformen auch im Zusammenhang zu sehen - läßt es jemand scheinbar freiwillig zu, daß jemand anderes (außerhalb einer Liebesbeziehung oder einer IG Sex) intime Bereiche berührt, so ist dem u.U. psychische Gewalt vorangegangen. Oder das Zulassen sexualisierter Gewalt verhindert physische Gewalt.

    Den Gewaltbegriff halte ich auch deswegen für wichtig, weil er klar macht, worum es dem Täter m/w geht, nämlich nicht um Sex, sondern um Gewaltausübung.

    Der Begriff 'Mißbrauch' wurde u.a. hier bei Zeitonline mit der einseitigen und qualitativ lausigen Berichterstattung WIEDER eingeführt. Als hätte es die Diskussion in den 80ern nie gegeben. Das ist ernüchternd.

    • Maebh
    • 14. Juli 2011 13:20 Uhr

    sich massiv gegen sexuellen Kontakt zu wehren (also körperlich, nehme ich an)- das ist m. E. nicht DIE Voraussetzung für den Strafbestand einer Vergewaltigung. Wenn der Täter das Opfer massiv einschüchtern und manipulieren kann oder das Opfer betäubt ist oder einfach aus Schock versteinert oder körperlicher Gegenwehr nicht fähig (etwa bei einer Behinderung) und der Täter nutzt es aus, ist es ja ebenso eine Vergewaltigung.
    Ich finde die Argumentation etwas gefährlich, da man so Opfern suggeriert, sie hätten sich wehren müssen, dass sie also selbst Schuld sind, etwas "geschehen zu lassen".

    Es wird auch Zeit, dass auch in Deutschland eine solche Studie auf den Weg kommt; in Irland sind bereits mehrere Untersuchungsberichte erschienen. Wie notwendig solche Berichte sind, kann hier nachlesen:
    http://www.irishtimes.com...

    Es geht hier wohlgemerkt nicht um Fälle vor 50 Jahren, sondern um Fälle bis 2007 (!), die von der Kirche unter den Teppich gekehrt wurden.
    Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die Studie.

  5. überall wo Kinder in der Abhängigkeit von Erwachsenen sind, passieren diese Schweinereien.
    Der Staat muss hier rigoros durchgreifen.
    Solange Erziehern bei Fehlverhalten, keine wirtschaftlichen Konsequenzen drohen, ist alles für die Katz.

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    • helgam
    • 14. Juli 2011 10:07 Uhr

    Warum dann diese mediale Fokussierung?
    Sollen wir so abgelenkt werden von den brennenden Problemen der Gegenwart?
    Warum werden Sportvereine nicht analysiert?

    Immerhin habe ich vor der katholischen kirche mehr Achtung und mehr Vertrauen als zu dem evangelikalen Mischmach der evangelischen ala Göring-Eckart, Eckart Nagel u.a.

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  6. In den USA, wo ich über Jahre in dem Bereich gearbeitet hatte, sprach man von Kindesmissbrauch (child abuse) ganz generell und von sexuellem Missbrauch, physischem Missbrauch (phyical abuse, d.h. Kindesmisshandlung) und psychologischem Missbrauch (z.B. Söhne, die psychologisch Ehemannfunktion der Mutter einnehmen sollen), wenn man differenzieren wollte.

    Es ist also nicht so, dass das Wort "Missbrauch" andeuten soll, es gäbe möglicherweise eine richtige Form sexuellen Gebrauchs von Kindern; vielmehr dient das Adjektiv "sexuell" zur Unterscheidung verschiedener Formen von Kindesmissbrauch. So sollte man es auch im Deutschen verstehen.

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