Missbrauch in der Kirche : "Männer schämen sich mehr"

Der Kriminologe Christian Pfeiffer leitet die weltweit größte Untersuchung von Missbrauchsfällen in der Kirche. Er fragt auch: Wann sind Priester glücklich?

DIE ZEIT: In den vergangenen 15 Jahren wurde gegen etwa 150 Priester ermittelt, weil sie des sexuellen Missbrauchs verdächtig waren. Das ist ein Promille der Tatverdächtigen in diesem Bereich. Ist das viel oder wenig?

Christian Pfeiffer: Wenig. Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass die Priester im Vergleich zu den Männern ihrer Altersgruppe in Deutschland unterrepräsentiert sind.

DIE ZEIT: Gibt es also gar kein spezifisch katholisches Problem?

Pfeiffer: Möglicherweise hat es eines in der Vergangenheit gegeben. Ob man ein Tatverdächtiger wird, hängt ja entscheidend davon ab, ob das Opfer Anzeige erstattet hat. Es mag sein, dass gläubige Katholiken davor zurückschrecken, den Priester anzuzeigen. Die Studie für die katholische Kirche soll unter anderem klären, ob die Anzeigebereitschaft in diesem Milieu abweicht. Wir haben außerdem gerade eine allgemeine, nicht auf die katholische Kirche beschränkte Repräsentativbefragung mit 11.000 Menschen zum Thema des sexuellen Missbrauchs durchgeführt. Insofern haben wir Vergleichszahlen.

DIE ZEIT: Finden Sie das Wort »Missbrauch« angemessen? Es klingt so, als könne man Kinder auch sexuell korrekt gebrauchen.

Pfeiffer: Die Frage ist berechtigt, aber der Begriff ist eingebürgert. Er umfasst eine sehr große Bandbreite vom körperlosen Belästigen bis zur Vergewaltigung. Wir werden das in der Studie differenzierter darstellen, als es der Begriff vermittelt.

DIE ZEIT: Ein beliebtes Entlastungsargument für die katholische Kirche ist die Behauptung, in Sportvereinen komme Missbrauch häufiger vor als etwa in der Messdienerfreizeit. Stimmt das?

Pfeiffer: Es gibt einen Verdacht gegen Sportvereine, weil Trainer qua Beruf Kinder anfassen dürfen. Doch noch gibt es dazu keine empirischen Befunde. Insofern kann das kein Entlastungsargument für die Kirche sein.

DIE ZEIT: War es schwierig, alle Bistümer für Ihre Studie zu gewinnen?

Pfeiffer: Es war ein sehr langer Prozess. Es gab Ängste, wir mussten Vertrauen gewinnen. Schließlich kam es zu einem 27-zu-null-Beschluss, das heißt, alle 27 Diözesen stehen hinter dem Projekt. Es wird, vom methodischen Aufwand her betrachtet, die umfangreichste Studie, die es weltweit zu diesem Thema gegeben hat. Die bisherigen Untersuchungen sind primär täterfixiert, wir widmen uns auch den Opfern.

DIE ZEIT: Warum wurden für den Zeitraum von 1945 bis 2000 nur neun von 27 Bistümern ausgewählt?

Pfeiffer: Eine Totalerhebung hätte, nach den Erfahrungen, die man in den USA gesammelt hat, keine zusätzlichen Erkenntnisse gebracht. Die neun ausgewählten Bistümer sind repräsentativ für alle 27. Es sind solche mit hohem Katholikenanteil dabei und solche mit einem geringen, eher städtisch geprägte Diözesen und ländliche sowie große und kleine. Für die Jahre nach 2000 untersuchen wir nicht nur neun, sondern alle Bistümer, weil das für die aktuelle Prävention wichtig ist.

DIE ZEIT: Das Erzbistum München hat die Zeit zwischen 1945 und 2009 aufarbeiten lassen. Öffentlich zugänglich ist eine achtseitige Zusammenfassung, die von Vertuschung und Versagen spricht, ohne die Namen der Verantwortlichen zu nennen. Das sieht nach Scheintransparenz aus.

Pfeiffer: Das Münchner Gutachten geht sehr detailliert auf die Fälle ein. Aus Gründen des Datenschutzes, auf den sowohl Opfer als auch Täter ein Recht haben, kann man das Dokument nicht öffentlich zugänglich machen. Auch wir werden aus diesem Grund in unseren Texten strikt anonymisieren und zudem nicht erkennbar werden lassen, in welcher Diözese sich einzelne Vorfälle abgespielt haben.

DIE ZEIT: Wer damals an verantwortlicher Stelle Täter geschützt und danach Karriere gemacht hat, bleibt also geheim?

Pfeiffer: So ist es. Wir sind Forscher, wir sind kein Gericht. Wir stellen niemanden bloß und verurteilen niemanden. Aber wir fragen natürlich schon: Wie ist die Kirche mit den Opfern und mit den Tätern umgegangen? Die Mitverantwortung der Kirche wird zur Sprache kommen. Wir werden auch klären müssen, ob es strukturelle Mängel gibt. Die Kirche hat 2002 ein neues Regelwerk erlassen und dies später noch einmal präzisiert. Es mag sein, dass das reicht, aber das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

DIE ZEIT: Sehr schnell fällt da der Verdacht auf den Zölibat. Zu Recht?

Pfeiffer: Es gibt aus den USA Erkenntnisse, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht. Danach kann der Zölibat Missbrauch verhindern. Aber er kann auch eine Ursache sein. Wenn ein 16-Jähriger beim Besuch des Schwimmbads merkt, dass ihn Kinderkörper anziehen, sagt er sich vielleicht, wenn er ein gläubiger Mensch ist: »Ich gehe in einen Beruf, der mir abverlangt, keusch zu leben.« Für ihn wäre der Zölibat dann ein Schutzfaktor. Wenn aber ein Priester eigentlich erwachsene Frauen oder Männer begehrt und diese dann wegen des Zölibats nicht erreichen kann, kann es sein, dass er sich ersatzweise an Kindern oder Jugendlichen vergeht. Wir werden sehen, ob sich diese Hypothesen bei uns bestätigen werden.

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Chance vertan

Der Begriff "sexueller Missbrauch" wird verwendet, weil er sich halt so eingebürgert hat?! Schon seit Jahren wird im wissenschaftlichen Bereich der Begriff "sexualisierte Gewalt" verwendet - sowie auch von den Opfern selbst - wie bedauerlich, dass ausgerechnet eine Studie, die auf dem neuesten Stand sein will, dahinter zurückfällt. Gewalt muss endlich klar benannt werden.

Die Katholische Kirche ist mir im allgemeinen herzlich gleichgültig, aber die Tatsache, dass in den letzten 15 Jahren nur 150 Priester angezeigt wurden, als Beleg dafür zu nehmen, dass sie als Tätergruppe unterrepräsentiert sind?

Obwohl deutlich wurde, dass auf Opfer Druck ausgeübt wurde, keine Anzeige zu erstatten, obwohl es gängiges Muster war, Täter einfach stillschweigend zu versetzen?

Je mehr ich über die Untersuchungsmethoden von Herrn Pfeiffer lese, desto größer werden meine Zweifel an der Wissenschaftlichkeit dieser Studie.

Schade, eine vertane Chance.

Begriff

Ich finde den Begriff angemessen, weil Missbrauch eben keine Gewalt voraussetzt. Deshalb wird von Missbrauch von Kindern, Behinderten, Bewußtlosen gesprochen.

Anders als eine Vergewaltigung, wo es erst dann zu einer Straftat ist, wo das Opfer sich massiv gewehrt hat.

Bei sexueller Gewalt habe ich immer das Problem, weil ich mich als Vergewaltigungsopfer dann gesprochen fühle, und dann wird mir gesagt, dass ich nicht gemeint bin, weil ich kein Kind mehr war. Das finde ich immer sehr verletzend.

Und dann heißt es, sexueller Gewalt in der Kindheit - aber diese Eingrenzung verharmlost andere Gewaltatet (Körperverltzungen in der Kindheit, sexuelle Gewalt Erwachsenenalter), und hilft in der Sache auch nicht.

Wenn man bei Kindesmissbrauch Gewalt zur Voraussetzung wird und man Gewalt nachweisen müsste, dann werden die meisten Taten nicht mehr als Straftaten gelten können.

Aussagen von Herrn Pfeiffer

Ja, ich kann Sie beruhigen, ich habe den Artikel gelesen. ;-)

Ich frage mich aber, wieso Herr Pfeiffer zum jetzigen Zeitpunkt hergeht und verkündet, es gäbe Indizien dafür, dass die Priester als Tätergruppe unterrepräsentiert sind (und sich dafür auf die Zahl der Anzeigen bezieht).

Es ist ja löblich, dass er das noc genauer untersuchen will, aber einen Forscher, der, kaum dass er mit der Arbeit begonnen hat, solche Aussagen macht, (die sich ja dann medial wirksam wunderbar in Artikelüberschriften übersetzen lassen) kann ich als Wissenschaftler nicht ernst nehmen.

Indizien

"Ich frage mich aber, wieso Herr Pfeiffer zum jetzigen Zeitpunkt hergeht und verkündet, es gäbe Indizien dafür, dass die Priester als Tätergruppe unterrepräsentiert sind (und sich dafür auf die Zahl der Anzeigen bezieht)."

Er wurde vom Interviewer genau mit diesem Indiz konfrontiert. Soll der dazu schweigen? Anschließend hat er doch ganz deutlich auf die Schwächen dieses Indizes hingewiesen. Und Herr Pfeiffer hat bereits angefangen zu forschen und ein große Umfrage durchgeführt, durchaus möglich das er also noch weitere Indizien hat.

Gewalt

bedeutet mitnichten nur körperliche Gewalt oder hat physisches Wehren des Opfers zur Vorraussetzung. Es gibt physische, psychische und sexualisierte Gewalt, gegen Kinder und gegen Erwachsene. (Völlig verfehlt finde ich eine Olympiade, wer dabei das schlimmste Leid erfährt. Schmerz und Leid sind individuelle Empfindungen, im Übrigen hat so gut wie jeder Mensch einen schlimmen Schmerz. Bei manchen sind das Äquivalente zu 'Wie ich letzte Woche keinen Parkplatz fand', für andere ist es das Abarbeiten an einem Trauma. Entscheidend ist immer der eigene Umgang damit - das ist nämlich das Einzige, worauf jeder selbst einen Einfluß hat.)

Kein Kind, kein Erwachsener läßt freiwillig und ohne Not einen Übergriff zu. Es ist immer Gewalt, jemanden zur Aufgabe von Scham- und Privatsphäre zu zwingen. Sinnvoll ist, die drei Gewaltformen auch im Zusammenhang zu sehen - läßt es jemand scheinbar freiwillig zu, daß jemand anderes (außerhalb einer Liebesbeziehung oder einer IG Sex) intime Bereiche berührt, so ist dem u.U. psychische Gewalt vorangegangen. Oder das Zulassen sexualisierter Gewalt verhindert physische Gewalt.

Den Gewaltbegriff halte ich auch deswegen für wichtig, weil er klar macht, worum es dem Täter m/w geht, nämlich nicht um Sex, sondern um Gewaltausübung.

Der Begriff 'Mißbrauch' wurde u.a. hier bei Zeitonline mit der einseitigen und qualitativ lausigen Berichterstattung WIEDER eingeführt. Als hätte es die Diskussion in den 80ern nie gegeben. Das ist ernüchternd.

Gewalt

Das ist aber eine moralische oder psychologische Interpretation des Gewalt-Begriffes. Im Strafrecht sieht es anders aus.

In meinem Fall z.B. sah die Staatsanwalt keine Gewalt - sondern Kraftentfaltung. Weil man dem Mann keinen Vorsatz nachweisen konnte, und weil ihm nicht bewußt gewesen sein soll, dass es Gewalt war. Und deshalb wurde die Tat nicht als Vergewaltigung eingestuft. Obwohl es ganz klar festgestellt wurde, dass das Sex gegen meinen Willen und gegen meinen Widerstand passierte. Psychischer Druck oder Abhängigkeit wurden hier auch nicht bejahrt, obwohl es sich um eine Leherperson/Vertrauensperson handelte.

Das hängt

damit zusammen, dass das staatliche Gewaltmonopol gern darüber entscheidet, von wem oder was welche Gewalt ausgeht (bei Sitzblockaden auf Straßenkreuzungen darf es dann auch psychische Gewalt sein...). Und deshalb scheinbar darüber bestimmt, was Gewalt ist, genauer: sein soll, und was nicht.

Aber: ein dussliger Staatsanwalt ist kein Grund, den 'erweiterten' Gewaltbegriff gleich wieder aufzugeben.
Das wäre dann nämlich nur noch mal: der Gewalt nachgegeben.

Jura Fachbegriff

Gewalt ist ja in Jura definiert - was da definiert ist, is Gewalt, was da nicht definiert ist, ist keine Gewalt.

Ich finde nur, dass es keinem Opfer hilft, wenn alle Psychologen, Therapeuten, Berater ihm in der Beratung "klar" macht, dass was es erlebt hat "seuxeller Gewalt" war und nicht in Ordnung. Als Opfer mag man es ja zuerst gar nicht wahrhaben, gerade wenn der Übergriff von einer Bezugsperson ausging wie Vater, und es immer von dieser zu hören bekommen hatte, dass dies ein Zeichen der Liebe wäre.

Und wenn das Opfer dann endlich mal begreift, dass es Gewalt war - und eine Anzeige erstattet, von der Justiz dann zu hören bekommt, dass es Missbrauch wäre, und keine Gewalt.

Wie soll es in der Situation damit umgehen? Er kann in dem Moment auch nicht klar genug denken, um die feine Begrifflichkeiten in Jura zu verstehen.

Wenn man das Wort Missbrauch nicht mag, dann sollte man ein andere Wort finden, was in Jura nicht vorkommt und daher verwendungsneutraler ist. Z.B. sexuelle Grenzverletzungen oder Übergrifflichkeiten an Kind.

Und wenn man in Jura den Gewaltbegriff anders definiert, dann müsste es auch in anderen Bereichen (Vergewaltigungen, Körperverletzungen) Anwendung finden.

Ach Clair11,

das hatten wir schon. Ich finde es sowas von schrecklich, was Ihnen angetan und auch noch vor Gericht für legal und legitim erklärt wurde. Ihnen gegenüber hat sich m.M.n. auch die Staatsanwaltschaft extrem gewalttätig verhalten. Was Ihnen passiert ist, bestärkte mich in meiner Haltung, daß eine juristische Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit überhaupt gar nichts zu tun haben muß. Weswegen ich für Betroffene eine Strafanzeige nur sehr bedingt für den Königsweg halte, mir erscheint das Überleben mit möglichst guter Lebensqualität prioritär.

Für den dazu unbedingt nötigen eigenen Umgang mit einer solchen Tat und ihren Folgen finde ich es aber überaus wichtig, sehr fein zu unterscheiden, was Gewalt war und was ggbfs. nicht. Andernfalls rutschen Betroffene u.U. in eine perfide Form von Stockholmsyndrom - insbesondere, wenn die Gewalt nicht nur sexualisierter, sondern auch psychischer Natur war. Das wäre dann auch noch Gewalt gegen sich selbst, insbesondere bei weiblichen Betroffenen sehr verbreitet.

Sehr erweitert

Ich finde es nur irreführend, Opfern mit Begrifflichektein falsche Hoffnungen zu machen, gerade bei Therapeuten und Beratern.

Wenn Betroffene das Wort Missbrauch nicht mögen, weil sie sich dann überlegen, ob das Gegenteil davon Gebrauch wären - dann müssten sie sich ein ganz anderes Wort einfallen lassen.

Sexuelle Gewalt erweckt das Bild, von einem Entführer, welche ein Kind gewaltsam ins Auto zerrt, ihm die Kehle zudrückt und vergewaltigt und ermordetet.

Missbrauch passiert aber meistens anders, und zwar ohne Gewalt. Sondern mit Manipulation, Überredung, Belohnung, Einschüchterung. Der Prozess ist oft schleichend. Oft ist das Opfer auch deswegen verwirrt. Weil das Schöne und das Böse so widersprüchlich gleichzeitig passieren.

Und wenn ich drauf aufmerksam mache, dann habe ich kein Stockholmsyndrom - das ist oft das Mundtotargument von Betroffenenvereinen, welche nicht sinnvoll ist.

(Man wird auch nicht für Essstörung oder Suizid wegen Gewalt verurteilt - auch wenn das im erweitertem Sinne um Gewalt gegen sich selbst handelt).

@dame von welt - Anzeigeselbstverpflichtung

Ich stimme Ihnen übrigens zu, dass eine Strafanzeige für Opfer oft nicht der Königsweg darstellt.

Aber die Bundesregierung sieht es anders, es wird in Zukunft flächendeckend zur Anzeige geraten:

http://www.rundertisch-ki...

Ich finde, die Bundesregierung macht es sich die Sache viel zu einfach.

Aber gerade wenn es so ist, dann muss man erst recht aufpassen, dass es nicht zu Komminikationsfehler aufgrund von Begrifflichkeiten kommt.

Drei Texte für Sie

Johan Galtung über sichtbare und unsichtbare Folgen der Gewalt. http://them.polylog.org/5... und ein Text aus dem SPON über die veränderlichen Gewaltbegriffe in der deutschen Justiz (mit einem ähnlichen Unrechtsurteil) http://www.spiegel.de/spi...

Ich habe Ihnen nirgendwo etwas wie ein Stockholmsyndrom unterstellt noch Sie mundtot zu machen versucht, wie käme ich denn dazu? Da haben Sie mich völlig mißverstanden - ich meinte sehr viel eher die Auseinandersetzung mit dem, was Sie als Parallelität von schön und böse beschreiben und der m.M.n. notwendigen Trennung zwischen Gewalt und Nichtgewalt in der therapeutischen Aufarbeitung. Erfolgt die nicht, besteht die Gefahr einer Art von lebenslangem Stockholmsyndrom, als von sexualisierter Gewalt betroffenes Kind ist das ohnehin als Reaktion auf die Situation häufig. Was Sie unter 'Manipulation, Überredung, Belohnung, Einschüchterung' abhandeln, fasse ich u.a.m. unter psychische Gewalt.

Ihre Geschichte ist furchtbar, die Geschichten anderer ist das auch. Welche Bilder Sie zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder haben, sind aber zunächst genau das: Ihre Bilder.
Ich habe dazu andere und niemand hat hier eine Deutungshoheit oder das Recht, jemand anderes mundtot zu machen. Sprachlosigkeit gehört nämlich auch zu den möglichen Folgen sexualisierter Gewalt, das sollte man sich nicht auch noch untereinander antun. Dazu der dritte Text von Bodo Kirchhoff http://www.spiegel.de/spi...

Gegenwehr als Kriterium ist fragwürdig

sich massiv gegen sexuellen Kontakt zu wehren (also körperlich, nehme ich an)- das ist m. E. nicht DIE Voraussetzung für den Strafbestand einer Vergewaltigung. Wenn der Täter das Opfer massiv einschüchtern und manipulieren kann oder das Opfer betäubt ist oder einfach aus Schock versteinert oder körperlicher Gegenwehr nicht fähig (etwa bei einer Behinderung) und der Täter nutzt es aus, ist es ja ebenso eine Vergewaltigung.
Ich finde die Argumentation etwas gefährlich, da man so Opfern suggeriert, sie hätten sich wehren müssen, dass sie also selbst Schuld sind, etwas "geschehen zu lassen".

Es wird auch Zeit, dass auch in Deutschland eine solche Studie auf den Weg kommt; in Irland sind bereits mehrere Untersuchungsberichte erschienen. Wie notwendig solche Berichte sind, kann hier nachlesen:
http://www.irishtimes.com...

Es geht hier wohlgemerkt nicht um Fälle vor 50 Jahren, sondern um Fälle bis 2007 (!), die von der Kirche unter den Teppich gekehrt wurden.
Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die Studie.

Kommunikation

Nein, aber man redet einander vorbei, wenn man über "Gewalt" spricht, wo jeder was anderes darunter meint.

Ich weiß z.B. dass manche Leute alles als Gewalt definieren, was nicht völlig freiwillig geschieht. Da wird schon Sätze wie "Du machst mich fertig" als gewaltätig definiert, weil man die Verantwortung an andere abgibt - gewaltfrei wäre, "ich fühle mich niedergeschlagen, wenn Du sagst, dass ich mit 3 kg weniger besser aussehen würde".

Noten in der Schule sind in diesem Sinne auch Gewalt, denn der Lehrer entscheidet über den Lebensweg des Kindes. Wenn Eltern ihre Kinder verbietet, bis 22 Uhr aufzubleiben, oder schlechte Noten tadelt, ist es auch Gewalt.

Dann redet man über gute und schlechte Gewalt.

Aber wenn man über Straftaten redet, dann geht es nicht um solche Überlegungen.

Wenn es jemandem besser geht, in dem er für sich sagt, dass es Gewalt war - dann ist es OK so. Aber er kann von der Gesellschaft oder Justiz auch nicht verlangen, dass man alles für Betroffene dolmetscht.

Die größte Schwierigkeit in der Diskussion um sexuelle Gewalt kommt von der ungenauen Definitionen - das hat man ja bei Kachelmann-Prozess gesehen. Da wollten alle mitreden, ob er schuldig oder unschuldig ist, und nur sehr sehr wenige wußte mal, was man unter Vergewaltigung juristisch und psychologisch versteht.

Falsch

Lesen Sie dazu die §177 StGB. Massiv einschüchten und manipulieren gehören nicht zum Kriterium. Wenn das Opfer betäubt ist, oder sich wegen Behinderung nicht wehren kann, dann ist es nicht §177, sondern §179 "Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen". (Und gerade weil es ohne Gegenwehr geht, heißt es nicht Vergewagtlgung, sondern eben Missbrauch).

Dass man aus Angst oder Schock versteinert, und deshalb widerstandsunfähig war, das lässt sich i.d.R. nicht gerichtstauglich nachweisen.

Ja, Ihre Schlussfolerung, dass das suggeriert, dass das Opfer sich hätte massiv körperlich wehren müssen, ist richtig. Ja, genau das wird von Opfern auch verlangt, wenn man eine Strafanzeige erstatten will. Und dies der Gesellschaft zu verschweigen, weil man die Gesellschaft dazu erziehen will, zu verstehen, dass Nein Nein bedeutet - und die rechtliche Situation dazu nicht passt: das finde ich unverantwortlich.

Bei Kinder ist es eben anders. Da muss sich das Opfer nicht körperlich massiv gewehrt haben. Eben weil es hier um "sexueller Missbrauch" geht und nicht um "Vergewaltigung". (Wobei ich damit nicht sagen will, dass es hier keine Vergewaltigung gibt - es gibt natürlich Fälle, wo ein Kind sich massiv gewehrt hat, und der Täter es trotzdem vergewaltigt hat).

Sollte ich je über Gewalt in juristischer Definition schreiben,

werde ich es in Ihrer Gegenwart stets dazu schreiben, einverstanden?

Mich interessiert die Juristerei im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder allenfalls am Rande, ich halte die Praxis in D weder für gerecht noch für Betroffene für hilfreich noch bei den albernen Strafmaßen und surrealen Verjährungsfristen für Schwere und Folgen der Taten für angemessen. Das auch in Kürze zu den 'Empfehlungen' des Runden Tischs, 'zu leicht gemacht' hielte ich für dessen Arbeit für extrem euphemistisch.

Mir widerstrebt auch, daß in Diskussionen über den veränderlichen, juristischen Gewaltbegriff ein weiteres Mal die Betroffenen zugunsten der Täter m/w völlig aus dem Blick geraten. Deswegen im übrigen auch meine Präferenz der Gewaltbegriffe sexualisiert, physisch, psychisch. Bei denen geht es nämlich darum, was den Betroffenen angetan wurde und nicht darum, für was ein Täter m/w (im Zweifel für den Angeklagten) eventuell bestraft werden könnte oder eben auch nicht.

Ihren Ausflug zu Fehlkommunikationen über Gewichtsprobleme im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt/Gewaltbegriff ignoriere ich mal lieber...mir erschiene es allerdings sinnvoll, Sie beschränkten sich im Austausch mit mir auf das, was Sie und ich schreiben und bezögen nicht alles Mögliche und Unmögliche mit ein, was von irgendwem über Kachelmann abgesondert wurde.

Vertuschen

Dass das Sie nicht interessiert ist eine Sache.

Aber wenn man über Vertuschung redet, dann kommt man da auch nicht an Diskussion über Justiz vorbei.

Wenn Sie Gewalt zur Voraussetzung machen wollen, dass Kindesmissbrauch als Straftat anerkannt wird.... ich denke, dieses Bestreben geht nach hinten los.

Man hatte mir gesagt, dass mein Fall eher Missbrauch wäre, von Konstellation her. Und das sei ab 16/18 nicht mehr strafbar.

Ich wünsche mir ja eher, dass Missbrauch von jungen erwachsenen Schülern, Studenten und Schützlinge durch Lehrer, Trainer, Professoren auch als Straftat anerkannt wird.

Vertuschung

Wenn man über Vertuschung reden möchte, kommt man zunächst nicht am gesellschaftlichen Interesse vorbei, am Voyeurismus in Verbindung mit einem Tabu. Es wird mit geschwollenem Schritt nach Amstetten, zur RKK und auf Eliteinternate geglotzt, medial bestens unterstützt, bitte möglichst weit weg.
Während der Haupttatort Familie in der Regel sowohl im eigenen Umfeld als auch von den Medien gründlich ignoriert wird.

Mir ist wichtig, daß WENIGER sexualisierte Gewalt stattfindet, ganz besonders gegen Kinder und nicht, daß mehr Straftatbestände* definiert werden. Ich habe nämlich an der Resozialisierungsmaßnahme Gefängnis größte Zweifel.

Damit weniger sexualisierte Gewalt gegen Kinder stattfindet, ist ein gesellschaftliches Umdenken der Erwachsenen notwendig, beginnend bei der eigenen Person und den bereits erwähnten Grenzen. Desweiteren ist m.M.n. ein Training für alle Kinder unerläßlich.

*Gewalt gegen Kinder ist bereits unzulässig. §1632BGB (2) 'Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.' http://bundesrecht.juris.... Sie sehen, auch das BGB verwendet den erweiterten Gewaltbegriff. Ob es in Folge des Gesetzes nun weniger Gewalt gegen Kinder gibt? Ich vermute, kaum, sie wird wohl oft nur besser verborgen. Bei allem Verständnis für den Wunsch nach schnellen, klaren, strafbewehrten Lösungen - gesellschaftliches Umdenken dauert.

Gegensteuerung

Nur wird man wegen BGB nicht bestraft. Und eine Verurteilung wäre in meinem Fall z.B. wichtig, um den Täter aus der Institution entfernen zu können. Sicher, er könnte dann auch woanders weiter machen.... Aber eine Bestätigung, dass was er macht, völlig legal und OK ist, das ist dann doch schmerzhaft und bestätigt Täter in ihrem Vorhaben.

Training für Kinder, und Selbstbehauptungskurse für alle Menschen, sind sehr wichtig. Eben, weil man sich im Zweifelsfall sich selbst schützen muss, und man dafür Handwerk und Techniken braucht.

Und um sich rechtzeitig wehren zu können, muss man auch wissen, wo die Grenzverletzung anfängt, eben auch man eigentlich noch keine Gewalt sieht.

Seelische Manipulation im Sinne von Belohnung/Bevorzugung wird in dem Moment nicht als Gewalt oder Verletzung wahrgenommen wie z.B. Klaps auf dem Po, obwohl diese Manipulation viel gravierender Folgen haben kann als Klaps.

Missbrach vs. Gewalt

Ich bin für den Begriff Missbrauch, nicht nur, weil er sich eingebürgert hat.
Ich lese manchmal, dass Missbrauch abgelehnt wird, weil Menschen sich nicht gebrauchen können, also kann das Gegenteil nicht sein.
Dabei (ge-)brauchen sich Menschen immer. Das Kind die Eltern, Arbeitgeber Arbeitnehmer und umgekehrt. Ge-brauch folgt Regeln und Konventionen und sollte zu beiderseitigem Nutzen erfolgen. Missbrauch verletzt die Regeln, benutzt einen, der sich eigentlich (so) nicht gebrauchen lassen will, der Nutzen ist sehr einseitig.
Gewalt ist nicht immer nötig. Sie sprechen auch eher von Zwang. Der eindeutig Pädophile benutzt idR auch keine Gewalt, muss niemanden groß zwingen. Das ist nicht der Typ, der mit Gewalt ins Auto zerrt und sich dann am Kind vergeht.
Gerade der, der keine sichtbare physische oder psychische Gewalt anwendet, scheint mir der Gefährlichere, weil es so schwer fällt ihn zu erkennen. Selbst den Opfern. Menschen, die als Kind missbraucht wurden, brauchen manchmal, den Missbrauch als solchen zu erkennen. Es hat sie ja keiner geschlagen, irgendwo mit Gewalt hingezerrt, sie haben nur „komische“ Sachen erlebt, die ein ganz schlechtes Gefühl verursachen, für das man (noch) keine Sprache hat. Und der Mann hat ja auch immer gesagt, dass das alles ganz toll ist und er das Kind furchtbar lieb hat.
Und Mami und Pappi finden den Mann auch ganz toll. So nett, sanft, friedliebend, einnehmend, ja charismatisch. Solche Menschen brauchen keine (sexualisierte) Gewalt.

'Der eindeutig Pädophile'

ist bei der Pädokriminalität mit zwischen 12 und 20% Prozent vertreten (Dunkelfeldforschung). Der Regelfall der Straftaten gegen Kinder beiderlei Geschlechts, nämlich 80-88%, werden von meist heterosexuellen Männern verübt, deren Sexualität sich eigentlich an erwachsene Frauen richten würde. Man fände vermutlich Schnittmengen zwischen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und dem Sextourismus in armen Ländern. Es geht um das Machtgefälle, Sex ist dazu lediglich das Vehikel.

Jeden Pädophilen für pädokriminell zu halten, ist unrichtig - es gibt sehr viele, die klar erkannt haben, daß das Ausleben ihrer sexuellen Prägung Kinder zerstören würde, die deswegen niemals ein Kind anfassen würden und enthaltsam leben. Denen hat aller Respekt zu gelten. Pädophil mit pädokriminell gleichzusetzen ist ebenfalls, wie der Begriff 'sexueller Mißbrauch', durch die 'Berichterstattung' der Medien zur sexualisierten Gewalt in RKK und Eliteinternaten im vergangenen Jahr eingebürgert worden.

Es scheint eben bequemer zu sein, sich triebgesteuerte Ungeheuer vorzustellen als den netten Herrn von nebenan. Oder den liebevollen Vater, die sorgende Mutter, den engagierten Lehrer, den freundlichen Trainer, den menschlichen Priester.

Sex mit einem Kind ist IMMER Gewalt. Sie werden keine Beispiele finden, wo ein Erwachsener legitim ein Kind zum Sex ge-brauchen kann. Kinder haben ein Anrecht auf Liebe und Fürsorge ohne Gegenleistung. Zwingt jemand ein Kind dazu, ist das der ultimative Vertrauensbruch.

Anm.: Bitte versehen Sie Tatsachenbehauptungen mit Verweisen auf entsprechende Quellen. Danke. Die Redaktion/vn

Quellen für Tatsachenbehauptungen:

'Präventionsprojekt Dunkelfeld', Download unter dem ersten Artikel der Humboldt-Universität von Klaus M. Beier / Gerard A. Schäfer / David Goecker / Janina Neutze / Christoph J. Ahlers http://forschung.hu-berli...
'Täter und Täterprofile im emotionalen Nahraum' FU Berlin http://userpage.fu-berlin...

Bei dieser Gelegenheit noch ein paar weitere Quellen: 'Möglichkeiten zur Tätertherapie' Dr. Ruud Bullens http://praevention.org/we...
'Frauen als Täterinnen' http://www.taeterinnen.or...
'Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland' vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend http://www.frauen-gegen-g...
Alle relevanten Gesetze zu sexualisierter Gewalt http://www.kinderrechte.g...
Dokumentation von 'Wir sind Kirche' zu sexualisierter Gewalt in der RKK http://alt.ikvu.de/html/a... und eine Chronologie aus 'Der Theologe' http://www.theologe.de/se...
Spreeblick zum Canisius Kolleg http://www.spreeblick.com... mit einer der erstaunlichsten Diskussionen im ganzen www.

Hauptsache wir meinen das Gleiche ;-)

Sex mit Kindern ist für mich halt (immer) Missbrauch. Es geht aber nicht nur um Sex mit Kindern. Jemand, der sich kinderpornografische Bildchen im Netz ansieht, hat keinen Sex mit Kindern. Trotzdem richtig, dass das strafbewehrt ist, ohne das jetzt näher begründen zu wollen. Ich überlasse es einmal Ihnen, warum?
[...]

Ich weiß nicht, ob sehr oder wie viele Pädophile es schaffen, „enthaltsam“ zu leben. Ich kenne auch keine entsprechende Untersuchung. Die wäre dann auch von den Behauptungen von Pädophilen abhängig und ich bin eher skeptisch bei Behauptungen, die einem bestimmten Interesse dienen könnten.
Aber egal, wenige oder viele: die sind dann ja auch nicht das Problem, selbst wenn ich die Neigung grundsätzlich für eine (untechnisch ausgedrückt) Persönlichkeitsstörung halte.

Der Begriff „sexueller Missbrauch“ hat sich meines Wissens nicht erst durch oder seit der Berichterstattung über RKK/Odenwald eingebürgert.
Sondern nach dem ist der Begriff „sexualisierte Gewalt“ erst später aufgekommen. Und meiner dunklen Erinnerung benutzt worden von Pädophilen in Zeiten der unseligen Diskussion in linken Kreisen, sich die Sache schön zu reden: Ihre Pädophilie ist ja gewaltfrei.

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/vn

Kommunikationsproblem

Das kommt nicht daher, daß Sie aus Deutschland und ich aus Österreich wären (bin ich nicht), sondern aus meiner Sicht kommt das primär daher, daß Sie sich mit einer Erfahrung sexualisierter Gewalt als junge Erwachsene nebst schlimmem Unrechtsurteil auch alle Expertise zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder zutrauen. Meine unerbetene Expertise entstammt knapp 5jähriger Erfahrung ab dem 4. Lebensjahr, diversen Therapien, umfänglicher Lektüre und Gesprächen mit anderen, als kleine Kinder Betroffenen.

Ich finde auch Ihre Gewaltvergleiche (Gewichtsprobleme, Versicherungsaufschwatzen) überflüssig provokant und extrem unsachlich. Wie ich Ihnen bereits schrieb: es liegt m.M.n. kein Gewinn in einem Wettbewerb um den größten Schmerz. Weswegen ich mich nun auch zurück ziehe, Ihnen scheint das wichtig und dafür möchte ich nicht als 'Konkurrenz' dienen.

Vielen Dank aber für den link zur deutschen Rechtslage - der österreichische link war ein Versehen - danke für Ihre Korrektur.

..................................................

@Herr-M #93 Kinderpornografie ging Kindervergewaltigung voran - keine Frage, warum sie wie auch ihr Konsum verboten ist, oder? Der Begriff 'sexualisierte Gewalt' entstammt wissenschaftlichem Diskurs ab der 80er Jahre und nicht irgendeiner Pädokriminellenrechtfertigung. Die Wissenschaft streitet noch, ob es sich bei Pädophilie um eine sexuelle Identität oder Prägung oder Persönlichkeitsstörung handelt. Zum Lesen von Quellen kann man aber nun mal niemand zwingen.

Recht

Ja, Sie haben Therapieerfahrung, und dort wird dann auch von Gewalt gesprochen, weil das für die Heilung wichtig ist.

Aber das ist Therapie. Der offizielle Sprachgebrauch ist anders.

Wenn Sie das StGB sehen, dann merken Sie, dass bei "sexueller Missbrauch von Kindern" keine Gewalt vorausgesetzt wird. Z.B.

"§176a (2) Der sexuelle Missbrauch von Kindern wird in den Fällen des § 176 Abs. 1 und 2 mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft, wenn

1.
eine Person über achtzehn Jahren mit dem Kind den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an ihm vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind."

Es reicht hier, dass beischlaf vollzogen wurde. Wie der Beischlaf vollzogen wurde, ist nicht relevant.

Begriff "sexualisierte Gewalt"

"Sondern nach dem ist der Begriff „sexualisierte Gewalt“ erst später aufgekommen. Und meiner dunklen Erinnerung benutzt worden von Pädophilen in Zeiten der unseligen Diskussion in linken Kreisen, sich die Sache schön zu reden: Ihre Pädophilie ist ja gewaltfrei."

Ergänzend zur Antwort der dame.von.welt möchte ich sagen, dass der Begriff "sexualisierte" Gewalt entwickelt wurde (wie die Dame schon sagte, in wissenschaftlichen Kreisen, und zwar meines Wissens im feministischen Umfeld ;-) ) als Kontrast zum Begriff "sexuelle" Gewalt.

Durch den Begriff "sexualisiert" sollte deutlich gemacht werden, dass es weniger um Sexualität (des Täters / der Täterin) geht, als um die Ausübung von Macht und Gewalt, und Sexualität lediglich das Mittel der Wahl darstellt. Damals gab es ja in den Medien und in den Köpfen der meisten Menschen noch den ominösen Triebtäter (damals auch noch rein männlich), der gar nicht "anders konnte" als seinen "Trieb" auszuleben.

Ich verstehe auch die Bedenken von clair11 und anderen hier im Forum, den Begriff "Missbrauch" zugunsten von "sexualisierter Gewalt" aufzugeben. Ich denke allerdings - ähnlich wie die dame.von.welt, dass der Gewaltbegriff umfassender verwendet werden kann, als dies heute juristisch geschieht, ohne ihn ganz aufzuweichen.

Selbstverständlich ist Ihre Erfahrung als junge Frau eine massive Gewalterfahrung, clair11, auch wenn die Juristen das anders gewertet haben.

Quellen interpretieren 1

„...es gibt sehr viele, ..., die deswegen niemals ein Kind anfassen würden und enthaltsam leben“

Ich nehme an, Sie führen als Verweis dafür die 1. Quelle an (s. Ihren K. 92), die Forschungsstudie Präventionsprojekt Dunkelfeld des sexualwissenschaftlichen Instituts der Charite (s. weiterführender link). Da geht es um den Ansatz zur therapeutischen Primärprävention von sexuellem Kindesmissbrauch (und nicht „sexualisierter Gewalt gegen Kinder“) und richtet sich an pädophile Männer, bevor sie ein Kind missbrauchen oder dies zwar geschehen ist, sie aber noch nicht justizbekannt geworden sind.
Es wurden 373 Männer von 40-70 Jahren (die sexuell und kriminell sehr aktive der unter 40-Jährigen nicht) zu Paraphilien bzw. Störungen der Sexualpräferenz und damit verbundene sexuelle Erregungsmuster befragt, wieweit sie diese 2. zur Masturbation nutzen und 3. in reales Sexualverhalten umsetzen.
Als Erregungsmuster sind u.a. aufgeführt nicht-menschliche Objekte (zB Schuhe), Tragen von Frauenkleidern, vorpubertäre Kinderkörper (Tab.2).
Es fällt tatsächlich auf, dass offensichtlich nur 40% der, die vorpubertäre Kinderkörper als Erregungsmuster als Phantasie kennen, dies in reales Sexualverhalten umsetzen. Das ist der geringste Wert, der Schnitt liegt bei ca 75%.
In realen Zahlen: von 34, die dieses Erregungsmuster angeben, haben 12 dies in reales Sexualverhalten umgesetzt. Das ist allerdings ein recht kleiner Pool, aus dem sich kaum generelle Aussagen ablesen lassen.

Quellen interpretieren 2

Die Studie ist in der Wertung offensichtlich vorsichtig: „So gibt es Männer..., die in der Lage sind, ihre Wünsche nach Sexualkontakten mit Kindern auf die Phantasieebene zu beschränken,..“.
Und ich denke, aus gutem Grund. Die Studie äußert sich nicht dazu, wieweit man die Angaben als „wahr“ annehmen kann. Daran kann man begründete Zweifel hegen. Die so genannte kognitive Verzerrung ist bei Pädophilen besonders hoch ausgeprägt, wird allerdings erst im Zusammenhang mit realisiertem Sexualverhalten beschrieben. Die Frage ist nicht geklärt, inwieweit uU. realisiertes Sexualverhalten (noch) nicht als solches wahrgenommen wird. Es fällt auf, dass (fast) parallel zum Grad der Pönalisierung + und gesellschaftlicher Ächtung das Umsetzen in reales Sexualverhalten abnimmt. Ein Schuhfetischist wird nicht wg seiner Neigung verfolgt und niemand kommt auf die Idee, ihn in Sicherungsverwahrung zu nehmen. Umsetzungsquote 80%+. Interpretiert wird das nicht. Schließt aber auch nicht aus, dass das eine zuzugeben leichter fällt als das andere. Die Rückfallquote bei Pädophilen ist mit 40-50% ca doppelt so hoch wie bei den übrigen Sexualdelikten. Da wäre zu klären, warum die Rückfallquote signifikant hoch ist, wenn die Erstfallquote signifikant niedrig scheint (und suggeriert, dass es Pädophilen leichter fällt als anderen, von realisiertem Sexualverhalten Abstand zu nehmen) – bei diesen 34!
Diese Quelle stützt m.E. nicht ihre o.g. Aussage, weder „sehr viele..“ und erst recht nicht „niemals..“

uminterpretieren

Wie Sie sicher im wissenschaftlichen Diskurs lesen konnten, wird weder einheitlich von sexuellem (Kindes-)missbrauch gesprochen noch von „sexualisierter Gewalt“. Die Erläuterung von Herrn Pfeiffer dazu sind mir ebenso plausibel.
Im übrigen habe ich gar nicht bestritten, dass der Begriff im wissenschaftlichen Diskurs entstanden (!) ist, sondern darauf hingewiesen, wo er sofort aufgenommen und sich zurechtgebogen („benutzt“) wurde.
Es ist kein seltenes Vorkommnis, dass Erkenntnisse und Begriffe des wissenschaftlichen Diskurses für die eigenen Zwecke uminterpretiert werden.

Nein, Klaus M. Beier zitierte irgendwo Peter Fiedler

nämlich aus 'Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Heterosexualität, Homosexualität, Transgenderismus und Paraphilien, sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt' http://de.wikipedia.org/w...
Hier eine weitere Sekundärquelle (bei 'Kein Täter werden' finde ich das Zitat gerade nicht wieder) http://www.imhr.ca/resear...
'Trotz der heutigen klinischen Definition der ICD-10 oder des DSM-IV ist die Abgrenzung des Pädophilie-Begriffs von dem allgemeineren Phänomen des sexuellen Missbrauchs von Kindern nicht immer eindeutig. Die Verwendung des Ausdrucks ist problematisch, wenn grundsätzlich alle Täter, die Kinder aus den verschiedensten Motivlagen heraus sexuell missbrauchen, als Pädophile bezeichnet werden, zumal pädophile Straftäter nur einen geringen Anteil von etwa 12-20 % unter der Gesamtanzahl von Sexualstraftaten an Kindern ausmachen (Fiedler, 2004).'

Insofern: ich lag falsch mit meiner Erinnerung an 'Kein Täter werden', die 12-20% seien dem Dunkelfeld zuzuordnen, es handelt sich um pädophile und -kriminelle Straftäter, also um das Hellfeld.

Da Sie bei Beier evtl. nachgelesen haben, wie viele gefährdete Männer sich beworben und wie wenige einen Therapie-/Forschungsplatz bekommen haben, kamen Sie ja auch zum Schluß, daß es 'ein recht kleiner Pool (ist), aus dem sich kaum generelle Aussagen ablesen lassen.'
Ich find's erschreckend, wie wenig Forschung betrieben/Therapie angeboten wird.

wer ist "pädophil"?-1

Ihr Zitat betrifft aber in 1.Linie die Verwendung des Ausdrucks „Pädophile“ in nicht-wissenschaftlichen-Fachkreisen. Bei denen ist die Abgrenzung recht klar.
Pädophilie scheint es sich nach gängiger Expertenmeinung um eine sog. Paraphilie zu handeln, um eine Neigung, die für sich nicht therapierbar, also unumkehrbar ist. Das ist (nur) das Verhalten, damit umzugehen.
Der sog. ersatzhandelnde Täter handelt dagegen nicht aufgrund seiner Neigung, sondern aus anderen Tathintergründen, oft nicht-sexueller Natur (zB aus tiefer Frustration über eigene Ohnmachtsgefühle, die in der „absoluten Machtausübung“ über ein Kind sich Bahn brechen).
Zweifelsohne gibt es hier einen Aufklärungsbedarf.

Was man sich vergegenwärtigen muss. Nicht jeder, der an dieser Paraphilie leidet, wird zum Täter, nicht jeder, der Täter wurde, leidet an dieser Paraphilie.

In vielen Fällen haben wir nicht annähernd eine Vorstellung, wie „viele“ gewisse Probleme betreffen. Wir nehmen %-Zahlen auf, ohne Bezugsgrößen zu kennen.
Gibt es in D. viele oder wenige Pädophile, melden sich viele oder wenige zu einer Therapie?

Anhand verschiedener Angaben aus Statistik und gängigen Lehrmeinungen, kann man sich mit plausiblen Hochschätzungen die gesellschaftliche Dimension des Problems Kindesmissbrauch/Pädophilie vergegenwärtigen.

Beier selbst (und liegt damit auf Linie aller seriösen Schätzungen) schätzt, 1% der Männer in D sind pädophil veranlagt.

wer ist "pädophil"?-2

Bei 40 Mio Männer, davon ca 55% in der Altersgruppe 20-60 Jahre, der der weitaus überwiegende Täterkreis angehören wird (= ca 20 Mio), davon 1% = 200.000.
Registriert wurden 2010 gut 11.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch, der Dunkelzifferfaktor wird nach überwiegender Expertenmeinung mit 8-10 angegeben.
Sind geschätzte 100.000 Taten – pro Jahr.
Nun begehen die nicht alle Pädophile. Aus dem Gesamttäterkreis sind das 10-20%.
Was im Umkehrschluss heißt, dass insgesamt 1-2 Mio Männer zu Tätern werden, b.z.w. man 10T – 20T Taten (pr Jahr) Pädophilen zurechnen kann, allerdings nur „statistisch“.

Auf das Präventionstherapieangebot von Beier/charite haben sich in ca 2 Jahren 550 Personen gemeldet (sind ca 0,25% aller geschätzten Pädophilen), von denen gut die Hälfte schon einmal einen Übergriff/eine Tat begangen hat, aber noch nicht justizbekannt geworden sind
http://www.aerztezeitung....

Das scheinen wenige in Hinblick auf die geschätzte Gesamtzahl pädophiler Männer, viele angesichts der Tatsache, dass nur 90 dann auch einen Therapieplatz erhielten.

Ohne Frage ist das Angebot sinnvoll. Die bisherige Strategie, fast ausschließlich auf (Haft-)Strafen und evtl Sicherungsverwahrung zu setzen (Therapie im Nachhinein), verhindert kaum Erst- und Folgetaten, derer, die noch nicht damit aufgefallen sind.

Ehrlicher gesagt, ich begreife es langsam auch nicht

mehr. Zwar finde ich das Interview recht aufschlussreich, insbes. da Pfeiffer sich in der Bewertung aller möglichen Klischees (Zölibat, spez. "katholischer" Missbrauch, Sportvereine etc) zurückhält, aber die dogmatische Versessenheit der Redaktion, dass Missbrauch als Thema fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kirche behandelt wird, wird für mich immer unverständlicher.
Aktuell werden bei DJI die Daten einer viel umfangreicheren Studie mit geradezu erschreckenden Zahlen veröffentlicht, die auch völlig neue Aspekte zur Täterstruktur aufwerfen, aber hier erscheint nichts. Die Studie ist auch politisch "offiziell", da sie von der Bundesregierung beauftragt wurde.
http://www.dji.de/cgi-bin...

Es wird auch nie erklärt, warum die grob geschätzt 1% Missbrauch in der RKK anscheinend jede Woche einen neuen aktuellen Bericht rechtfertigen, dass aber 50% aller Schulen, 70% der Internate und 80% der Kinderheime in den letzten Jahren (also nicht: nach 1945!) Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch vorliegen hatten (so heute die Zussamenfassung in einem Zeitungsartikel) anscheinend nicht erwähnenswert sind.

Wie gesagt, dieses Interview ist interessant, aber vom Thema Missbrauch in seiner gesellschaftlichen Verbreitung entsteht hier inzwischen ein geradezu ein grotesk verzerrtes Bild.

Zusammenfassung ist auch irreführend

Die Zusammenfassung ist aber auch irreführend, da es bei dem Bericht von Frau Dr. Bergmann und DJI drum geht, wo die Kinder über Missbrauch gesprochen haben. Also nicht alle Fälle, die unter "Schule" erfasst werden passierten auch in der Schule. Und unter den Verdachtsfällen in der Schule sind auch Missbrauch durch Schüler erfasst.

Auch müsste präzisiert werden, was in jeweiligen Studie unter "Missbrauch" gezählt wurde. D.h. ob Missbrauch im engeren Sinne (ab Hautkontakt mit Genitalien) oder im weiteren Sinne (z.B. Exhibitionistische Handlungen vor einem Kind, Zeigen eines Pornoheftes).

Tut mir leid, wenn ich es missverständlich

formuliert habe, ich bin auch erst heute morgen beim Zeitunglesen auf diese Studie gestoßen.
Was ich damit ausdrücken wollte, ist, wie enorm weit verbreitet das Phänomen des Missbrauchs in unserer Gesellschaft ist, nicht aber bestimmte Institutionen mit falschen Zahlen angreifen. Es ist ja gerade die Fiktion der schablonisierenden Berichterstattung, dass es immer eine klar einzugrenzende Ursache und Institution gibt, an der Missbrauch vorzufinden ist. Dadurch wird es immer zum "Problem anderer Leute", über das man sich empören und von einfachen Lösungen träumen kann.
Ich vermute leider, dass es so fundamental Teil der menschlichen Gesellschaft ist, dass es nicht ausgerottet werden kann. Wir können allenfalls lernen, dass wir überall damit rechnen müssen, eben auch in vorgeblich so "moralischen" und "sauberen" Umfeldern wie der Kirche.

Ist Ihnen Amstetten nicht innerfamiliär genug?

[i]Überfällig wäre allerdings, wenn Die Zeit/Zeitonline sich auch dem Haupttatort sexualisierter Gewalt in vergleichbarer Weise zuwenden würde: der Familie.

[...]

Es ist bedauerlich, daß die Initiierung einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion zu sexualisierter Gewalt unterbleibt. Die findet nicht statt, solange man medial nur weit weg zeigt: Amstetten, RKK, Eliteschulen.[/i]

Wie "nah" darf es denn sein? Was ist an Amstetten so verkehrt? Hat diese Tat nicht im familiären Kreis stattgefunden, mit allen klassischen Verhaltensweisen von Mitschuld und Verdrängung seitens der Mutter und möglicherweise auch des näheren Umfelds dieser Familie? Glauben Sie ernsthaft, daß egal welcher Mißbrauch ohne das Wegsehen oder die Indifferenz der Familie und des Umfelds klappen könnte? Auch das ist hier thematisiert worden, ebenso wie Mißbrauch in Familien. Ich verstehe also nicht, was Sie da fordern. Wie soll die gesamtgesellschaftliche Debatte denn aussehen? Welches Ergebnis sollte sie denn zeitigen? Daß die meisten Menschen ein gut eingespieltes Vermeidungsprogramm fahren, wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren? Das ist nun wahrlich nichts Neues, oder finden Sie doch? Man kann Sachen, auch aus gutem Willen heraus, so lange zerreden, bis außer einem flauen Gefühl im Magen nichts mehr übrig bleibt. Wollen Sie das?

Amstetten

war ein monströser Extremfall, die 'Berichterstattung' dazu war einer der Tiefpunkte bei Die Zeit/Zeitonline - das war m.M.n. medial unterstützer und begleiteter Voyeurismus.
Amstetten ist weit weg, sexualisierte Gewalt gegen Kinder geschieht aber in Ihrer und meiner und jeder Nachbarschaft. Und zwar genau so, wie Sie das sehr richtig beschreiben, dazu sind gar keine geheimen Keller etc. nötig.

Jedes 3.-4. Mädchen, jeder 5.-7. Junge macht mindestens eine Erfahrung sexualisierter Gewalt vor dem 16. Lebensjahr, über 70% davon in der Familie, im allernächsten vertrauten Umfeld. Das kam in der Berichterstattung zu Amstetten nicht vor und auch nicht in den zahllosen Artikeln zu RKK und Odenwaldschule - wieder weit weg geglotzt, während sich besonders ein Journalist hier als 'Weltgewissen' gerierte.

Seien Sie vielleicht einfach froh, sofern Diskussionen über sexualisierte Gewalt bei Ihnen nur ein konsequenzloses 'flaues Gefühl im Magen' hervorrufen.