Privatsphäre "Das Leben wird ungemütlicher"

Muss man es hinnehmen, im Internet durchleuchtet und bloßgestellt zu werden? Ein Gespräch mit dem Medienanwalt Christian Schertz

DIE ZEIT: Herr Schertz, angenommen, ein Mandant ruft Sie an und sagt, meine Doktorarbeit wird gerade im Netz auf Plagiate durchgesehen. Was raten Sie ihm?

Christian Schertz: Das kommt auf den Fall an. Wenn ich Herrn zu Guttenberg vertreten hätte, wäre meine erste Frage gewesen: Unter uns, was ist hier los? Das ist wie in einem Strafverfahren. Da ist die erste Frage des Anwalts: Hast du die Tat begangen oder nicht? Davon hängt die Verteidigungsstrategie ab. Wenn der Mandant schwört, jedes Zitat korrekt gekennzeichnet zu haben, dann würde ich eine Vorwärtsverteidigung empfehlen und Medien, die solche Behauptungen dann zu Unrecht aufstellen, auf Unterlassung in Anspruch nehmen. Gegen die Aussagen im Netz kommt man ja schwer an, weil nicht offengelegt wird, wer die Aussagen trifft. Ist der Betroffene aber schuldig, würde ich dringend empfehlen, den Mund zu halten und nicht noch vollmundige Erklärungen abzugeben, die dann immer mehr relativiert werden müssen, wie im Fall Guttenberg.

Anzeige
Christian Schertz

ist Medienanwalt in Berlin. Demnächst erscheint sein Buch Privat war gestern (Ullstein), verfasst mit Dominik Höch.

ZEIT: Die Plagger argumentieren, sie müssten anonym arbeiten, weil sie sonst von teuren Großkanzleien kaputt geklagt würden. Ist das eine berechtigte Sorge?

Schertz: Ich verstehe schon die Angst, verklagt zu werden. Aber das ist eben Teil unserer Streitkultur, dass ich meinen Kopf hinhalte, wenn ich über einen anderen etwas behaupte. Jemanden eines massiven Fehlverhaltens zu bezichtigen und sich dann zu verstecken ist ein bisschen wie eine anonyme Anzeige. Die Möglichkeit der Klage hat ja den Sinn, ein Individuum vor unwahren Behauptungen zu schützen. Und wer eine Behauptung zu Recht aufstellt, müsste ja eigentlich keine Angst vor einer Klage haben. Ich finde Anonymität an dieser Stelle ein wenig unsportlich. Ich werbe dafür, mit der Ehre und dem Ansehen einer anderen Person sorgsam umzugehen.

Zensierte Lehrer

Im Onlineportal spickmich.de geht Notengeben andersrum: Schüler können ihre Lehrer nach Kriterien wie »fachliche Kompetenz« oder »Auftreten« bewerten. Nebenbei kann man hier auch zu Zweikämpfen antreten: Die Wettstreiter messen sich in Kategorien wie »größter Sexappeal« oder »schönste Augen«. Wer sich auf spickmich als besonders eifrig hervortut, wird mit virtuellen Dollars belohnt: Davon kann man den Freunden Geschenke kaufen und das eigene Profil »pimpen«. Kritiker der Seite bemängeln, dass Lehrer hier »öffentlich an den Pranger gestellt« würden, und sehen Persönlichkeitsrechte »nicht ausreichend geschützt«.

Anonymer Mob

Nach dem Vorbild der amerikanischen TV-Serie »Gossip Girl« schafft iShareGossip.com eine Lästerplattform für Jugendliche. Säuberlich nach Bundesländern getrennt, können Schüler hier über ihre Mitschüler herziehen. Die Seite versichert Anonymität, IP-Adressen werden nicht gespeichert. Opfer hingegen werden oft mit Vor- und Zunamen benannt. Juristisch ist dem Portal kaum beizukommen: Die Domain ist in Neuseeland gemeldet, die Server befinden sich in Schweden. Dennoch steht iShareGossip vor dem Aus: Eine Hacker-Gruppe gibt an, die Betreiber enttarnt zu haben. In bester Online-Manier lassen diese nun abstimmen: Sollen sie sich der Polizei stellen, um straffrei auszugehen, oder abwarten, ob die Hacker nur bluffen? Die Online-Community ist sich einig: Stellt euch nicht!

ZEIT: Sie lehnen also Internetseiten wie GuttenPlag ab?

Schertz: Nein, GuttenPlag und VroniPlag haben zur Entlarvung der politischen Klasse und ihrer Selbstinszenierung beigetragen. Das hat eindeutig verdienstvolle Seiten. Die wollen die Wissenschaft frei halten von Karrieristen, die den Doktortitel nur brauchen, um als Politiker Eindruck zu machen.

ZEIT: Hat sich der Druck auf die Politiker durch das Netz verändert?

Schertz: Ja, ganz klar. Die Furcht vor Fotohandys ist riesig. Aufgrund der technischen Entwicklung lebt heute jeder Prominente, jeder Politiker unter der Dauerangst, dass jedes Fehlverhalten dokumentiert werden kann. Jeder hat heute eine Kamera dabei. Jeder kann jeden jederzeit überall fotografieren und es sofort weltweit veröffentlichen. Das führt zu einer potenziellen Dauerkontrolle des Individuums, 24 Stunden am Tag. Und gehen Sie mal davon aus, dass auch Politiker menschliche Abgründe oder einfach nur Gelüste haben. Wenn die mal eine, sagen wir: Tabledance-Bar besuchen, besteht sicherlich die berechtigte Sorge, dass man dort »abgeschossen« wird und die Bilder im Netz landen.

ZEIT: Und da bekommt man sie nicht mehr raus?

Schertz: Nur sehr schwer. Das Leben ist insgesamt ungemütlicher geworden. Deshalb muss man fragen: Wo stehen wir gerade mit dem Schutz des Individuums angesichts von Internet, Fotohandys, Google Street View, WikiLeaks, Facebook, Gesichtserkennung, Schülerhassseiten und so weiter.

Leser-Kommentare
  1. Vielleicht wird das Internet auch in dieser Hinsicht überschätzt. Tatsächlich geben jedenfalls Verantwortungsträger nicht viel auf anonyme Anwürfe oder personenbezogene Informationen aus dieser Quelle. Und wer schlecht redet, macht sich bei gescheiten Leuten immer noch selbst unmöglich. Wie seriös ist ein Unternehmen, dessen Personalverantwortlicher sich über Bewerber z.B. bei Facebook oder Xing informiert und das auch noch zur Grundlage einer Entscheidung macht?

    • Charly
    • 16.07.2011 um 17:59 Uhr

    Es stimmt ja:
    Es gibt keinen Grund, warum jeder wissen soll, was Schüler über einen Lehrer denken. Das kann doch durchaus im Intranet von Schulen stattfinden. Auch anonym. Aber warum müssen der Nachbar des Lehrers und die ganze Welt das lesen können?

    Nur... es gibt im Schulintranet häufig keine solchen Seiten. Bei jeder eintägigen Schulung, die ich als Erwachsene besucht hatte, wird am Ende ein Evaluationsbogen ausgeteilt. Nur nicht in der Schule. Da interessiert keinen Lehrer und keinen Rektor was die Schüler denken und was die Eltern denken.

    Erst wenn - sobald - die Schule eine vernünftige Evaluation einführt, sind Seiten wie Spickmich.de auch überflüssig.

    Und .... möglicherweise wollen Eltern und zukünftige Schulen sich informieren, ehe sie die Schüler anmelden. Auch dieses Bedürfnis könnte man durch kumulierte Daten, die keine Rückschlüsse auf den einzelnen Lehrer mehr zulassen - bedienen.

    • knuham
    • 16.07.2011 um 18:11 Uhr

    "Die Verletzung der persönlichen Ehre hat in den letzten fünf Jahren dramatisch zugenommen."

    "Die öffentliche – jetzt höchstrichterlich erlaubte – Kritik am eigenen Lehrer ist nicht weit weg von der virtuellen Vorführung von Mitschülern."

    Der selbstgerechte öffentliche Dienst wird schon für genug Arbeit für diesen Hilfssheriff mit 2.Staatsexamen bieten.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf provokative Äußerungen und Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • knuham
    • 17.07.2011 um 11:14 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation können Sie geren an community@zeit.de richten. Danke. Die Redaktion/vn

    • knuham
    • 17.07.2011 um 11:14 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation können Sie geren an community@zeit.de richten. Danke. Die Redaktion/vn

  2. Ein seltener Euphemismus des Kollegen.
    Das ist potentiell Rufmord und Denunziantentum der übelsten Sorte von Leuten, deren Schwächen sich auf peinlichste Weise im Internet und dann auch in der Öffentlichkeit an verhaßten und beneideten Gegenern abreagieren.
    Das ist einfach nur widerlich.

  3. "Das Leben wird ungemütlicher"

    Die Autoren haben es gesehen: Wieder ein Prophet.

    Herrn Schertz würde ich - wenn ich es könnte - darum bitten, auch über folgende Sätze noch einmal nachzudenken.
    Ganz aus seiner Sicht. Freche Antworten meinerseits sind als Hinweise zu verstehen.

    "Hast du die Tat begangen oder nicht? Davon hängt die Verteidigungsstrategie ab."

    Nö. Wo nichts passiert ist, muß nichts verteidigt werden.

    "Die Verletzung der persönlichen Ehre hat in den letzten fünf Jahren dramatisch zugenommen."

    Bei mir nicht. (Ich weiß nicht, was das ist.)

    "Ich werbe dafür, mit der Ehre und dem Ansehen einer anderen Person sorgsam umzugehen."

    In Ordnung, aber doch selbstverständlich.

    Hat sich der Druck auf die Politiker durch das Netz verändert?

    Ja. Auch Politiker erkennen: Auch sie sind von ihren Gesetzen betroffen.

    "Anwälte können da nur noch Schadensbegrenzung betreiben."

    Zitat Jürg Jegge: "Man muss mit dem Käse kochen, nicht mit den Löchern darin."

    "Das erleben wir zunehmend."

    Laß uns ein Computer sein.

    "Die Rechtsprechung muss sich ändern. Aber ganz werden sie die Sache nicht mehr in den Griff bekommen."

    Wer kann das schon: Recht sprechen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • joenoe
    • 16.07.2011 um 23:05 Uhr

    muss sich nicht wundern, wenn er nass wird. Bzw. nass gemacht wird. Persönliche Ehre muss man erst mal haben, bevor die kaputtgemacht oder beschädigt werden kann. Was man im Moment so öffentlich sieht ist eher ehr- und morallos...

  4. Insgesamt stimme ich mit den Aussagen des Interviewten meist überein.

    Nur hier bin ich anderer Meinung: "Politiker müssen mehr ertragen, die halten ja auch freiwillig ihren Kopf raus." Denn dies bedeutet, dass die Sensibleren, die Empfindlicheren es sich noch weniger leisten können als sowieso schon, in die Politik zu gehen. Aber wollen wir wirklich, dass sich nur die Hartleibigen um das Wohl der Allgemeinheit in gewählten Ämtern kümmern? Ich will es nicht, und um auch den Nicht-Hartleibigen öffentliche Ämter zu ermöglichen, wünsche ich, auch die Politkerprivatsphäre und -ehre so weit als möglich zu schützen.

  5. Menschen wollen grundsätzlich bequem miteinander leben, sonst hätte es die Entwicklung bis heute so nicht gegeben. Das heißt diffamierende Menschen isolieren sich im sozialen Gefüge selbst. Heutige Diffamierungen, die im Internet stattfinden, sind weit weniger anonym, als der durch's Fenster fliegende Stein mit böser Nachricht, Schmierereien in der Schule, verteilte Fotos oder Körperverletzung die nach der Schule auf dem Heimweg stattfindet und aus Scham verschwiegen wird. Diffamierung im Internet ist öffentlich und kann ebenso öffentlich nachvollzogen und verurteilt werden, denn die Tat ist sichtbar oder kann sichtbar gemacht werden.

    Hier ist nicht Regulierung gefragt, sondern Bildung. Eltern sollten ihre Kinder nicht vor der Glotze oder dem PC parken, sondern sich miteinander beschäftigen. Eltern sollten sich nicht um das nächste Sonderangebot bei Aldi kümmern, sondern sich über die Chancen und Gefahren des Internets informieren und bilden. Vielleicht auch darüber, was Adoleszenz und Pubertät bedeutet, was da stattfindet und wie man trotzdem mit den Jugendlichen umgehen kann. Genauso sollten Politik und Medien keine dummen Erhobene-Zeigefinger-Ansprachen halten, sondern sich Gedanken darüber machen, wie wir mit etwas umgehen, was sich niemals aufhalten ließ und auch kaum in Regelkorsetts zwängen lässt.
    Verbote sind schlecht, laissez-faire ebenso. Es geht nicht um die Frage "wie schützen wir ... vor ...?", sondern "was ist das, wie funnktioniert es und wie nutzen wir es?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service