Den Herold, der, dem alten Zeremoniell gemäß, am Samstag mit seinem Hermesstab an die Klosterpforte der Kapuziner zu Wien pochen wird, plagt ein Problem, das er zufriedenstellend nicht lösen kann. Was soll er antworten, wenn der Pater Guardian, ein hageres Männchen mit zausigem Bart, die vorgeschriebene Frage stellen wird, wer denn der Tote sei, der um diese Stunde Einlass begehre in die kühle Gruft seiner Ahnen?

Kaiser, König, Herzog, gefürsteter Graf ... eigentlich ist die Liste der Titel ziemlich lang, die Otto Habsburg 1922 von seinem Vater geerbt hatte, von Karl I., dem letzten Kaiser in Wien, der 1922 im Exil auf Madeira gestorben war. Doch der Herold, der Zeremonienmeister des Trauerkonduktes, kann sie nicht anführen. Denn auf all diese Titel hatte Otto bereits vor fünfzig Jahren, notariell beglaubigt, verzichtet: auf Krone und Thron, auf sämtliche Vorrechte seiner hohen Abstammung und auf alle dynastischen Ansprüche, die mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden könnten. Nach genauer Lesart der Gesetze hatte er sich 1961 sogar von seiner eigenen Familie, dem Herrscherhaus der Habsburger, lossagen müssen, um noch zu Lebzeiten sein Heimatland wieder betreten zu dürfen. Auch das ging seinerzeit nicht ohne eine turbulente Staatskrise ab.

Damals wurde sein Name vom Innenminister des republikanischen Österreich in einer amtlichen Verordnung festgeschrieben: Otto Habsburg-Lothringen. So steht es in seinem Reisepass. Und so heißt der Kaisersohn auch jetzt, nach seinem Tod am 4. Juli in Pöcking am Starnberger See, auf seiner letzten Reise zurück nach Wien, zumindest dort, wo Österreichs Behörden offiziell mit dem Leichnam befasst sind.

Prunk und Pracht in Bronze und Zinn – ein letzter Sockel ist noch frei

In den Ohren der katholischen Korpsstudenten und der Kaiserschützen, der Hoch- und Deutschmeister, der Schützen aus Tirol, Dragoner aus Salzburg, der Männer aus den Traditionsregimentern von allen Ecken der weiland Kronländer, der Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies und des Souveränen Malteserordens – in den Ohren all dieser Kaisertreuen, die ihn am Samstag im Trauerzug begleiten werden, muss es allerdings geradezu gotteslästerlich klingen, wenn nun im Namen eines Toten, den einst der Allmächtige selbst zum Monarchen bestimmt hatte, plötzlich ganz ohne »von und zu« Einlass begehrt wird. Einlass in die Kaisergruft! Soll der Herold denn an diesem wohl allerletzten Tag, an dem der Doppeladler, das habsburgische Wappentier, noch einmal sein Gefieder plustert, vor der Klosterpforte antworten müssen: ein ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments? Ein Abgeordneter der CSU? Ein Politiker aus – Bayern?

Jene Verwandten von Otto Habsburg, deren sterbliche Überreste zuletzt der Obhut der Kapuzinerpatres übergeben worden sind, haben das Protokoll vor kein vergleichbares Dilemma gestellt. Sowohl seine Mutter Zita – die letzte Kaiserin starb 1989 in einem Kloster in der Schweiz – als auch sein Bruder Carl Ludwig – der Erzherzog lebte bis zu seinem Tod 2007 im Exil in Brüssel – hatten sich zeit ihres Lebens geweigert, die republikanische Gegenwart zu betreten. Sie traten ihren letzten, zweieinhalb Kilometer langen Weg zur Ewigkeit, der vom Stephansdom quer durch die imperial geprägte Wiener Innenstadt zur Grablege ihrer Vorfahren führt, noch im Pluralis Majestatis an.

Wenn in wenigen Tagen die beiden Särge von Otto Habsburg und seiner bereits im vergangenen Jahr verstorbenen Frau Regina im Kreis ihrer Ahnen stehen werden, dann ist kaum noch Platz in den zwölf Gewölben, in denen 13 Kaiser und Könige und deren engere Verwandtschaft ihre letzte Ruhestatt gefunden haben. Auch der einzig noch freie Marmorsockel ist bereits reserviert: für den Sarg von Yolande de Ligne, der Witwe von Carl Ludwig. Sie wird aller Voraussicht nach die Letzte der Sippe sein, für die noch Platz ist in dieser Totenherberge einer Herrscherdynastie, die einstmals die Geschicke des Kontinents bestimmte.