Das Greensville Gefängnis in Jarratt, Virginia: Hier wurde unter anderem Teresa Lewis als eine der wenigen Frauen per Giftspritze hingerichtet. © Edouard Guihaire/AFP/Getty Images

In Prag, notierte Franz Kafka, sehen die Henker wie bartlose Tenöre aus. In den US-Gefängnissen ähneln sie mit ihren Giftspritzen Medizinern, die den Eid des Hippokrates verraten. Die Medikamentisierung der Hinrichtung, die »humaner« sein soll als der elektrische Stuhl oder Erhängen, ist ein eklatanter Verstoß gegen die medizinische Ethik.

In den 35 US-Bundesstaaten, die verurteilte Verbrecher exekutieren, warten 3330 Menschen auf die letale Injektion. Einige von ihnen zehren derzeit von einer ungeplanten Gnadenfrist. Den USA ist eines der drei vorgeschriebenen Präparate für den Todescocktail ausgegangen, ein Narkosemittel mit dem Wirkstoff Thiopental-Natrium. Die einzige US-Firma, die den Stoff produzierte, hatte ihn im Herbst unter dem Druck wachsender Proteste vom Markt genommen. Seither klopfen die von der Droge abhängigen Gefängnisbehörden bei den Pharmaerzeugern fremder Länder an.

Die Gefängnisbehörden einzelner Bundesstaaten hatten sich das ausgegangene Thiopental-Natrium zunächst aus der EU besorgt . So war Jeffrey Landrigan am 25. Oktober in Arizona mit einer aus England stammenden Giftmischung exekutiert worden. Doch die US-Bundesgesetze verlangen strenge Kontrollen für die Einfuhr von Medikamenten und eine Registrierung der Importeure durch die Drogenbekämpfungsbehörde DEA.

Deshalb haben Oklahoma und Ohio ihr Exekutionsrecht geändert. Sie können seither anstelle des Thiopentals das von dem dänischen Pharmakonzern Lundbeck in Amerika vertriebene Pentobarbital einsetzen – die Traditionsfirma Lundbeck ist der einzige in Amerika zugelassene Hersteller des Mittels. Weitere Bundesstaaten sind dem Beispiel gefolgt. Das 1916 von Bayer entwickelte Präparat dient heute, außer zur Behandlung von chronischer Epilepsie, vor allem dem Einschläfern von Tieren. In den USA aber sind inzwischen 18 Delinquenten mithilfe von Pentobarbital getötet worden.

Auf dem Alten Kontinent ist der Widerstand gegen die amerikanische Exekutionspraxis weit verbreitet, er verbindet Brüssel und London, italienische Parlamentarier und deutsche Politiker. Die EU hatte schon Anfang des Jahres jegliche Beihilfe für Hinrichtungen in den USA untersagt. Philipp Rösler, damals noch Gesundheitsminister, war dem Appell auf dem Fuß gefolgt mit einer »eindringlichen« Bitte an Pharmafirmen und Arzneihändler, Liefergesuche aus den USA abzulehnen.

Italiens Parlament stoppte den Versuch der US-Firma Hospira, Thiopental in ihrem Werk bei Mailand zu produzieren. Und selbst London fügte sich der europäischen Politik, die Abschaffung der Todesstrafe auf der ganzen Welt zu erreichen, und verhängte ein Exportverbot. Nun ist sogar der Pharmakonzern Lundbeck zur Tat geschritten.

Die Firma aus Dänemark – wo es seit 1882 keine zivile Hinrichtung mehr gegeben hat – stand plötzlich als einziger Lieferant für die Betäubungsspritzen in den Todestrakten da. Am 1. Juli zog Lundbeck die Reißleine. Das Unternehmen lässt wissen: Pentobarbital wird jetzt exklusiv über ein Vertriebsprogramm versandt, das jede Lieferung an Gefängnisse ausschließt, die letale Injektionen vornehmen. Für den irischen Neurologen David Nicholl ist das ein Meilenstein im Kampf gegen die Todesstrafe: »Zum ersten Mal hat ein globaler Pharmakonzern eine so direkte Aktion unternommen.«

Den Anstoß dafür hatten Nicholl und sechzig seiner Kollegen nicht zuletzt selbst gegeben. »Wir sind entsetzt«, schrieben sie Anfang Juni im Medizinjournal The Lancet , »Pentobarbital ist jetzt zur ersten Wahl für Hinrichtungen in den USA geworden.« Lundbeck müsse dafür sorgen, dass sein Produkt nur gegen chronische Epilepsie eingesetzt werde: »Henker sind davon auszuschließen.«

Kafkas Erzählung In der Strafkolonie handelt von einem Reisenden, dem auf der fernen Insel einer europäischen Großmacht stolz die Exekution mittels einer Maschine vorgeführt wird. Zum Glück gibt es eine solche Großmacht in Europa nicht mehr.