Josef Stalin im Jahr 1938 © Hulton Archive/Getty Images

Vor zwanzig Jahren wäre das noch undenkbar gewesen: dass ein Historiker die Mordexzesse und Vernichtungsstrategien der Nationalsozialisten mit den Bluttaten der Bolschewiki in einer Geschichte miteinander verbindet. Man hätte ihm vorgeworfen, die Verbrechen der einen durch den Hinweis auf die Mordtaten der anderen zu »relativieren«. Und tatsächlich relativiert jeder Vergleich, weil er Ereignisse in fremdes Licht taucht und sie auf solche Weise erst verständlich macht.

Aber damals, 1986 und in den dann folgenden Jahren des Historikerstreites, war die Deutungshoheit über die Geschichte ein Politikum. Alles konnte miteinander verglichen werden, der Holocaust aber durfte in seiner Einzigartigkeit nur er selbst sein. Niemand konnte über die Gewaltexzesse des Stalinismus schreiben, ohne ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Mordprogramms abzugeben. Doch auch damals wusste jeder, dass Einzigartigkeitsnachweise ohne Vergleich und Kontrast nicht zu haben waren. Inzwischen wird, was einmal als anstößig galt, für selbstverständlich gehalten. Keine Untersuchung über staatliche Gewaltexzesse kommt heute noch ohne vergleichende Hinweise aus. Aber auch dieser Wandel steht im Dienst des Politischen. Denn mittlerweile ist der Holocaust zum einzigen Maßstab für die Beurteilung staatlich organisierter Gewaltverbrechen geworden. Für schlimm darf offenbar nur gehalten werden, was den Taten der Nationalsozialisten entspricht.

Diesem Wettbewerb des Schreckens hat sich Timothy Snyder, Historiker an der Universität Yale, mit seinem Buch Bloodlands entzogen. In der angelsächsischen Welt ist es von der Kritik als wegweisend aufgefasst worden. Auch Snyder weiß, dass Historiker weder Richter noch Ankläger sind. Sie wollen verstehen, was die Verstorbenen getan haben. Snyder will nicht nur erzählen, was die Leser schon wissen, er will Neues und Spektakuläres mitteilen. Die Mordexzesse des 20. Jahrhunderts, schreibt er, seien nicht vom Himmel gefallen. Sie hätten sich in Räumen ereignet, in denen die Täter ihre Gewaltpotenzen überhaupt erst zur Entfaltung bringen konnten. Snyder nennt sie »Bloodlands« .

Auf den killing fields im Osten Europas konnte das Denkbare zum Machbaren, konnten die Mord- und Vernichtungsfantasien der totalitären Regime Wirklichkeit werden, weil auf verwüstetem Terrain gelang, was sonst nirgendwo erreichbar war. Deshalb waren die Bloodlands Experimentierfelder der Unterwerfung und der Gewalt, die in Europa ihresgleichen suchten. Nirgendwo, schreibt Snyder, starben in solch kurzer Zeit so viele Menschen wie in der Ukraine und in Weißrussland: während der Kollektivierung der Landwirtschaft, während des Großen Terrors der Jahre 1937 und 1938, zwischen 1939 und 1941, als Hitler und Stalin Polen, die baltischen Republiken und den Westen der Ukraine mit Terror und Gewalt heimsuchten, und während des Zweiten Weltkrieges, als die Nationalsozialisten ihr monströses Menschenvernichtungsprogramm in den Bloodlands exekutierten. Nicht einmal nach dem Ende des Krieges hörte die Gewalt auf. In der Ukraine führte das stalinistische Regime einen blutigen Krieg gegen Partisanen und Deserteure, und mehrere Hunderttausend Bauern verhungerten, weil Stalin den Befehl gegeben hatte, die Kornkammer des Imperiums auszuplündern und die Landbevölkerung Sklavenarbeit leisten zu lassen.

Als die Nationalsozialisten die Ukraine eroberten, betraten sie ein von der stalinistischen Gewalt verwüstetes Land, und als Stalins Armeen 1944 in die Region zurückkamen, drangen sie in kontaminiertes Gelände vor. Noch fünf Jahre später führten Einheiten der Roten Armee und der Staatssicherheit Krieg gegen Partisanen und aufständische Bauern, die nicht wahrhaben wollten, dass die alten Machthaber für immer zurückgekommen waren. Bisher haben Historiker entweder das eine oder das andere beschrieben. Snyder aber will beides verbinden: nicht im Vergleich, sondern in der Beschreibung ineinandergreifender Gewaltpraktiken. Denn ohne den Exzess der stalinistischen Diktatur wird überhaupt nicht verständlich, worauf der Nationalsozialismus auch eine Antwort war.