Es heißt über Percy, man denke bei seinem Anblick an »Anmut und Würde«, an die Schönheitskonzeption der Weimarer Klassik also, die von einer Vereinigung von innerer und äußerer Schönheit träumte, vom körperlichen Ausdruck eines inneren Einsseins. Percy, Walsers neuester Hauptprotagonist, hatte da gerade eine seiner großen religiösen Reden gehalten, für die man ihn rühmt und feiert, da sie eindringlich sind und allen zu Herzen gehen. Er bewegt sich, trotz seiner Leibesfülle, stets einem großen Tänzer gleich, er ist »ein Engel ohne Flügel«.

Wohlgefühl geht Percy Anton Schlugen halt immer in die Beine, heißt es, und so bewegt sich dieser anmutige Pfleger einer Irrenanstalt am Bodensee gern tänzelnd und mit hochgerecktem Kopf. Sucht er Patienten auf, spendet er umgehend Trost, indem er sich schweigend neben sie setzt über Stunden oder mit ihnen mystische Verse rezitiert. Ein Auserwählter ist dieser Mann. Anfang Dreißig, ein Gläubiger, ein Liebender im umfassenden Sinne: Keine schnöde Paarbeziehung, die im Mittelpunkt jedes zeitgenössischen Romans steht, treibt ihn an, sondern spirituelle Begegnungen, ein Gleichklang der Gefühle, der erfüllte Augenblick. Sein Glaube macht ihn für die Außenwelt zum Kuriosum. Erst recht aber der Umstand, dass er angeblich aus einer unbefleckten Empfängnis hervorging. Mutter Fini versicherte ihrem Sohn, es habe keinen Mann zur Zeugung bedurft. Der neue Messias bringt es mit seiner ungeklärten Vaterschaft gar in die Talkshows. Ein Freak zwar, aber er trotzt dem Publikum durch gläubige Unbeirrtheit und Spontaneität durchaus Beifall ab.

Wie denn überhaupt Martin Walsers neuer Roman Muttersohn eindringlich von der Sprache, genauer: von der reinen, der offenbarten Sprache handelt. Percy macht sich, bevor er zu einer Rede ansetzt, keine Notizen, er ist immer unvorbereitet. Jemand, der sich schlechterdings nicht verstellen kann. Es spricht aus ihm mehr, als dass er spräche. Es spricht aus ihm von der Muttergottes, der Himmelsgöttin; von seiner leiblichen Mutter; von der heiligen Stille, die bitte schön herrschen soll unter den Menschen; von der Liebe und vom Hass; von den Lebenströstern und den schlimmen »Heruntermachern« (man darf im Walserschen Kosmos für Heruntermacher auch Aufklärer, Wissenschaftler, vor allem aber auch: Kritiker einsetzen).

Der Ursprung eines Gedankens, eines Wortspiels, einer Metapher bei Percy ist so dunkel wie seine Zeugung. Weshalb denn Percy natürlich nicht einfach ein Laienprediger ist, sondern vor allem ein Künstler, genauer und emphatischer: ein Genie ganz im Geiste des 18. Jahrhunderts: poeta alter deus. Religion und Kunst fallen in diesem Roman in eins: »Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.«

Dass mit den gottgleichen Kreativitätsschüben seiner Figur der Autor eine kokette Selbstcharakterisierung vornimmt, darf boshafterweise durchaus vermutet werden. Percy hat nämlich sehr wohl einen Vater. Er heißt, aber das kann sein Geschöpf nicht wissen, Martin Walser. Walser ist der Gott, der Vater, der Himmel, den Percy so glühend sucht.

Der Reiz dieses verspielten, biografisch anspielungsreichen, heiteren, mithin etwas arg ausufernd geratenen Romans speist sich aus den illustren Figuren der zauberberghaften Klinik (die natürlich zuvor ein Kloster war). Der wunderliche Professor Augustin Feinlein (sic! Augustin, nicht Augstein) leitet sie, er ist Percys Ersatzvater und behandelt seine Patienten vorzugsweise mit Johanniskraut. Sein Gegenspieler ist der junge, karrieregeile, eifrig Psychopharmaka verabreichende Konkurrent Dr. Bruderhofer, der Feinlein einst die große Liebe ausgespannt hat, was das Verhältnis der beiden naturgemäß einigermaßen belastet. Sekretärinnen, Angestellte und entrückte Patienten komplettieren das Kuriositätenkabinett. Manche hören Stimmen, andere dichten besessen oder suchen, sich mit Eifer umzubringen. Und natürlich soll sich der Leser fragen, wer denn eigentlich gesund ist: die da draußen, die im Banner der grellen Medien und der Zivilisation stehen, oder jene, die in der arkadischen Klinik leben und vom fröhlichen Glauben Percys und Feinleins angegangen werden.