Es gibt einen Tag, den Jutta Geurten nie vergessen wird. Am Morgen des 31. August 2006 wachte sie auf und nahm um sich herum nur beklemmende Stille wahr. »Ich hörte nichts, nicht mal meinen Herzschlag«, erzählt sie. Ihre Hausärztin diagnostizierte Herzrhythmusstörungen.

Die Ärztin schickte sie mit Blaulicht in die Kölner Uniklinik – wo jedoch alle Versuche scheiterten, das Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen. Seither muss die 66-Jährige unter anderem einen Gerinnungshemmer einnehmen, landläufig auch Blutverdünner genannt. Er soll verhindern, dass sich im Vorhof ihres unregelmäßig schlagenden Herzens Blutgerinnsel bilden, die dann Blutgefäße im Gehirn blockieren – und zum Schlaganfall führen.

Knapp eine Million Deutsche leiden unter Vorhofflimmern. Sie haben ein fünfmal so großes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Trotzdem nimmt nur die Hälfte der Betroffenen entsprechende Medikamente – und wenn, dann häufig falsch dosiert, warnte jüngst die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft . So kam es, dass die Hauptattraktion der Europäischen Schlaganfall-Konferenz Ende Mai in Hamburg das Begleitprogramm war: Die Pharmaindustrie präsentierte eine neue Generation der Gerinnungshemmer. Die erste der Pillen – sie heißt Pradaxa – ist gerade in den USA auf den Markt gekommen . Ab August soll sie auch in Europa verkauft werden. Entsprechend groß war der Andrang der Ärzte beim Satelliten-Symposium des Herstellers Boehringer Ingelheim. Auch Bayer, Pfizer und Daiichi Sankyo – die an ähnlichen Produkten arbeiten – sorgten für Gesprächsstoff.

Bisher müssen Schlaganfall-Gefährdete meist Phenprocoumon schlucken – besser bekannt unter dem Markennamen Marcumar. Die Pille ist extrem unbeliebt, was historische, medizinische und auch ganz praktische Gründe hat. Der Vorläufer des Wirkstoffes wurde schon vor knapp 90 Jahren entdeckt – und war als Rattengift sofort der Renner bei Hausmeistern und Kammerjägern. Als sich die Forscher die Substanz danach als Blutverdünner schützen ließen, hatte Marcumar einen schweren Stand bei den Patienten.

Die Bedenken sind nicht ganz unberechtigt, denn der Wirkstoff kann auch Menschen töten – wenn er falsch dosiert wird. Ist die verabreichte Menge zu gering, drohen Blockaden in Hirngefäßen durch Gerinnsel. Ist sie zu hoch, kann es zu inneren Blutungen kommen.

Die richtige Dosis zu finden ist schwer, denn Marcumar interagiert nicht nur mit vielen Arzneien, sondern auch mit Nahrungsmitteln. Kritischster Gegenspieler: Vitamin K. Das Vitamin kommt in Spinat, Salat sowie fast allen Kohlsorten vor, weshalb man es – wenn man sich halbwegs gesund ernähren will – kaum vermeiden kann. Vitamin K fördert die Bildung von Gerinnungsfaktoren, Marcumar unterdrückt dies; die Interaktion ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.

Patientin Geurten etwa stellte fest, dass Kohl bei ihr die Wirkung von Marcumar kaum beeinträchtigt. »Ich kann einen ganzen Topf Sauerkraut essen«, sagt sie. »Da passiert nichts.« Ingwer jedoch bringt ihre Gerinnung fast zum Erliegen.

Statt monatlich bestellte ihre Ärztin sie anfangs täglich ein, um die Blutwerte mit dem Speiseplan abzugleichen. Worauf die Patientin beschloss, sich fortan lieber selbst zu testen, und der Krankenkasse ein Messgerät abhandelte. Doch kaum hatte sie den Faktor Essen unter Kontrolle, stellte sich bei einem Zypern-Urlaub heraus, dass sie auch auf Hitze reagierte.

Viele Patienten schrecken die zahlreichen Blut-Checks. Und die Vorstellung, die Gerinnungsparameter während der Ferien vielleicht noch in einer Fremdsprache diskutieren zu müssen. So kommt es, dass manch einer auf die eigentlich erforderliche Prophylaxe verzichtet. Andere weichen auf Aspirin aus. Das lindert nicht nur Schmerzen, sondern hemmt nebenbei das Verklumpen der Blutplättchen. Allerdings schützt Aspirin weniger als Marcumar. »Bei vielen Patienten reicht das einfach nicht«, warnt Joachim Röther, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. »Wir sind froh, wenn wir endlich Alternativen anbieten können.«