Zartblau und glatt wie Frischhaltefolie. Auf dem Genfer See blitzt die Morgensonne. Hinter dem anderen Ufer ragt der Grammont dunkelgrün in den Himmel, weiter links strahlen die weißen Spitzen der Dents du Midi. Erste Paraglider leisten kreisenden Falken Gesellschaft. In der Ferne schimmern die Dreiecke der Bootssegel. Eine feuchtwarme Brise rauscht sanft durch Pinien und Zypressen, Palmwedel wiegen sich. Sie sehen aus wie frisch gewaschen. Sauber aufgereiht stehen die Belle-Époque-Hotels an der Grand Rue, allen voran das Montreux Palace, ebenso sauber davor geparkt die Bentleys und Aston Martins. Von der Seepromenade, die von Schloss Chillon über neun Kilometer bis nach Vevey führt, könnte man Sushi essen.

Montreux ist ein ruhiger, vornehmer Ort, bevölkert von den Pensionären der unweit ansässigen Pharma- und Lebensmittelkonzerne und von Reichen aus aller Welt, denen das Schweizer Steuerrecht so wohltut wie das subtropische Klima im Schutz der Alpen. Den Altersdurchschnitt würde man auf 65 schätzen, offiziell wird er mit 40 Jahren angegeben. Inoffizielle Stimmen erklären das mit den jungen Liebhabern vermögender Witwen.

Zappa blieb cool: »Es gibt ein Feuer. Warum gehen wir nicht alle raus?«

Aber einmal im Jahr wird es laut in Montreux, und dieser Moment ist nur noch ein paar Stunden entfernt. Schon am Nachmittag erkennt man die Stadt nicht wieder. Auf jeden ihrer 24000 Bürger kommen jetzt zehn Besucher. Sie schieben sich durch die Budengassen rund um die Kongresshalle, vorbei an Ständen mit bunten T-Shirts, Batikkleidern, Sonnenbrillen, Ethnoschmuck. Straßenmusiker stellen ihre kleinen Batterieverstärker auf und klampfen mit selbst gestrickten Songs gegen die Techno-Beats aus den Partyzelten an. Roadies schieben schwitzend Kisten mit Equipment über die Laderampe.

Auf der Straße stauen sich die Autos wegen der vielen Trucks, die darauf warten, Tonnen von Gitarren, Schlagzeugen, Mischpulten, Lautsprechern abzuladen. Bäcker und Optiker dekorieren ihre Schaufenster mit E-Gitarren. In Restaurants werden Teller mit Noten und Klaviaturen hervorgeholt. Hämmer klopfen, Akkuschrauber surren die Ouvertüre für das Montreux Jazz Festival, das renommierteste und schillerndste seiner Art. Zwei Wochen lang wird es swingen, grooven, rocken, nicht nur quer durch die Gärten am Seeufer, auch durch alle Stile und Schulen. Jazz ist hier ein weites Feld: Sting, Liza Minnelli, Paul Simon, B. B. King, Quincy Jones und Bootsy Collins geben sich in diesem Jahr das Mikrofon in die Hand.

Dass es jeden Sommer unter dem Wohlstandsmehltau von Montreux vibriert, das verdankt die Stadt ihrem mittlerweile bekanntesten Sohn. Claude Nobs, 75, geboren im Stadtteil Territet, gelernter Koch, früher Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamtes, heute internationaler Musikstrippenzieher mit dem Nimbus eines Renaissancefürsten. Nobs holte schon Anfang der sechziger Jahre Rockbands in die Stadt. 1967 begründete er das Festival, um dem angestaubten Badeort mehr Zulauf zu verschaffen. Dank guter Kontakte in die USA schaffte er es, die damalige Crème der schwarzen Musik ins Waadtland zu holen.