Festival in MontreuxSchall und Rauch

Vor 40 Jahren machte Deep Purples Song "Smoke On The Water" den Schweizer Badeort Montreux weltbekannt. Bis heute spielt hier jeden Sommer die Musik. von Ralph Geisenhanslüke

Blick von Veytaux auf Montreux am Ufer des Genfersees

Blick von Veytaux auf Montreux am Ufer des Genfer Sees  |  © Switzerland Tourism

Zartblau und glatt wie Frischhaltefolie. Auf dem Genfer See blitzt die Morgensonne. Hinter dem anderen Ufer ragt der Grammont dunkelgrün in den Himmel, weiter links strahlen die weißen Spitzen der Dents du Midi. Erste Paraglider leisten kreisenden Falken Gesellschaft. In der Ferne schimmern die Dreiecke der Bootssegel. Eine feuchtwarme Brise rauscht sanft durch Pinien und Zypressen, Palmwedel wiegen sich. Sie sehen aus wie frisch gewaschen. Sauber aufgereiht stehen die Belle-Époque-Hotels an der Grand Rue, allen voran das Montreux Palace, ebenso sauber davor geparkt die Bentleys und Aston Martins. Von der Seepromenade, die von Schloss Chillon über neun Kilometer bis nach Vevey führt, könnte man Sushi essen.

Montreux ist ein ruhiger, vornehmer Ort, bevölkert von den Pensionären der unweit ansässigen Pharma- und Lebensmittelkonzerne und von Reichen aus aller Welt, denen das Schweizer Steuerrecht so wohltut wie das subtropische Klima im Schutz der Alpen. Den Altersdurchschnitt würde man auf 65 schätzen, offiziell wird er mit 40 Jahren angegeben. Inoffizielle Stimmen erklären das mit den jungen Liebhabern vermögender Witwen.

Anzeige

Zappa blieb cool: »Es gibt ein Feuer. Warum gehen wir nicht alle raus?« 

Aber einmal im Jahr wird es laut in Montreux, und dieser Moment ist nur noch ein paar Stunden entfernt. Schon am Nachmittag erkennt man die Stadt nicht wieder. Auf jeden ihrer 24000 Bürger kommen jetzt zehn Besucher. Sie schieben sich durch die Budengassen rund um die Kongresshalle, vorbei an Ständen mit bunten T-Shirts, Batikkleidern, Sonnenbrillen, Ethnoschmuck. Straßenmusiker stellen ihre kleinen Batterieverstärker auf und klampfen mit selbst gestrickten Songs gegen die Techno-Beats aus den Partyzelten an. Roadies schieben schwitzend Kisten mit Equipment über die Laderampe.

Auf der Straße stauen sich die Autos wegen der vielen Trucks, die darauf warten, Tonnen von Gitarren, Schlagzeugen, Mischpulten, Lautsprechern abzuladen. Bäcker und Optiker dekorieren ihre Schaufenster mit E-Gitarren. In Restaurants werden Teller mit Noten und Klaviaturen hervorgeholt. Hämmer klopfen, Akkuschrauber surren die Ouvertüre für das Montreux Jazz Festival, das renommierteste und schillerndste seiner Art. Zwei Wochen lang wird es swingen, grooven, rocken, nicht nur quer durch die Gärten am Seeufer, auch durch alle Stile und Schulen. Jazz ist hier ein weites Feld: Sting, Liza Minnelli, Paul Simon, B. B. King, Quincy Jones und Bootsy Collins geben sich in diesem Jahr das Mikrofon in die Hand.

Montreux-Festival

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Zürich (Swiss, Air Berlin) oder Genf (easyJet), weiter mit dem Zug nach Montreux

Unterkunft: Tralala Hotel, neu, modern, gepflegt mit musikaffinem Publikum. Rue du Temple 2, 1820 Montreux, Tel. 0041-21/9634973, www.tralalahotel.ch. DZ ab circa 110 Euro

Grand Hotel Suisse Majestic, renovierter Klassiker, Belle Epoque mit Seeblick – im Unterschied zu den anderen Palästen bezahlbar. Avenue des Alpes 45, 1820 Montreux, Tel. 0041-21/9663333, www.suisse-majestic.ch. DZ ab circa 190 Euro

Festival: Das Abschlusskonzert von Deep Purple with Symphonic Orchestra am 16. Juli ist ausverkauft. Verfügbare Karten für andere Konzerte unter www.montreuxjazz.com

Dass es jeden Sommer unter dem Wohlstandsmehltau von Montreux vibriert, das verdankt die Stadt ihrem mittlerweile bekanntesten Sohn. Claude Nobs, 75, geboren im Stadtteil Territet, gelernter Koch, früher Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamtes, heute internationaler Musikstrippenzieher mit dem Nimbus eines Renaissancefürsten. Nobs holte schon Anfang der sechziger Jahre Rockbands in die Stadt. 1967 begründete er das Festival, um dem angestaubten Badeort mehr Zulauf zu verschaffen. Dank guter Kontakte in die USA schaffte er es, die damalige Crème der schwarzen Musik ins Waadtland zu holen.

Leserkommentare
    • hareck
    • 14. Juli 2011 17:39 Uhr
    1. Danke!

    Schöner, interessanter, stimmungsvoller Bericht. Und gut geschrieben!

  1. Deep Purple, wie oben abgebildet in der Mark I Besetzung, waren nicht in Montreux. Es war die klassische Mark II Besetzung:
    Ian Gillan (Gesang), Ritchie Blackmore (Gitarre), Roger Clover (Bass), Jon Lord (Orgel) und Ian Paice (Schlagzeug). "Smoke on the Water" erschien auf der LP "Machine Head" 1972.

    Der Sänger der MkI heißt nicht "Ron-" sondern "Rod" Evans.

    Grüße

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 16. Juli 2011 21:56 Uhr

    ...mussten Besserwisser etwas in die Kasse legen, damit wir ein schönes Fest feiern konnten, zu aller Zufriedenheit. Heutzutage gibt man seine Besserwisserei ungestraft von sich. Miese Zeiten.

    • dacapo
    • 16. Juli 2011 21:57 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/vn

  2. Montreux soll also ein (ehemals angestaubter) Badeort sein? Als Einheimischer habe ich davon allerdings noch nie etwas gehört...

  3. Ein "Jazz"-Festival ist das schon lange nicht mehr. Auch wenn es noch so heißt. Heißt es tatsächlich noch so? Und kein Journalist fragt nach? Wieso!?

  4. Redaktion

    Sehr geehrte/r oedipus,

    unter dem Bild steht nicht, dass es sich um die Besetzung handelt, mit der die Band in Montreux aufgetreten ist.

    Der Name in der Bildunterschrift ist jedoch tatsächlich falsch. Danke für den Hinweis. Wir haben ihn korrigiert.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..rein nichts mit Montreux zu tun, und deshalb gehört er auch nicht hierher!

  5. ...In einem Bunker lagert sein persönliches Archiv der Mitschnitte sämtlicher Festivalkonzerte aus 45 Jahren, digital aufbereitet und gepflegt von seinem Lebenspartner...

    Es wäre sehr wünschenswert diese Mitschnitte nicht zu archivieren, sonderen auch zu veröffentlichen. Denke da insbesondere an die frühen 70-ziger Jahre mit Band´s wie Pink Floyd. Videoaufnahmen hierzu wären etwas ganz besonderes.

    Grüße

    • dacapo
    • 16. Juli 2011 21:56 Uhr

    ...mussten Besserwisser etwas in die Kasse legen, damit wir ein schönes Fest feiern konnten, zu aller Zufriedenheit. Heutzutage gibt man seine Besserwisserei ungestraft von sich. Miese Zeiten.

    Antwort auf " Deep Purple"
    • dacapo
    • 16. Juli 2011 21:57 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/vn

    Antwort auf " Deep Purple"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service