Unwillkürlich schnellt der Blick nach oben, auf das Erscheinungsdatum der Zeitung. Nein, es war nicht der 1. April, sondern der 9. Juli, als die Süddeutsche berichtete: "Preisrätsel: Deutscher Verein ehrt Putin als mustergültigen Staatsmann".

Wladimir Putin? Und dann ein so honoriges Gremium wie die "Werkstatt Deutschland", dem so ehrbare Leute vorsitzen wie Lothar de Maizière und Richard Schröder? Das den Quadriga-Preis seit 2003 an so ehrenwerte Menschen wie Michail Gorbatschow, Schimon Peres, Wolfgang Schäuble und Sylvia von Schweden verliehen hat? Dass sich die Jury mit Guttenberg (2010) ein wenig geirrt hat, war menschlich: Damals war "KT" noch kein Plagiator, sondern Liebling der Nation.

Aber Putin ? Die Werkstatt bemüht ganz ironiefrei Orwell-Sprech in der Begründung: "Im Inneren ... schafft er Stabilität durch das Zusammenspiel von Wohlstand, Wirtschaft und Identität." Wie das realiter aussieht, beschreibt Stanford-Politologe Francis Fukuyama in seinem neuen Buch The Origins of Political Order: Seit Putin sei Russland zu einem "autoritären Regime mit Wahlen" geworden. Es herrsche ein "Schattennetzwerk von Politikern, Offiziellen und Wirtschaftsinteressen, das Wahlen abhält, um seinen Machterhalt zu legitimieren. Das Regime kontrolliert fast alle Medien und erlaubt keine Kritik. Oppositionskandidaten werden eingeschüchtert und disqualifiziert. Die eigenen Leute werden belohnt und protegiert."

Knapper sagt es die Historikerin Christina Eibl in ihrem Überlebensbericht aus dem Herzen Moskaus (2011): "Wer sich nicht unterwirft, wird gnadenlos verfolgt." Auf der Korruptionsskala von Transparency International (2010) liegt Russland ganz unten auf Platz 154; es ist korrupter als die üblichen Verdächtigen in Schwarzafrika; selbst Libyen und Jemen kommen besser weg. Vier Jahre nach Beginn der Putin-Präsidentschaft meldete Freedom House, das jährlich den Zustand der Freiheit auf der Welt misst: "Politische Rechte und Freiheiten sind in Russland so eingeengt worden, dass es von ›teilweise frei‹ auf ›nicht frei‹ herabgestuft wurde." 2011 klang es nicht besser: "In diesem Jahr fiel Russland im Demokratie-Ranking ab." Im März 2012 wird wohl Putin gegen den heutigen Präsidenten Medwedjew antreten. Diese Wahl wird "von einer kleinen Elite, nicht vom Wähler entschieden werden".

Weiter mit Orwell: Mit dem Quadriga-Preis werden "Vorbilder" ausgezeichnet, die "Aufklärung, Engagement und Gemeinschaftswohl verpflichtet" seien. "Vorbild" wäre richtig, wenn man statt "Aufklärung" Mediengleichschaltung setzt, und statt "Gemeinschaftswohl" das Wohlleben der neuen Bojaren. Das sind die Kreml-Getreuen im Big Business und Sicherheitsapparat – die Putinsche Machtelite. "Engagiert" ist Putin tatsächlich: bei der Perfektion dieses Systems. Definieren wir es mit Lenin als "demokratischen Zentralismus" plus Staats- und Oligopolkapitalismus.

Geehrt werden müsste ein anderes Vorbild: der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der sich im Kuratorium "strikt gegen Putin ausgesprochen" hat . Geben wir ihm als Sonderpreis die Mini-Version eines Quadriga-Pferdes auf dem Brandenburger Tor, das sich schnaubend aufbäumt.