Politiker im Netz Depp-der-Woche.de
Durch das Internet verlieren Politiker die Kontrolle über ihr Image. Behalten sie die Kontrolle über die Politik?
Zuletzt hat es Bernd Neumann erwischt. Ausgerechnet bei der » Media Night« der CDU, bei der sich die Partei als moderne Zukunftspartei präsentieren wollte. »Angenommen, das Internet ist voll. Wo sollen die Daten dann zwischengelagert werden?«, fragte eine Reporterin der ARD-Sendung Extra 3 mit Unschuldsmiene den Staatsminister, der Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien ist. »Sie fragen mich jetzt aber auch schwierige Fragen«, entgegnete der 69-Jährige, sichtlich auf dem falschen Fuß erwischt. Wie das genau sei, wisse er nicht. Er sei aber sicher, »dass Google ein Konzept hat«. Fast 10.000 Abrufe allein bei YouTube und tonnenweise Kübel voll Häme waren dem Düpierten sicher.
Dabei hält sich Neumanns Schaden noch in Grenzen. Ob es die Veröffentlichungen von WikiLeaks sind, die geouteten Doktorenplagiate von Karl-Theodor zu Guttenberg, Jorgo Chatzimarkakis, Silvana Koch-Mehrin oder einfach nur der honorige Herr Schäuble, der im Videoclip mit ganz unbürgerlichem Vergnügen seinen Sprecher herunterputzt, nie haben das Internet und seine vielfältigen Plattformen solch greifbare Auswirkungen auf die Politik gehabt. Das verändert nicht nur die Bedingungen, unter denen Politik gemacht wird, sondern auch das Lebensgefühl der Politiker.
Jeder Mensch hat mal einen schwachen Moment, jeder blufft mal, jeder kann aussehen wie der letzte Depp, wenn man ihn nur in diesem Moment sieht. Aber nicht jeder bewegt sich ständig in der Öffentlichkeit, so wie ein Politiker. Dank Internet können solche Momente millionenfach reproduziert werden, unlöschbar und ohne dass sich der Betroffene dagegen gut zur Wehr setzen kann. Das Netz herrscht asymmetrisch, Schwarm gegen Individuum.
»Oettinger talking English worse than Westerwave«
»Die Reichweite für positive Botschaften ist viel kleiner als für negative«, glaubt Thomas Jarzombek (CDU), Mitglied der Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft. Man könne mit dem Internet in Deutschland keine Wahl gewinnen, aber man könne sie inzwischen damit verlieren. »Das Internet reagiert ähnlich wie Boulevardmedien vor allem auf Fehler und Skandale«, sagt der Abgeordnete aus Düsseldorf. Manchmal denkt der 38-Jährige darüber nach, wie es wäre, Kinder zu haben, und ob diese nicht lieber den Nachnamen der Mutter bekommen sollten, damit man sie nicht gleich mit ihm in Verbindung bringen kann.
Wenn man bei YouTube »Politiker« eingibt, kommen automatisch Zusätze wie: »besoffen«, »rastet aus«, »Pannen«, »Versprecher«. Man findet im Netz Oettinger talking English worse than Westerwave, Angela Merkel, die in der Provinz über faule Griechen herzieht, Rainer Brüderle, anscheinend betrunken, bei der IT-Messe und Bernd Neumann. Alles sehr lustig. Bis man selbst mal dran war. Es gebe inzwischen unter vielen Politikern das Gefühl: Morgen kannst du der Depp der Woche sein, sagt Jarzombek.
Die Vorstellung, die den Abgeordneten beunruhigt, ist das, was Netzaktivisten letztlich wollen. Politiker und etablierte Medien sollen sich nicht sicher fühlen, ihre Fehler sollen öffentlich werden.
»Man kann nichts mehr aussitzen«, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert, das sei die größte Veränderung durch die neuen Medien. Auch die klassischen Medien hätten sich auf Fehler gestürzt, aber irgendwann mussten sie sich schon aus Kapazitätsgründen auch wieder anderen Dingen zuwenden. Der Netzschwarm ist weniger berechenbar. Manchmal huscht er schnell wieder weg, manchmal lässt er nicht locker. Seine Kriterien sind schwer einzuordnen.
- Datum 14.07.2011 - 12:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.7.2011 Nr. 29
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Die gesamte Arbeit von Medien-Staatsminister Neumann drückt seine Verachtung gegenüber der Kulturtechnik Internet aus. Der "Hohn" über seine "dasinternetistvoll"-Unsinnsantwort ist nur ein Ausdruck der geradezu verzweifelten Wut, dass ein Staatsminister eine solche Arroganz an den Tag legen kann und es noch nicht mal Rücktrittsfordrungen aus der Opposition gibt.
Manch harsche Reaktion ist eben nur das Ausdruck arg strapazierter Ungeduld gegenüber arglistiger Dummheit.
Und Anonymität als Default ist wichtig.
Jens Best
An dieser Stelle mal ein Lob für diesen sachliche und sehr informativen Artikel. Die autorin kennt sich aus und bringt die Dinge dennoch sehr sachlich (auch für Newbies) auf den Punkt.
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