Publizist Alfred Grosser "Ich ließ mich taufen"

Alfred Grosser, Intellektueller jüdischer Herkunft, über seine Flucht vor den Nationalsozialisten.

ZEITmagazin: Herr Grosser, Sie haben den Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht. Was hat Sie vor der Deportation bewahrt?

Alfred Grosser: Nach der Flucht vor der Wehrmacht im Juni 1940 lebte ich mit meiner Mutter an der Mittelmeerküste. Als 1943 die Deutschen anrückten, kam meine Mutter unter falschem Namen in einem Kinderheim in Cannes unter, und ich machte mich auf den Weg in den Vercors, ein Gebirge bei Grenoble. Ich war 18 und wollte mich dem Widerstand anschließen. Doch ich hatte das Glück, den Mann zu verfehlen, mit dem ich mich treffen sollte.

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ZEITmagazin: Wieso Glück?

Alfred Grosser

86, wurde in Frankfurt am Main geboren. Sein Familie emigrierte 1933 nach Frankreich. Nach dem Krieg studierte Grosser Politikwissenschaften und Germanistik und erhielt einen Lehrstuhl in Paris. Bis heute setzt er sich für die deutsch-französischen Beziehungen ein. Aufsehen erregte seine wiederholte Kritik an der israelischen Regierung. 2011 erschien sein Buch Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz.

Grosser: Fast alle, die im Vercors gekämpft hatten, wurden von den Deutschen getötet. Insofern hat es mir das Leben gerettet, dass ich diesen Mann verpasste. Ein Priester vermittelte mich dann an eine Gemeinde von abtrünnigen Jesuiten. Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe. Ich sagte: Ich bin Jude und total ungläubig! Aber sie bestanden darauf, also ließ ich mich taufen. Der Täufer empfahl mich dann an eine Schule der Maristen-Brüder in Marseille weiter. Dort unterrichtete ich mit gefälschten Papieren bis zur Befreiung 1944.

ZEITmagazin: Wie hat die ständige Angst Sie geprägt?

Grosser: Ich verspürte nie Angst, weil ich mir der Gefahr nicht bewusst war. Ich hätte jeden Tag geschnappt werden können, aber ich habe freudig dahingelebt und unterrichtet.

ZEITmagazin: Sie haben ein stabiles Gemüt.

Grosser: So ist es. Und ich hatte immer Glück. Gleich nach dem Krieg wollte ich meine Mutter wiedersehen, die damals in Monte Carlo war. Ich stieg aufs Rad, doch am Stadtrand von Marseille wurde ich von einem Bus überfahren. Die Leute haben geschrien: »Er ist tot!« Aber ich habe gerufen: »Nein, holt mich da unten raus.« Ich hatte mir nur das Knie verletzt und eine Schulter gebrochen.

ZEITmagazin: Sie haben sich damals als Jude katholisch taufen lassen. Hat Sie das verändert?

Grosser: Ich bin Atheist. Die Taufe spielte überhaupt keine Rolle in meinem Leben. Sie war eine sehr kleine Entscheidung. Eine große Entscheidung war, zu heiraten.

ZEITmagazin: Ihr Vater ist früh gestorben, und Sie hatten ein enges Verhältnis zu Ihrer Mutter, bei der Sie noch bis 1959 wohnten. War es deshalb so schwer zu heiraten?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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Grosser: Nein, nein, ich wusste nur nicht, ob es die richtige Frau war. Sie wollte mich heiraten, aber ich sagte eine Woche vor unserer Verlobung: Nein, vorläufig lieber nicht. Das war hart für sie. Aber es war gut so. Denn nach dieser Woche wusste ich, dass ich sie wirklich heiraten wollte. Jetzt haben wir seit 52 Jahren Honigmond. Wir haben uns nie gezankt.

ZEITmagazin: Obwohl Ihre Frau gläubige Katholikin ist?

Grosser: Ja, sehr gläubig sogar. Sie leistet Diakoniearbeit im Krankenhaus. Aber das hat unserer Ehe nie geschadet. Wir lieben beide dasselbe. Und manchmal denken wir wie eine Seele.

Leser-Kommentare
  1. Auf den ersten Blick habe ich mit Herrn Grosser nicht viel gemein - außer dass ich ebenfalls jüdisch und Atheistin bin.
    Ich bin über seine wunderbare Aussage zum Thema Veränderung gestolpert: "Verändert habe ich mich nicht mehr seit ich neun oder zehn war. Ich habe mich vertieft und erweitert, aber nicht verändert."
    Dem kann ich mich nur anschließen, auch wenn es heutzutage Mode ist zu glauben, Menschen veränderten sich durch 2-tägige Workshops aller Art.
    Auch bei meinem Sohn kann nur feststellen, dass seine Persönlichkeit vom ersten Tag an da war, sich differenziert und ausgeprägt hat, aber nicht verändert.
    Und auch dass einem eine gewisse seelische Stabilität und positive Einstellung leicht als Selbstbezogenheit bzw. Naivität vorgeworfen wird, kenne ich aus eigener Erfahrung... Wobei man sich das ja als Mann eher "leisten" kann. ; )


  2. Ein Priester vermittelte mich dann an eine Gemeinde von abtrünnigen Jesuiten. Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe. Ich sagte: Ich bin Jude und total ungläubig! Aber sie bestanden darauf, also ließ ich mich taufen.

    Was wohl geschehen wäre, hätte Grosser sich geweigert?

    Bemerkenswert, dass ein Mensch, der nicht mit Wasser bespritzt wurde, keine Hilfsbereitschaft von den Jesuiten erwarten kann.

    Andrerseits: So macht man Katholiken!

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    • MeIkor
    • 17.07.2011 um 17:15 Uhr

    1. Die Jesuiten haben geholfen, im Gegensatz zu vielen, die nicht halfen oder denunzierten.
    2. Durch Ihre Hilfe haben sich die Jesuiten in Lebensgefahr gebracht.
    3. Durch die Konvertierung hätten die Jesuiten im schlimmsten Falle Argumentieren können, einem Glaubensbruder geholfen zu haben: eventuell ein Unterschied zwischen Leben und Tod.
    4. Aus dem Sessel heraus ist es einfach, Heldentaten Anderer zu fordern.

    wollten es die Jesuiten auch, damit sie gegebenenfalls nicht hätten lügen müssen.

    • MeIkor
    • 17.07.2011 um 17:15 Uhr

    1. Die Jesuiten haben geholfen, im Gegensatz zu vielen, die nicht halfen oder denunzierten.
    2. Durch Ihre Hilfe haben sich die Jesuiten in Lebensgefahr gebracht.
    3. Durch die Konvertierung hätten die Jesuiten im schlimmsten Falle Argumentieren können, einem Glaubensbruder geholfen zu haben: eventuell ein Unterschied zwischen Leben und Tod.
    4. Aus dem Sessel heraus ist es einfach, Heldentaten Anderer zu fordern.

    wollten es die Jesuiten auch, damit sie gegebenenfalls nicht hätten lügen müssen.

    • MeIkor
    • 17.07.2011 um 17:15 Uhr

    1. Die Jesuiten haben geholfen, im Gegensatz zu vielen, die nicht halfen oder denunzierten.
    2. Durch Ihre Hilfe haben sich die Jesuiten in Lebensgefahr gebracht.
    3. Durch die Konvertierung hätten die Jesuiten im schlimmsten Falle Argumentieren können, einem Glaubensbruder geholfen zu haben: eventuell ein Unterschied zwischen Leben und Tod.
    4. Aus dem Sessel heraus ist es einfach, Heldentaten Anderer zu fordern.

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    1) Stimmt, das Benehmen vieler Christen damals war abscheulich

    2) Stimmt, dafür verdienen sie Anerkennung

    3) Die Art von Ausflucht, die nicht so ganz glaube. Nennen Sie einen einzigen belegten Fall, in dem ein Helfer nicht bestraft wurde, weil er einem (zwangs-)getauften Juden geholfen hat - das würde mich überzeugen.

    Im übrigen: Seit wann darf man sich einfach so taufen lassen, seit wann hat die Taufe keinerlei Relevanz mehr - ist das nicht ein heiliges Sakrament?

    4) Ich fordere gar nichts, schon gar keine Heldentaten.

    Ich bin nur beim Lesen des Interviews über die Zwangstaufe gestolpert

    Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe

    und war deshalb leicht irritiert.

    • MeIkor
    • 18.07.2011 um 0:11 Uhr

    3. "Bemerkenswert, dass ein Mensch, der nicht mit Wasser bespritzt wurde, keine Hilfsbereitschaft von den Jesuiten erwarten kann."
    "Die Art von Ausflucht, die nicht so ganz glaube."
    "Nennen Sie einen einzigen belegten Fall, in dem ein Helfer nicht bestraft wurde,..."
    "Seit wann darf man sich einfach so taufen lassen"
    Ich habe Ihnen einen hehren Beweggrund genannt, weshalb die Jesuiten zu Taufe gedrängt haben könnten. Ob dieser Beweggrund tatsächlich vorlag oder gar vernünftig war, ist gar nicht relevant. Denen, die unter Lebensgefahr geholfen haben, gebührt in erster Linie Respekt und Hochachtung, nicht Ihre diffamierende Unterstellung.
    4. "Ich fordere gar nichts, schon gar keine Heldentaten." Da gebe ich Ihnen Recht: Sie machen nur Mitmenschen schlecht, die unter Einsatz Ihres eigenen Lebens andere Leben gerettet hatten.

    1) Stimmt, das Benehmen vieler Christen damals war abscheulich

    2) Stimmt, dafür verdienen sie Anerkennung

    3) Die Art von Ausflucht, die nicht so ganz glaube. Nennen Sie einen einzigen belegten Fall, in dem ein Helfer nicht bestraft wurde, weil er einem (zwangs-)getauften Juden geholfen hat - das würde mich überzeugen.

    Im übrigen: Seit wann darf man sich einfach so taufen lassen, seit wann hat die Taufe keinerlei Relevanz mehr - ist das nicht ein heiliges Sakrament?

    4) Ich fordere gar nichts, schon gar keine Heldentaten.

    Ich bin nur beim Lesen des Interviews über die Zwangstaufe gestolpert

    Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe

    und war deshalb leicht irritiert.

    • MeIkor
    • 18.07.2011 um 0:11 Uhr

    3. "Bemerkenswert, dass ein Mensch, der nicht mit Wasser bespritzt wurde, keine Hilfsbereitschaft von den Jesuiten erwarten kann."
    "Die Art von Ausflucht, die nicht so ganz glaube."
    "Nennen Sie einen einzigen belegten Fall, in dem ein Helfer nicht bestraft wurde,..."
    "Seit wann darf man sich einfach so taufen lassen"
    Ich habe Ihnen einen hehren Beweggrund genannt, weshalb die Jesuiten zu Taufe gedrängt haben könnten. Ob dieser Beweggrund tatsächlich vorlag oder gar vernünftig war, ist gar nicht relevant. Denen, die unter Lebensgefahr geholfen haben, gebührt in erster Linie Respekt und Hochachtung, nicht Ihre diffamierende Unterstellung.
    4. "Ich fordere gar nichts, schon gar keine Heldentaten." Da gebe ich Ihnen Recht: Sie machen nur Mitmenschen schlecht, die unter Einsatz Ihres eigenen Lebens andere Leben gerettet hatten.

  3. 1) Stimmt, das Benehmen vieler Christen damals war abscheulich

    2) Stimmt, dafür verdienen sie Anerkennung

    3) Die Art von Ausflucht, die nicht so ganz glaube. Nennen Sie einen einzigen belegten Fall, in dem ein Helfer nicht bestraft wurde, weil er einem (zwangs-)getauften Juden geholfen hat - das würde mich überzeugen.

    Im übrigen: Seit wann darf man sich einfach so taufen lassen, seit wann hat die Taufe keinerlei Relevanz mehr - ist das nicht ein heiliges Sakrament?

    4) Ich fordere gar nichts, schon gar keine Heldentaten.

    Ich bin nur beim Lesen des Interviews über die Zwangstaufe gestolpert

    Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe

    und war deshalb leicht irritiert.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Schlimme Situation"
  4. ich schrieb einmal es gibt christliche juden und wurde daraufhin verhöhnt.

    die zeit schreibt von jüdischer herkunft.

    ja was denn nun?

  5. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/wg

    • chamsi
    • 17.07.2011 um 19:11 Uhr

    die immer in allem was sie sagen und tun vollkommen
    glaubhaft sind.
    Ein wunderbarer Mensch.

  6. wollten es die Jesuiten auch, damit sie gegebenenfalls nicht hätten lügen müssen.

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    ins Unglück stürzen, nur damit ich gegebenenfalls nicht lügen muss...?!?!

    Seltsames Argument.

    ins Unglück stürzen, nur damit ich gegebenenfalls nicht lügen muss...?!?!

    Seltsames Argument.

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