ZEITmagazin: Herr Grosser, Sie haben den Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht. Was hat Sie vor der Deportation bewahrt?

Alfred Grosser: Nach der Flucht vor der Wehrmacht im Juni 1940 lebte ich mit meiner Mutter an der Mittelmeerküste. Als 1943 die Deutschen anrückten, kam meine Mutter unter falschem Namen in einem Kinderheim in Cannes unter, und ich machte mich auf den Weg in den Vercors, ein Gebirge bei Grenoble. Ich war 18 und wollte mich dem Widerstand anschließen. Doch ich hatte das Glück, den Mann zu verfehlen, mit dem ich mich treffen sollte.

ZEITmagazin: Wieso Glück?

Grosser: Fast alle, die im Vercors gekämpft hatten, wurden von den Deutschen getötet. Insofern hat es mir das Leben gerettet, dass ich diesen Mann verpasste. Ein Priester vermittelte mich dann an eine Gemeinde von abtrünnigen Jesuiten. Sie wollten mir aber nur helfen, wenn ich mich taufen ließe. Ich sagte: Ich bin Jude und total ungläubig! Aber sie bestanden darauf, also ließ ich mich taufen. Der Täufer empfahl mich dann an eine Schule der Maristen-Brüder in Marseille weiter. Dort unterrichtete ich mit gefälschten Papieren bis zur Befreiung 1944.

ZEITmagazin: Wie hat die ständige Angst Sie geprägt?

Grosser: Ich verspürte nie Angst, weil ich mir der Gefahr nicht bewusst war. Ich hätte jeden Tag geschnappt werden können, aber ich habe freudig dahingelebt und unterrichtet.

ZEITmagazin: Sie haben ein stabiles Gemüt.

Grosser: So ist es. Und ich hatte immer Glück. Gleich nach dem Krieg wollte ich meine Mutter wiedersehen, die damals in Monte Carlo war. Ich stieg aufs Rad, doch am Stadtrand von Marseille wurde ich von einem Bus überfahren. Die Leute haben geschrien: »Er ist tot!« Aber ich habe gerufen: »Nein, holt mich da unten raus.« Ich hatte mir nur das Knie verletzt und eine Schulter gebrochen.

ZEITmagazin: Sie haben sich damals als Jude katholisch taufen lassen. Hat Sie das verändert?

Grosser: Ich bin Atheist. Die Taufe spielte überhaupt keine Rolle in meinem Leben. Sie war eine sehr kleine Entscheidung. Eine große Entscheidung war, zu heiraten.

ZEITmagazin: Ihr Vater ist früh gestorben, und Sie hatten ein enges Verhältnis zu Ihrer Mutter, bei der Sie noch bis 1959 wohnten. War es deshalb so schwer zu heiraten?

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Grosser: Nein, nein, ich wusste nur nicht, ob es die richtige Frau war. Sie wollte mich heiraten, aber ich sagte eine Woche vor unserer Verlobung: Nein, vorläufig lieber nicht. Das war hart für sie. Aber es war gut so. Denn nach dieser Woche wusste ich, dass ich sie wirklich heiraten wollte. Jetzt haben wir seit 52 Jahren Honigmond. Wir haben uns nie gezankt.

ZEITmagazin: Obwohl Ihre Frau gläubige Katholikin ist?

Grosser: Ja, sehr gläubig sogar. Sie leistet Diakoniearbeit im Krankenhaus. Aber das hat unserer Ehe nie geschadet. Wir lieben beide dasselbe. Und manchmal denken wir wie eine Seele.